Das sagt man nicht!

Dieses Video ist zum Totlachen!

Hier mit deutschem Untertitel

Es zeigt einen kurzen Ausschnitt aus der Pressekonferenz Jürgen Klopps (Liverpool FC) vor dem Spiel gegen Newcastle United. Unter der humorigen Oberfläche verbirgt sich eine wichtige Einsicht, eine kongeniale Illustration meiner These des letzten Artikels.

Klopps Englisch ist – für Trainerverhältnisse – herausstechend. Immer wieder nutzt er es, um kleine Jokes einzubauen und nicht selten linguistischer Art. Dabei stößt er zwangsläufig an die kulturellen Grenzen. Auch im dritten Jahr seines Englandaufenthaltes werden die Differenzen deutlich. Sie können im Laufe eines Lebens selbstverständlich minimiert werden, aber sie werden in der Regel nie gänzlich verschwinden. Der erwachsene Deutsche wird kein Engländer werden und umgekehrt. Man wird ihn auch nach 50 Jahren noch als Deutschen erkennen, mag er die Sprache noch so perfekt beherrschen. An Szenen wir dieser:

Klopp berichtet über den Krankenstand seiner Mannschaft. Zwei seiner Spieler leiden an etwas, was die deutsche Sprache schön bildlich als  „Durchfall“ bezeichnet. Der korrekte englische medizinische Begriff lautet „diarrhoea“. Das Wort sieht nicht nur lustig aus, es ist auch vom Schriftbild her kaum phonetisch korrekt umzusetzen. Als Klopp es ganz naiv probiert, geht ein Moment des Entsetzens durch die Reihen der englischen Reporterschar und das, obwohl sie von seiner Art zu sprechen wissen. Diarrhoea – das sagt man nicht, nicht in England zumindest, denn es evoziert das Bild des Körpers, des Unterleibes und das ist tabu – ob aus Distinguiertheit, Anstand, Höflichkeit oder Prüderie darüber streiten wir seit Jahren.

Man fragt auch nicht nach der Toilette oder dem WC, sondern wo man sich die Hände waschen kann oder schon sehr direkt nach dem „lavatory“, dem Waschraum. Alles Intime vermeidet der Engländer, ebenso wie das Aussprechen von persönlichen Befindlichkeiten. Wer die Frage „How are you?“ wörtlich nimmt und vielleicht sogar noch beginnt, von seinen Sorgen zu reden, stellt sein englisches Gegenüber vor unlösbare Probleme.

Aber auch alles Direkte meidet er. Erzählt man ihm etwas und er sagt „that’s interessting“, dann mag das bedeuten – oder auch nicht; es gehört ein Ohr dazu, richtig zu verstehen –, daß ihn das gerade nicht interessiert. Wir machten etwa den Fehler eine verbale Einladung „we have to get together some time“ wörtlich zu nehmen und schockierten unsere Nachbarn mit einem Besuch – den diese aber tapfer lächelnd durchstanden.

Und einmal, in einem B&B, bei einer netten alten Lady in den Cotswolds, wurden wir zum Tee eingeladen und einem gemütlichen Plausch auf der Couch – die arme Frau muß uns für Barbaren gehalten haben, als wir uns – um die Gastfreundschaft nicht zu verletzen – tatsächlich neben sie aufs Kanapee setzten. Indigniert rückte sie ab und wurde förmlich steif, stand aus Höflichkeit die ihr unerträgliche Situation aber durch, wobei ihr ihre Teetasse, die sie mit Untertasse in Brusthöhe hielt, den einzigen Halt gab.

Klopps faux pas ist für jeden geborenen Engländer sofort einsichtig, ganz gleich ob er Eton-Absolvent oder East Londoner, ob er in „Wuthering Heights“ oder in einem Manor House aufgewachsen ist, aber selbst ein deutschstämmiger Oxford-Professor wird noch Schwierigkeiten haben, immer genau zu wissen, was man tut oder sagt und was nicht.

Diese kulturelle Vielfalt macht das Leben lebenswert – sie gilt es zu erhalten. Sie wäre verloren, wenn alle begännen, ein Pidgin-Englisch oder auch nur amerikanisches oder australisches Englisch zu reden.

3 Gedanken zu “Das sagt man nicht!

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Vor der Landung in der Normandie waren zeitweise viele amerikanischen Soldaten in England stationiert, die dann natürlich ihre Dates mit den Töchtern des Landes betrieben. Dabei pflegten sie dann gewöhnlich in die von zu Hause gewohnten banalen Küssereien überzugehen, was die Engländerinnen etwas außer Contenance brachte, weil bei ihnen ein Kuss schon für ziemlich viel galt. Also zogen sich etliche von ihnen danach aus, und nun war es an den Amerikanern, überrascht zu sein. Nach dem Abend trennte man sich dann im neu erworbenen Wissen, dass die Andern aber ganz schön rangehen …

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    • Diese kleine illustrative Untersuchung von Margeret Mead, die seither jedes Lehrbuch der Sozialpsychologie ziert, hätte ich beinahe im Artikel erwähnt, wollte sie dann für später aufheben.

      Man stelle sich nun die Paarungs-Schwierigkeiten zwischen Angehörigen vor, die kulturell deutlich weiter auseinanderliegen? Aber das haben Menschen schon immer irgendwie hinbekommen, da gibt es wohl anthropologische Konstanten. Schwieriger sind gemeinsames Kochen, Landesverteidigung und Heidegger-Lesen.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Topf und Deckel finden schon zusammen, aber das Gericht kann manchmal allzu heiß kochen. Unter allen Klimaten sind allerdings jene Männlein und Weiblein doch sehr selten, denen nach einem bekannten Wort – von Oscar Wilde? – die gesamte Menschheit viel Dank schulde; nämlich dafür, dass sie durch ihre Ehe miteinander zwar zwei, aber doch wenigstens keine vier Menschen unglücklich gemacht haben.

        In Klonovskys Acta Diurna stand vor einiger Zeit eine interessante Überlegung, ich weiß nicht mehr ob von ihm selbst stammend oder ob zitiert. Danach seien sprachlich gemischte Paare besonders resistent gegen Krisen, und zwar vermutlich, weil durch die Schwierigkeiten, die feinen Unterschiede in der fremden Sprache zu verstehen, man in der Beziehung gar nicht bis an die anthropologische Grund-Unverständlichkeit zwischen Mann und Weib vordringe. (Ich überlege gerade, vielleicht lässt sich diese Konstellation auch in ein und derselben Sprache herstellen, indem etwa die Frau nur Ingeborg Bachmann und zur Erholung Ulla Hahn sowie der Mann nur Fachliteratur über Kastenbrückenbau und zur Erholung Sammlermagazine über Spielzeugeisenbahnen liest; dann wäre der gemeinsame Wortschatz wenigstens schon einmal beruhigend klein.)

        Es wird ja heute mit genetischen Argumenten – neunundneunzigkommasoundsoviel Übereinstimmung im Genom zwischen Angehörigen verschiedener Rassen – gerne behauptet, es gebe deshalb eigentlich beim Menschen gar keine Rassen. Doch Mann und Frau unterscheiden sich bekanntlich sogar in einem von 46 Chromosomen; der Unterschied zwischen einem männlichen Schimpansen und einem Mann ist da wohl allemal geringer. Der naheliegenden Folgerung daraus wird man wohl nur Herr mit der – wie heute üblich „moralisch“ gestützten – Behauptung, es könne keine Vorprägung durch die Biologie geben. Einzige Ausnahme, die dazu – gewöhnlich ohne es selbst zu begreifen – konzediert wird, ist dann wohl das Nazi-Gen der Deutschen, welches bekanntermaßen in höchstem Grade sowohl forschungselusiv wie auch diskursintrusiv ist.

        Seidwalk: Ich kenne so einen Fall einer langen Ehe ohne jegliches Verständnis für den anderen. Es funktioniert durch weibliche Submission und List und männliche Dominanz und Lautstärke. Er bekommt sein warmes Essen und zehn Mal am Tag die Bestätigung, wie toll er ist und sie kann ihre weiblichen Triebe des Heimelns, Sammelns und Schön-Machens (von ihm unbemerkt) ausleben.

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