Deutsch im Grundgesetz?

Deutsch ist, wessen Muttersprache Deutsch ist, wer seine wahrsten und tiefsten Gedanken in deutscher Sprache denkt, wer in dieser Sprache liebt. (Karl Jaspers)

Man mag darüber streiten, ob die deutsche Sprache ausdrücklich im Grundgesetz verankert gehört, wie die AfD gerade forderte, oder ob die bisherigen Regelungen genügen. Fakt ist, daß vor einigen Jahren ein gleichlautender Vorstoß der CDU wenig Aufregung erzeugte, während der sachlich und durchaus wohl überlegte Antrag der AfD von allen Fraktionen vehement abgelehnt wurde.

Dabei wurde das Hohe Haus zum Kasperletheater degradiert, in dem man vom Vorsitz unwidersprochen Plattdeutsch und Oberpfälzisch sprechen und andere Witzchen machen durfte.

Die Presse – es langweilt mich zunehmend, diesen Satz immer wieder schreiben zu müssen – die Presse zog genüßlich über die Alternativpartei her und kürte je nach ideologischem Gusto die Redebeiträge von Schwarzen, Grünen, Gelben, Roten und Tiefroten – jeder einzelne auf seine Art unfreiwillig komisch –  als „Zerpflückung“, „Vorführung“, „Belehrung“, „Konter“, „Blamage„ oder „Belustigung“ zum Sieger über die tumben Toren von Rechts. Kein einziger Journalist hat sich die Mühe gemacht, das angesprochene Problem ernst zu nehmen.

Tatsächlich rührt die AfD hier am Grundstein der westlichen Demokratie. Dieser Vorschlag steht in der logischen Konsequenz ihrer politischen Berechtigung. Denn es geht nicht nur um die Sprache, sondern um unser Sein oder Nichtsein, zumindest aber um unser So-oder-nicht-Sosein.

Daß die deutsche Sprache gefährdet ist, ist so evident, daß man sich wundern muß, wenn dies jemand anzweifelt. Das allgemeine Sprachniveau sinkt auf allen Ebenen – das kann man in jeder Zeitung lesen und an jeder Ecke hören – und mittlerweile werden wir fast jede Woche mit einer katastrophischen Studie beglückt, die den Sprachverlust der Jüngsten in mündlicher und schriftlicher Form wissenschaftlich belegt. Die erste Ursache wird dabei regelmäßig und sicher mit Migrationsnachfolgeproblemen ausgemacht.

Besonders besorgniserregend ist der Verlust des Deutschen just an jenem Ort, wo es als Heiligtum behandelt werden sollte, an der Universität. Natürlich muß der moderne Student Englisch beherrschen und er sollte sich zudem befleißigen, weitere Sprachen zu sprechen, wenn er es jedoch zu seiner Erstsprache macht, auch unter Deutschen oder in den Publikationen, dann zeugt das von einer intellektuellen Verlotterung, einer Verweichlichung, denn es wird der Weg des geringsten Widerstandes gegangen: die englische Sprache ist aufgrund ihrer vergleichsweisen Unterkomplexität (sie hat andere Vorteile!) ein Symbol für Denkverweigerung geworden. Sie ist zudem Transportmittel des „American Way of Life“, den zu befürworten niemand gezwungen werden kann.

Doch die Gründe, weshalb die AfD diesen Antrag stellt, dürften tiefer liegen. Es geht weniger um Sprache als um Identität – wer wollen wir sein und sind wir uns selbst gleich (das sind die zwei Bedeutungen von „Identität“)? An der Sprachfrage wird diese fundamentale Frage sich entscheiden.

Wenn wir uns darüber einig sind, daß sich eine moderne Gesellschaft oder eine Nation (ich erspare mir hier die genaue Differenzierung) in einer sich globalisierenden Welt nicht mehr apriorisch über die Verwandtschaft, also „das Blut“, die Hautfarbe, „die Gene“ oder die „Ethnie“ oder gar die religiöse Einheit definieren kann – wer das tut, geht an den objektiven Bedingungen einfach vorbei[1] –, wenn wir uns weiterhin einig sind, daß eine so schwache Begründung wie der „Verfassungspatriotismus“ – schon das Wort ist ein Selbstwiderspruch, weil das patristische Element, also die Herleitung aus der Heimat und von den Vätern her sich kategorial gar nicht mit einem Dokument der freiwilligen Übereinkunft treffen kann und weil Verfassungsübereinkunft nur diskursiv, also sprachlich gewährleistet werden kann – keine wirkliche und haltbare Gemeinschaft begründen kann, dann wird man einsehen müssen, daß eine Gemeinsamkeit nur auf kultureller Basis möglich sein wird.

Eine Nation, eine Gesellschaft und ein Volk ist dann eine Einheit, wenn es die gleichen kulturellen Werte teilt und auf gleichen kulturellen Gründen ruht.

Deutsch oder Französisch oder Russisch ist man in der kulturellen Übereinkunft – und Kultur wird sprachlich tradiert. Entweder unmittelbar sprachlich oder protosprachlich oder metasprachlich. Sprache meint hier nicht nur die Schrift- und Wortsprache, sondern auch die vorsprachliche Potenz, sich mit Hilfe gemeinsamer Codes überhaupt verstehen zu können, und die übersprachlichen Zeichen, Mimik, Gestik, Geschwindigkeiten, Rhythmen, Lautstärken, Bewegungsabläufe, Ordnungssysteme … aber auch die „kulturellen Selbstverständlichkeiten“, das unausgesprochen Erlaubte und Verbotene.

All das muß sich sprachlich manifestieren und muß sprachlich kodiert werden können und zwar in der gemeinsamen Sprache der Mehrheit und das ist in Deutschland Deutsch.

Da Mehrheiten sich jedoch ändern können – derzeit sprechen bereits Millionen Menschen in diesem Land Arabisch, Russisch, Farsi, Tigrinya und vieles mehr und viele von ihnen noch nicht mal ein akzeptables Englisch –, sollte die historische und aktuelle Mehrheit das Recht haben und dies auch in seinen Gesetzestexten verankern dürfen, seine eigene geschichtlich  gewachsene Sprache zu schützen und durchzusetzen. Insbesondere institutionell, wozu die Bildungseinrichtungen ebenso gehören wie die richterliche, gesetzgebende und ausführende und auch die journalistische Gewalt.

Ob es dazu der grundgesetzlichen Verankerung bedarf, mag man diskutieren. Schaden könnte es jedenfalls nicht. Unabhängig davon legt der Antrag der AfD – auch wenn er nur Symbolpolitik ist –  sachlich den Finger in eine offene Wunde, die man früher oder später wird schließen müssen – oder daran zugrunde gehen.

[1] Diese Komponenten werden nur über Sekundärfragen relevant, wenn nämlich erstens Korrelationen nachgewiesen werden können und wenn zweitens der quantitative Effekt die Frage nach dem Primat ganz anders stellt.

Siehe auch: Was ist deutsche Kultur?

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