Lektüren Februar

Februar 2018

Helmut Lethen: Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit. Rowohlt Berlin 2006. 315 Seiten

Lethen setzt damit sein Projekt, die klima-topologische Kartierung der Jahre zwischen den Kriegen, die er in den „Verhaltenslehren“ exemplarisch andachte, fort. Benn hat ihn schon immer fasziniert. Nicht nur dessen klinischer Blick und die damit verbundene Kälte fesseln Lethen – zwischen Bewunderung und Abscheu – sondern auch die Möglichkeit, Einblick in eine gesellschaftliche Komplexität zu geben, für die heutigentags schlicht und einfach die Charaktere fehlen. In Exkurse eingeteilte Kapitel beleuchten die Medizinsphäre, den Krieg, den Kolonialismus, die Emigration, die Erotik, Akademia u.v.m. Die Faszination des Linken am Rechten verleiht dem Experiment eine exzentrische Note – man erfährt über beide. Lethen ist nicht nur ein Einfühlungsmeister, er gibt sich auch selbst preis.

Helmut Lethen: Suche nach dem Handorakel. Ein Bericht. Wallstein Göttingen 2012. 128 Seiten

Diesen Titel sollte man nicht unterschätzen. Gracians „Handorakel“ geistert permanent durch alle Arbeiten Lethens, als Dokument und als geschichtemachenden Text, der eine ganze Reihe maßgeblicher Intellektueller beeindruckt hat. Und wenn jemand schon in seinem Titel die Suche nach einer solchen Anleitung zum Leben eingesteht, dann muß man sich automatisch nach dessen schwachen Seiten fragen. Im Text gesteht Lethen dann seine „Neigung, aus Büchern Verhaltenslehren zu machen, Schriften als imaginäres Repertoire von Bewegungsimpulsen zu begreifen“.

Das sind sympathische Worte für einen, der tief in maoistische Aufbauarbeit verstrickt war und es dann zum Literaturprofessor gebracht hat – es lohnt sich, die Namensliste zu studieren, um unsere geistige Verfassung und die unergründlichen Wege Gottes besser zu verstehen –, von dem man also Härte und Kälte erwarten würde. Doch die diagnostiziert Lethen seither bei anderen und übt sich selbst in Selbsterweichungen. Das ermöglicht ihm, die Paradoxie des politischen Kampfes einzusehen: Die Bekämpfung des Systems stärkt und trainiert das System. Diese schmerzhafte Lehre zieht er just aus einer Bemerkung eines Mannes vom Verfassungsschutz.

Und am Ende des Buches erzählt er uns ein wenig verschämt und stolz zugleich, daß ausgerechnet Carl Schmitt einen seiner vernichtenden Texte mit Wohlwollen und sehr intensiv gelesen hatte.

Es war ein Hase-und-Igel-Spiel: Die Linke (der Hase) glaubte, das Tempo und die Regeln vorzugeben, aber „das System“, also das Seiende, also das Immer-schon-Daseiende, also das Konservative, das Schmitt nur symbolisiert, war immer schon da und hatte alles aufgesaugt, und ausgerechnet der Verfassungsschutzmann als Feindvertreter mußte ihm das bestätigen. Es gab ein bißchen Tumult und Krawall und Chaos und Aufregung … aber die Welt zog weiter ruhig ihre unausrechenbare Bahn. Statt „auf die Geschichtszeit projizierte Erwartungen, die Hoffnung auf Umsturz“, „erschließt sich ein Reich der Erfahrung“ und diese – „die Stunde der Empirie“ – kommt dann zwangsläufig als Überraschung, aus der man nur noch diesen Leitsatz generieren kann: „Prognosen und Ereignisse halten sich in getrennten Sphären auf. Im Strudel des Ereignisses scheint plötzlich alles kontingent.“

Es kommt letztlich zum Schulterschluß: Die Linke muß nach den Rechten schielen und hat am Ende nicht mehr vorzuweisen als ein paar Jahrzehnte politische Hegemonie, die das Leben auch nicht besser gemacht haben. Ich weiß nicht, ob Lethen das wollte, aber mit der Suche nach dem Handorakel hat er selber eines geschrieben: eine strategisch-taktische Anleitung zum politischen Handeln, die man aufmerksam studieren sollte.

Helmut Lethen: Die Staatsräte. Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt . Rowohlt. Berlin 2018. 305 Seiten

Das ist nun der Clou der ganzen Lethenei, darauf läuft alles hinaus. Vor wenigen Tagen erschien dieses letzte Buch aus Lethens Feder – die Vorzeichen sind aber nun ganz andere. Seine Ehefrau ist in den letzten Jahren zum Shootingstar der Neuen Rechten aufgestiegen und das kann man erstens skandalisieren, also verkaufen und zweitens muß sich der Mann selber fragen, wie das denn geht. Er nutzt dafür den historischen Vorwand. Dieses Buch ist daher – durch die halbfiktiven Gespräche der Protagonisten hindurch – ein Brief an den Feind. Das Buch – obwohl es erneut das Lebensthema aufnimmt – schert vollkommen aus. Ob das funktioniert und wie es wirkt, das habe ich an passenderer Stelle ausgiebig besprochen.

Peter Sloterdijk/Hans Jürgen Heinrichs: Die Sonne und der Tod. Dialogische Untersuchungen. Suhrkamp. Frankfurt 2001. 370 Seiten

Nach den Lethalen Exzessen brauchte ich einen Paradigmenwechsel, Sonne vor allem. Weniges eignet sich dafür besser als Sloterdijk im Gespräch. In diesem Band, den ich zum dritten oder vierten Male lese und an dessen Erstbegegnung ich mich noch lebhaft erinnere, zieht Sloterdijk eine Zwischensumme seines Schaffen der mittleren Periode, wenn man so will, die die Arbeiten im Umkreis des „Sphären“-Projektes umfassen: „Sphären I-III“, „Regeln für den Menschenpark“, „Der starke Grund zusammen zu sein“ und das Heidegger-Buch „Nicht gerettet“ umfassen diese Phase, deren äußerster Rand „Im Weltinnenraum des Kapitals“ darstellt – alles letztlich was sich mit dem Problem der Globalisierung im Großen und der Sphärenbildung und Immunologie im Kleinen beschäftigt. Es hilft, zu wissen, worüber gesprochen wird, aber es läßt sich mit ein bißchen Anstrengung sicher auch als Einführung lesen.

Dieter Borchmeyer: Was ist Deutsch. Die Suche einer Nation nach sich selbst. Rowohlt. Berlin 2017. 1055 Seiten

Das Buch habe ich nach 200 Seiten zur Seite gelegt – was bei einem 1000 Seiten-Opus und 40 Euro Investition als Kritik gelesen werden darf. Das Thema Nation boomt – wer ein Herz dafür hat und über entsprechende Bildung verfügt, kann hier wohlfeil Ruhm einfahren. Borchmeyer mangelt eines davon und will mit dem anderen beeindrucken, was zu schwerer substanzloser Informationslastigkeit führt. In der Regel liest man solche Bücher im Schwammmodus, um am Ende festzustellen, daß nichts hängen geblieben ist. Wenn man dann auch noch einen pädagogischen Auftrag auszumachen meint – hier: große Überraschung: deutsche Kultur gibt es nicht, nur europäische in deutschem Sprachkleid –, dann ist die Geduld irgendwann am Ende. Vielleicht dient es ja noch mal als Nachschlagewerk.

Miklós Törkenczy: Ungarische Grammatik. Corvina. Budapest 2008. 196 Seiten

Von Friedrich Engels heißt es, er habe in sechs Wochen Russisch gelernt. Zuerst habe er eine russische Grammatik studiert und danach begonnen, Texte zu lesen, also Vokabular aufzusaugen. Von Beginn an habe er versucht, seine Kenntnisse auch an den Mann zu bringen. Er selbst beschrieb sich als einen, der in „20 Sprachen radebrecht“.

Zwei wichtige Erkenntnisse: Ungarisch ist nicht Russisch und ich bin nicht Friedrich Engels.

Die vorliegende Grammatik versucht einen Spagat zwischen reiner Sprachlehre (wie z.B.: Keszler/Lengyel: Ungarische Grammatik. Hamburg 2008 und Tompa: Kleine Ungarische Grammatik. Budapest 1985 – beide nahezu unzugänglich) und praxisbezogener Grammatik (vorbildlich: Forgács: Ungarische Grammatik. Wien 2007) zu gehen. Vergleicht man die Grammatiken, dann wird schnell deutlich, daß sich die Sprachwissenschaft längst noch nicht einig ist, wie die ungarische Sprache grammatisch zu systematisieren sei. Egal, aus welchem Winkel man sie betrachtet, sie entfaltet eine großartige innere Schönheit und Stringenz, die aufgrund ihres hyperkomplexen Baukastensystems, der Vielfalt der Agglutinierung, den vielen Ausnahmen und dem exotischen Vokabular für ein ausgewachsenes Hirn quasi unerlernbar ist. Wie eine schöne Frau: wird man nie begreifen – aber hingucken lohnt trotzdem.

siehe auch: Lektüren

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Ein Gedanke zu “Lektüren Februar

  1. Oh, das ist ja fast eine „Lethenwerkeexegese“ (mit fast genausovielen e’s wie Fühmanns „ekelerregendes Regenwetter“, und auch noch weit erfreulicher). Inwieweit ist das „Handorakel“ eine politische Anleitung? Wohl doch eher zur Resignation, daß die kleinen Exzesse und Revolutiönchen allesamt vom „System“ eingerechnet sind.

    Seidwalk: Zur „Suche nach dem Handorakel“-Handorakel und zur Umdefinition als Programmschrift möchte ich gern später und an anderem Ort ein paar Gedanken loswerden. Falls nicht, dann irgendwann hier.

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