Das Christophorus-Syndrom

Der Begriff der Globalisierung in seiner aktuellen Verwendung läßt unmißverständlich erkennen, daß wir in einem Prozeß der Abstände-Vernichtung verwickelt sind. Das führt dazu, daß wir durch Dinge, die in großer Ferne geschehen, wie aus nächster Nähe in Mitleidenschaft gezogen werden und daß der real ausgedehnte, trennende, diskrete und emanzipierende Raum zunehmend eliminiert wird. (Peter Sloterdijk)

„Den Kopf in den Sand stecken“ ist ein altes geflügeltes Wort. Es beschrieb den Zustand der Realitätsverweigerung anhand eines dem Strauß irrtümlich zugeschriebenen Verhaltens. Viel häufiger freilich tritt dieses Verhalten beim Menschen auf, gerade Kinder weigern sich oft instinktiv, die drohende Gefahr zu sehen.

bayerische Volkskunst um 1800

Heute hat das Wort ganz andere Dringlichkeit erlangt, denn die mediale Versorgung mit Problemen, Gefahren und Katastrophen stellt uns permanent vor die Frage: Was wollen wir noch wahrnehmen? Was sollen wir noch als unser Problem annehmen? Der Mensch des Mittelalters sah die unmittelbare Gefahr und konnte sich auch nur dieser stellen oder verweigern. Der eskalierende Streit mit dem Nachbarn, vielleicht die sich ankündigende Dürre oder die Nachrichten der Pest, eines anrückenden Heeres, die drohende Armut … In größeren Zeiten und Räumen zu denken, war ihm unmöglich. Die Bedeutung des Erdbebens von Lissabon liegt genau hier: wenn auch für heutige Verhältnisse stark verzögert, so trug ganz Europa zum ersten Mal fremdes Leid auf eigenen Schultern.

Kaspar Prauntz: Das Erdbeben in Lissabon – Katastrophe und Globalisierung in Form von Hochseeschiffen

Heute ist unser Blick weltumspannend – selbst die Erde haben wir von außen gesehen, so häufig, daß der Anblick kaum noch Emotionen hervorruft. Kein Land ist uns mehr fremd, kaum ein Volk und dessen Sitten. Alles kann man wissen und sehen, vor Ort oder als Film. Auch in die Tiefen der Zeiten reicht unser Fernrohr. Wir wissen, was die Ägypter aßen und wie die Römer es trieben, wer will, kann die Geister von Angkor Wat heraufbeschwören oder nach dem Kalender der Maya leben. Der Tsunami wird uns nicht nur live ins Haus gespült, sondern wir selbst haben tausende touristische Opfer zu beklagen. All das läßt sich in einem Wort zusammenfassen: Komplexität, besser: Hyperkomplexität.

Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als mit Komplexitätsreduktion, mit Simplifizierungen zu reagieren. Wo, muß man sich z.B. fragen, beginnt ein Problem ein Problem zu werden? Syrien etwa. Syrien als Problem erreicht uns erneut unmittelbar in Form von Blut-Bildern und hunderttausenden Flüchtlingen und wird uns, nach Familienzuzug noch lange beschäftigen. Dieses Problem wird nun angegangen – wir helfen, nehmen auf, „integrieren“. Aber Syrien bleibt ein hyperkomplexes Problem. Also „müssen wir die Ursachen bekämpfen“. Wir bomben, andere bomben, bomben diejenigen, die seit eh und je bomben, wir versorgen Kriegsparteien mit Kampfmitteln, wir posaunen unsere Meinungen in die Welt … Komplexitätsmaximierung.

Nehmen wir an, Assad ist tatsächlich das Problem – eine schreckliche Vereinfachung. Also muß er weg? Oder hat Assad gewonnen? Aber warum ist er überhaupt da? Wir müssen weiter zurückgehen mit unserem Fragen.

Und genau an dieser Stelle wird die Unmöglichkeit evident – denn wo beginnt das Problem? Beim IS? Dem Kurden-Konflikt? Dem Kriegseintritt Rußlands, der Türkei oder des Westens? Beim Arabischen Frühling? Beim Jom-Kippur-Krieg? Beim Sechs-Tage-Krieg? Also bei der Gründung Israels? Beim Holocaust? Beim Sykes-Picot-Abkommen und den willkürlichen Grenzziehungen?

Oder sollen wir die „Folgen des Kolonialismus“ aufheben? Oder die Industrialisierung des Westens, die Aufklärung … das Christentum? All das und vieles mehr wurde von verschiedenen Parteien als „letzte Ursache“ ausgemacht – die jeweilige Lösung könne nur in der Klärung der darin schlummernden Konflikte liegen.

Die Europäer im Allgemeinen und die Deutschen im Besonderen – ihr wißt, warum – leiden unter einem Christophorus-Syndrom; christliches Erbe. Christophorus, ein mächtiger Riese, trug nach der Legende Reisende über einen Fluß. Eines Tages bat ihn ein junger Knabe um diesen Dienst. Mit jedem Schritt wurde dieser schwerer und schwerer und der Titan drohte jämmerlich zu ertrinken. „Kind, du bist so schwer, als hätte ich die Last der ganzen Welt zu tragen“, stöhnte er. Das „Kind“ war Jesus, der Heiland, der tatsächlich die Last der ganzen Welt in sich trug.

Jämmerlich droht er zu ersaufen – nur sein Glaube rettet ihn. Wer aber ist für die Beinahe-Katastrophe verantwortlich? Christophorus selbst, weil er den Fährmann ersetzt, das Jesus-Kind mit all seiner Last oder gar der ewige Fluß? Verschiedene Sprachen, verschiedene Kulturen geben hier verschiedene Lösungen – die deutsche Antwort ist freilich nicht schwer zu erraten.

Man muß jedoch ein Heiliger sein, um solche Aufgabe bewältigen zu können.

Ein Gedanke zu “Das Christophorus-Syndrom

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Die Menschen sind lernfähig, lernen aber erst, wenn sie den Packen nicht mehr anderen Eseln aufladen können, sondern selbst die einschnürenden Riemen des Geschirrs spüren. Hinzu kommt, dass viele gar keine Vorstellung von den Lasten haben, die man mit einem leichthin gesagten Wort akzeptiert; es gibt keine Untergrenze der Einsichtsfähigkeit und kann infolgedessen auch keine Obergrenze der Illusionierbarkeit geben.

    Erst vor wenigen Tagen erlebte ich wieder so ein Kaffeekränzchen nichts berechnender, sondern alles nach unmittelbarer Empfindung beurteilender und natürlich auch entscheidender angegrünter Vorstadtdamen. Sie konnten natürlich nicht kopfrechnen. Sie sollten wohl ihre Trümpfe ausspielen und Meinungsjournalisten werden.

    ————

    Der verlinkte Spiegel-Artikel (zum Thema Ernährung der Ägypter) enthält einen dicken Fehler:

    „Je nachdem, wie eine Pflanze Photosynthese betreibt, nimmt sie mehr C-13 oder mehr C-12 auf.“

    ¹³C kommt im CO₂ der Luft nur etwa zu 1 % vor. Die Photosynthese der C₃-Pflanzen reichert nun das ¹³C in den Photosyntheseprodukten um relativ (!) etwa 3 % ab (!). Ein Dreckeffekt. Siehe:

    [https://de.wikipedia.org/wiki/C4-Pflanze#Isotopendiskriminierung]

    Eine Pflanze, die sich auf dominante Synthese aus dem raren ¹³C verlegte, müsste nach der ersten genannten Prozentzahl wohl verhungern. „Je nachdem, wie eine Pflanze Photosynthese betreibt, nimmt sie ein bisschen mehr oder weniger C-13 auf“ hätte es getroffen. Die eklatant irreführende Formulierung von oben ist ein journalistisches Armutszeugnis.

    Seidwalk: Und das kommt noch dazu – nicht wissen, worüber man spricht. Noch nicht mal auf die Nachrichten, aus denen wir im Legobauverfahren aus Mitleidbausteinen uns unsere Meinung bauen, je nach Weltanschauung, kann man sich verlassen.

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