Der Chor der Schmeichler

Die letzten unverfälschten Wahlen in der DDR – so wie man sie kannte – fanden am 7. Mai 1989 statt. Es waren die Kommunalwahlen. Im Lande brodelte es merklich, die Wahlen hätten ein Markstein werden können.

Der Chor der Schmeichler © Mosaik von Hannes Hegen

Aber von 12488742 Wahlberechtigten nahmen nur 12335487 teil – das entspricht einer Wahlbeteiligung von 98,77 %. Davon waren 99,91 % gültige Stimmen, was einen – nach neueren Ereignissen – bescheidenen Wahlerfolg von 98,85% ergab.  Die Dissidenz hatte einen Sieg eingefahren. Böse Zungen munkelten was von Wahlbetrug und einige SED-Größen, wie der noch heute bei der Linken gern gesehene Ehrengast Modrow, wurden später von der Siegerjustiz gerichtlich belangt – ohne größeren Image-Schaden genommen zu haben.

Vollverteilung der Stimmen bedeutet meist das Gegenteil dessen, was sie sagen soll. Man will Stärke demonstrieren und zeigt doch nur Schwäche. So etwas hätte man in Moabiter Gefängnisgesprächen noch von Erich Honecker lernen können, der keine drei Jahre nach seiner legendären geschichtsphilosophischen Sottise „Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf“ Häftling im wiedervereinten und voll durchkapitalisierten Deutschland wurde. Eine Musterkarriere.

Seither gewöhnte man sich an bunte Wahlergebnisse … bis die politische Landschaft vor zweieinhalb Jahren selbstherrlich durcheinandergewirbelt wurde.

Nun gibt es sie wieder, die Hundertprozentigen, die die DDR zur Karikatur machen. Schulz volle Kanne und hohe Bundeskanzlerträume – ein dreiviertel Jahr später von der Bühne verschwunden und die Partei an den Rand der gesellschaftlichen Abkömmlichkeit manövriert.

Vorbild war die CDU höchstselbst. Im Mai 2017 brodelte es in ihr wie in einer DDR 2.0 – aber die Mitglieder des Parteitages belohnten die gefährlichste Frau der Welt, die an diesem Tag hätte entmachtet werden müssen, mit elfminütigen spontanen Ovationen, Ovulationen und Ejakulationen.

Wenn die CDU auch ein Jahr später und weiter in die Krise hinein nun erneut 97% und 99%, also DDR heavy, generiert, das heißt sage und schreibe eine oder zwei Gegenstimmen, dann offenbart das den Zustand der innerparteilichen Demokratie. Merkel-Reden werden live übertragen, ihre Floskeln von einem „Chor der Schmeichler“ ausgelegt und umgebogen, Mimik und Gestik werden analysiert. Solange die Gottkanzlerin lächelt, geht es uns gut!

Medial wird mit dem „Rebell“ Jens Spahn eine Ein-Mann-Kritik aufgebaut, aber auch die ist nur Legende: sollte es in dieser Partei eine Opposition geben, dann nur im intriganten Bereich. Auch das „neue Gesicht“ strahlt nur ein Weiterso aus.

Die unendliche Weisheit des Mosaiks von Hannes Hegen wird einmal mehr ersichtlich. „Du göttlicher Mann, du all unser Glück, geh du stets voran und tritt nie zurück!“ – säuselt der Chor der Schmeichler  Kaiser Andronikus II. ins Ohr und Schmuses, der Oberschmeichler, ergänzt: „Unserm Kaiser, das ist fein, fällt immer wieder etwas ein! Heil, heil!“

© Mosaik von Hannes Hegen – links und rechts der Chor der Schmeichler

Huldvoll nimmt der Kaiser es entgegen, ernennt seine Lakaien und belobigt das Publikum.

Wie weit er von der Realität sich entfernt hat, beweisen seine Eingriffe in das klitzekleine Geschehen, das Regieren dalmatinischer Dörfer von Byzanz aus.

Da weigert sich etwa ein Tafel-Chef – dem man schon ansieht, daß er von Tafeln was versteht -, aus der Not heraus, die ganz konkret ist, neue Migranten vorerst nicht weiter zu bedienen, aber Ihro Majestät – wie schon mancher Kommis und kritischer Kritiker – tut Deroselben Meinung kund: „Da sollte man nicht solche Kategorisierungen vornehmen“, „Das ist nicht gut.“ Aber Gott sei Dank weist sie den Weg aus der Misere:

„Deshalb hoffe ich, daß man da auch gute Lösungen findet.“

Darauf läßt sich nur in Schmuses Worten erwidern:

„Immer nur Glück hienieden sei dir, o Herrscherin, beschieden!“

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