Flüchtige Gedanken

Ironie des Gedenkens: Die organisierte Gedenkmonokultur wird, wie alles Eindimensionale, an der Vielfalt, am Pluralismus und an der Kapitalverwurstung zugrunde gehen. Noch funktionieren die Empörungsreflexe, wenn etwa eine deutsche Eisläuferin nach Musik des Hollywood-Blogbusters „Schindlers Liste“ tanzt: daß sie es bereits ohne Hintergedanken tut, bezeugt das baldige Ende.

Das Leben ist die Spannungsgeschichte zwischen dem Kontingenten – der Geburt – und dem Notwendigen – dem Tod. Aus der höchsten Unwahrscheinlichkeit, daß dieses konkrete Wesen zu dieser Zeit an diesem Ort in dieser einzigartigen Verfaßtheit entsteht, wird die absolute Unabwendbarkeit des Todes begründet. Wie kann das Manifeste aus dem Ephemeren, das Feste aus dem Flüssigen und Luftigen entstehen? – diese Frage zu beantworten, macht den Ausschnitt aus dem Nichts allein lebenswert.

Zufall ist das „wann“ der Notwendigkeit.

Totale Überlegenheit kann zur Niederlage führen, wenn sie Unachtsamkeit erzeugt. Der Fußball bietet die Lehrstücke. Trotz 83% Ballbesitz verliert Manchester City gegen Drittligisten Wigan Athletics. „Vom einzigen Fehler im Spiel, schießen sie das einzige Tor“, sagt der Trainer. Aber dieser Fehler wäre ohne die drückende Überlegenheit gar nicht möglich gewesen. Ähnlich: Chelsea-Barcelona, 21.2.2018

Distanzerities als Vorwurf ist eine Selbstimmunisierung gegen notwendige Kritik.

Konservative Intelligenzfeindlichkeit, wie sie in allen Kommentarbereichen des rechten Spektrums immer wieder auftaucht, wohinter sich meist eine Wut über Nicht-Verstehen-Können und eine Faulheit des Nicht-Beschäftigen-Wollens verbirgt, konservative Intelligenzfeindlichkeit ist urlinkes Denken! An seinem Grunde liegt der unbedingte Wille zur Nivellierung und Gleichmacherei, ein erzlinker Haß gegen Exzellenz.

AfD – Paradox: wer die Partei verhindern will, muß die Migration und den Bevölkerungswechsel stoppen! Die Altparteien werden gezwungen werden, das, was sie als Tatsache leugnen, als politisches Faktum anzuerkennen – oder unterzugehen.

Mut und Tapferkeit kennen wir nur noch im Spiegelstadium. Özdemirs hysterische Rede gegen die AfD war eine solche Spiegelei, in der man dem Redner in jeder Geste anmerkte, wie er sich selbst von außen dabei beobachtete, mutig zu sein! Diese Rede, erzählen uns die Bilder, soll man erinnern, wenn demnächst die Faschisten durch unsere Straßen marschieren. Christoph Sydows Assad-Kommentar im „Spiegel“ verdient auch die Tapferkeitsmedaille. Wirkliche Tapferkeit hingegen riskiert sich selbst oder doch wenigstens die Karriere oder immerhin noch die öffentliche Zustimmung … Die Tapferen unserer Tage verstärken nur den Grundton mit lautem Getöse!

Ein exemplarischer Tapferkeitstext stammt vom Spiegel- und Linsenschleifer Spinoza: „Der theologisch-politische Traktat“. Selbst in seiner Anonymisierung liegt noch Mut: Spinoza wußte, daß der Name des Autoren über Wert und Wahrheit der Schrift nichts aussagt und die unvoreingenommene Lektüre sogar verbaut.

Spinoza: An Wunder glauben, ist Abwesenheit von Glauben!

Der Glaube will in doppelter Hinsicht nicht wissen. Wüßte er nämlich, dann bräuchte er nicht mehr glauben. Wüßte er, daß Jesu Gottes Sohn ist, dann bedürfte er des Glaubens nicht mehr. Der Glaube muß das Wissen also fürchten. Aber er will vom Wissen auch nichts wissen, weil er auf einem Ur-Vertrauen beruht, das er sich sichern will. Die religiös motivierte  historische Forschung ist ein Selbstwiderspruch; sie will die real-historischen Grundlagen des Glaubens „beweisen“, zerstört diesen aber, sobald sie Erfolg hat. Sie muß also – in ihren intelligenteren Spielarten – stets einen Rest des Glaubhaften übrig lassen: ein neues, tieferes Mysterium.

Fundamentalismus ist – psychologisch betrachtet – nichts anderes, als die Angst, sich seiner Unfähigkeit zu glauben bewußt zu werden.

Atheismusfreie Zonen fände man in abstürzenden Flugzeugen – ein Bonmot Desmond Tutus, das wohl besagen soll: dann beten sie alle zu Gott. Sinnvoller wäre es, zum Piloten zu beten oder gar zur Technik.

Halbtürke sein ist keine Schande! Ich bin auch einer! Ein Gentest hat ergeben: die Türken und ich, wir haben einen gemeinsamen Vorfahren. In der Gottschalk-Logik: Deshalb tendiere ich zum unrasierten Erscheinungsbild.

Meine Devise zum Problem des Neuen: Was lange währt, währt auch noch länger.

Ursünde des Denkens und Erbsünde: Die Grenzen meiner beschränkten Auffassung zum Kriterium moralischer Urteile zu machen.

Feste feiern – zuletzt haben die verbiesterten Reglementierungen des Karnevals bestätigt, was Arnold Zweig schon vor 90 Jahren dem Westen bescheinigte: „So darf man bitter fragen: Wo sind in Europa wirkliche Feste?“[1] Wirkliche Feste sind an natürliche Rhythmen gebunden. Um sie mit anderen Menschen feiern zu können, müßte man sich erst den natürlichen Rhythmen aussetzen, eine lange Zeit, und die Terminwelt verlassen.

Philosophieren heißt Sterben lernen? Dann stirbt ein Hypochonder unbelehrt.

Heimatlos sein – seit heute weiß ich, wie das ist. „Heimat ist dort, wo das Recht die Freiheit sichert“, sagt Heiko Maas. Also bin ich heimatlos! Und mit mir waren, sind und werden sein, 99,99% aller Menschen – ohne Heimat.

 

[1] Herkunft und Zukunft, Zwei Essays zum Schicksal eines Volkes. Wien 1928

Ein Gedanke zu “Flüchtige Gedanken

  1. Pérégrinateur schreibt:

    • Distanzeritis

    Es kommt ganz darauf an, was man damit meint. Es gibt eine verbreitete Haltung, die jeweilige Landesreligion ja nicht zu kritisieren, da man so diejenigen weniger leicht überzeugen könne, die in ihrem Banne stehen. Das ist politischer Opportunismus, der am Ende doch nichts einbringt, denn ihren Hohepriestern kann man es als Kritiker ohnehin nie recht machen, das Anathema bleibt also gültig, wieviel man auch zurücknimmt.

    Dem gegenüber wird der Vorwurf der Distanzeritis auch erhoben um zu fordern, man solle stets im Gleichschritt mit der Propaganda der eigenen Partei marschieren und sich deshalb auch hinter jeden Dummkopf stellen. Es ist sozusagen das Einfordern der Maxime “Right or wrong – our General Line!” von den eigenen Anhängern. Und dazu dumm. Vielleicht aber zuweilen tauglich auf dem Weg an die Macht.

    • Intelligenzfeindlichkeit

    Die gibt es überall. Viele meiden es, sich fremden Gedanken auszusetzen, weil sie Angst vor dem Verlust der eigenen Überzeugung haben. Entsprechend viel ist die dann auch wert. Fremde Argumente sollte man als das Scheidewasser für die eigenen ansehen. Zumindest sollte man doch verstehen wollen, aus welchen Gründen die anderen ihre Überzeugungen hegen. Im Vorgriff auf den nächsten Punkt: „non ridere, non lugere neque detestari, sed intellegere“.

    Oft steckt dahinter ein seelisches Bedürfnis, das man erkennen und begreifen sollte, auch wenn man selbst nicht gerade seinem mehr oder weniger gewaltlosen Zwang unterliegt. Für die Haltungen zum israelisch-palästinensichen Konflikt zum Beispiel ist das wirkende Motiv meist eine persönlicher Nähe oder eine unreflektierte Sympathie zur einen oder anderen Seite, welche man natürlich am wenigsten diskutieren will. Selbstredend sollte man beim Psychologisieren auch eifrig in den Spiegel schauen, sonst gerät gerade Derartiges sehr leicht zu bloßer Selbstbestätigung, und es zudem auch keinesfalls beim Psychologisieren (der Anderen) belassen. Zum Beispiel hantieren viele sehr gerne mit dem „autoritären Charakter“ und ähnlichen Klischees; aber die tun das natürlich zurecht, denn sie sind ja die Guten und haben folglich eine unfraglich menschheitliche Mission.

    • Spinoza

    Er hat einen Vorhang und ein Fenster aufgemacht, und seitdem ist die intellektuelle Luft in Europa besser. Aus seinem Beispiel wäre auch zu lernen, dass man als rücksichtsloser Wahrheitsfreund besser auf die Nachwelt kommen kann denn als Wiederkäuer der zeitgemäßen Ewigen Wahrheiten. Aber wahrscheinlich geht es den meisten, und zumal in einer so eitelkeitsträchtigen Profession wie der Politik, im Grund nur um die Achtung der Zeitgenossen, die sie nämlich noch zu Lebzeiten ernten und genießen wollen.

    • Atheismusfreie Zonen

    Ich vermute, heute geht jeder Bischof wegen jedes Zipperleins erst einmal zum Arzt, weil er weiß, dass dieser meist helfen kann. Erst in der Ausweglosigkeit wird er dem Großen und Allmächtigen Lückenbüßer nähertreten, weil dann eben, wie man zu sagen pflegt, nur noch beten hilft – so wie es eben immer hilft.

    Wenn ich mich recht erinnere, hielt man Diagoras die vielen Votivtafeln im Poseidontempfel vor, mit denen Seefahrende dem Gott für ihre Rettung aus Seenot dankten. Seine Antwort: „Es würden dort noch viel mehr Tafeln hängen, wenn es dort auch für jeden Ertrunkenen eine gäbe. “

    • Ursünde des Denkens

    „Die Grenzen meiner beschränkten Auffassung zum Kriterium moralischer Urteile zu machen.“ – Zwar in besonderem Maße der moralischen, aber eben nicht nur dieser. Es gibt etliche naturwissenschaftlich Halbgebildete, die fleißig Traktätchen gegen die Relativitätstheorie oder die Quantenmechanik verfassen. Liest man eines, hat man alle gelesen, im Kern steckt immer ein „Das kann doch gar nicht so sein, das kann ich mir gar nicht vorstellen.“

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