Volk ohne Raum

Deniz Yücels gefährliches Spiel mit der Satire ebenso wie das ARD-Auswanderungsepos „Aufbruch ins Ungewisse“ brachte das längst vergessene Schlagwort vom Volk ohne Raum in Erinnerung.

Beide spielen – vermutlich in Unkenntnis der literaturhistorischen Hintergründe – mit dieser kontaminierten Zauberformel. In meiner Zeit als antiquarischer Buchverkäufer konnte ich die elektrisierende Wirkung dieses Wortes immer wieder erfahren. Ihm liegt – lange vor der politischen Instrumentalisierung – ein voluminöser Roman Hans Grimms zugrunde, der mir sofort, mit vorsichtigen Blicken nach links und rechts, aus der Hand gerissen wurde, sobald er vorrätig war – was nicht selten geschah, denn das Buch erlebte enorme Auflagen.

Grimm, der kein NSDAP-Mitglied und dessen Verhältnis zu den Machthabern ein gespaltenes war, wurde 1933 in die Deutsche Akademie für Dichtung delegiert (aus der zeitgleich namhafte Autoren austraten – Heinrich Mann etwa – oder ausgeschlossen wurden – Werfel, Thomas Mann, Ricarda Huch u.a. oder die Aufnahme verweigerten – Ernst Jünger) und 1944 in die Gottbegnadeten-Liste aufgenommen, was seinen Ruf nachhaltig beschädigt hat.

Die 1350 Seiten wirklich gelesen haben wahrscheinlich nur die wenigsten und aus gutem Grund. Das Buch ist nämlich keine Geheimschrift des NS, wofür es offenbar viele halten, und es ist artistisch nicht ganz einfach einzuordnen.

Auch ich habe mit dem Werk gerungen. Prinzipiell gehöre ich zu den Leuten, die ideologisch verbrämten Büchern einen Vertrauensvorschuß gewähren. Mit dieser Positivität wollte ich mich auch dem Grimm nähern, der ja schon durch den Titel seine Ideologielastigkeit kundtut.

Daß sein „Volk ohne Raum“ zum nationalsozialistischen Slogan wurde, dafür kann er unmittelbar nichts, mittelbar aber doch. Nämlich durch seine unendlich vielen und in allen Tonlagen wiederholten Ressentiments gegenüber Engländern, Buren, Juden, den afrikanischen Eingeborenen … eigentlich gegen alles, was nicht deutsch ist. Deutsch sein heißt für ihn – und dafür steht seine durch und durch gute Gestalt des Cornelius Friebott – verläßlich sein, pünktlich sein, ehrlich sein, ordentlich sein, vertrauenswürdig sein, moralisch sein … bis hin zur Naivität, und nichtdeutsch sein ist die Abwesenheit aller dieser Eigenschaften.

Schon daran merkt man, daß Grimms Weltsicht und Psychologie sehr einfach und zweigeteilt ist, ohne Differenzen und Schattierungen. Und wenn man diese Botschaft auf jeder Seite ungeschminkt und in hohem Pathos serviert bekommt, dann nervt das schnell. Sie paßt aber zu seiner zweiten Hauptbotschaft: daß dem deutschen Volk der Raum fehle, um sich seinen Möglichkeiten entsprechend entfalten zu können, und daß das deutsche Volk ein nicht begründungsbedürftiges Recht darauf habe, diesen Raum zu erobern, ganz gleich, wer diesen Raum bisher einnimmt und das um so mehr, als die linken und verweichlichten Engländer sich diesen Raum schon längst erobert haben. Daher auch die Flucht Friebotts nach Südafrika und später nach Deutsch-Südwest. Das ist die Quintessenz des Wälzers – aber ist das genug, um eine Saga von 1350 Seiten zu schreiben?

Grimms Zwei-Welten-Leere

Selbst wenn man diese Frage bejahen wollte, so muß das Buch als mißlungen gelten und zwar aus rein künstlerischer Sicht. Sprachlich ist Grimm hier stark limitiert! Er wählt einen fürchterlich antiquierten Sprachduktus, der auch 1926 schon ans Lächerliche gegrenzt haben muß. Zum Beispiel nutzt er durchgehend die hochtrabend klingenden Dativendungen („zu seinem Sohne“, „Melsenen kann“) – das soll erhaben und ergriffen klingen, wirkt aber lächerlich. Intensive Gefühle werden stereotyp durch imperative, oft dreifache Wiederholungen ausgedrückt („Mit Ernst? Mit Ernst?“), als verfügte Grimm nicht über die sprachliche Varianz. So sprechen auch alle seine Figuren vollkommen undifferenziert: Ob Bergmann, Bauer, Offizier, ob Eingeborener, Bure oder Engländer … sie alle reden im gleichen hochtrabenden, lebensfernen und vollkommen unrealistischen Duktus und gewinnen daher kaum an Lebendigkeit und Individualität, will man nicht in den selten eingestreuten und dann unplaziert wirkenden Dialekt- und Fremdsprachenpassagen eine Individuation sehen.

Die Figuren produzieren Sprechblasen, sie sind alle nur Sinnbild ihrer ideologischen Aufgabe. Ein typisch Grimmiges Beispiel, das das versinnbildlicht, könnte dieses sein: „Was? Deutschland mit seinem Frieden und seiner Fremdenliebe und seinem Fleiß und seiner Ehrlichkeit und seinen vornehmen Führern und seinen Siegen und seinen starken Wachtruppen und seiner ganzen großen, schweren Geschichte? Deutschland nur eben gelitten, Deutschland nur eben geduldet draußen in Gottes eigener Weite?“ … oder dieses: „Was heißt leben, Freund? Es lebt der Sieche und lebt der Dieb und lebt die Hure und lebt das Gewürm, das einander frißt, aber der deutsche Mensch braucht Raum um sich und Sonne über sich und Freiheit in sich, um gut und schön zu werden.“ …

Zudem verliert Grimm zusehends den Erzählfaden – man spürt, daß ihm das Epos über den Kopf wuchs. Sind die ersten beiden Bücher noch durchsichtig konstruiert, so verliert sich Teil drei in abstruse, wenn auch an historischen Ereignissen gehaftete, Abenteuerhistorien, die zur Entwicklung der Geschichte und zur psychologischen Durchleuchtung der Figuren nichts mehr beitragen und Buch vier versandet in theoretischen Abhandlungen über immer wieder das gleiche Thema: die Deutschen brauchen Raum und sind auch diejenigen, die aus jedem Raum endlich etwas machen würden[1]. Zunehmend wirkt das Buch zusammengestückelt, wie ein Novellenband, dessen Geschichten verkittet werden.

Das alles ändert aber nichts daran, daß es wiederum beeindruckende und spannende Passagen gibt, in denen wirkliche Geschichten erzählt werden. Die Hoffnung auf diese kleinen szenischen Diamanten oder kompositorischen Geniestreiche – wie etwa die Einführung des Autors Hans Grimm als handlungstragende Figur – ist es letztlich, die den geduldigen Leser durch lange und öde Wüstenpassagen vorantreibt – ob der Aufwand allerdings lohnt, ob man in der Woche nicht hätte ein wirkliches Meisterepos von Thomas Mann oder Musil oder von mir aus auch Céline oder Jünger lesen können, sei dahingestellt.

[1] Zu diesem Gedanken freilich, ließe sich einiges sagen.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.