AfD, Islam und Konvertiten

Das islamische Wertesystem verinnerlicht man durch Sozialisation, nicht durch Koranlektüre; es besteht, wie das Wertesystem anderer Kulturen auch, aus tausenden von zumeist ungeschriebenen Regeln und Wertvorstellungen, die einer Gesellschaft erst ermöglichen zu funktionieren. Bewußt bejahte politische Ideologien machen nur einen winzigen Bruchteil dieser Systeme aus. (Manfred Kleine-Hartlage)

Ein ehemaliges Vorstandsmitglied der AfD Brandenburg ist zum Islam konvertiert und die Presse kann sich die Häme nicht verkneifen. In einer scheinbar skurrilen Pressekonferenz gibt der Mann, ein Rußlanddeutscher, Auskunft und wird belächelt.

Dabei spricht er einige wesentliche Punkte an, die diskutiert gehören.

  1. Konversion zum Islam

Arthur Wagner, der sich nun Ahmad nennt – das ist der nach koranischer Vorstellung von Jesus angekündigte letzte Prophet (Sure 61.6) –, ist ein Pionier, ein Vorreiter. Die Frage der Konversion steht noch im Schatten der Migrations-. Nachzugs- und Geburtenfrage, aber sie dürfte zunehmend an Bedeutung gewinnen. Je mehr der Islam in Deutschland Fuß faßt, je lauter seine Stimme wird, umso mehr Menschen wird er sukzessive und akzelerierend überzeugen. Irgendwann wird, wenn die Entwicklung nicht gestört wird, auch diese Beschleunigung in einen neuen Zustand umschlagen; dann wird es zuerst en vogue sein, Muslim zu werden, und später wird man sich rechtfertigen müssen, noch keiner zu sein.

Die Motive dafür sind höchst individuell. Es mag Liebe sein – eine Bewegung, die schon recht weitverbreitet ist, allerdings vornehmlich eine Geschlechterrichtung einschlägt. Oder es ist, wie bei Houellebecq, intellektueller und politischer  Opportunismus. Es wird früher oder später finanzielle oder soziale Belohnungssysteme für die Konversion geben. Sehr häufig dürfte auch der Typus Wagner sein: spirituell entwurzelte Menschen; von der Komplexität und Zersplitterung des postmodernen Lebens überfordert, suchen sie nach einem Halt im Sturz ins Kaninchenloch und keine Religion bietet klarere, einfachere und theologisch verständlichere Griffe als der Islam. Er besitzt eine einzigartige formgebende Kraft. Wagner spricht von „Mittel-Life-Krise“, Zusammenbruch und Alkoholabhängigkeit und von diversen Wechseln vom Atheismus zum orthodoxen zum protestantischen Christentum und zwischendrin entdeckte er auch noch die AfD als Sinnquelle.

Die individuellen Möglichkeiten sind unbegrenzt. Schon bringen Presseerzeugnisse wie die „Huff Post“ oder der „Focus“ fast tagtäglich Artikel, die den Konversionsgedanken erleichtern, den Islam als Lebensform attraktiv machen sollen, schon beginnen global players mit Kopftuchfrauen zu werben – mächtige Lobbyisten sind hier offenbar am Werk und sie werden mächtiger werden.

  1. Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland.

Da streiten sich die Geister. Wagner bejaht das nun, während es Kalbitz, sein Landesvorsitzender, und mit ihm wohl das Gros der AfDler verneint.

Hier muß man sich über den Sinn der Äußerung klar werden. Als Christian Wulff diesen Spreng-Satz leichtfertig in die Runde warf, meinte er ihn wohl präskriptiv: Der Islam habe zu Deutschland zu gehören. Aber man kann ihn auch deskriptiv lesen, als einfache Tatsachenbeschreibung. Dann gehörte der Islam genauso zu Deutschland wie der Shintoismus, wie das Baheitum, die Zeugen Jehovas oder Hare Krishna.

Als im 1. Weltkrieg im sogenannten „Halbmondlager“ in Zossen 30000 kriegsgefangene Muslime interniert waren und von dort ein erster vager Islam-Strom in die deutsche Gesellschaft tröpfelte – diverse frühere Einzelschicksale kann man ignorieren –, als die ersten Ahmadiyya nach Deutschland emigrierten und von deren Geld 1924 die erste offizielle Moschee in Deutschland, in Berlin Wilmersdorf, erbaut wurde, da gehörte der Islam als Tatbestand zu Deutschland.

Aber er hat hier weder kulturelle Wurzeln noch hat er einen wesentlichen Beitrag zur deutschen Kultur und Geschichte geleistet, sieht man von der unheiligen Allianz mit Hitler einmal ab.

Nicht seine Existenz ist in Deutschland das Problem, sondern erstens seine Quantität und zweitens seine Qualität, sprich, seine Theologie. Wir hätten auch ein Problem, wenn es zehn Millionen Hare-Krishna-Anhänger im Lande gäbe oder zehn Millionen arabische Christen – auch sie würden die kulturelle/ethnische Identität gefährden, wenn auch im Detail anders. Seine streng selbstimmunisierende, missionarische, apokalyptische und bellistische Grundverfassung, wie auch der spartanische multiple Dualismus (Gläubige/Ungläubige, Mann/Frau, geistlich/weltlich) und sein intellektueller Primitivismus (Ein-Buch-Kultur, Entscheidungsweitergabe an Autoritäten) machen ihn erst zur existentiellen Gefahr – aber nicht an sich, sondern weil er (quasi als Überbau) kulturell und ethnisch vom Fremden (quasi als Basis) getragen wird.

Daraus sollte sich das Recht ergeben, sich gegen eine zu große Dominanz, sowohl im quantitativen, als auch im kulturellen und wertsetzenden Sinne, also den Satz präskriptiv lesend, zu wehren. In allen anderen Interpretationen gehört der Islam zu Deutschland und das gilt es zu akzeptieren.

  1. Die AfD und der Islam.

Wagner möchte Mitglied der AfD bleiben, sein Kreisvorstand möchte ihn gern loswerden. Wagner selbst beruft sich dabei auf den Gedanken der Volkspartei.

Auch wenn die AfD gegen die Islamisierung in Deutschland antritt, gibt es wohl keinen einsichtigen Grund, warum AfD-Mitglieder nicht Muslime sein können sollten. Im Gegenteil, die Partei tut gut daran, ihre nationale, ökonomische und ethische Agenda auch an die Muslime im Land auszurichten. Die Notwendigkeit ergibt sich bereits aus Punkt 1.

Es muß der Fehler vermieden werden, die Islamisierung mit der Muslimisierung gleichzusetzen. Zwar ist die Zahl der Muslime in der Tat ein Indiz für die Islamisierung des Landes, doch beschreibt letztere nichts anderes als die Wertedominanz des Islam als Religion. Auch wenn es im Moment aufgrund der Empirie schwer vorzustellen ist, so ist in der Theorie doch eine muslimische Gesellschaft denkbar, die deutsche nationale und kulturelle Werte vertritt. Der je einzelne Muslim ist nicht per definitionem Träger des kulturellen Islam, also einer arabisch dominierten Kultur. Solange Muslime ihre Religion in absoluter Privatheit leben und keine darüber hinausgehenden Erwartungen an die sie umgebende westliche, christlich-jüdisch-griechisch-lateinisch-nordisch-technisch-progressiv-diskursiv-skeptisch-säkular-offen-wissbegierig geprägte Welt stellen, kann von Islamisierung keine Rede sein. Diese Muslime könnten sich ins Private hin verschließen, würden sich aber auf die Gesellschaft hin öffnen, ohne zwangsläufig daran teilnehmen zu müssen. Sie wären dann sogar ein willkommenes Korrektiv gegenüber Dekadenz- und Unsittlichkeitserscheinungen.

Daß jemand Muslim ist, macht ihn nicht „schuldig“ oder etwa untauglich für irgendeine Partei, selbst für eine anti-islamische.

  1. Islam und Nationalkonservative.

Hier gibt es schon historisch die interessantesten Geschichten. Ich möchte stellvertretend nur an Ludwig Ferdinand Clauß (1892-1974) erinnern, einen phänomenologischen Philosophen, der bei Husserl studiert hatte, mehrere rassentheoretische Bücher veröffentlichte, mit einer jüdischen Frau verheiratet war, 1933 der NSDAP beitrat, an der Achse NS-Islamvertreter mitwirkte, dann Arabien bereiste, Beduine wurde und schließlich zum Islam übertrat – das Leben ist nicht schwarz/weiß. Oder an Goebbels Adjutant Johann von Leers, der später Nassers Ratgeber wurde. Oder, schon prominenter, an die Clauß-Schülerin Sigrid Hunke, die mit ihrem Hauptwerk Allahs Sonne über dem Abendland. Unser arabisches Erbe (1977) nicht nur die kulturelle Erbschuld des Abendlandes nachweisen wollte, sondern sich auch für Verbreitung des Islams und des Arabischen in Europa einsetzte. Wagner, als viel kleineres Licht, steht in dieser Linie.

Islam und Nationalkonservatismus haben partiell gemeinsame Anliegen: sie bekämpfen den Liberalismus, den Werte- und Kulturverfall, sie plädieren für starke Ordnungssysteme und haben eine gewisse Affinität zur (religiösen und weltlichen) Autorität …

Muslime sind vielleicht das letzte Bollwerk gegen „Amerikanisierung, Konsumterror und Liberalismus“ – wäre die Masseneinwanderung nicht dominant muslimisch und wertestreng (antiquiert), gäbe es diesen Widerstand, diese Verweigerung nicht, sofort in die „Kulturindustrie“ einzutauchen, im Gesamtfalschen mitzschwimmen, es könnte nahtlos an 84er-Visionen (im Doppelsinne) anknüpfen.

siehe auch: Der Ramadan als Wehrübung

Ein Gedanke zu “AfD, Islam und Konvertiten

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Gewöhnlich vollziehen sogenannte Suchende solche Konversionen. Pascal meint, ich glaube in seinen Pensées, also nach seiner Vision, die ihn vom Weltmann zum Religiösen machte, es gebe drei Sorten von Menschen: Die nicht gesucht und gefunden haben, die gesucht und gefunden haben und die nie gesucht haben. (Der vierte Fall fehlt. Er war logisch mal besser.) Letzteren gilt natürlich sein Tadel.

    Da solche Konversionen gewöhnlich vom seelischen Bedürfnis getrieben werden, habe ich mir schon oft die Frage gestellt, wie man denn als denkender Mensch (Pascal ist diese Qualifizierung nun sicher nicht abzusprechen) einen Glauben annehmen kann, während man doch weiß, dass es einen danach verlangt, was doch wiederum zur höchsten Skepsis anhalten müsste.

    Eine Mormonin versuchte einmal, im ambulanten Verfahren meinen Großvater zu missionieren. Er erkannte sie wieder und sagte dann zu ihr, sie sei doch schon im Jahr zuvor von Tür zu Tür gezogen, damals aber für die Zeugen Jehovas. „Ja schämen SIe sich denn gar nicht, ihren Glauben zu wechseln wie andere ihr Hemd?“ Etwas heftig ad hominem für meinen Geschmack, aber danach hatte er Ruhe von dieser Seite.

    Ob es wohl bei ihr etwas bewirkt hat? Wahrscheinlich eher nicht. Der jeweilige Glaube hält solche Suchenden gewöhnlich im Gedankenkäfig, so dass sie gar nicht zur Reflexion über sich selbst kommen. Ich habe bisher jedesmal geöffnet, wenn die in neuerer Zeit anscheinend immer zu zweit auftretenden Zeugen Jehovas vor der Tür standen. Immerhin habe ich dabei bemerken können, dass man offenbar von den 6000 Jahren inzwischen ohne Pauken und Trompeten auf Creative Design umgestellt hat. Die Diskussionen sind sonst jedoch ziemlich vergeblich, da die Besucher kaum je Zweifel an sich heranlassen. Nur eine weiße Räbin: Die Wortführerin kam wieder und wieder mit demselben Gottesbeweis in nur anderen bildhaften Worten, den ich jedesmal konterte. Beim letzten Versuch fuhr ihre Begleiterin dazwischen und meinte, „Lassen Sie ihn doch, aus seiner Sicht ist das nicht richtig, das hat er doch schon erklärt.“ Solcher Perspektivenwechsel fällt den Enthusiasmierten gewöhnlich am schwersten.

    Übrigens ist der „Konsumterror“ eine äußerst gelinde Folter. Keiner, der nicht wirklich will, muss ihm nachgeben. Viele werden zwar durch ihr Milieu, die Vormundsmedien, die Werbung usw. geführt, aber das liegt nur an ihnen selbst. „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. …]“ Mir sind auch Bollwerke lieber, die aus fakteninspirierten Gedanken erbaut sind als solche aus Dogmen. Diese sind bei solchen bebliebig austauschbar. Heute hü, morgen hott. Schauen Sie sich doch dazu nur einmal die spinnerten Feministinnen an, die plötzlich mit fliegenden Fahnen Hidschab, Mehrehe und ähnliche Ideologiewidrigkeiten verteidigen. Auch hier nur eine weiße Kölner Räbin.

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