Werther in Ungarn

Wir kommen gerade aus dem Theater. Eigentlich gehe ich nicht mehr. Kann diese dauernde Belehrung, das ewige Moralisieren, gepaart mit Verhunzung einfach nicht mehr ertragen: die Springerstiefel, die Uniformen, die nackten Brüste, dieses Dudududu, das macht man, denkt man, sagt man nicht, das verkappte AfD-Bashing, das wir-sind-bunt-Gelaber … vor allem aber die Erstarrung der schauspielerischen Leistung unter all diesen Vorgaben, die abgelebten Verkörperungen, die Wiederholung gekünstelter Mimik und Gestik und die ideologische Verfremdung oft bewundernswerter Texte.

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Die Neue Rechte ist ein Konstrukt

Viel Lob bekam und viel Kontroverse initiierte Thomas Wagners – bekennender Linker – Buch „Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten“. Mittlerweile hat er es damit auch in fast alle großen Gazetten geschafft. Man goutiert seinen „Mut“, sich in die Höhlen der Löwen gewagt, den Aussätzigen und Gefährlichen zugehört und mit ihnen diskutiert zu haben und fragt sich, ob das nicht borderline sei. Wie einem Extremsportler schaut man ihm fasziniert zu, genießt den Nervenkitzel, weil man weiß, daß man selber nie den Schneid hätte …

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Der Ursprung der Welt

„Sich die nackte Frau als Weltwunder zu wünschen war ein Knabentraum.“ Karl Heinz Bohrer
“You stand on the brink of greatness. The world will open to you like an oyster. No… not like an oyster. The world will open to you like a magnificent vagina.” (Helen Sinclair in “Bullets over Broadway”)[1]

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Die Schöne und das Biest?

Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen, und wär‘ es ein Misthaufen. (deutsches Sprichwort)

In seiner weltliterarisch bedeutsamen Autobiographie erinnert sich der dänische Nationaldichter Hans Christian Andersen an eine seltsame Szene aus seiner Kindheit. Er war gerade drei Jahre alt, als die Stadt Odense auf Fünen in Unruhe geriet. Überall erschienen laute, unruhige, bärtige und dunkelhäutige Männer. Kanonen wurden abgefeuert, auf den Plätzen und Straßen lagen Uniformierte, in Kolding ging das Schloß in Flammen auf …

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Entdeckung der Kollektivseele

Die fünf Jahrzehnte nach dem Verlust Schleswigs und Holsteins 1864 bis hin zum ersten Weltkrieg haben Dänemark derart fundamental verändert wie keine andere Periode seit der letzten Eiszeit. Die „kollektive Seele“ der Dänen läßt sich nur verstehen, wenn man die tektonischen Verschiebungen in Politik, Wirtschaft und Umwelt, aber auch in Kultur und Alltagsleben begreift. Eine ganze Generation von sehr unterschiedlichen und erstrangigen Autoren arbeitete daran, den Veränderungen aus der Retrospektive der 20er und 30er Jahre habhaft zu werden.

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Ist Sterben noch modern?

I’m not planning to die. Ray Kurzweil

Schlägt man ein beliebiges Werk zur Spiel- oder Kulturgeschichte des Schachs auf, so wird man mit großer Wahrscheinlichkeit die Reiskornlegende finden; der Kundige kann sie schon nicht mehr hören, die Erzählung vom klugen Bauer/Wesir/Weisen/Zauberer, der den König/Sultan zu einer Schachpartie überredet/das Schachspiel erfand/einen Krieg damit abwendete und den Herrscher derart damit begeisterte, daß dieser ihm einen hohen Lohn versprach. Der Weise mimt den Bescheidenen und erbittet sich lediglich ein Reis/Weizenkorn auf dem ersten der 64 Felder, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten, acht auf dem vierten und so fort, immer die jeweils doppelte Menge des vorherigen Feldes. Der Machthaber wird anfangs von der Genügsamkeit des Weisen überrascht, muß aber bald feststellen, daß alles Korn der Welt nicht genügte, dem Wunsch nachzukommen, und wird durch dieses kathartische Erlebnis geheilt und ein besserer Mensch.

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