Die Geschichte der Sklaverei

Wer diese Geschichte schreibt, der betritt per se vermintes Gelände, denn er beschreibt die Geschichte des unvorstellbaren Leids, das Menschen Menschen zugefügt haben und noch immer zufügen. Schon aus diesem Grund ist es ideologisch hoch kontaminiertes Gebiet.

Umso mehr, wenn man weiß, daß ein Großteil des Schuld-Narrativs des Westens sich aus der Geschichte der Sklaverei im Besonderen und der des Kolonialismus im Allgemeinen speist. Ohne Begriffe wie „Unterdrückung“, „Ausbeutung“ und Kolonialismus/Postkolonialismus wäre das gängige Weltbild, dessen letzte Blüten die „Willkommenskultur“ und die selbstauferlegte Einwanderung ist – als eine Art Buße –, gar nicht denkbar. Wie oft hört man von Apologeten den Satz: Aber wir haben doch Afrika ausgebeutet und jetzt bekommen wir die Konsequenzen, wenn nicht gar die gerechte Strafe zu spüren.

Egon Flaigs „Weltgeschichte der Sklaverei“ aus dem Jahre 2009 – auch das macht sie unverdächtig – umschifft dieses Dilemma durch knorztrockene Argumente, Zahlen und Beweisführungen ohne ideologische Ausdeutungen. Sie räumt auf mit den meisten Klischees zum Thema, sie sollte auf jeden Lesetisch gehören und sie ist an Bedeutung kaum zu überschätzen.

Dabei forscht Flaig nicht selbst, sondern zieht nur die Summe aus einer weitgefächerten Literatur. Die Daten sind längst da, die Schlußfolgerungen so prägnant wie ungeschminkt zu ziehen, ist Flaigs größtes Verdienst.

Die wesentlichen Aussagen – detailliert auf den satten Inhalt einzugehen, sprengte den Rahmen – dürften in aller Kürze sein:

  1. Alles ist ökonomisch determiniert und in Abhängigkeit der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungen, von den vorgriechischen bis zu den modernen Sklavereigesellschaften. Sklaverei gab es in allen Hochkulturen und zu allen Zeiten.
  2. Nicht der westliche, sondern der islamische Sklavismus war in Quantität und zeitlicher Ausdehnung dominant.
  3. Nicht Rassismus führt zu Versklavung, sondern Versklavung zu Rassismus.
  4. Nicht primär Europäer waren es, die auf Sklavenfang gingen, sondern afrikanische Gesellschaften, meist muslimischer Provenienz, lebten von der Versklavung anderer Afrikaner.
  5. Von den 53 Millionen versklavten Menschen gehen 17 Millionen auf die islamische, 12 Millionen auf die westliche und 24 Millionen auf die innerafrikanische Sklaverei als Abnehmer, Käufer und Sklavenhalter. Hauptversklaver waren afrikanische Gesellschaften und muslimische Sklavenjäger. Letztere haben auch den westlichen Markt bedient.
  6. Es gibt eine Unzahl an Differenzierungen; kaum eine Sklavereigesellschaft gleicht der anderen – es ist schwer, Verallgemeinerungen zu ziehen.
  7. „Die Welt verdankt die Abschaffung der Sklaverei der europäischen Kultur“. „Das ist der tiefste Bruch in der Weltgeschichte. Er ist nicht zuletzt deshalb bedeutsam, weil der politische Wille die ,Gesetze des Weltmarktes‘ durchbrochen hat.“
  8. „Die transantlantische Sklaverei ist bedeutsam, weil sie von Anfang an bekämpft wurde“ – quantitativ sticht sie nicht hervor.
  9. Eine vergleichbare Aufarbeitung im islamischen Kontext hat es nicht gegeben: Scharia und Dschihad behindern dies.
  10. Die islamische Sklaverei ist die zeitlich und quantitativ bei weitem intensivste der Weltgeschichte gewesen. Aus ihr sind keine Sklavenkulturen hervorgegangen, da sie rein intrusiv war und eine dauernde Zufuhr benötigte. Männliche Sklaven wurden in der Regel kastriert, wobei die Mehrheit an diesem Eingriff starb. Eine Sklavenkultur konnte auch aus religiösen Gründen nicht entstehen, da heidnische Praktiken als unislamisch unterdrückt wurden.
  11. „Die islamische Welt ist die erste Gesellschaft in der Weltgeschichte, in der es immer wieder zu gewaltsamen rassischen Konflikten kam.“
  12. Nicht die Aufklärungsphilosophie war der Protagonist der Abolition, sondern vornehmlich protestantische Theologen, letztlich der christliche und biblische Impetus. Christliche Kritik an der Sklaverei läßt sich bis in das Frühchristentum hinein verfolgen. Die philosophische Aufklärung hat sich diesen Diskursen erst spät und zögerlich angeschlossen.
  13. „Einen genuin islamischen Abolitionismus hat es nie gegeben.“ Die wenigen Ansätze dazu benötigten den „Rekurs auf christliche Texte“. „Zu sehr ist der Scharia-Islam auf das Versklaven als ein Ziel des Dschihad ausgerichtet.“
  14. Der islamische Sklavenhandel wurde durch Europa beendet.
  15. Sklaverei hat komplexe psychologische und sozialpsychologische Konsequenzen – auf beiden Seiten.
  16. Die heutige Erinnerungskultur und Forderungen nach Reparationen sind verlogen und widersprüchlich: sie gehen nur in eine Richtung, wagen weder das In-Verantwortung-Nehmen islamischer noch „afrikanischer Eliten und Versklaver-Ethnien“, die für den Großteil des Leids, der Ausbeutung und der Kolonisation schuldig waren.
  17. „Der europäische Kolonialismus unterband weitgehend die gewaltsamen Versklavungsprozesse … Er hat Afrika nach einer 1000-jährigen Geschichte von blutigster Gewalt und Völkermorden die Möglichkeit zu neuen Wegen eröffnet. Freilich unter kolonialer Aufsicht.“
  18. „Die Menschenrechte sind entstanden im Kampf gegen die Sklaverei.“

Wer diese abstrakten Punkte mit Fleisch und Blut gefüllt sehen will, der kann nicht anders, als zu Egon Flaigs dichter und gut lesbarer „Weltgeschichte der Sklaverei“ greifen.

Allerdings ist sie nur für Leute geeignet, die es verkraften, wenn ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Egon Flaig: Weltgeschichte der Sklaverei. München 2011 (2009). 245 Seiten

Siehe auch:  Schwarz und Weiß

Mythos Al Andalus

3 Gedanken zu “Die Geschichte der Sklaverei

  1. Leonore schreibt:

    Ihre Antwort habe ich gerade erst entdeckt – vielen Dank! Und (auch) diese Zeitverzögerung weist auch schon auf den Grund meines nur noch so sporadischen Hereinschauens hin: Es ist (leider?) keineswegs so, wie Sie vermuten („Andererseits ist der Zug jetzt in Fahrt, es gibt genügend Stimmen und es kommen immer mehr hinzu, das Gefühl der Dringlichkeit (des Aufrüttelns) hat etwas nachgelassen – da darf man vielleicht auch wieder an die eigene Zukunftsplanung denken? “ ). Meine Zuversicht bezüglich des derzeitigen Realitätsbewußtseins im Volk ist ein zartes Pflänzchen (oder eine „Taube“, wie die „Hoffnung“ von Erich Fried: „schwach, alt und von Enttäuschungen verwirrt – aber sie fliegt“ (sorry, kann es nicht richtig auswendig und bin – wie jetzt meistens – nicht zu Hause, kann also nicht nachschauen). Nein, mein Wunsch, mein Bedürfnis, mich einzumischen, zu lesen und zu schreiben, auf Parteitage und Demos zu gehen steht qualvollerweise in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu der mir zur Verfügung stehenden freien Zeit… Aber da es in einer Familie eben zu Situationen kommen kann, die das (nicht nur kurzfristige) Einstehen füreinander (tatsächlich) alternativlos machen und auch hierin Wert und Sinn liegt, muß ich mich jetzt beschränken und auf den Einsatz anderer vertrauen.

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  2. Leonore schreibt:

    Vielen Dank für diese Zusammenfassung von Flaigs Buch. (Ich hätte geglaubt, es schon viel länger zu besitzen, aber es ist tatsächlich ja erst 2009 erschienen.)

    Auch erschütternd: diese kurze Zusammenfassung von John Allembillah Azumah’s (im Original mehrstündiger) Einführung in die Realität der islamischen Sklaverei von der Antike bis in die Moderne (Deutsche Untertitel)

    Dem Punkt 14 „Der islamische Sklavenhandel wurde durch Europa beendet“ muß wohl als zu optimistisch bezeichnet werden.

    Dieses Video ist zwar ein paar Jahre alt, aber ich fürchte, daß sich seitdem so gut wie nichts geändert hat (was nur logisch ist – da am Islam nichts verändert werden darf):
    Mauritania: Slavery’s last stronghold

    Auch der Südsudan wurde vor (relativ) kurzem gegründet, um den auf Sklavenjagd gehenden arabisch-muslimischen Reiterhorden (!) aus dem Norden den Zugang zu ihren „Jagdgebieten“, den von christlichen und animistischen Ethnien bewohnten Süden, zu verwehren. Christian Solidarity International hat Tausende von Sklaven aus dem Sudan freigekauft. Im 21. Jahrhundert!

    Siehe auch: Francis Bok, Edward Tivnan: „Flucht aus der Sklaverei. Francis, sieben Jahre, Sklave …“ Bastei Lübbe, 2003

    Seidwalk: Schön, Sie noch bei uns zu wissen. Das Thema Islam scheint es Ihnen noch immer angetan zu haben. Man hat den Eindruck, daß Sie es für das dringendste der vielen drängenden Probleme unserer heutigen Gesellschaft halten. Daß „der Islam“, sollte er denn tatsächlich in kurzer Zeit erstarken – woran in dieser Runde wohl nur wenige zweifeln -, das gesellschaftliche Gefüge neu organisieren wird, steht außer Frage. Aber ob er die Ursache oder doch nur eine Folge darstellt, das scheint mir diskutabel.

    Letztens hatte ich an meine unerfüllten Versprechen erinnert – auch Ihre Ankündigung (selbst wenn das jetzt wohl zwei Jahre her ist), sich noch einmal zur Taqīya zu äußern, ist nicht vergessen.

    Vielen Dank für das Material. Man könnte auch an die jesidischen Frauen erinnern … dennoch dürften wir uns quantitativ auf einem anderen Niveau bewegen, so daß der Punkt 14 „im Prinzip“ stimmen dürfte. Gänzlich auszurotten wird eine Praxis, die die Geschichte der Menschheit von Anbeginn begleitet, wohl nie sein – im Gegenteil: neue Formen der Sklaverei kündigen sich an und es ist nicht garantiert, daß nicht „wir“ die Opfer sein werden.

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    • Leonore schreibt:

      P.S. Ach, sehen Sie – zu dem Gedanken „Aber ob er [der Islam] die Ursache oder doch nur eine Folge darstellt, das scheint mir diskutabel“ hatte ich doch auch noch was sagen wollen:

      Die 1400jährige Geschichte von Eroberungen, an die gerade in den letzten 3 Jahrzehnten mit verstärktem Impetus überall in der Welt angeknüpft wird, spricht eine deutliche Sprache. Daß es heute aber auch andere geben könnte, die das Gewaltaffine seiner (allermeisten) Anhänger zu ihren Zwecken nutzen, daß es Leute gibt, die (wie Präsidentenberater Zbigniew Brzezinski in seinem Buch The grand Chessboard völlig „schmerzfrei“ darlegt) es für moralisch vertretbar halten (oder solche Kriterien für sich nicht akzeptieren?), Unfrieden zwischen Völkern zu stiften, weil man wirtschaftliche Vorteile davon hat, die Bürgerkriege durch Waffenlieferung und „Rebellen“-Ausbildung anstacheln, daß unter Vorwänden Kriege begonnen werden, hinter denen in Wirklichkeit der Erhalt des Dollars als Weltwährung steht, daß Menschen absichtsvoll und in großer Zahl („Migrationswaffe“) in Länder gelenkt werden könnten – das alles hätte man sich (also – ich mir) bis vor relativ wenigen Jahren natürlich nicht träumen lassen. Daß solche Leute auch Europas Unterwerfung unter den Islam oder Destabilisierung durch anhaltende Bürgerkriege (vielleicht mit einem „We came, we saw, they died!“?) begeistert beklatschen könnten, liegt leider auch nicht mehr außerhalb des Denkbaren.

      Jedenfalls kann ich schon den Gedanken nur schwer ertragen, daß fern in der Welt (und jetzt gar in der Nachbarschaft) Menschen der Scharia, ihren nach Gutdünken und Augenschein statt objektiver Beweise und Plausibilitäten urteilenden „Richtern“ und ihren grausamen Strafen unterworfen sind, aber der Gedanke, meine eigenen Töchter und Enkelinnen könnten dem – oder einem solcherart geprägten Menschen – einmal ausgeliefert sein, übersteigt das für mich Erträgliche bei weitem. Deshalb engagiere ich mich und werde es immer weiter tun.

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