Entdeckung der Kollektivseele

Die fünf Jahrzehnte nach dem Verlust Schleswigs und Holsteins 1864 bis hin zum ersten Weltkrieg haben Dänemark derart fundamental verändert wie keine andere Periode seit der letzten Eiszeit. Die „kollektive Seele“ der Dänen läßt sich nur verstehen, wenn man die tektonischen Verschiebungen in Politik, Wirtschaft und Umwelt, aber auch in Kultur und Alltagsleben begreift. Eine ganze Generation von sehr unterschiedlichen und erstrangigen Autoren arbeitete daran, den Veränderungen aus der Retrospektive der 20er und 30er Jahre habhaft zu werden.

Zuvor hatten schon die großen bürgerlichen Klassiker Drachmann, Jacobsen, Wied und Bang versucht, die Zeichen der Zeit zu lesen. Die Blüte der modernen dänischen Literatur beginnt dann mit Pontoppidans Versuch, in seinem groß angelegten Entwicklungs- und Lebensroman „Lykke Per“ (1898–1904) den Übergang in die modernen, kommerzialisierten, säkularisierenden Zeiten zu erfassen; Erbe und Milieu stehen dabei noch im Zentrum der Aufmerksamkeit. Nexø vollendete mit „Pelle Erobreren“ (1906–1910) und „Ditte Menneskebarn“ (1917–1921) durch die Proletarisierung seiner Helden diese Entwicklung soziologisch.

Schon wenige Jahre später findet das Bewußtsein des Untergangs der bürgerlichen Welt und das Gefühl der Entwurzelung in Jacob PaludansJørgen Stein“ (1932) kongenialen Ausdruck und ihre letztendliche Steigerung bei den Autoren der „verlorenen Generation“ Dänemarks, in Tom Kristensens genialem Selbstzerstörerroman „Hærværk“ (1930), Knud Sønderbys „Midt i en jazztid“ (1931),  bei Martin A. Hansen, Hans Scherfig u. a.

Aus dieser Phalanx der literarischen Exklusivität ragen Hans Kirks sogenannte Kollektivromane als Sondererscheinung heraus.

Im nationalen Gedächtnis wird die Niederlage gegen Bismarcks und Wrangels Heere als tiefste, quasi kopernikanische Kränkung empfunden. Doch das Resultat ist paradox. Die nationalstaatliche Schwächung führte zu einer nie da gewesenen Identitätsstärkung. Das einst mächtige und riesige und stolze Königreich Dänemark wurde endgültig zum geopolitischen Zwerg zurückgestutzt, mit nur noch wenigen Millionen Einwohnern. Aber diese fanden einen neuen Zusammenhalt, schotteten sich in verfeinertem Sprach- und Traditionsbewußtsein ab und begannen ihre Besonderheit zu kultivieren, und das umso mehr, je unumgänglicher die internationale Verwindung ins Weltganze Einzug hielt. Transport- und Fernmeldewesen, Straßen, Schienen, Stränge und Brücken entstanden, die schier endlosen Moor- und Heidelandschaften Jütlands wurden urbar gemacht und trocken gelegt; auf ihnen begannen landwirtschaftliche und industrielle Betriebe sich auszubreiten.

Konnte der literarische Nationalheilige Steen Steensen Blicher (1782–1848) noch tagelang durch die Heide streifen, ohne einer Menschenseele zu begegnen, so dürfte es 100 Jahre später kaum noch einen erhöhten Punkt gegeben haben, von dem man kein Gehöft, keine Straße, keinen Schornstein oder die Silhouette einer getünchten Kirche zu sehen bekam. Dänemark entwickelte sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Vor allem die Landwirtschaft  prosperierte, bald war das Land ein Hauptversorger an Fleisch- und Milchprodukten seiner großen und beängstigend starken Nachbarn Deutschland und England geworden.

Noch die deutschen Nationalsozialisten betrachteten das eilig okkupierte Land als Vorratskammer und Nachschubbasis für Heer und Volk, als Land, wo Milch und Honig flossen. Aus zahlreichen kleinen Meiereien, Brauereien und Schlachthöfen erwuchsen bald gigantische Lebensmittel verarbeitende Konzerne, die auch heute noch ganz Europa beliefern. Aber auch große Reedereien, Werften, Schwerindustrie entstand, die wenigen Bodenschätze, die das karge Land bot, wurden gnadenlos ausgebeutet. Bisher kannte man nur Bauern aller Art, Handwerker und Dienstpersonal, nun kam ein furchterregendes Proletariat hinzu. Die großen Städte Kopenhagen, Århus, Odense und Ålborg veränderten radikal ihr Gesicht. Das politische System wurde erschüttert, linke politische Parteien entstanden, Gewerkschaften boten den Unternehmern plötzlich die Stirn, die Kirchen verloren an Einfluß, die Frauen, die überhaupt erst 1857 als mündig erklärt worden waren, begannen aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Waren sich Stadt und Land lange Zeit vollkommen fremd und hatten kaum direkte Beziehungspunkte, so entstand nach und nach ein tief gefühltes Einheits- und Gleichheitsempfinden, das die Mentalitätsvoraussetzung für den einzigartigen skandina­vischen Wohlfahrtsstaat wurde. Gleichzeitig differenzierte sich Dänemark sozial immer stärker …

Über all das kann man gelehrte Bücher lesen, aber man findet auch fast alles bei Hans Kirk, vom nahezu entrechteten Dienstmädchen und Knecht bis zum Großbauern und Industriellen. Im Nachhinein werden Kirks Kollektivromane „Fiskerne“, „Daglejerne“, „De ny tider“ und „Borgmesteren går af“ als ambitiöser Versuch einer enzyklopädischen Darstellung der sozialen Vielfalt der dänischen Gesellschaft in den entscheidenden Jahren des Wandels sichtbar, bis ins kleinste Detail. Auch die neuere Schicht der Ingenieure fehlt nicht, nicht der Mittelstand, die Kaufleute, die Bürokratie, der juristische Bereich, der Finanzsektor, die Auswanderer, der Kampf der Kirchen um die Überlebensberechtigung, jener der Frauen um die Gleichberechtigung, die Schulen und Universitäten, das gefürchtete und zugleich so wichtige Armenwesen (wer einmal Hilfe in Anspruch nahm, verlor zeitlebens wichtige bürgerliche Rechte), die bedeutende Konsum- und Anteilsbewegung usw.

Im Zentrum aber stehen die Kleinbauern, die Tagelöhner, aus denen sich das kommende Proletariat rekrutiert. Mit ihm ändert sich das politische System des Landes. Solange es noch keine geheime Wahl gab, errang die Højre, die Rechte, zwangsläufig überwältigende Wahlsiege, denn es mußte etwa mit Arbeitsverlust rechnen, wer nicht dem Gusto des Großbauern folgte. Die selbstbewußt werdende Bauern- und später Arbeiterschaft ließ die Venstre, die liberale Linke, und die Sozialdemokratie entstehen und sie wurden bald – und sind noch immer – ein mächtiger politischer Faktor.

Mit diesem universalen Ansatz übertrifft Kirk alles, was die dänische, ja skandinavische  Literatur zu bieten hat, mag er auch an psychologischer Subtilität und mystischer Tiefe von Hamsun,  Pontoppidan, Jensen oder Paludan überboten worden sein. Seine Kollektivromane, die natürlich Vorbilder und Vorreiter haben, überragen ob ihrer kritischen Draufsicht Skjoldbergs heimelnde Bauernwelten, sie meiden Aldous Huxleys Intellektualismus aus „Point Counterpoint“ ebenso wie Zolas Negativismus im Roman „La Terre“ oder Reymonts ausgewalzte Erdanbetung und Vergötterung des arbeitenden Volkes in den „Chłopi“ – aber das sind die Referenzwerke der Weltliteratur und die Nobelpreisträger, an denen man sich bei Kirk orientieren sollte.

Hans Kirk wurde am 11. Januar 1898 geboren.

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