Zum letzten Mal: Hussain

Vielleicht werde ich Hussain nie wieder sehen. Man müßte schon eine große Anstrengung unternehmen, um die Distanz bis nach Köln – eine Stadt und eine Gegend, die sich mir nie herzlich erschlossen hat – zu überbrücken. Dort in die Nähe wird er in wenigen Tagen ziehen, zu seiner Verlobten, um ein neues Kapitel seines Lebens zu öffnen, eines, das mit Ehe und absehbarer Familie wie eine Einbahnstraße wirkt, die ein junger syrischer Mann nach den Gesetzen der Natur und der Tradition irgendwann einschlagen muß. Plauen wird dann Geschichte sein – der erste Ort seiner Ankunft und ich weiß nicht, ob er es in guter Erinnerung behalten wird.

Ich besuche ihn noch ein letztes Mal, wenige Stunden vor seiner Abreise. Nichts deutet auf den Umzug hin. Alles, was er besitzt, paßt in einen Koffer. Das war auch mal mein Ideal, alle Habseligkeiten in eine Tasche packen und weiterziehen.

Mir scheint, er blickt recht emotionslos und pragmatisch auf seine Zeit im Vogtland zurück. Selten hat er die Stadt verlassen, wahrscheinlich ist er nur zwei Mal ins umliegende Grün gelangt – beide Male mit mir. (Das ist etwas, was mich besonders bedrückt: Noch nie habe ich einen Migranten in der Natur gesehen, eine Blume, einen Schmetterling, einen Vogel bewundernd; sie scheinen keinen Bezug dazu zu haben – was würde nach dem „Austausch“ aus unseren Wäldern werden …?)

Plauen dürfte für ihn als die Zeit des Wartens in Erinnerung bleiben. Zwar hat er hier zwei Sprachkurse abgelegt, aber alle Prozesse verliefen dick und zäh wie Melasse. Auf jeden Bescheid muß man ewig warten, überall wird man ab- oder an andere Behörden verwiesen. Ein endloses Ringen mit Bürokratie – und dazu allenthalben mürrische Gesichter. Seit ein paar Monaten hat er die offizielle Übersetzung seines Abiturzeugnisses. Ich darf es studieren. Volle Punktzahl in Chemie, Physik und Mathe – keine schlechten Voraussetzungen für ein Medizinstudium. In Arabisch fehlen ihm 30 von 600 Punkten, da macht er sich Sorgen, ob das ein Problem sein könnte. Ich verneine und sage: „Besser wäre es vielleicht gewesen, wenn du in Religion nicht so gut abgeschnitten hättest.“ Er versteht den Witz – wir lachen. „Und in ,Politischer Bildung‘, das ist doch Assad-Kunde, nicht wahr?“ – wir lachen gleich noch mal. In beiden Fächern hat er fast 100%. Diese Noten bedeuten nichts, sagt er; man mußte nur so tun als ob …, ich selbst hatte in „Staatsbürgerkunde“ auch stets brilliert.

Jetzt wartet er auf seine beglaubigten Studienzeugnisse. Ein Brief aus Zwickau informiert ihn darüber, daß die Bearbeitungszeit wegen hoher Nachfrage mindestens ein Jahr dauert und er vor April 2018 mit keinem Bescheid zu rechnen hat. Man empfiehlt ihm auch, die Sache besser in Nordrhein-Westphalen zu probieren.

Dann erzählt er noch von einigen Erlebnissen beim Arzt. Er litt an Grippe und konnte kaum aufrecht stehen. Auf Arbeit sagte man ihm: Solange du stehen kannst, kannst du auch arbeiten. Jemand empfahl ihm einen Arzt, der Freistellungen nach Wunsch ausstelle. Da ging er hin und wurde mit: „Schnell, schnell, ich habe keine Zeit!“ empfangen. Hussain, perplex, sprach von „heute“ und hatte wenig später die Freistellung – für diesen einen Tag – in der Hand. Eine Lehrstunde. Auch bei einem Chirurgen war er, weil seine Schußwunde ihn des Nachts mitunter quält. Dort ähnliches Erlebnis: der Arzt schaute auf die Narbe und sagte: „Sei froh, daß du noch lebst“ und verschwand im nächsten Zimmer. Ja, Deutschland ist kein Paradies, erkläre ich ihm und berichte von Burn Out und Ausfallraten bei Lehrern, Polizisten … und Ärzten, und von Ressentiments und Ängsten.

Er war nicht müßig gewesen in den letzten Monaten und hat sich bereits Zukunftsschneisen geschlagen. Drei Monate stand er in einem Gemüsestand hinter dem Tresen, hat geschnippelt und verkauft. Dafür hat er 790 Euro im Monat bekommen, mußte aber alle Nebenkosten selber bezahlen. Am Ende stand er mit weniger Geld in der Hand da als mit Hartz IV.

In zwei Wochen beginnt er schon mit einer neuen Arbeit. Stolz zeigt er mir den Arbeitsvertrag. Ein größerer holzverarbeitender Betrieb hat ihn zur „Maschinenbedienung“ eingestellt. „Du wirst vermutlich an einer Säge stehen oder den Knopf einer Presse drücken“, sage ich zu ihm. Dafür gibt es – Westen eben – 1700 Euro brutto. Hier kann mancher Facharbeiter davon nur träumen. Natürlich werden auch die Lebenskosten höher sein, die Miete vor allem.

Für die ersten Monate ist freilich vorgesorgt. Seine Verlobte lebt mit ihrem Vater in einem kleinen Haus – dort zieht er ein. Für Deutsche eine gruselige Vorstellung: mehrere Monate eng auf eng mit dem Schwiegervater, mit dem man kaum etwas gemeinsam hat – ein einfacher Mann, der in seiner angestammten Welt lebt und nur entwurzelt ist. Hussain will die Luft anhalten, ja sagen und gehorchen, wie die Tradition es verlangt. Zwei Zimmer haben sie; bis zur Hochzeit muß er sich eines mit dem Schwiegervater teilen und wird mit dem Mädchen nicht allein sein können. Zuerst wollen sie in der Moschee heiraten und Anfang nächsten Jahres, wenn sie volljährig wird, im Standesamt – erst dann wird er sie erkennen dürfen.

Ein paar Mal hatte er sich schon mit dem Mann getroffen. Die Formalitäten wurden ausgehandelt. Es geht dabei um Geld. Der Bräutigam muß der Braut Sicherheiten bieten. Bei Khaled waren es zwei Mal 1500 Euro, Brautgeld und Scheidungsgeld. Wie lang könnte die Frau davon nach Trennungs- oder Todesfall tatsächlich leben? Hussains künftiger Schwiegervater will deutlich mehr als das, muß sich aber mit den Realitäten abfinden. Am Ende einigen sie sich auf 2000. Dafür muß der Bräutigam Schulden aufnehmen.

Das Absurde daran: Das Mädchen vertraut ihm, sie lieben sich, sie will eigentlich gar kein Geld, aber die Traditionen verlangen es. Ich schlage ihm folgenden Trick vor: „Du borgst dir 2000, gibst sie dem Schwiegervater, der gibt sie der Tochter, die gibt sie dir und du gibst sie an die Gläubiger zurück.“ Ein schönes virtuelles Nullsummenspiel, das doch alle befriedigen müßte.

Und wie wird es im Großen und Ganzen weitergehen? Er ist noch immer fest entschlossen Medizin zu studieren. Um sich bewerben zu können, fehlen ihm noch der C2-Sprachkurs und die beglaubigten Studienunterlagen. Er wird in Köln auf die Suche nach einem Kurs gehen müssen, dann seine Arbeit aber beenden. Der Kurs umfaßt bis zu 400 Stunden und benötigt 10 Wochen im Intensivkurs, kann sich aber auch über ein Jahr hinziehen. Den muß er finden, absolvieren, bestehen. Nimmt man die bisherigen Abläufe als Maßstab, so dürfte das mindestens ein, wenn nicht zwei Jahre in Anspruch nehmen. Inzwischen ist es nicht unwahrscheinlich, daß Kinder geboren werden. „Familie ist wie ein Sumpf“, sage ich ihm. „Wenn du nicht aufpaßt, kannst du darin versinken.“ Andererseits wird es ihm guttun, endlich einen liebenden und unterstützenden Menschen an der Seite zu haben.

Vielleicht wird es ihm gelingen, einen Studienplatz zu ergattern, wahrscheinlicher ist aber, daß er sich mehrfach bewerben und, um seinen Willen zu demonstrieren und Erfahrungen zu sammeln, Praktika ablegen muß. Dann folgen sechs bis sieben Jahre Studium. Vielleicht wird ihm, wie Khaled, ein Bäuchlein wachsen. Wenn alles gut geht, kann er sich mit 30, Mitte der 20er Jahre des Jahrhunderts, Arzt nennen. Im Moment träumt er davon, dann nach Syrien zurück zu gehen – aber niemand kann wissen, was dann sein, ob es ein Syrien überhaupt noch geben wird.

Um ehrlich zu sein: Die Zeiten sind nicht nach langfristigen Plänen.

PS: Ich fragte Hussain – wie bisher immer – ob ich das Gespräch aufschreiben dürfe. Und wie immer zuckt er mit den Schultern: na klar! Schon in der Tür, zupft er doch noch mal an der Jacke: das mit dem Schwiegervater, das sollte nicht so deutlich sein. Das ist halt so, man kann es nicht ändern. Die jungen Leute glauben nicht mehr an diese Regeln und Traditionen, aber die Autorität der Alten ist noch zu stark. Ich verspreche ihm, den Text zuvor lesen zu können …

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