Die Kuh

In Indien saßen ein Weiser und ein Erleuchteter seit Jahren nebeneinander und taten nichts anderes, als zu sitzen und zu denken und zu sinnen. Sie saßen jeder in einem großen Ring aus grauer Asche, denn über Asche gehen keine Ameisen, die auch dem tief Versunkenen eine Plage werden können. An den Rändern des Kreises brannten bunte Duftstäbchen, das lästige Getier zu vertreiben und als Zeichen der Bewunderung. Von den Bewohnern des nahen Dorfes wurden sie entzündet und jeden Tag erneuert.

In Indien nämlich, da verehrt man solche Asketen, Männer, die nichts tun außer denken, sinnen und beten. Wer einem solchen Gottbegnadeten zu essen und zu trinken reicht, darf selbst auf eine glückliche Zukunft hoffen.

Die Menschen kamen, verbeugten sich vor den beiden, legten still ihre Speisen ab und waren hell beglückt, wenn ihnen einer der Männer durch ein kurzes Nicken oder einen Wimpernschlag ein Zeichen des Dankes gab. Das jedoch geschah nur selten, denn in ihrer Versunkenheit bemerkten die beiden abgemagerten Alten die Leute kaum. Nur des Nachts, wenn niemand es sah, erhoben sie sich und nahmen ein paar Bissen der Früchte und Nüsse. Wer dabei der Erleuchtete war, das wußten die Bewohner des Dorfes und auch die vielen Pilger aus dem ganzen Lande nicht und so warf man sich vor beiden in den Staub, so wurden beide zu gleichen Teilen versorgt.

Eines Tages kam eine Kuh des Wegs. Die beiden Heiligen bewegten sich nicht, also blieb das Tier vor ihnen stehen, schaute sie bedächtig an und fraß von den ausgelegten Früchten. Nachdem es gesättigt war, sank es in die Knie und legte sich den Gesegneten wiederkäuend zu Füßen.

Da lag sie nun und glotzte die beiden mit ihren großen Augen aus feuchten Wimpern an. Um Rumpf und  Kopf schwirrten die Mücken, in ihre Nase flogen die Bremsen und sogar in die Augenwinkel krochen die zudringlichen Aasfliegen. Selten nur und träge schüttelte die Kuh das schwere Haupt, wackelte mit den Ohren, ließ den Schwanz die Flanken bestreichen. Dann gaffte sie wieder.

Nach einer Weile öffneten die tief Versunkenen die schweren Lider und sahen die Kuh mit verschleiertem Blick lange an. Aug in Aug schauten sich die heiligen Männer und das heilige Tier.

Da dachte der eine: „Hier liegt sie, die Unantastbare, die unser Volk seit Urzeiten verehrt. Heilig ist sie auch mir. Man nennt sie die Reine. Eine große Ehre ist es, sie vor mir zu sehen. Und doch wird sie vom Geziefer geplagt. Ist sie nicht, im Grunde genommen, das dümmste aller Tiere, sich wehrlos den Plagegeistern auszuliefern?“

Da dachte der andere: „Hier liegt sie, die Unantastbare, die unser Volk seit Urzeiten verehrt. Heilig ist sie mir nicht. Keine Ehre ist es, sie vor mir zu sehen, aber eine Freude. Und doch wird sie vom Geziefer geplagt. Ist sie nicht, im Grunde genommen, das klügste aller Tiere, sich wehrlos den Plagegeistern auszuliefern?“

Da erhob sich die Kuh, verbeugte sich vor einem der beiden und ging gemächlich ihres Weges.

Das Volk aber wußte nun. Die Kuh hatte gewählt. Freudig begannen sie um den Kreis des Einen zu tanzen. Den anderen aber vertrieben sie mit Hohn und Spott.

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