Moderne Schauprozesse

Dieselbe Zeitgeistgemeinde, die in Verzückung gerät, sobald von kultureller Vielfalt die Rede ist, will wenig davon wissen, wenn Anderssein ihr Sosein irritiert. Im Herzen des Multikulturalismus wohnt ein kryptoimperialer Homogenisierungsdrang. (Wolfgang Engler)

Die #metoo–Kampagne und der Beschluß Schwedens, den Vergewaltigungsbegriff neu zu definieren – die beide zusammenhängen –, haben uns ausreichend mit Beispielen der Machtübernahme der Politischen Korrektheit versorgt. Die macht auch vor Prominenten nicht halt – im Gegenteil, sie sind zugleich Hauptakteure und Opfer der neuen Diktatur.

Das Beispiel Lewis Hamilton – es hätte jedes andere sein können; gerade durch die Wiederholung der längst eingeübten Abläufe zeigt sich das strukturelle Problem.

„Der Spiegel“ berichtet: „Lewis Hamilton entschuldigt sich für Kommentare über seinen Neffen“.

Dieser hatte zu Weihnachten ein rosa Prinzessinnen-Kleidchen getragen, was Hamilton über Skype zu der Aussage verleitete: „Warum hast du dir zu Weihnachten ein Prinzessinnenkleid gewünscht? Jungs tragen keine Prinzessinnenkleider!“ – Woraufhin sich der Junge, wie der „Spiegel“ anfügt, die Ohren zugehalten habe. Man kann die Szene, die mittlerweile aus den sozialen Medien gelöscht wurde, beim „Mirror Online“ noch sehen.

Wir ahnen längst, was folgen mußte: der Shitstorm! Der digitale Mob wütet. Er scheint regelrecht auf diese Geschichtchen, die doch hätten privat bleiben und privat gelöst werden sollen, zu warten und er agiert mit besonderer Brutalität, wenn es ein „Promi“ ist, der „fehlging“. Man darf dabei nicht vergessen: diejenigen, die ihre Scheiße da ausgießen, sind die Guten, die Kämpfer für Gerechtigkeit und Gleichheit.

Auch der nächste Akt im öffentlichen Drama ist vom großen Skript vorgegeben: der Täter muß sich entschuldigen, mehr noch, er muß sich demütigen und die namenlose Menge, die den Medientiger in komplizierten dialektischen Verwicklungen reitet und von diesem geritten wird, um Verzeihung bitten. Er, der Star, der Held, der Multimillionär muß vor den Verlierern, den Nichtsen, Nullen und Namenlosen in den Staub kriechen.

Hamilton tut das formvollendet, wenn auch wenig originell: die Satzbauteile aus dem Mea-culpa-Baukasten sind längst standardisiert: „I hope I can be forgiven for this lapse in judgement“ und natürlich das Bekenntnis zur Buntheit: „I love that my nephew feels free to express himself as we all should“ sowie: „it is not acceptable for anyone to marginalise and stereotype anyone

Now, listen Lewis Hamilton! Wenn es jedermann frei steht, sich auszudrücken, dann muß es auch akzeptabel sein, andere zu marginalisieren und zu stereotypisieren: You are a coward and a jerk! Für jemanden, dem der Begriff des „Männlichen“ offenbar noch naturgesetzlich bedeutsam ist, bricht er beim ersten Gegenwind aus Scheiße verblüffend schnell ein.

Wir haben diese Nummer nun schon viele Male gesehen, ob bei Politikern, Schauspielern, Akademikern oder leistungslosen Promis und selbst jene, die selber andere gern verdächtigen – wie etwa der Historiker Münkler – sind vor den Verdächtigungen anderer nicht geschützt. Selbst die objektive Welt der Wissenschaft und der Fakten ist moralisch belastbar geworden.[1]

Es läuft immer nach dem gleichen Schema ab. Die preisgekrönte PC-Queen Carolin Emcke hat es in unfreiwilliger Dummheit auf den Nenner gebracht: „Lieber politisch korrekt, als moralisch infantil“. Das offizielle Zivilisationsmotto der letzten zweieinhalb Jahrtausende lautet hingegen: „Lieber moralisch korrekt, als politisch infantil“.

Wenn man es auffächert, werden folgende Schritte und Konsequenzen sichtbar – ich folge hierbei in stark abgewandelter Form Wolfgang Engler[3].

  1. „Äußere Subjektivierung der Eingriffsschwellen ins Private“ – meint, das subjektive Empfinden wird objektiviert: das neue Cogito ergo sum: Ich fühle mich benachteiligt, diskriminiert, beleidigt etc. also bin ich auch benachteiligt, diskriminiert, beleidigt etc. worden.
  2. Ver-Öffentlichung der Beleidigung in den sozialen Medien. Triggern
  3. Shitstorm in den sozialen Medien
  4. Organisiertes Durchsickern in die Hauptmedien. Schlagzeilenproduktion im Geschwindigkeits- und Skandalisierungswettbewerb.
  5. Entrüstungs- und Distanzierungswelle anderer „Promis“
  6. „Öffentliche Selbstkritik der ,Täter‘“ (dieser Schritt kann auch an dritter oder vierter Stelle in vorauseilendem Gehorsam geschehen)
  7. Konversion des Täters: Reue, Selbsterniedrigung, Appellation an die eigene Vorbildfunktion, Besserungsversprechen, evtl. Engagement in entsprechenden Hilfsgruppen …
  8. Moralischer Appell des Täters an alle: So und so muß unsere Gesellschaft sein, es darf keine Unterschiede geben und dergleichen
  9. Sollte der Mob nicht beruhigt werden können oder jemand eine Strafrechtsrelevanz empfinden, „Einschaltung der staatlichen Gewalten“.
  10. „Inflationierung des Rechtsprozesses“ – Divergenzen werden nicht mehr durch „kommunikative Vernunft“, sondern juristisch geklärt (Stichwort: „Volksverhetzung“ etc).
  11. „Ausufern von Regelwerken, Ordnungen und Verordnungen“, damit Potenzierung des potentiellen Fehlverhaltens.
  12. Spitzel-, Wächter- und Zinkermentalität. Der Gesamtprozeß hat sich selbst verstärkt, die Hemmschwelle wurde gesenkt, das Karussell dreht sich auf höherer Stufe eine Runde weiter …
  13. Nicht Diskriminierung, Benachteiligung oder Beleidigung, also vermeintliche Gegenbewegung, rechtfertigt nun zum Aufstand, sondern ein schwammiger Begriff wie „Emanzipation“ als Zugwort und die vermeintliche Nichtteilnahme daran. Vergewaltigung ist dann – wie in Schweden – nicht mehr die aktive Verletzung der Persönlichkeitsrechte, sondern bereits die Nichtzusage zur sexuellen Handlung und Helene Fischer ist schon verdächtig, weil sie nichts sagt und Lewis Hamilton muß sich beim nächsten Mal vielleicht entschuldigen, weil er seinen Neffen in ein Auto setzen wollte, ohne daß dieser den ausdrücklichen Wunsch geäußert hatte …

Es geht letztlich um Macht und um Machtsimulation. Engler: „Was hier tatsächlich stattfindet, ist ein diabolisches Spiel mit der Opferrolle. Jeder sieht sich als designiertes Opfer der Attacken anderer, die abzuwehren der eigene Opferstatus desto eifriger gepflegt wird. Der sicherste Ort ist der im Fadenkreuz aller denkbaren Angriffe. Dazu muß man geschickt die Fäden ziehen, in denen sich andere verfangen, unsichtbare Fallen auslegen, in die diese zuverlässig tappen, bevor sie ‚abdrücken‘ können. Die anderen denken, handeln ebenso, weben immer neue Fäden in ein Netz, das schließlich alle umgarnt.“

Wer aber ist die Spinne? Wir alle sind es und doch ist es niemand. Es ist das „Man“, das „System“, die „Struktur“, die „Matrix“. Eine unbefriedigende Erklärung – immerhin eine, die uns, die jedem einzelnen, das Recht gibt und in die Pflicht nimmt, nicht daran mitzuspinnen. (Es könnte bald wieder zur moralischen Pflicht werden, als Akt des Widerstandes, bewußt „Neger“ zu sagen: À rebours.) Das Man ist dieser Politiker, der die Hand hebt, dieser Redakteur, der den Artikel schreibt, dieser Denunziant …

All das weckt schlimme Erinnerungen und zeigt fatale Parallelen auf: Arthur Koestler, der große ungarisch-amerikanische Wissenschaftler, Philosoph und Autor, hat die ganze verquere Logik der Selbstbezichtigung und Strafe in seinem großen Roman „Darkness at noon“ paradigmatisch niedergeschrieben. Dieses Buch sollte zum Lesekanon aller gehören! Das ist der Ort, vor dessen eiserner Tür wir gerade stehen, an die wir klopfen! Sapienti sat!

[1] Wie der Fall Koopman zeigt, der einfach ein paar Zahlen zusammenrechnet und Statistiken auswertet, um zu einem Ergebnis zu kommen, das die Weltanschauungsdenker nicht mögen: Es geht nicht allein um Rücksichtnahme, es geht um eine Zensur der Wirklichkeit
[3] Wolfgang Engler: Authentizität! Von Exzentrikern, Dealern und Spielverderbern. Berlin 2017 (Kapitel: Die Wohlmeinenden)

3 Gedanken zu “Moderne Schauprozesse

  1. Werter Gastgeber, sehen Sie, da habe ich mir doch zum neuen Jahr extra einen eigenen Account eingerichtet, um endlich einmal Ihre Beiträge auch ohne einen Kommentar „liken“ zu können! (Funktioniert aber leider mit Chrome irgendwie nicht richtig).
    Indem ich Ihnen ein gutes Jahr 2018 wünsche, kurz (auch zum Ausprobieren) eine Anmerkung zu Ihrem Bonmot: „Das offizielle Zivilisationsmotto der letzten zweieinhalb Jahrtausende lautet hingegen: ‚Lieber moralisch korrekt, als politisch infantil‘.“ Da finde ich den Satz der Emcke eigentlich passender, wenn man unter „politisch korrekt“ nicht PC versteht: Kluge Politik ist eben nicht infantil, und eben auch nicht hauptsächlich moralisch – sie sollte, wo sie gut ist, nüchtern und interessengeleitet sein, nicht moralisch infantil (wie derzeit im Westen). Dies kann und sollte sie dann unter Berücksichtigung der gängigen Moral sein. Diese (schnell zusammengerührte) Definition würde die Extremismen des 20. Jahrhunderts ausschließen, moralisch akzeptable „Realpolitik“ einschließen. Ihr Definition hingegen läßt sich kaum auf Griechen, Römer etc. anwenden; oder meinten Sie das gar nicht ernst?

    Gefällt 2 Personen

    • Geht doch! Gibt doch nichts schöneres, als wenn zwei sich liken!

      Wenn Sie unter „politisch korrekt“ korrekte Politik verstehen – glauben Sie, daß ist der Emcke wirklich durch den Kopf gegangen? – dann müßte man freilich wissen, was das Korrekte in der Politik sein soll … „nüchtern und interessengeleitet“ klingt schon mal nicht schlecht: aber ab wann ist man nüchtern? Und wessen Interessen usw. Ansonsten gebe ich Ihnen das gerne zu.

      Warum läßt sich das nicht auf die Alten anwenden?

      Mir scheint, die moralische Selbstvervollkommnung, also das ein-besserer-Mensch werden, die „Sorge um sich selbst“, war in der griechischen und römischen Antike fast aller Denkschulen das zentrale Thema und das wurde durch das Christentum weitergereicht und bis auf uns – wo es nun tatsächlich sinnlos zu werden droht – tradiert … sieht man von einigen wenigen Ausnahmen wie Machiavelli oder Marx ab. Schon in der Politeia wurde Gerechtigkeit als Grundtugend der Politik ausgekundet. Und Tugenden waren die Vorstufen der Werte – letztere entstanden, als der Sinn ersterer zu verschwinden begann (das habe ich von Sloterdijk).

      Leider ist Ihr Gravatar zu undeutlich – wer sind die beiden? Die sehen jedenfalls so aus, als ob sie die obige These bestätigen können müßten.

      Gefällt 2 Personen

      • Nein, ich glaube nicht, daß die Emcke das so meinte wie ich. Und Sie haben recht, natürlich war die politische Lehre des Abendlandes, ob heidnisch oder christlich, eine moralische bzw. wertegeleitete; die reale Politik der Mächte aber natürlich nicht oder nur sehr selten. Da bin ich beim Herrn Pérégrinateur und sehe „Moral“ in der Politik wesentlich als Verbrämung von Interessen oder zumindest als nachrangig an. Das Problem bei Frau Merkel, um diesen Schlag rüber in die Gegenwart zu machen, scheint mir, daß sie den Unterschied von Moral und Interessen eben nicht wirklich verstanden hat, m. E. nirgendwo konziser zu sehen als in ihrem dummen Spruch, der Bestand Israels gehöre zur deutschen Staatsraison. Eben nicht, für die deutsche Staatsraison ist Israel im wesentlichen unerheblich, für die deutsche Moral aber nicht – was das Eintreten für Israel aber aufwertet, statt daß es zum schnöden „Eigeninteresse“ wird. Aber das ist ein weites Feld.
        Als Gravatar habe ich mir ziemlich wahllos ein Bildnis des Begründers des akademischen Skeptizismus, Arkesilaos (mit Carneades) (https://de.wikipedia.org/wiki/Arkesilaos), ausgesucht, was mir da bei der Google-Bildersuche so entgegensprang.

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