Zorn und Thymos

„Zorn ist der Regent der Welt“
(Luther)

In der reflektierenden Rückschau auf Kirks Jesus-Roman wird sich dem Leser die hochaktuelle Frage nach dem Zorn stellen, der so prominent wie geheimnisvoll als Titel über dem Buche prangt. Welcher Zorn? Wessen Zorn? Wer ist hier der Vater, wer der Sohn?

Kirk wählte eine Vokabel, die nach der Aufklärung deutlich an Popularität verloren hatte, und die im Dänemark zu Beginn der 50er Jahre, mit den Spätfolgen der Besatzungsermüdung einerseits und andererseits mit den glitzernden Glücksversprechen des „American Way of Life“ konfrontiert, kaum auf überbordende Aufmerksamkeit hoffen durfte. Tatsächlich hat sich „Vredens Søn“ trotz optimistischer 6000er Erstauflage nie wirklich verbreitet, wurden die bis dato verlegten 50000 Exemplare mithin wohl mehr gekauft als gelesen. „Zorn“? Damit lockte man keine Käufer an, von Wut und Zorn hatte man genug und Spaß und Fun versprachen die neuen Zeiten.

Dabei ist der Zorn ein schillernder Begriff, der eine Reihe spannender Wandlungen und Facetten aufzuweisen hat. Mit ihm beginnt, wie Peter Sloterdijk behauptete, die europäische Überlieferung, er ist „Europas erstes Wort und zugleich das Grundwort unserer politischen Psychologie“, denn Homers Ilias, gemeinhin als Gründungsdokument westlicher Kultur beschrieben, beginnt mit den pathetischen Zeilen: „Den Zorn besinge, Göttin.“, den Zorn des Achilles. Als archaische Kraft wird er dort besungen, die nach Entladung drängt, insbesondere dann, wenn der Zorn sich im Recht weiß.

Der griechische Heroe lebte noch in einer permanenten Zornbereitschaft, seine Entflammbarkeit war zweite Natur, Wurzel seiner Würde, in der Flamme des Zorns schmiedete er seine Siege oder seinen ruhmvollen Untergang; über mehrere Generationen vererbbar, wütete er mit oft maßloser Gewalt und brachte noch Ruhm oder Leid über die Kindeskinder. Hier macht sich eine anthropologische Konstante bemerkbar, die allerdings einen aufschlußreichen Domestikationsprozeß zu durchlaufen hatte. Im Ohr des antiken Griechen klang freilich, wenn er das Wort „thymos“ vernahm, der nicht wegzuhörende Oberton „Mut“ mit, der für moderne Ohren jenseits des Hörspektrums liegt.

Schon Aristoteles fügt dem reinen Zorndiamant eine Verunreinigung zu, die seither an ihm hängen blieb: die Vernunft. „Der Zorn scheint nämlich noch ein Ohr für die Vernunft zu haben“ (163) und damit seine Berechtigung. Dem widersprach, zeitgleich zu Jesu Demutspredigten, der stoische Philosoph Seneca.

Christentum und Stoizismus sind die Protagonisten einer affektiven Abrüstungswelle, deren letzte Ausläufer noch heute das Theorieufer erreichen. Seneca jedenfalls mochte am Zorn nichts Gutes mehr sehen wollen: er sei gegen die Natur, habe keinen Nutzen und führe letztlich durch seine Okkupation des Selbst zur Unfreiheit, denn nicht wir haben den Zorn, sondern er hat uns. Wo absolute Selbstbestimmung, Seelenruhe und Beherrschung aller Affekte oberster Maßstab sind, dort hat der Zorn mit seinen Verwandten Ärger, Groll, Wut, Haß und Raserei keinen Platz im Tugendgefüge. Die Parallelen zu Jesus sind augenfällig und wurden viele Male bemerkt, doch gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen der christlichen und der stoischen Friedensbewegung: Was bei Jesus auf Glaube basiert, gründet bei Seneca auf der Vernunft.

Die christliche Reglosigkeit beruft sich auf das Aufgehobensein in Gott, ihr „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ (Luk. 20,25) setzt auf die Totalüberlegenheit der Transzendenz und die muß man letztlich glauben, wohingegen Seneca das menschliche Dasein als in die Natur, die menschliche Natur, eingebettet sieht und in „De Ira“ sagen kann „Die Natur hat uns hinreichend mit Vernunft ausgerüstet … Die Vernunft genügt für sich allein nicht nur zum vorschauenden Entwurf, sondern auch zur tatkräftigen Ausführung.“ (90)

Noch sein kongenialer skeptisch-stoisch-ironischer Meisterschüler Montaigne hängt dieser Grundüberzeugung an und erklärt sich, als früher Aufklärer, aus nachvollziehbaren Gründen gegen diese Regung: „Keine Leidenschaft trübt die Klarheit unseres Urteils mehr als der Zorn“. (353) Allerdings ist es kein anderer als der Paradestoiker und Lehrer des Nero, der als erster den Zusammenhang zwischen Zorn und Masse bemerkt und seine bindende, formgebende, vereinigende Kraft.

Es soll auch nicht verschwiegen werden, daß Senecas Schrift „Über den Zorn“ noch immer relevante Ratschläge zur eigenen Entzornung, sprich, „zeitnah“, Entschleunigung und Komplexitätsreduzierung, parat hält, etwa die geniale Einsicht, daß Gemütsruhe und Seelenfrieden – heilige Privatutopien des 21. Jahrhunderts – nur durch freiwillige Geringbeschäftigung, wenn nicht freiwillige Arbeitslosigkeit zu erreichen seien: „Niemals geht einem Vielbeschäftigten der Tag dahin, ohne daß ihm nicht durch eine Person oder eine Sache ein Strich durch die Rechnung gemacht würde, wodurch sein Zorn geweckt wird.“ (155)

Erst Thomas von Aquin wird den vereinigenden Faden wieder aufnehmen; er erkennt ganz eigenständig die strategische Bedeutung des Zorns in der wunderbaren Eigenschaft, „das Übel anzuspringen“ und also unerläßlich für Verteidigungen gegen heidnische Einflüsse als auch für missionarische Angriffe zu sein. Wer sich auf der richtigen Seite weiß und folglich berechtigterweise etwas zu geben hat oder zu verteidigen, dem wird das Treibmittel Zorn gern zugestanden.

Ist die Legitimationsfrage einmal geklärt, kann man sich ganz zünftig des teleologischen Argumentierens hingeben: „Dazu ist die Zürnkraft den Sinnenwesen gegeben, daß die Hindernisse weggeräumt werden …“ (Pieper, 267). Nur das Übermaß ist verpönt, der Jähzorn, die Verbitterung und die nachtragende Rachsucht. Aber gerade im letzten liegt ein Entwurf auf die Zukunft. Der Zorn kann also, das darf man hier schon festhalten, für einen späteren Zeitpunkt konserviert werden. Weder Thomas noch den Thomisten ist der heikle Punkt dieser Ansicht versteckt geblieben, denn war es nicht Jesus selbst, der diesen ominösen Satz mit der Wange sprach?

Ist das nicht ein ganz und gar unzweideutiger Befehl zur Wehrlosigkeit, zur weltlichen Entwaffnung, mehr noch, zum Ins-offene-Messer-Rennen aus purer Liebe zum Feind? War Jesus nicht eigentlich ein Steinerweicher, der den steten Tropfen predigte, auch wenn dieser sich damit opfert? Tatsächlich aber erwischt man bei der Bibellektüre den Menschensohn selbst erzürnt (z.B. Austreibung der Händler aus dem Tempel) und als er vor dem Hohepriester von einem Knecht ins Gesicht geschlagen wurde, da hielt er durchaus nicht die andere Wange hin, sondern spricht recht beherzt und sich auf eine Art kommunikative Vernunft berufend: „Habe ich unrecht geredet, so beweise mir das Unrecht; habe ich aber recht geredet, warum schlägst du mich?“ (Joh. 18,23). Also postuliert Thomas das Primat der Tat, „was Christus selbst und die Heiligen verwirklicht haben“ sei bindend und gehe der Wortwertigkeit voran. Seither beherbergt die Katholische Kirche in ihrem inneren Kern die gefährliche Saat des Widerstands, mehr noch, wie Joseph Pieper, der große moderne Thomist, schreibt: „Die Kraft des Zürnens ist die eigentliche Widerstands-Kraft der Seele“, wer sie „verketzert … schmäht die Grundkräfte unseres Wesens“ und beleidigt den Schöpfer. (268)

Der Zorndiskurs leidet seit jeher unter der Unschärfe des Begriffs, vor allem seine permanente Verwechslung mit der Wut. Diese ist blind, jener aber sehend. Wut hat man im Bauch, der Sitz des Zornes, vermerkte Friedrich Bollnow, ist dagegen das Auge, er manifestiert sich auch am ehesten im Blick. Demnach ist Zorn, spinnt man diesen Befund weiter, intentional und wenn das stimmt, dann müßte man auch dem modernen „Wutbürger“ so viel Gerechtigkeit widerfahren lassen und ihn zum „Zornbürger“ befördern, vorausgesetzt, Stuttgart 21, Castor-Transportverhinderungsaktionen, PEGIDA und dergleichen haben ein ferneres Ziel als das eigentliche Event.

Diese Auffassung vom Zorn jedenfalls heftet sich die Medaille der Intentionalität an die Brust, dieser Zorn ist zielgerichtet. Sie manifestiert sich unmittelbar in „flammender Empörung gegen das Unrecht“ und ganz gleich, wie man dieses nun definiert, sie weiß sich damit im „Einklang mit der objektiven sittlichen Ordnung.“ (109) Objektiv deshalb, weil sie den Wert der sittlichen Ordnung als solche bejaht, ganz unabhängig davon, welchen Typs diese Ordnung ist. Psychisch drückt sich dieser Zorn im „guten Gewissen“ aus.

Man sollte sich dieser Geschichte des Zorns bewußt sein, will man die vielfältigen Möglichkeiten einer Zornesauffassung in Kirks Roman offenlegen. Und man wird auch nicht umhin können, Anschlußmöglichkeiten zum aktuellsten philosophischen Diskurs zu knüpfen, denn was bei Kirk, zum Teil zumindest, präfiguriert und in der Romanhandlung versteckt ist, das entwickelte vor wenigen Jahren Peter Sloterdijk in seinem „Politisch-psychologischem Versuch“ „Zorn und Zeit“.

Dieser im Feuilleton allzu schnell abgehandelten Arbeit hat man die Einsicht in die Bedeutung des Zorns als zivilisatorische, kulurschaffende und geschichtliche Triebkraft zu danken. Sloterdijk hebt die Diskussion auf eine neue Stufe allein schon mit der Unterscheidung verschiedener Zornformen: 1. Der einfachen Explosion – darum stritten sich im Grunde genommen alle bisherigen Debattanten, 2. die Projektform – das klang im Gedanken des Massenzorns bis hin zur Aufdeckung der Intentionalität an, und 3. der Bankform des Zorns. In Zornbanken werden Zornkonten aufbewahrt, die affektiven Einzahlungen konserviert und vermehrt und letztlich zu einsetzbarem und geschichtsbildendem Kapital verwertet. Der Einzahlende kann sich nicht nur der unmittelbaren Abfuhr der selbstzerstörischen Zornesenergie erfreuen[1], nein, er überläßt seinen Zorn einer Kirche oder Ideologie, die auf dem freien Markt damit hantieren kann und nicht nur Sicherheiten bietet, sondern auch ein Renditeversprechen: die Durchsetzung der eigentlichen Interessen des Einzahlenden. Mag die Auszahlung auch Generationen und Jahrhunderte auf sich warten lassen, der Geber hat die Gewißheit einer optimalen Verwertung und die Sicherheit, daß die in diesem Leben erlittene Ungerechtigkeit nicht umsonst erlitten worden war, sondern als eine Anzahlung in die Zukunft – ein Paradies, eine Utopie – zu betrachten ist.

Es wundert nun nicht, wenn Sloterdijk die zwei mächtigsten Zornbanken im Christentum, überhaupt in den monotheistischen Religionen, und dem Kommunismus ausmacht, letzteren als „Säkularisierungsgestalt der christlichen Zorntheologie“ (333).

Mit diesem neuen Vokabular ausgerüstet, kann man die innere Zornökonomie bei Kirk deutlich besser sichtbar machen, die sich zudem im Spannungsfeld von Christentum und Kommunismus bewegt. Daß seiner Ansicht nach die christliche Zornbank de facto abgewirtschaftet hat und von den Ratingagenturen mit ganz schlechten Prognosen bedacht wird, ergibt sich aus Kirks Weltanschauung. Daß das Zornpotential der Geknechteten und Beladenen jedoch in einer Spekulationsblase zerplatzen könnte, dagegen spricht die feindliche Übernahme des Zornkapitals durch die kommunistische Bewegung. Das gemeinsame Bewußtsein der „Zu-kurz-Gekommenen“, das Gleichheitsideal, die sich ähnelnde Utopie, die apokalyptische Hoffnung, all das erleichtert die Konvertierung – und natürlich die neu entdeckte konstituierende Gemeinsamkeit der Zorngenerierung.

Kirk will letztlich nichts anderes, als eine neue Einzahlung in die Zornbank tätigen, und die Einzahlung ist immens. Denn er sieht die moderne linke Bewegung in der Tradition einer jahrtausendealten Unterdrückung. Wie sonst sollen die finalen Worte des Zeloten – „der kommer en dag …“, „Der Tag wird kommen …“ – zu verstehen sein? Sloterdijk exemplifiziert diese Logik anhand eines anderen berühmten Gekreuzigten und dessen Vereinnahmung, dem Gladiatoren Spartakus: „Die Wiederbelebung der Spartakuslegende und ihre Aufnahme in das symbolische Arsenal moderner Klassenkämpfe verrät gleichwohl, daß man in den Archiven des Zorns mit einem jahrtausendealten ‚Erbe‘ rechnet. Merke: Wer den Zorn hegen und vererben will, muß die Nachkommen zu einem Teil einer Geschichte von revanchefordernden Opfern machen.“ (101)

Sowohl am Beginn – wenn man Kirk glauben darf – als auch am Ende des historischen Prozesses kann der Zornspender und -empfänger einen Zuwachs an Stolz verbuchen und Stolz sei, so Sloterdijk die zweite wesentliche thymotische Kraft. Insbesondere an Simon dem Zeloten darf man die wiedergewonnene „Psychologie des Eigenwertbewußtseins und der Selbstbehauptungskräfte“ (34) feststellen. Aber Kirk spielt die gesamte Palette durch und hätte Sloterdijk diesen Roman gekannt, er hätte gut und gerne Eingang in seinen Essay finden können, denn Kirks Zorngalerie zeigt alle möglichen Ausdrucksformen dieser problematischen Regung, die, ins Medizinische übersetzt, nichts anderes als eine Wundheilung darstellt: „Bei moralischen Verletzungen … sind subtile Mechanismen mentaler Wundheilung abrufbar – zu ihnen gehören der spontane Protest, die Forderung, den Verletzter sofort zur Rechenschaft zu ziehen, oder, falls dies nicht möglich ist, der Vorsatz, sich zu gegebener Zeit Genugtuung zu verschaffen. Daneben gibt es den Rückzug auf sich selbst, die Resignation, die Umdeutung der Szene zu einer Prüfung, das Nichtwahrhabenwollen des Geschehenen …“ (79).

Exemplarischer wird die Phänomenologie des Zorns nirgendwo durchgespielt. Die Schlußszene etwa, in der die drei anfänglichen Protagonisten das Geschehen reflektierend kommentieren und ihre jeweiligen Schlüsse daraus ziehen, läßt sich kongenial in den Sloterdijkschen Termini wiedergeben.

Matthäus repräsentiert demnach den  explodierenden und damit auch verrauchenden Zorn, auch wenn er sehr friedlich daher kommt. Sein Zorn steht nur für den Soforteinsatz zur Verfügung und ist unmittelbar nach der Aktion verflogen, selbst nach der gescheiterten oder aufgeschobenen Aktion. Die Sache ist für ihn gegessen, ein einziges Mal im Leben hat er kräftig mit Zornchips gezockt, verloren und seine Nichtigkeit eingesehen. Er wird die Geschichte als Apostel wie eine schöne Erinnerung an eine wilde Nacht pflegen und seinen Enkeln davon berichten.

Gaals Zorn dagegen, ebenfalls vom explosiven Typ, nur wesentlich leichter entzündbar, wird kurzfristig domestiziert, erhält nach dem enttäuschenden Scheitern aber den Charakter der Projektform des Zorns, sei es auch, daß sein Projekt, noch einen Aufseher zu erstechen und alte Rechnungen noch in diesem absehbar kurzen Leben zu begleichen, im anarchistischen Anschlag versanden oder besser verbluten wird. Vergessen wir nicht, Gaal war das sinistre Subjekt ohne eigentlichen Lebensplan, ein Überlebenskünstler zwar, aber ein Vagabund ohne Ziel im Leben. In der todesverachtenden Rache hat er nun eines gefunden. Aber die Betonung seines Zorns als symbolischen Zorn, der die innere Lebenskraft des Volkes versinnbildlicht, verleiht auch ihm schon Geschichtsmächtigkeit.

„Aus der Projektform des Zornes“, heißt es bei Sloterdijk, „entsteht die Rache“, die zu verurteilen sei. „Sollte dennoch Vorteilhaftes über sie vorgebracht werden, wäre es die Feststellung, wonach mit ihr die Möglichkeit der Unterbeschäftigung aus dem Leben des Rächers verschwindet. Wer einen festen Rachevorsatz in sich trägt, ist vor Sinnproblemen bis auf weiteres sicher.“ (98) Deutlich wird schon an ihm die Funktion des Zorns als Existenzerleichterung, da der Zorn klare Zielvorgaben in sich trägt, in allen drei Formen. Der Zornige weiß, was zu tun ist, jetzt sofort oder eben erst in tausend Jahren. Wer hingegen „auf der Tugendbank sitzt“, wie Sloterdijk in seinem eigenen Duktus sagt, „kann gewöhnlich nicht wissen, wie seine nächste Aufgabe lautet. Er muß den Rat verschiedener Seiten hören und seine Entscheidungen aus dem Gemurmel herauslesen, in dem kein Tenor die Hauptstimme verkörpert“ (22) – und das macht es kompliziert und enthält die hohe Wahrscheinlichkeit des Mißverständnisses.

Die nahezu vollendete Bankform verkörpert nun Simon der Kämpfer, der den Kampf nicht aufgibt, ihn vielmehr in die ewige Zukunft verlagert und zudem alle Legitimität einer Generalität in Frage stellt. Wenn selbst der Messias als Führer versagt, wer soll dann noch führen? Die Geführten müssen sich selber führen, läßt Kirk durch Simons Munde verkünden – und wußte doch, daß es den Generalissimus gab! Ein übel gesinnter Leser könnte hier durchaus einen Betrugsversuch vermuten, denn im Jahre 1950 hätte vielleicht auch ein Hans Kirk erkennen können, daß diese Schecks nicht gedeckt waren. Wie viele vor und nach ihm verfiel er dem Glanz der „Leuchte der Menschheit“ und wollte die Schattenwürfe nicht sehen. Simon der Zelot – Zelot heißt „Eiferer“ –; man kann sein Wesen nicht treffender zusammenfassen als mit Sloterdijks Worten: „… so konzipiert das militante Subjekt sein Leben als Zornsammelstelle, an der die unbeglichenen Rechnungen von überall her registriert und zu späterer Rückzahlung aufbewahrt werden. Dabei werden neben den Empörungsgründen der Gegenwart auch die ungesühnten Greuel der gesamten vergangenen Geschichte erfaßt. Die starken Köpfe des Protests sind Enzyklopädisten, die das Zornwissen der Menschheit sammeln. … So wird deutlich, daß nach dem Tod Gottes auch ein neuer Träger seines Zorns ausfindig zu machen war. Wer sich für diese Stelle freiwillig meldet, gibt mehr oder weniger explizit zu verstehen: Die Geschichte selbst muß den Vollzug des Jüngsten Gerichts zu ihrer Sache machen.“ (181)

Bleibt die Titelfrage. „Zornes Sohn“ – wessen Zorn? Wer zürnt wem?

Zuerst mag einem Gottes Zorn in den Sinn kommen. Der alte hebräische Gott war ein zorniger Gott; das Alte Testament kennt Unmengen an Straf- und Zornesszenen: die Austreibung aus dem Paradies, die Sintflut, die zehn ägyptischen Plagen, Sodom und Gomorrha, das jüngste Gericht, die Hölle, die Verdammung … der lebens- und endzeitlich motivierte Zorn stellt dabei Anspruch auf permanente Aktualität: jederzeit könnte es soweit sein. Man darf sich dabei durchaus auf Gottes Kompetenz verlassen, so sehr, daß sich eigene Zurückhaltung empfiehlt. Aus Paulus‘ Rat an die Römer – „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: ‚Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr‘“ (Römer, 12,19) – klingt in all seiner Zärtlichkeit, doch ein gewisser triumphalistischer, besserwisserischer Ton durch.

Auch Morton Thing folgt dieser Idee und meint, daß „Zorn“ als anderer Name des jüdischen Gottes, dessen wahrer Name nicht genannt werden durfte, zu verstehen sei. Demnach wäre Jeschua Zornes Sohn, der auf den Tag des Zorns wartet (294).

Freilich läßt sich, zweitens, der Titel banal biologisch lesen: Jesus der Sohn der Maria, und tatsächlich wird Maria auch als zornige, wenn auch in einem resignierten, erschöpften Zorn befangene, einfache Frau dargestellt, die den ansonsten heute noch allerorten zu hörenden „blinden“ Zorn gegen „die da oben“, „die anderen“ schlechthin, das Schicksal, dieses ohnmächtige „weshalb ausgerechnet ich“, ausspricht, das bei aller Verzweiflung aber nicht über das Klagen hinauskommt.

Des weiteren  könnte der Titel pronominal, in possessiver Abhängigkeit gelesen werden, so daß nicht ein Vater, sondern Jesu selbst das Zorngefäß ist. Daß der Zorn eine vereinnahmende Gemütsregung ist, die das Trägersubjekt leicht fernsteuert, hatte bereits Seneca zu seiner Ablehnung geführt. Der Zorn ist ein übermannender Effekt, und, ganz nebenbei, dieser patriarchalische Ausdruck stellt keine Diskriminierung, sondern einen Tatbestand dar, denn es war der Manneszorn, der Leidgeschichte schrieb und schreibt.

Der Zorn hat einen Menschen und nicht umgekehrt. Von außen betrachtet stellt Jesus tatsächlich einen idealen Zornsammler dar, um den sich das aktuelle Zornpersonal versammelt und auf sein Zeichen wartet. Seine Unentschlossenheit könnte man auch als bewußte Strategie werten und dann bekäme er weltpolitische Relevanz. „Für die Doppelstrategie der weltpolitischen Zornsammlung“, schreibt Sloterdijk, „ist jedenfalls Kaltblütigkeit die erste Bedingung. Zum einen muß sie ständig Haß und Empörung schüren, zum anderen ihm ebenso ständig Zurückhaltung auferlegen“ (105), und das umschreibt die Strategie des Kirkschen Jesus bis aufs I-Tüpfelchen: Schüren und Warten (Parusie). Allerdings enttäuscht der Jesus des Kirkschen Universum in beiderlei Gestalt: als unmittelbar Explodierender und als effektiver Zornsammler über die Zeit. De facto hat diese Aufgabe die Kirche übernommen, später wurde sie von der kommunistischen Bewegung beerbt.

Zumindest zwei der Helden des Buches hätten gute Gründe, sich selbst als Söhne des Zorns zu küren: Gaal der Anarchist und Simon der Protokommunist. Als Jünger Jesu halten sie ihren und damit seinen Zorn – den, den er hätte haben müssen, wenn er seine historische Mission verstanden hätte – auf Flamme, wenn auch in unterschiedlichen Stärken. Gaals Zorn scheint sich in einem bald bevorstehenden Märtyrer- und Selbstmordattentat explosiv verwirklichen zu wollen, wohl wissend, daß es am Großen und Ganzen nichts ändern kann, aber sich einer gewissen symbolischen Macht bewußt. Solange es noch unbeirrte Selbstauslöscher gibt, die mit Sprengstoffgürtel entschlossen auf Feindeskräfte zulaufen, um mitzunehmen, was mitzunehmen ist, solange, so lautet seine Botschaft, ist der affektive Haushalt des Volkes noch intakt. Der Selbstmordattentäter will weniger unmittelbares Leid verursachen, denn dieses leistet nichts für die große Sache, sondern das Evangelium des kommenden Tages verbreiten und verkünden: Wir sind noch da, unser Zorn lebt, unser Leben geben wir gern und wenn wir wollten, dann könnten wir noch ganz anders.

Diese Entschlossenheit schien Kirk schätzen zu können, auch wenn ihm die Sinnlosigkeit solchen Tuns bewußt war. Denn wirkliche Veränderung konnte es nur von den Zeloten geben, die ihren Zorn aufbewahren und organisieren und vermehren können. Das übersetzt sich in „Partei“ – aber man wird das Gefühl nicht los, daß Partei eine Option war, die Kirk nur gezwungenermaßen wählte. Partei hatte für ihn stets den bitteren Beigeschmack des Büros, der Kader, der Machtspielchen, der Intrigen und des Intellektualismus.

Wirkliche Erfrischung erhoffte Kirk sich vom „Volk“, vom „einfachen Volk“. Das Volk ist der eigentliche Zornträger und jeder legitime Sohn des Zorns kann sich nur aus ihm rekrutieren. Ob man nun diesen Meschischa oder Gaal – Kirk liebte diese Kraftmenschen – oder Simon den Zeloten oder gar den aufrührerischen Jerusalemer Volksableger selbst als legitimen Vertreter der Entität „Volk“ betrachtet, scheint interpretativ offen zu sein.

Schließlich drückt Kirk persönlich seinen Zorn aus, auch er ist ein Sohn des Zorns. Nicht nur im parteilichen Sinne, sondern durchaus ganz privat. Die Kränkungen der Besatzungszeit hatten ohne Zweifel einen stark radikalisierenden Effekt. Das führte ihn zu der Überzeugung, die Position des Künstlers mehr und mehr aufzugeben, um aktiv – die Feder als Waffe – in die Bewegung einzugreifen. Schon „Slaven“ sprengte als klar durchsichtige gesellschaftliche Allegorie das Ambivalenzdiktum, das „wirklicher“ Kunst meistens anhängt. In „Vredens Søn“ kommt zur allegorischen die emotionale Deutlichkeit hinzu. Kirk schreibt sich seinen eigenen Zorn von der Seele, tritt in die Sohnschaft des Zorns, zeugt zugleich aber neue literarische Konfigurationen des Zorns, stellt also eine Mittelgeneration dar, ein Medium, das sich auf ein langes Erbe berufen kann und eine lange Zukunft vor sich wähnt.

Aber auch dies schien ihm noch immer nicht klar und deutlich genug gewesen zu sein, denn mit seinen beiden letzten Romanen „Djævelens Penge“ und „Klitgaard og Sønner“  verläßt er die künstlerische Deckung und geht direkt zur politischen Botschaft über.

Literatur:
Kirk, Hans: Vredens Søn. København 1950, 1. Auflage
Kirk, Hans: Vredens Søn. København 1969, Gyldendals Tranbøger (Zitatenquelle)
Andersen, Jens/Emerek, Leif: Hans Kirks forfatterskab. København. 1972
Aquin, Thomas: Zitate alle nach Pieper
Aristoteles: Nikomachische Ethik. In: Philosophische Schriften Band 3. Hamburg 1995 (Übersetzung Eugen Rolfes)
Bollnow, Otto Friedrich: Einfache Sittlichkeit. Kleine philosophische Aufsätze. Göttingen 1947
Conversations-Lexikon für alle Stände. Eine Enzyklopädie der vorzüglichsten Lehren, Vorschriften und Mittel zur Erhaltung des Lebens und der Gesundheit der Menschen und der nutzbaren Thiere, sowie zur Conservierung aller für die Bedürfnisse, die Bequemlichkeit und das Vergnügen der Menschen bestimmten Einrichtungen, Produkte und Waaren. Von mehreren Gelehrten ausgearbeitet, in alphabetischer Ordnung. Leipzig und Stuttgart 1834
Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Hausschatz für das deutsche Volk. Augsburg 1987
Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch
Jensen, Carsten: Folkelighed og Utopi: Brydninger i Hans Kirks forfatterskab. København 1981
Jongen, Marc u.a.: Die Vermessung des Ungeheuren. Philosophie nach Peter Sloterdijk. München 2009 (insbesondere Abschnitt 5: Eros, Zorn und Ressentiment)
Montaigne, Michel de: Essais. Frankfurt am Main 1998 (Übersetzung Hans Stilett)
Pieper, Josef: Das Viergespann. Klugheit Gerechtigkeit Tapferkeit Mass. München 1964
Pfaller, Robert: Sind wir wirklich so erotisch? In: Jongen, Marc u.a.: Die Vermessung des Ungeheuren. Philosophie nach Peter Sloterdijk. München 2009, S. 289 – 302
Seneca: Vom Zorn (De Ira). In: Philosophische Schriften Band 1. Hamburg 1993 (Übersetzung Otto Apelt)
Sloterdijk, Peter: „Zorn und Zeit“. Politisch-psychologischer Versuch. Frankfurt am Main 2006
Sloterdijk. Peter: Wenn die Gewalt erscheint – Versuch über die Explosivität der Bilder. In: Phänomenologie der Gewalt. Zwei Originalvorträge München 2007
Thierry, Werner: Hans Kirk. København 1977
Thing, Morton: Hans Kirks mange Ansigter. En biografi. København 1997
Žižek, Slavoj: Zorn und Ressentiment. In: Jongen, Marc u.a.: Die Vermessung des Ungeheuren. Philosophie nach Peter Sloterdijk. München 2009, S. 277 – 288
[1] Zorn macht krank! Das hatten nicht nur Seneca und Montaigne schon beobachtet, das ging auch in den Sprichwortkanon in vielerlei Gestalt ein und das sprach sich auch im jungen eifrigen Bürgertum herum und erreichte dessen Zentralorgan, das Conversations-Lexikon: „Zorn kann den Menschen großen Schaden thun, besonders wenn gleich darauf gegessen und getrunken wird. … Sehr anzuraten ist es, den Speichel, während des Anfalls von Zorn, nicht zu verschlucken.“

Siehe auch:

Jesus – Zornes Sohn

Erhört eure Gebete!

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