Jesus – Zornes Sohn

Zu Heiligabend – Jesu Geburt

Als Kunstwerk betrachtet ragt „Vredens Søn“ sehr weit heraus. Tendenz und Handlung sind so innig zusammengeschmolzen, daß ein schneidendes Metall daraus entstanden ist. Tom Kristensen

Der folgende Artikel analysiert das eigenständige Jesus-Bild des klassischen dänischen Schriftstellers Hans Kirk aus seinem Roman „Vredens Søn“ (Zornes Sohn) von 1950 der die letzten Tage Jesu und die vielfältigen Haltungen zu ihm zum Thema hat.

1. Synopsis
2. Vorstellung und Interpretation
3. Theologische Aspekte
3.1. Judas
3.2. Maria
4. Politische Aspekte

  1. Synopsis
„Es war unser Zorn, der sein Wort erfüllte, unsere Liebe, unser Leid, unser Vertrauen in den Herrn.“

Große Menschenscharen, meist einfaches Volk, haben sich vor seinem Einzug nach Jerusalem um ihn versammelt. Die Menschen leiden unter der römischen Fremdherrschaft, unter Armut und Bevormundung. Einige ergeben sich in ihr Schicksal, andere nutzen die kompromittierenden Verhältnisse zum eigenen Vorankommen. Die meisten aber sehen in Jesus den Messias, der die Juden vom Joch der Römer befreien wird.

Zu Beginn der Erzählung folgt der Leser den beiden Aposteln Matthäus dem Zöllner und Simon dem Zelot. Auf ihrer Wanderung nehmen sie den heimatlosen Räuber und Mörder Gaal auf und erreichen das Lager der Anhänger des Meisters. Jesu Mutter Maria, hier gezeichnet als eine einfache, abgearbeitete Frau, versucht erfolglos ihn zurück in den Schoß der Familie zu lotsen. Nach einer Zornesrede führt Jesus die Menge gen Jerusalem; die Stadt steht unmittelbar vor einem Aufruhr. Alle warten auf das erlösende Signal des Messias – doch dieses kommt nicht. Stattdessen läßt sich Jesus wehrlos vom Kollaborateur und Spitzel der Synode Judas verraten und durch den römischen Statthalter Pilatus zum Kreuzestod verurteilen.

Die Revolte verpufft.  Zu Fuße des Kreuzes stehen die drei Jünger Matthäus, Simon und Gaal und besprechen die Frage: Was tun? Jeder schlägt einen anderen Weg in die Zukunft ein, aber lediglich der Zelot beharrt darauf, den Befreiungskampf fortzuführen. Nur dürfe man nicht auf den Messias warten, sondern müsse man – das Volk – sein eigener Messias werden!

Mit diesem Roman liefert Kirk nicht nur eine gewagte Neuinterpretation der biblischen Geschichte und ihrer Protagonisten, er liefert außerdem eine ausgefächerte Diskussion der Zugangsweisen zum Problem der Unterdrückung und macht dies durch offensichtliche Analogien zur Besatzungszeit im 2. Weltkrieg, zum aktuell-politischen Thema – zum einen eine Abrechnung mit Kollaborateuren, zum anderen eine gesellschaftsanalytische Voraussage.

Künstlerisch reicht das Buch nicht an die großen Romane der 30er Jahre heran, sein überraschender Inhalt, vor allem seine theologischen und philosophischen Implikationen, haben nichts von ihrer Frische verloren.

die klassisch gewordene „Volksausgabe“ © Gyldendal/Thormod Kidde

  1. Vorstellung und Interpretation

Nach seinen großen Kollektivromanen gehört „Vredens Søn“ zweifellos zu den gewichtigsten, gehaltvollsten Büchern Kirks. Zwar benutzt er erneut den bereits in „Der Sklave“ eingeführten direkten erzählerischen Stil, die „kühl beherrschte, nüchterne Form, wo die Handlung indirekt, durch den Bericht anderer oder durch Gespräche erfahren wird“[1], bewegt sich damit also im konventionellen narrativen Rahmen, aber dafür wirft der Roman interessante theologische und politische Fragen auf.

Erzählt wird Jesu Passion, die finalen Tage des Messias, beginnend bei seiner letzten öffentlichen Predigt, die bei Kirk stark an die Bergpredigt angelehnt ist, bis hin zu Judas‘ Verrat, der Festnahme, dem Erscheinen vor Pilatus, der Kreuzigung und Jesu abschließenden Worten. Dabei versuchte Kirk eine historisch-theologische Neubewertung, die durchaus originelle Züge trägt. Daß er „bibelfest“ war, bewies er ganz explizit bereits in seinen Hauptwerken „Die Fischer“, „Die Tagelöhner“ und „Die Neuen Zeiten“, hier aber legt er zum ersten Mal eine Neuinterpretation der biblischen Geschichte vor, die jenseits des bis dahin referierten Volksglaubens anzusiedeln ist. Auch wenn der Erzähler sich mit Erklärungen zurückhält, läßt sich aus seinen Figuren doch eine Grundtendenz herausschälen.

 Wie ein Rinnsal beginnt die Geschichte mit Simon dem Zeloten[2] und Matthäus dem Zöllner, die die dürre Landschaft um Genezareth durchwandern. Auf dem Weg zum „Rabbi“ Jesus will Matthäus von seiner Familie Abschied nehmen, denn, wie geschrieben steht: „Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen“ (Markus 10,29f.). Freilich wird er von Anfechtungen geplagt, nicht nur, weil die meisten Menschen – die eigene Familie inbegriffen – ihn nicht verstehen, sondern auch, weil der Anspruch enorm ist und unerfüllbar scheint: „Und tragen wir nicht alle zusammen an diesem Zweifel tief innen, ob er nun auch der Meschischa ist?“ Und der Zelot antwortete voller Überzeugung: „Aber da ist keiner, der zuvor mit solcher Kraft gegen die Reichen und Mächtigen gesprochen und die Armen aus so vollem Herzen geliebt hat“. Damit ist die Grundfrage ausgesprochen: Ist Jesus der Messias? Woraus speist sich diese Überzeugung? Was wird er unternehmen um dieser Rolle gerecht zu werden? Und wie kann er die Erwartungen, „das Volk zu sammeln und gegen Jerusalem zu ziehen“, erfüllen? Selbst hat er sich bis dahin, bibelkonform, nicht als Messias bekannt, „selbst hat er das nie behauptet. Er hat weder Ja noch Nein geantwortet“.

Auf ihrer Wanderschaft, nachdem der schmerzvolle Abschied von der Familie erfolgt war, wird Ihnen von einem reichen Bauern die Unterkunft verwehrt, werden sie sogar gezüchtigt, treffen sie dann auf einen Ausgestoßenen und Einsiedler, den Räuber und Mörder Gaal bar Jabes, der sie von nun an begleiten wird, beginnen sie zu missionieren und zu „heilen“, treffen auf eine essenische[3] pazifistische Kommune und langen schließlich bei Simon Peter an, der die um Jeschua bar Josef Gescharten in dessen Namen leitet und führt. Dort, beim Rabbi und vermeintlichen Meschischa strömt alles wie ein Delta zusammen – darunter Maria, eine einfache abgearbeitete, desillusionierte, aber liebevolle Frau -, und was Kirk bis hierher versuchte, war ein umfassendes Bild der sozialen Verhältnisse in ihrer Vielheit der Strömungen zu geben. Alles freilich verhält sich irgendwie zum wunderlichen Menschen und stets aus großer Armut und Ungerechtigkeit heraus. Überall begegnet den Wanderern der Haß auf die Römer, ist der Zorn spürbar. Veränderung, Unruhe, Aufstand liegen in der Luft. Die Erwartungen sind so vielfältig wie ungeheuer. Erlösungswille hängt unmittelbar mit dem Grad des Elends zusammen.

In diesem nun breit ausgewalzten Strom verschwinden die drei bisherigen Protagonisten, erscheinen nur noch hier und da, gleichsam von einer Welle im Erzählfluß an die Oberfläche gespült, um erst am Kreuze endgültig wieder aufzutauchen. Stattdessen tritt Jesus ins Bild, einsam, meditierend in jene Hütte zurückgezogen, die seine Jünger für ihn erbaut haben. Unten im Tal warten seine Anhänger auf ein Zeichen des Messias. Die Messiashoffnung ist eine Erlösungshoffnung und um erlöst werden zu wollen, muß man schon in der Hölle leben. Das eigene Elend wird umso unerträglicher, je mehr man der Willkür der römischen Besatzermacht ausgesetzt ist, deren lasterhaftes und verschwenderisches Leben wahrnimmt. „Er ist der Meschischa“, spricht ein einfacher Bauer, „er will die tausenden Gekreuzigten rächen und all unsere toten Brüder und gekränkten Töchter. Er wird uns gegen die Fremden führen, ich weiß es.“ Tatsächlich kanalisiert Jesu zornige Rede den Zorn der Masse und als Judas – bei Kirk ein junger Intellektueller, der „das bittere Brot der Armut nicht geschmeckt hat“ – die Frage aller Fragen stellt, erhält er klare Antwort: „Sag uns eines, Meister, bist du Meschischa?“ … „Du fragst und ich antworte, sagte er. Ich bin Meschischa! Ich bin der, den der Herr sandte um sein armes Volk zu befreien.“ Die Rede Jesu vor der Menge stellt den ersten Höhepunkt der Erzählung dar.

Mit dem Einzug in Jerusalem nimmt sie vollends Fahrt auf. Die Stadt summt vor innerer Spannung, Römer, Hohepriester, Reiche fürchten das Schlimmste. „Er spricht gegen die Fremden und die Reichen, und er ist ein Mann des Zorns.“ Des Zorns und nicht der Liebe – so versteht das Volk seine Predigt. Immer wieder, wie ein liturgisches Gebet, die bange Frage aus aller Munde „Ist er der Meschischa?“ und immer wieder die Antwort „Wohl ist er Meschischa, denn er will sich mit ihnen schlagen.“ Alles dreht sich um dieses „denn“ – hier liegt die letztgültige Legitimation des Christus: Nicht die Gottessohnschaft, nicht die Glaubenspredigt, nicht die Vollendung der messianischen Tradition, sondern sein Wille, die Fremdherrschaft und die Ungleichheit durch die praktische Tat zu beenden, läßt den Rabbi Jesus zum Messias werden – in den Augen des Volkes.

Und wenn Jesus vor dem Tempel zu ihnen spricht, mit Zorn in den sonst so sanften Augen, wenn er sagt: „Gott will nur eines: daß die Größten unter uns Diener werden und alle Menschen Brüder“ oder „Der Herr wird das Zeichen geben, wenn seine Stunde kommt … Haltet euch bereit … Ich verspreche euch, daß ein jeder, der hier steht, des Herren Gerechtigkeit und des Himmels Strafgericht erleben wird“, dann sehen sie nur „seinen Zorn wie eine Flamme allesverzehrenden Feuers“, dann kann es in diesen Ohren nur eine Bedeutung geben: das Schwert!

Tatsächlich hat die Bewegung längst eine Eigendynamik angenommen, bewaffnete Truppen waghalsiger Zeloten durchziehen die nächtliche Stadt und töten in dunklen Gassen römische Soldaten oder vertreiben Wucherer und verschüchtern die Priesterschaft. Simon Peter fragt: „Ach, Rabbi, laß uns nicht länger warten. Du hast uns gesagt, daß du der Auserwählte seist, und alle Armen dieser Stadt sind bereit, dir zu folgen. Und hier sind viele Arme und Verzweifelte. Sie haben nur dich, woran sie glauben können, und von dir erwarten sie die Befreiung. Vergib mir, Meister, aber ich verstehe dich nicht. Manchmal bist du so voller Stärke und Glauben, und du reißt alle mit dir mit, und deine Worte gehen wie Feuer durch die Seele. Aber zu anderen Zeiten ist es, als ob du bloß erwartest, daß ein Wunder geschehe, als ob du nicht handeln wolltest, sondern nur wartest, daß der Allmächtige das Werk vollführen soll.“ Worauf Jesus antwortet: „Du hast richtig gesehen. Wenn du mich nicht verstehst, so ist es, weil noch nicht mal du Treuer (trofaste) genug Glauben (tro) hast. Niemand von euch weiß, wie mächtig der Herr ist, keiner von euch hat auch nur einen Schatten von seiner Stärke begriffen.“ Und als selbst Judas in der Stunde des Verrates nach Jesu Motiven und Zielen fragt und als Antwort erhält „Wie soll ich dir sagen, was ich will? Ist nicht der Herr über uns. … Glaube ist das einzige, Judas, was die Welt erschüttern kann …“ und: „Der Herr ist allmächtig. Nur der Glaube an ihn kann das Volk erretten“, da kommt auch dieser zu der Einsicht, daß der einstige Meister nur „gal“, wahnsinnig sein kann und übergibt ihn besorgt und befreit zugleich den Häschern.

Nur noch zweimal öffnet Jesus den Mund. Einmal, als er als ohnmächtiger Gefangener von Pilatus gefragt wird „Bist du Meschischa, bist du der Befreier, den Jahwe euch gesandt hat? Bist du der König der Juden?“, da antwortet er – entgegen der biblischen Überlieferung – ruhig und fest „Ja, ich bin Meschischa“. Biblisch überliefert ist die Antwort „Du siger det selv“, „Du sagst es“, eine ausweichende und mehrdeutige Antwort, die Kirk zu einem klaren Bekenntnis umformuliert. Ein andermal als er am Kreuz seine letzten Worte spricht: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, und das beweist im Zusammenhang dieser Geschichte zum einen seinen großen unauslöschlichen Glauben, aber auch seine Ohnmacht. Es sind die drei Wanderer Simon, Matthäus und Gaal, der Zelot, der Familienvater und der Dieb, die jene letzten Worte vernehmen und daraus drei verschiedene Antworten auf die Frage „Was  tun?“ ableiten.

Matthäus wählt den Weg zurück ins Privatleben, ins kleine Glück mit Erinnerungen an einstige Vorsätze und unerfüllbare Utopien: „Ich bin ja nur ein ganz gewöhnlicher Mensch. Ich werde zu Frau und Kindern zurückkehren, und die werden mich mit Freude empfangen. Und ich werde diese oder jene Arbeit finden, die uns ernähren kann. Irgendeine Form des Glücks wird sich schon ergeben, aber sein Zorn wird allezeit in meinem Herzen bleiben … Ich werde versuchen, mein eigenes Leben in Güte zu führen.“

Gaal bar Jabes, der Ausgestoßene, der einst einen Aufseher erschlug und seither in Höhlen und von Wilddieberei lebte, geht den Weg zurück ins anarchistische, ins terroristische und vermeintlich freie Leben mit fatalistischer Grundeinstellung und Dasein im Hier und Jetzt: „Ich bin in gewisser Weise fertig mit dem Leben, aber ich kann mir gut vorstellen, einen Wucherer abzuschlachten und einen Steuereinnehmer mein Messer schmecken zu lassen … Ich bin ein Zeichen dafür, daß der Zorn im Volke weiterlebt“, Zeichen für die gesunde innere Verfassung eines Volkes. Hier kommt Kirks Liebe zu derben, direkten Kraftmenschen zum Vorschein, die sich nehmen, was ihnen rechtmäßig zusteht – so wie Cilius in „Die Tagelöhner“ und „Die neuen Zeiten“. Gaals einsamer Kampf ums Überleben ist Symbol, notwendiger Ausdruck des gesellschaftlichen Seins, der Umstände. Daß es Menschen wie ihn gibt, bedeutet zumindest einen letzten Rest an Widerstands- und Selbstbestimmungswille des Volkes, und das wird auf der aktuell-politischen Ebene des Romans eine Wesensaussage sein.

Simon, der ausgebildete Kämpfer und Zelot jedoch hat die Hoffnung auf das Himmelreich nicht aufgegeben, das Himmelreich auf Erden. Er will den Zorn in konzertierte Aktion kanalisieren. Für ihn sind Menschen, „was man aus ihnen macht … Wenn wir ohne Freiheit leben, werden wir verkrüppelt und böse, aber freie Menschen sind nicht böse.“ Simon glaubt also an die Macht der Umstände, für ihn bestimmt das Sein das Bewußtsein: Ändere die Umstände und es werden sich die Menschen ändern. Menschen sind, was wir aus ihnen machen, nicht, wie sie „an sich“ sind. So wird die Gerechtigkeit siegen. „Die Gerechtigkeit des Herrn“, sagte Matthäus still. „Nein, die menschliche Gerechtigkeit … Wir sollen nicht Gott um Gerechtigkeit anflehen, sondern sie von den Menschen verlangen. Wir müssen sie uns nehmen, wenn es sein muß, selbst mit Macht … Seid wachsam und betet, sagte er in der letzten Nacht auf dem Ölberg zu uns, aber wir sollten besser wachsam sein, um zu kämpfen. Vielleicht werden wir viele Niederlagen erleiden, aber das macht den Kampf nicht vergebens. Eines Tages werden wir siegen, und wir oder unsere Kinder werden das Reich der Gerechtigkeit errichten, wie es unser Jeschua nie zu sehen bekam … Der Tag wird kommen, an dem das Volk sein eigener Meschischa wird“.

Trotzdem „war er Meschischa. Er war ein Befreier, und andere werden nach ihm kommen.“ Für einen kurzen historischen Moment stand er an der Spitze der sozialen Entwicklung, konnte sich selbst aber nicht überwinden, seine historische Rolle auszufüllen. „Sein Glaube war zu groß. Er glaubte zu sehr an Gott. … Er konnte nicht handeln, wenn er sich nicht sicher war, daß Gott mit ihm ist. Aber der Herr ist nur mit denen, die siegen.“ Auch Gott muß sich dem Diktat des Seins unterordnen. „Gott ist ein Abbild der Macht, und ist die Macht böse, dann ist Gott es auch. Mache die Macht gut, und Gott wird der Güte Gott sein.“

  1. Theologische Aspekte

Wollte man die theologische Grundaussage auf einen Begriff bringen, dann dürfte das Wort vom „säkularisierten Jesus“ die meisten Gesichtspunkte abdecken. Das frühe Christentum, das Urchristentum, das sich aus den Aposteln und der unmittelbaren Gefolgschaft rekrutierte, wird bei Kirk als soziale Bewegung verstanden, als nahezu irreligiös und das auch, wenn es sein muß, gegen Jesu Intention! Jesus selbst bleibt eine ambivalente Erscheinung, der zu keiner klaren Position kommt; seine Berufung auf den Herrn bleibt unverbindlich und tat-sächlich konsequenzlos. Jesu zentraler Vergebungsgedanke – „Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“ – wird als im eigenen Schicksal widerlegt dargestellt. Stoisch und schweigsam erträgt er die Schläge seiner Feinde – und endet am Kreuz; und noch an diesem glaubt er an die Macht Gottes, bis hin zum letzten und doppeldeutigen Seufzer: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Damit spricht Kirk das Parusie- des christlichen und das Messiasproblem des jüdischen Glaubens an, das Warten auf den Messias bzw. dessen Wiederkehr. Anfangs glauben die Apostel noch: „Der Tag ist nahe. Der Herr hat uns Meschischa gesandt, der uns von unseren Feinden befreien, die Ungerechten bestrafen und das neue Gottesreich errichten soll.“ Aber tief innen nagt der Zweifel und Matthäus gesteht ihn sich zu Beginn der Erzählung ein. Er wird durch den Verlauf der Geschehnisse nicht beseitigt. Auch den biblischen Wundererzählungen kann Kirk nicht viel abgewinnen. Zwar „heilen“ die Jünger einen an „Lungenpest“ Erkrankten, die Art und Weise der „Behandlung“ deutet aber eher darauf hin, daß sich durch den Druck, den Matthäus auf den Brustkorb des Kranken ausübt, als er sich in „Ekstase“ auf ihn wirft, lediglich ein atemberaubendes inneres Geschwür platzt, der Leidende Blut spukt und danach freier Atmen kann. Hier wird das Heilungswunder nahezu ironisch belächelt, als Farce dargestellt. Wunder, so könnte man die Szene auch lesen, müssen gemacht werden, sie kommen nicht von oben.

Diese Entzauberung durchzieht das gesamte Buch, sie gipfelt in der bitteren Einsicht, daß Jesus nicht der Messias gewesen sei und diese Sicht teilt Judas – „Er war kein Meschischa, nicht Gottes Auserwählter, er war nur ein Mensch, der die Gerechtigkeit liebte und das Böse haßte“ – mit Matthäus und Simon. Nur daß letzterer ihm einen messianischen Teilstatus zuerkennt. „Er war Meschischa. Er war ein Befreier, und andere werden nach ihm kommen.“ Er war folglich einer unter vielen, nicht der, sondern ein Messias! Doch stimmen Mission und Messias nicht überein. Schon Maria, die ungebildete, aber lebensweise Mutter, stöhnt unter dieser Vielzahl, die jede Legitimation ad absurdum führt: „Ach, was sind wir für ein Volk, sagte sie und wurde plötzlich voller Zorn. Alle sehen Erscheinungen, alle hören himmlische Stimmen. Wie viele Propheten hat es nicht gegeben, und wie viele werden nicht noch kommen, und wozu hat es geführt?“ Sie hat ihre eigene Sicht auf die Dinge. Auch Josef, der Vater, hörte mitunter „dunkle Stimmen“, hatte unter ihr unverständlichen Gemütsschwankungen zu leiden, neigte zum schicksalsschweren Grübeln. Sie glaubt schlicht und einfach an – Vererbung!

Bereits an diesen wenigen Beispielen sieht man, daß Kirk viel daran setzt, die biblischen Personen von aller historischen und sakralen Patina, sie von allem verherrlichenden Glanze zu befreien, um den darunter versteckten einfachen und konkreten Menschen offen zu legen. Maria ist eine schlichte bäuerliche Frau, Judas ein karrierebedachter Intellektueller, Simon Peter wird als sanfter Riese entworfen, eine rauhe, jedoch gutmütige riesige Fischergestalt, ganz und gar nicht Fels, Matthäus ist ein zweifelnder Familienvater, der sich einmal im Leben etwas zutraut, Pilatus ist nicht der vorsichtige und sybillinische Politiker, dem man den weisen Satz „Was ist Wahrheit“ anhängen kann, sondern ein zynischer, überfressener und saufender Machtmensch, seine Frau keine empfindsam Träumende, sondern eine gelangweilte und verwöhnte Frau in der Midlife-Crisis, Simon von Kyrene ein schwächelnder Kaufmann und Bordell-Gänger usw. Kirk erzählt die Evangeliengeschichte nicht einfach nach und er vermeidet bewußt jegliches „Erlebnis“, jegliche „Innerlichkeit“ und „Heiligkeit“. Das sind keine Gestalten, denen man verklärend begegnen könnte, das sind ganz normale Menschen mit ihren Sorgen, Ängsten, Träumen und Hoffnungen. Als solche kommt ihnen der Leser sehr nahe, als verklärte Gründerfiguren einer Weltreligion könnten sie ihm ferner nicht sein.

Freilich darf man das nicht als Affront gegenüber der Religion verstehen, geht es doch Kirk viel mehr um die Verdeutlichung der Nähe zwischen urchristlicher und sozialrevolutionärer Intention, er will die politische Linke und das Christentum annähern. Es war wohl nicht sein Ansinnen, die christliche Geschichte umzuschreiben, vielmehr wollte er das durch jahrtausendalte Veneration verschüttete, das eigentliche Potential der Jesus-Gestalt aufzeigen. Daß er damit, gemessen am historischen und mythologischen Vorbild, zu kurz greift, versteht sich von selbst und wurde billigend in Kauf genommen, daß er das „Wesen des Christentums“, des Glaubens schlechthin, verfehlt, ebenso. Tatsächlich aber läßt sich eine entzauberte Jesus-Gestalt durchaus denken, fast nichts an Kirks Erzählung ist reine Fiktion. Im Gegenteil, mithilfe einiger stilistischer Mittel versuchte Kirk sogar, den religiösen Impetus lebendig zu halten und die Brücke zum glaubenden Lesepublikum zu schlagen. Etwa durch einen sehr hohen repetitiven Anteil, der beim modernen Leser vielleicht ein Gähnen erzeugt, der im religiösen Kontext aber nicht nur gestattet sein muß, sondern auch zur inneren Aussage wird. Das ist die geheime Mechanik des Gebetes, der Liturgie, des Chorals – ein Kritiker sprach, in Anlehnung an Bach und Händel, sogar von einer „mächtigen Wellenbewegung, die immer wieder zur einfachen Melodie zurückkehrt“[4]. Religion lebt von Wiederholungen und zwar weil sie, glaubensbegründet, mit dem permanenten Zweifel zu ringen hat, und da dieser nicht argumentativ oder rational zu beseitigen ist, muß sie zum didaktischen Mittel des Übens und des Einpaukens[5] greifen, der Wiederholung, der Rhythmen und traditionellen Abläufe von Jahr, Tag und Stunde. Kirk legt diese Bewegungslehre klarsichtig offen – man darf das nicht als literarischen Mangel mißverstehen.

Wenn Kirk des weiteren die hebräische Namensgebung nutzt – Jeschua, Meschischa, Ebjonim (die Besitzlosen) etc. – so darf das als weiterer Versuch, hohe Authentizität einzuklagen, aufgefaßt werden. Um die Identifikation allerdings nicht zu weit zu treiben und um den zeitgenössischen Bezug zu wahren, werden bewußt und vorzüglich an hochdiskursiven theologischen und philosophischen Schnittstellen moderne Begriffe eingebaut: „theologisch“, „politisch“, „historisch“, „Theorie“, „Agitation“, „proletarisch“ etc. Das mag dem puritanischen Geschmack aufstoßen, und das soll es auch! Die artistische Grundfrage: Was ist primär – Inhalt oder Form, Ethik oder Ästhetik – beantworte Kirk stets zugunsten der Aussage. Das ändert nichts daran, daß es an einigen wenigen Stellen trotzdem schmerzen kann, etwa, wenn Pilatus‘ Frau diesen einen Sadisten[6] schimpft.

Nur an zwei Stellen wird er religionshistorisch „kreativ“. Zum einen spielen Kaifas und Pilatus mit vertauschten Rollen, denn entgegen der biblischen Überlieferung wäscht der römische Statthalter seine Hände nicht in Unschuld und überläßt den Juden das Todesurteil. Er ist es, der Jesus zur Verurteilung bringt und Kaifas und die Hohepriester lehnen jede Verantwortung ab. Zum andern wird Judas als Spion der Synode vorgestellt, der vorab, also bereits bevor er zum Jünger wurde, den Auftrag erhält, Jesus, seine Pläne und Wege auszuspionieren.

Kirk entwirft mit feinen Differenzen drei Formen der Gottesgefolgschaft und stellt sie gegenüber. Da ist Matthäus‘ Vater, der auf des Apostels Eifer antwortet: „Das sind schreckliche und gotteslästerliche Worte. Hat der Herr nicht selber zwischen arm und reich unterschieden, und das sollen wir niederreißen? Hat er nicht einige zu Herren und andere zu Dienern geschaffen, und nun wollt ihr alle gleich machen? Dem einen hat er herrliche Wohnstatt und volle Vorratskammern gegeben, den andern hat er zu Schufterei und Mühe verdammt. … Wir können uns nur demütig seinem Willen beugen.“ Er vertritt die Position des von einer Überwältigung ausgehenden resignierten Dienens, seine Gottesgefolgschaft folgt den Anforderungen des Seins, dessen, was ist.

Kaifas hingegen argumentiert klerikal-pragmatisch und machtlogisch: „Unsere Stärke, wenn man so will unser einziges politisches Aktiv, ist unser Glaube, oder besser gesagt unser wohl organisiertes Priestertum und dessen Tradition.“ Den institutionellen Vorgaben zu folgen, heißt Gott am besten gerecht werden.

Schließlich vertritt Jesus, wie gesehen, die dritte Variante; sie besteht im bedingungslosen Glauben, der so lange zur Untätigkeit verurteilt, bis ein untrügliches Zeichen des Herrn erfolgt.

Alle drei Formen führen bei Kirk ins Nichts, das heißt in den Stillstand, in die bloße Bestätigung der gegenwärtigen Zustände. Erst der durch den Gang der Dinge geläuterte Zelot Simon – die einzige Figur, die überhaupt eine Entwicklung, vom Anhänger zum selbstverantwortlichen Individuum, durchmacht –, erst Simon also, den man nun als Sprachrohr Kirks erkennt, spricht Gott die Legitimation als Entscheidungsträger und geschichtshandelndes Subjekt ab; er inthronisiert den Mensch, oder genauer: das Volk. Der Zelot vertritt das Volk, er ist der einzige, der seinen Zorn aufrecht erhält, er ist der eigentliche Sohn des Zorns.

War zu Beginn vom säkularisierten Jesus die Rede, so wird nun deutlich, daß Kirk mit „Vredens Søn“ vielmehr ein dialektisches Spiel von Entmythologisierung und Neumythologisierung treibt. Es wird ein neuer Jesus-Mythus geschaffen, stark gereinigt von allem „Mystischen“ und dieser wird in den Fortschrittsmythos, der bei Kirk selbstredend marxistisch motiviert ist, eingebettet, als Teil, aber nicht mehr als tragendes Teil. Jesus selber war und wird vom Volk getragen.

Jesus bleibt, in einem Buch, das ihm offensichtlich gewidmet ist, eine ephemere, schattenhafte und kaum zu fassende Figur. Zwei andere Hauptfiguren der christlichen Tradition weisen dagegen ziemlich klare Konturen auf und stellen eine interessante Neuinterpretation dar: Judas und Maria.

3.1. Judas

Morton Thing gibt in seiner voluminösen Kirk-Biographie ein Gedicht Kirks aus dem Jahre 1953 mit dem Titel „Judas“ wieder:

Man hat mich verleumdet.
Niemand hat verstanden
Die Rücksichten, die ich gezwungen war zu nehmen.
Ich trage eine Verantwortung,
viele andere Schicksale
lagen wie ein Mühlstein auf meiner Schulter.

Was wäre geschehen,
wenn ich nicht genauso gehandelt hätte,
wie ich es damals tat, liebe Leute?
Vermutlich hätte das Volk sich erhoben,
Voller Zorn
Gegen der Römer gepanzerte Macht.
Stellt euch nur die grausamen Massaker vor
Mit Sorgen und Jammer, Ströme von Opferblut.

Und war das das Ziel?
Nein, zu finden galt es
Eine gute, verantwortliche, sachliche, praktische Lösung.
Wir mußten Christus hängen!
                                                               Deshalb, Freunde,
Nahm ich meine Verantwortung wahr,
Zusammen mit den Diäten – den dreißig Groschen.

Auch wenn der poetische Judas nicht deckungsgleich mit dem des Romans ist, so wird doch eine Grundeinstellung deutlich. Judas agiert hier aus Verantwortungsbewußtsein, um ein abzusehendes Blutvergießen zu verhindern. In der theologischen Diskussion wurde immer wieder das Paradox der Verwerflichkeit bei gleichzeitiger Notwendigkeit des Judasverrates thematisiert – um die Prophezeiungen einzulösen, um das Symbol des Kreuzes zu schaffen, um die Auferstehung vorzubereiten etc. Aber um ein Blutbad zu verhindern, aus humanitären Gründen – ob ehrlich gemeint oder rationalisiert – das dürfte ein originelles Eigengewächs Kirks sein! In gewisser Weise wird ein demokratischer, durch die Kantsche Philosophie, die Aufklärung hindurchgegangener Judas entworfen, dem es unmöglich ist, Menschen als Mittel zum Zweck zu betrachten, und der alles dafür tut, die unmittelbare Menschlichkeit durchzusetzen. Geht man zu weit, in diesen Zeilen Kirks (ironische?) Auffassung zur westlichen Demokratie offenbart zu sehen?

In „Vredens Søn“ hingegen ist Judas ein „stikker“, ein Verräter und Denunziant von vornherein, nicht aus der Logik der Geschehnisse heraus, sondern im modern politischen Sinn. Deshalb auch das Wort „stikker“, das dem Dänen unmittelbar den Bezug zur Kollaboration während der nationalsozialistischen Besatzung Dänemarks durch Hitlers Truppen signalisiert. Und es ist auch kein Zufall, daß Judas in diesem Zusammenhang als junger Intellektueller mit persönlichen Karriereplänen vorgestellt wird. Beim Wein und von Selbstzweifeln angefochten denkt er: „Komm nun zur Vernunft, Judas. Du hast ja in Wirklichkeit wie ein guter Staatsbürger und ein vernünftiger Mensch gehandelt. Der Torheit mußte ein Riegel vorgeschoben werden, bevor alles in Gefahr gebracht worden wäre, und es war deine Pflicht, es zu tun. … Du bist jung, du hast dir mächtige Wohltäter geschaffen, und eine glänzende Karriere erwartet dich.“ Die Kritik war sich schnell einig, daß sich darin Kirks Abneigung gegen den Typ des Intellektuellen aussprach, besonders des Intellektuellen während der Besatzungszeit. Damals gab es demnach nur wenige, die den Weg des Widerstandes oder gar der Gefangenschaft oder der Illegalität – wie Kirk und viele seiner kommunistischen Bekannten – gegangen sind, viel mehr gab es einen erstaunlich hohen Grad an Bereitschaft zur Duldung, wenn nicht gar Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern. Andererseits thematisiert Kirk einen seiner Lebenswidersprüche: die Abscheu gegenüber Intellektualismus und Gutbürgerlichkeit, andererseits das eigene Intellektueller-Sein.

3.2. Maria

Für eine Anthologie „Das Beste, das ich schrieb“, reichte Kirk nicht etwa einen Ausschnitt aus „Die Fischer“ oder „Die Tagelöhner“ ein, sondern Marias Zusammenkunft mit Jesus. Die Überraschung ist für den Kenner des Kirkschen Werkes nicht ganz so groß, weiß er doch um die vielen starken Frauenfiguren, die Kirk insbesondere in seinen großen Kollektivromanen gelangen und denen er besonders viel Aufmerksamkeit widmete. Trotzdem läßt die Wahl aufhorchen.

Werner Thierry gibt eine schlüssige Erklärung: „Nach und nach, wenn man (das Kapitel) im Laufe der Jahre mehrere Male gelesen hat, geht einem auf, daß wir hier einen der seltenen Fälle haben, wo ein Künstler ein Werk geschaffen hat, das keinem anderen gleicht – oder vielleicht genauer ausgedrückt: ein Werk, worin sich etwas verbirgt, das nie zuvor in dieser Gestalt das Licht erblickt hat.“[7]

Für viele die Heilige Mutter Gottes, quasi selbst göttlichen Status‘, die Madonna, la immaculata, die Unbefleckte, die Makellose, von Millionen Menschen angebetet, die prototypische Jungfrau, Trägerin der weißen Lilie, Inbegriff der weiblichen Vollkommenheit, Gegenstand der Mariologie und Marienverehrung …, ist sie für Kirk eine abgearbeitete, vom Leben, von schwerer Arbeit und vielen Geburten, Not und Drangsal gezeichnete Frau, mit vertrockneten Brüsten und faltigem Gesicht, knorrigen, schwieligen Händen, eine „kräftig gebaute Allerweltsfrau/Kleine-Leute-Frau? (svær almuekvinde), mit weißem Haar“, ein abgearbeitetes altes Weib, oder auch, in der Selbstcharakterisierung, ein „armes Bauernmädchen, das nie etwas anderes gelernt hat, als für den Unterhalt zu schuften und sich vor dem Volksmund in Acht zu nehmen“, einfach in ihrem Wesen, ungebildet, unverständig ihrem Erstgeborenen gegenüber. Mit nahezu blasphemischem Willen zur Konkretheit und dem Blick eines Bildhauers beschreibt Kirk bis ins kleinste Detail die Verlebtheit dieser Frau und vergißt selbst die „großen Krampfadern an den dicken Frauenbeinen“ nicht.

Sie kommt ihren Sohn besuchen, um ihn zur Rückkehr zu bewegen, und als sie die Aussichtslosigkeit begreift, um sich von ihm ein letztes Mal zu verabschieden, ihn noch einmal in den Armen zu halten. Immer wieder gesteht sie ein, nichts von Jesu Lehre und Worten etwas zu verstehen, denn sie sei nur „eine alte törichte Frau“, „nur“ eine Frau schlechthin. Sie könnte eines jeden Mutter sein, beobachtet der Zelot. Simon Peters Verehrung wischt sie mit unwilliger Geste grob beiseite. Sie hat ein flottes Maul, ist schnell erhitzbar und scheut auch die Platitude nicht, etwa wenn sie sich über „die heutige Jugend“ erregt, die es nicht mehr gelernt habe, die Eltern zu ehren und statt auf diese zu hören, selbst Regeln und Gesetz verkünden wolle. Im Gespräch mit Simon Peter entwirft sie ihre Vererbungstheorie, denn alles liege im Blute Josefs und damit auch Davids. „Er glich seinem Vater, in Josefs Familie waren sie klug und machten sich viele Gedanken, die wir anderen nicht immer verstanden. Das lag ihnen wohl im Blut, denn sie stammten von David ab…“ Und im Gespräch mit ihrem Erstgeborenen wiederholt sie diesen Gedanken: „Du hast seine Sorgen und seine Freuden geerbt, und die Stimmen, die zu ihm sprachen, sprechen auch zu dir.“

Aber Jesu Traum kann sie nicht mehr folgen, der harte Alltag, die rohe Realität haben Träume und Gottesnähe verdrängt: „Wenn man alt ist wie ich, dann scheint es einem, als sei der Herr schrecklich weit weg.“ Was von ihrem hoffnungsvollen Kindheitsglauben blieb, ist dieser kümmerliche Rest: „Je älter ich werde, desto ferner ist mir der Herr. … Er sagte zum Manne: In deines Schweißes Angesicht sollst du dein Brot essen! Und zur Frau: In Schmerzen sollst du deine Kinder gebären! Das sind die beiden Worte des Herrn, auf die wir uns ewig verlassen können, und im Übrigen müssen wir unser Los tragen, wie es fällt. Was geschehen soll, das geschieht.“

Was geschehen soll, das geschieht – diesen Satz wird sie nicht müde zu wiederholen und er dürfte beides sein: verinnerlichtes fatalistisches Credo und Gerede. Jesu Berufung hält sie – sie, die nach biblischer Vorgabe – Lukas 1, 26ff. – vom Erzengel Michael besucht wurde, sie, der als werdender Mutter, von Propheten und Erleuchteten die Geburt des Außerwählten angekündigt wurde -, Jesu Berufung hält sie für eine Modeerkrankung, eine Art Hysterie: „Ach, was sind wir für ein Volk, sagte sie und wurde plötzlich voller Zorn. Alle sehen Erscheinungen, alle hören himmlische Stimmen. Wie viele Propheten hat es nicht gegeben, und wie viele werden nicht noch kommen, und wozu hat es geführt?“ Keinem Geringeren als ihrem Gottes-Sohn gesteht sie ihren Groll auf Gott – „denn ihr Leben war allzu schwer und bitter.“ Da ist sie, als sie noch einmal ihr Leben Revue passieren läßt, voller Zorn.

Mehrere Male nutzt Kirk das Adjektiv „zornig“ und vielleicht erklärt sich an dieser Stelle der etwas kryptische Titel: „Zornes Sohn“. Diese tief zornige Frau trägt den Zorn aller vom Leben mißhandelten Menschen in sich, aller, die unter den unerfüllbaren Ansprüchen eines fordernden Jahwe leiden, aber auch derjenigen, die in Armut und Elend aushalten müssen und nicht wissen, warum … Ihr Sohn ist Ergebnis dieses Zornes.

Aber sie ist auch die liebende Mutter, die den Sohn zärtlich streichelt, seinen Kopf in ihren Schoß legt und ihm alte Kinderreime vorsingt. Im Grunde hält sie ihn für „krank in der Seele“. Einst hatte sie gehofft, er könne es bis zum Viehzüchter bringen – wie eine weise Frau in der Kirkschen Lesart einst prophezeite –; auch jene Hoffnung wurde enttäuscht. Am Ende aber findet sie sich auch in dieses Schicksal. Man meint eine Strenggläubige der Inneren Mission[8] zu hören, wenn sie ihren volkshaften Fatalismus vertritt: „Wurde jemand krank, dann lobten wir den Herrn, wenn er nicht starb, und konnte eines der kleinen Geschwister nicht leben, weil nicht genug zu essen war für die vielen Münder, dann dankten wir inmitten der Sorgen, weil der Herr dem kleinen Menschen Friede gegeben hat.“

Kirks Entmythologisierungsversuch wird anhand keiner Figur so weit getrieben wie an Jesu Mutter Maria. Als Heilige wird sie gnadenlos entthront, ja erniedrigt, als Mensch an sich dafür erhöht. Sie reiht sich in der Tat in die Phalanx starker Frauen ein, die sein literarisches Gesamtwerk durchziehen. In ihr finden sich Züge wieder, die der Leser von Tea, Tabita und Tora aus den großen Romanen kennt. In ihnen vereinen sich „weibliche Qualitäten“ – Sensibilität, Weisheit, Direktheit.

  1. Politische Aspekte

Für den dänischen Leser der Zeit war die politische Aussage des Werkes inklusive der beißenden Kritik an nationalen Zuständen unübersehbar.

Weniger vielleicht noch auf der Ebene der Urgeschichte des Christentums, die Kirk in eine Wurzelbehandlung des kommunistischen Mahlwerkes umschreibt. Tatsächlich läßt er bereits die frühen Christen, insbesondere die kampfbereiten Zeloten die Machtfrage stellen: „Wollt ihr sein (des Reichen) Eigentum mit Macht nehmen?“ – „Was mit Macht genommen wurde, werden wir mit Macht wieder nehmen. Wir werden unser Land von den Fremden befreien, und danach werden wir das Himmelreich errichten, wo jeder sein täglich Brot bekommt. So will es der Herr.“

Das sind Worte, die so oder ähnlich durch die Jahrhunderte hallen, sie wurden möglicherweise tatsächlich bei den Urchristen gesprochen, sie tauchten als weltliche Forderungen bei den Häretikern des Mittelalters – den Albigensern, Waldensern, Hussiten – wieder auf, nahmen in den ketzerischen nachreformatorischen Bewegungen erneut Fahrt auf – Thomas Müntzer, Jan van Leyden etc. – und bekamen in den radikalen Positionen der linken Überholer der Französischen Revolution – Jaques Roux, Babeuf – oder den Frühsozialisten – Saint-Simon, Fourier, Weitling – die letzte Schärfe, bevor sie unter Marx‘ dialektischem Schleifstein zu veritablen und praktisch anwendbaren Waffen geschmiedet, „zur materiellen Gewalt“ wurden. Sowohl die Fanfarenklänge als auch die Schmerzensschreie dieser Tradition werden hier hörbar gemacht. Es kommt freilich nicht zum Ausbruch, nicht zuletzt, weil der Messias, der Führer, einmal mehr versagt; nur individuelle Aktionen, wie schon im „Sklaven“ führen zu symbolhaften Siegen.

Und unter dieser „Schlappe“ litt Kirk! Daß Dänemark sich nahezu kampflos der deutschen Übermacht ergab, daß es zahlreiche Kollaborateure, Spitzel und Profitanten gab, daß die Widerstandsbewegung nur kleine, eher symbolische Nadelstiche setzen konnte, das entfremdete Kirk von seinem Volk.

Selbst ist er 1941 – wie nahezu die gesamte dänische Linke – ins Gefängnis gegangen und hatte nach der Flucht 1943 weiter im Untergrund gearbeitet. Knapp 900 Dänen verloren im Widerstand, 600 in deutschen Konzentrationslagern ihr Leben, aber 6000 dienten freiwillig in der SS und 40 000 wurden nach Kriegsende als Kollaborateure verhaftet. Nach dem Abzug der deutschen Truppen entlud sich die Wut und die Scham der Dänen in zahlreichen lynchartigen Übergriffen auf „stikker“ (Denunzianten), „værnemager“ (Kollaborateure), „feltmadraser“ (Feldmatratzen) und „tysketøser“ (Deutschendirnen). Und wenn Kirk den Zeitjargon ganz bewußt bricht und Judas etwa als einen „stikker“ beschreibt, wenn aufgebrachte Menschen in Jerusalem Häuser von Waffenlieferanten oder Soldatenbordelle plündern, wenn er das unruhige Leben des „modstandsfolk“, der Widerstandkämpfer, wiederbelebt, die keine zwei Nächte am selben Ort bleiben können, wenn er schließlich selbst nicht davor zurückschreckt von „Nachrichtendienst“ („efterretningstjeneste“) zu sprechen oder die Römer als „Herrenvolk“ betitelt, dann wird überdeutlich, fast zu deutlich, wen Kirk erreichen und treffen wollte.

Künstlerisch ist dieses Verfahren höchst suspekt, keine Frage! Aber Kirks Jesus-Roman sieht ihn bereits auf dem Weg, sich von der Kunst endgültig zu trennen zugunsten der direkten politischen Aussage. Daß es sich um keinen „historischen Roman“ mehr handelt, wie ein Teil der Kritik noch meinte, ist offensichtlich, auch wenn durch das historische Sujet und die bewußte Hebräisierung von Namen versucht wurde, den aktuell-politischen Impetus zumindest in der Schwebe zu halten. Das gelingt allerdings nur bedingt und nur unter ästhetischen Verlusten. Dem erregten Lesepublikum Anfang der 50er Jahre mag derweil nichts ferner gelegen haben als ästhetischer Genuß. Die historische Analogie zwischen Römern und Deutschen etc. dürfte niemandem entgangen sein und damit der hochsymbolische politische Aspekt des Werkes.

Es war der künstlerische Versuch, direkt mithilfe eines Romans in den politischen Diskurs einzugreifen und dieser Versuch wurde mit den Folgeromanen „Djævelens Penge“ und „Klitgaard og Sønner“ noch einmal deutlich verschärft. Somit läßt sich „Vredens Søn“ fast nahtlos in die innere Transformation Hans Kirks einordnen – seine Nachkriegsromane bilden durchaus eine direkte Linie.

© Leni Madsen / Kirk 1941 im Gefängnis

[1] Wie der Starkritiker und Literaturhistoriker Sven Møller Kristensen anmerkte.
[2] Die Eiferer – jüdische paramilitärische Widerstandsbewegung gegen römische Besatzung.
[3] Essener: Jüdische Sekte
[4] Werner Thierry: Hans Kirk. S. 92
[5] Sechs Jahrzehnte später, 2009, wird dieser Gedanke – Religionen als Übungssysteme – in der modernen Philosophie wieder aufgegriffen und ausführlich analysiert: Peter Sloterdijk: „Du musst dein Leben ändern“.
[6] Der Begriff erklärt sich von de Sade her, einem französischen Aufklärer.
[7] Werner Thierry: Hans Kirk. S. 98
[8] Streng pietistische evangelische Kirche in Dänemark mit der Kirk sich in seinen Kollektivromanen intensiv auseinandersetzte.
Literatur:
Kirk, Hans: Vredens Søn. København 1950, 1. Auflage
Kirk, Hans: Vredens Søn. København 1969, Gyldendals Tranbøger (Zitatenquelle)
Andersen, Jens/Emerek, Leif: Hans Kirks forfatterskab. København. 1972
Jensen, Carsten: Folkelighed og Utopi: Brydninger i Hans Kirks forfatterskab. København 1981
Thierry, Werner: Hans Kirk. København 1977
Thing, Morton: Hans Kirks mange Ansigter. En biografi. København 1997
Übersetzungen: Seidwalk

siehe auch: Erhört eure Gebete!

Zorn und Thymos

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