Das Große im Kleinen

Im Mai hatte ich von einer jungen Frau berichtet, die in Wien, in einer Geburtsklinik erschrocken feststellen mußte, fast die einzige Schwangere zu sein, die kein Kopftuch trug. Daraufhin wählte sie eine katholische Geburtsklinik und brachte dort ihr Kind zur Welt. Allein, die Welt ist nicht mehr so …

Am zweiten Tag nach der Entbindung wurde ihr eine neue Zimmergenossin zugeordnet: Muslima. Soweit kein Problem. Doch das ließ nicht lange auf sich warten.

Nach und nach füllte sich das Zimmer – mit Männern! Die Klinikordnung sieht maximal zwei Besucher pro Raum vor, im Idealfall sind das je ein Angehöriger einer der beiden Wöchnerinnen. Besuchszeit von 16 Uhr bis 18 Uhr. Während sich die junge deutschzivilisierte Dame akribisch an die Vorgaben hält und ihr Mann – der übrigens kein Deutscher, sondern Osteuropäer ist – auch, kümmern sich die Bettnachbarn nicht darum.

Nicht nur klingelt ununterbrochen das Telefon und es wird lautstark in vermutetem anatolischem Idiom gesprochen, sondern man erscheint stets in der Großfamilie mit starkem Männerüberhang. Nun, da die junge Frau sensibilisiert ist, bemerkt sie, daß das in einigen anderen Räumen ähnlich funktioniert. Offensichtlich kommen nicht nur die jeweiligen Väter zu Besuch, sondern auch die Brüder oder Cousins oder Großväter oder alle zusammen und zwischendrin auch die vereinzelte, kopfverhüllte, gebeugte Großmutter.

An Ruhe für Mutter und Kind ist nicht mehr zu denken.

Aufgebracht wendet sich unsere junge Frau an die diensthabende Schwester. Die bestätigt: Ja, die Hausordnung gelte, sie werde gleich etwas sagen, habe aber noch zu tun. Es ist offensichtlich: sie scheut die Auseinandersetzung, vermutlich durch mehrfache schlechte Erfahrungen eingeschüchtert und konditioniert.

Die junge Mutter ergreift nun selbst die Initiative und spricht den Clan in ihrem Zimmer freundlich an: Es kommt, was kommen muß: nicht Verständnis, sondern Beharren auf der eigenen Position schlägt ihr entgegen, man fühlt sich angegriffen, sie wird beschimpft und belehrt. Die Leute am anderen Ende des Zimmers, am anderen Ende des Universums, verstehen das Problem überhaupt nicht. Sie habe doch gerade erst entbunden, sagt die junge Muslima immer wieder, als sei das ein Entreebillett in die Anarchie, als enthebe das, sich sozialen Konventionen unterzuordnen. Die Tatsache, daß es einer jungen Frau im Nachthemd unangenehm sein könnte, von einem halben Dutzend Männern umgeben zu sein, scheint den Kulturfremden nicht aufzugehen.

Um es kurz zu machen: der Streit eskaliert, alle sind genervt, schließlich sagt die Stationsschwester: Nein, das ginge nicht, man müsse die beiden trennen – und schaut dabei die junge Mutter an, so als sei sie der Störenfried. Die reagiert geistesgegenwärtig und sagt, daß sie keinesfalls in ein anderes Zimmer gehe, schließlich sei sie es ja, die sich an die Regeln halte.

Also wird der Muslima ein Zimmer zugeordnet. Vor diesem stehen bereits acht dunkelhaarige und dunkelhäutige Männer und wollen einen neuen Wiener begrüßen.

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