Der Ungar als Untertan

Pathetisch hatte Sándor Petőfi, der ungarische Nationaldichter schlechthin, in seinem Nationallied – das ich an anderer Stelle besprochen, übersetzt und vorgetragen habe –, Ungarn in sechsfachem kraftvollem Refrain vereidigt:

A magyarok istenére
Esküszünk,
Esküszünk, hogy rabok tovább
Nem leszünk!

Beim Gott der Ungarn
Schwören wir,
Schwören wir, Gefangene
wir nicht bleiben werden!

Gemeinhin wird „rab“ etwas dramatisch mit „Gefangener“ oder „Gebeugter“ übersetzt – für heute lese ich den Untertanen, wenn nicht den Sklaven heraus.

Wie ist die Lage? Haben die Ungarn sich Petőfis Schwur zu Eigen gemacht?

Sie stehen in Europa noch immer als eine Art Singularität dar. Schon zu Sowjetzeiten spielten sie im Verbund eine Extrawurst und hatten, nach langem Ringen, unter Kadars zweiter und ewig langer Periode, im sogenannten „Gulaschkommunismus“ einen überraschend hohen Lebensstandard errungen, der in mancher Hinsicht sogar den der DDR überragte. Sie hatten als erste einen wirklich ernsthaften Aufstand gegen die Russen gewagt (1956)  und von allen Versuchen (17. Juni, Prager Frühling 1968, Solidarność 1980 in Danzig[1]) den blutigsten Preis bezahlt – diese Geschichte wird hier erzählt.

Nun wehren sie sich gegen eine fatale Grenzöffnung und das deutsche Diktat, welches die EU willig akzeptiert. Sie reden viel, sehr viel von Volk und Nation, von Stolz und Tradition, sie trauern noch immer ihrem verlorenen Großreich nach, sie verteidigen mit Zaun und Waffen ihre Grenze, sie pflegen die Bräuche bis zur Ermüdung, sie trinken Pálinka und lokalen Wein aus Überzeugung …

Und doch sind sie innerlich Sklaven geblieben. Oder geworden? Darauf weiß ich noch keine Antwort, aber nach mehr als einem Jahr unter Ungarn wage ich die These: Ihr habt euren Nationalhelden verraten!

Irgendwo auf diesem Blog hatte ich geschrieben, daß die Liebe zu einem anderen Land facettenreicher und kritischer wird, je besser man es kennenlernt. Zuerst fasziniert das Andere, das Bessere, das Neue, das man begrüßend aufsaugt und in den Wahrnehmungsvordergrund schiebt, doch nach und nach, wenn man hinter die fein angestrichenen Türen, unter die bunten Teppiche und durch die beeindruckenden Parolen schauen kann, dann bröckelt regelmäßig der Putz und man merkt: Die sind anders, aber sie sind keinen Deut besser als andere, besser als wir Deutschen zum Beispiel. Sie haben ihre Vor- und ihre Nachteile, ihre Stärken und ihre Schwächen. Und ein bedeutender Nachteil der Ungarn scheint mir ihre innere Versklavung zu sein.

Nach außen Helden, nach innen Angsthasen – man könnte, euphemistisch, auch von Höflichkeit sprechen. Sie fürchten sich selbst am meisten. Diese These beruht einzig und allein auf individuellen Erfahrungen und ist daher mit Vorsicht zu genießen, und natürlich, gähhn, gibt es „den Ungarn“ nicht …

Von Anfang an fiel mir eine seltsame Zurückgezogenheit der Ungarn auf und gänzlich zugeknöpft werden sie, wenn man auf Politik zu sprechen kommt. Distanz bin ich aus England sehr wohl gewohnt: die Motive könnten nicht unterschiedlicher sein. Die Engländer sind wesenhaft reserviert und vorsichtig, sie sind apart und zwar aus einer tief sitzenden Überkultiviertheit und Distinguiertheit heraus. Den Europäer, den Deutschen und den Franzosen besonders, halten sie für eine Art Barbaren und sie haben – zumindest im Falle der Germanen – auch recht. Unsere Direktheit, unsere Ordnung, der Tatendrang, der Wille, alles gleich und perfekt und bis zum Ende zu erledigen, diese Zielstrebigkeit erschreckt die zarten, verfeinerten englischen Seelen. Sie reagieren meist mit Humor, den der Deutsche nicht zu entziffern mag, und dessen Versuche, selbst humorvoll und originell zu sein, meist fürchterlich peinlich enden – darüber könnte ich hundert Geschichten erzählen, doch sind die Ungarn unser Thema.

Bei ihnen liegt der Fall ganz anders, auch wenn er an der Oberfläche sich ähnelt. Engländer kann man mit Politik oder auch Philosophie geradezu ködern, Ungarn hingegen vertreiben. Und ich glaube, es sind Angst und Mißtrauen, die dafür verantwortlich sind. Das hat viele Ursachen und eine davon dürfte die Historie sein.

Die ungarische Geschichte, ich wiederhole mich, ist eine Geschichte der Niederlagen und Demütigungen – sie haben gelernt, in Jahrhundertlehren, den Kopf einzuziehen. Aber irgendwo muß diese Bewegung selbstregressiv geworden sein, denn die Tapferkeit „dem Feind“ gegenüber mag ich nicht anzweifeln. Heute haben sie Angst vor sich selbst. Sie sind zu einem Volk des inneren Duckmäusertums geworden, das sich vielleicht überhaupt nur noch am äußeren Gegner aufrichten kann?

Sie wehren sich nicht gegen Ungerechtigkeiten, die sie sich selber antun. In einer Sprachschule werden keine Löhne mehr bezahlt – die Lehrer gehen trotzdem brav zum Unterricht und tun nichts gegen den Mißstand. Ich war selbst an dieser Schule angestellt und habe, nachdem auch mein Lohn einbehalten wurde, sofort nachgefragt, wurde von einer Woche zur andern vertröstet und nachdem auch von mir eingebrachte Lösungsvorschläge im Schulinteresse nicht berücksichtigt worden, die Zusammenarbeit beendet und mir den mir zustehenden Lohn auf Heller und Pfennig auf Umwegen auszahlen lassen (legal natürlich). Die Ungarn hingegen machen einfach weiter. Man murrt untereinander, aber niemand wagt den Aufstand oder den solidarischen Schulterschluß. Und wer es als Einzelner wagt, fliegt.

Die Lehrer an den staatlichen Schulen stöhnen alle unter der Arbeitslast. Bereits jetzt kenne ich einige Fälle von Zusammenbrüchen, Burn Outs, schweren Migränen und unerklärlichen psychosomatischen Erkrankungen. Aber man kann nicht mit ihnen darüber reden. Sie ziehen die Schultern ein und senken die Stimmen und erzählen etwas von „was kann man denn machen?“ Schon im Habitus sind viele zu grauen Mäuschen mutiert. So schleppen sie sich von einem Wochenende zum anderen, von einer Ferienpause zur nächsten – nach Weihnachten gibt es bis Ende Juni keine Ferien mehr! – und verkriechen sich erschöpft danach in ihre Privatsphäre. Es ist kaum möglich, mit diesen Menschen in Kontakt zu kommen, nachdem die Haustür hinter ihnen zufällt. Vermutlich fürchten sie auch die deutsche Neugier und Aufdringlichkeit und das dauernde Fragen.

Aber selbst ohne diese Erschöpfung fehlt das eigentliche Interesse am anderen, am fremden. Wir sind, so frei darf ich sein, sicher nicht die uninteressantesten Menschen hier am Ort – sie müssen doch merken, daß die was zu sagen haben, es müßte Einladungen regnen, doch nichts dergleichen. In England konnte man sich vor invitations oft nicht retten und wir mußten eine Routine entwickeln, Absagen ohne Verletzungen auszusprechen … hier hingegen bleibt der Schritt auf den anderen zu aus.

Ausnahmen sind maximal jene Lehrer, die längere Zeit in Deutschland gelebt haben – sie wirken deutlich eigenständiger, individueller, kritischer, aufgeweckter …, aber sie leiden in doppeltem Sinne, denn sie verstehen ihr Leid zumindest.

Die Schüler sind brav und artig. Im negativen Sinne. Sie sind zurückgezogen, scheuen die Aktivität, den Eigenbeitrag, das Kreative. Deutsche Lehrer nerven sie wohl eher, weil sie sie immer wieder zwingen, aus der Komfortzone herauszukommen, sich zu produzieren, was ihrem Wesen widerspricht. Nur wenige sehen die Chance des Auf- und Ausbruchs. Auch hier mit Sicherheit jene, die in irgendeiner Form schon Deutschlanderfahrung oder vielleicht deutsche Elternteile haben. Die meisten wollen alles vorgesetzt bekommen, am liebsten Blättchen ausfüllen, abhaken, multiple-choice-Aufgaben abarbeiten, Filme angucken … alles, was sie daran hindert, aktiv zu werden, selbstständig zu denken, vor anderen sprechen zu müssen. Sie scheinen es sich abgewöhnt zu haben, über Probleme in abstrakten Begriffen oder auf kritische Art und Weise nachzudenken. Es ist, was ist – so what?

Wenige zeigen Neugier oder Lernfreude. Ihre Blicke sind leer. Im Gegensatz zu deutschen Schülern wehren sie sich wenig. Für französische Lehrer, die den Frontalunterricht über alles lieben, wären sie ein gefundenes Fressen, für deutsche Lehrer sind sie eine unendlich zähe Masse, die zu beleben man vergeblich versucht. Sie futtern alles stoisch in sich hinein. Sie haben eine Bedienkultur entwickelt: Lehrer, gib mir Futter, fülle mich ab, ich fresse alles, was du willst, und scheiß es wieder aus, wann und wenn du es willst und ansonsten kannst du mich mal und denk ja nicht, daß der Stoff mich irgendwie tangiert. Dabei bleiben sie freundlich und zuvorkommend – ohne zu lügen. Sie wollen ganz einfach nicht mit Problemen belästigt werden, ganz gleich ob es mathematische oder sprachliche oder politische Probleme sind.

Zur ihrer Verteidigung kann man das unmenschliche Lernpensum anführen. Sie mögen müde sein. Müde Sklaven! … Man erzieht Untertanen.

Die Lehrer scheuen den Konflikt, sowohl mit der Schulleitung als auch mit den Eltern und mit den Schülern sowieso. Nach außen sehen die Schulen wie perfekt geführte Unternehmen aus; alles läuft am Schnürchen, es gibt unglaublich viele Veranstaltungen, Sitzungen, Feiern, Wettbewerbe, Theater und Orchester, Traditionsabende, Bälle, Würdigungen, Bekenntnis– und Trauerstunden … Fast jedes Mal singt der Chor die ohnehin schon schwermütige, aber immerhin doch stolze und dramatisch kulminierende Nationalhymne – in schleppendem Larghissimo und „Lentissimo“, daß einem fast die Tränen kommen. Alle sind fürchterlich bemüht, unzählige Lehrer-Überstunden stecken darin, um nach außen einen enormen Wind erzeugen … der unbemerkt an den Herzen der Schüler vorbei weht.

Kommt man doch einmal auf die Ursachen zu sprechen, so wird mit Sicherheit die Kadar-Zeit verantwortlich gemacht. Auch die deutsche Ungarnliteratur kolportiert dieses Klischee immer wieder. Demnach habe Kadar sein Volk bestochen: Ihr haltet die Klappe und kuscht und wir garantieren dafür volle Gulaschtöpfe. Auch wenn es keine Lüge ist, ich halte diese Erklärung ebenfalls für eine Denkfaulheit! Warum denn war der Gulaschkommunismus mit diesem Volk überhaupt möglich?

Nein, die Antwort muß tiefer dringen und sie muß zugleich aktueller sein: Denn eines ist klar: Orbán ist Virtuose auf dieser Klaviatur.

[1] Ich übergehe einige kleinere Erhebungen in mehreren Ländern.

Siehe auch: Das tausendjährige Reich

3 Gedanken zu “Der Ungar als Untertan

  1. Ulrich Christoph schreibt:

    „Nach außen Helden, nach innen Angsthasen – […] und natürlich, gähhn, gibt es „den Ungarn“ nicht …“
    Untertanen mögen sie sein, aber wohl nicht vom Typus des Diederich Heßling, der angesichts des Kaisers im Berliner Tiergarten in eine Pfütze fiel. So zumindest habe ich Ihren Artikel verstanden.

    NB: Angesichts des melancholischen Gesamteindrucks, den „der Ungar“ beim Leser ihrer differenzierten Schilderung hinterlassen mag, darf ich an eine unangepaßte Persönlichkeit in einer weniger angepaßten Zeit erinnern, deren Werke mir unvergeßlich sind:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Tivadar_Kosztka_Csontváry

    Liken

    • Nein, Heßling-Typen sind es wohl nicht. Dafür mangelt es ihnen ja schon an positiver Identifikation. Ihr Verhältnis zu Kadar war und zu Orbán ist ein ganz anderes, als jener Kadavergehorsam. Sie knechten sich selbst. Die Furcht ist ihnen tief eingepflanzt, in mehreren hist. Schichten.

      Gerade vorgestern hat sich das wieder in einer Mikroszene verdeutlicht – vielleicht ist es lächerlich, so etwas zu attribuieren – aber ich habe mittlerweile zu viele vergleichbare Erlebnisse gehabt, um noch an Zufall zu glauben.

      Ich habe den Fußballclub vorzeitig verlassen, weil seit Wochen in dieser Altherrenmannschaft ein junger Kerl, Anfang 20, auftauchte, der uns allen spielerisch haushoch überlegen ist und dies durch endlose Dribblings allen einhämmern muß. Er zieht drei, vier Verteidiger auf sich – die ihn alle nicht vom Ball trennen können – und derweil stehe ich (weil ich der fleißigste Läufer bin, leider techn. nur bedingt tauglich) immer wieder völlig frei. Es genügte ein Paß und die Situation wäre gelöst. Aber der Paß kommt nicht, stattdessen rennt er sich doch am sechsten oder siebenten fest … und das Ganze von vorn.

      Es geht hier um Freizeitsport, um mal die-Sau-rauslassen, mal schwitzen, mal Kopf ausschalten. Zu hoher Ehrgeiz ist fehl am Platze. Da ich es sprachlich nicht klären kann, habe ich mehrere Male versucht durch Spielverweigerung meinen Unwillen zu zeigen und den Mannschaftssportgedanken anzumahnen. Es hat nicht gefruchtet – also bin ich mitten im Spiel gegangen.

      Nun, was ist daran typisch? Erstens: Wie kommt es, daß ein Jüngling ein Dutzend gestandener Männer brüskieren darf, die alle doppelt so alt sind? Wieso ermutigen sie ihn noch durch ihre Bewunderung? Und warum hat keiner den Mumm, etwas zu sagen? Weil sie – muß ich schließen – Angst voreinander haben, aus welchem Grund auch immer.

      Ich habe den Eindruck, daß, wenn diese Decke einmal platzt, wenn es zu politischen Unruhen käme, dies fast zwangsläufig sehr blutig werden könnte. Da ist viel zugestöpselte Energie – wie 2006

      http://www.spiegel.de/politik/ausland/wahlluegen-protest-ungarn-ruestet-sich-gegen-neue-krawalle-a-437876.html
      http://www.spiegel.de/politik/ausland/proteste-in-budapest-bereitet-euch-auf-euren-tod-vor-a-438015.html

      Ulrich Christoph: Danke für Ihre ausführlichen Schilderungen. Spiegelt sich die Befindlichkeit des ungarischen Untertans in der heutigen ungarischen Literatur? Wäre dies gelegentlich ein eigenes Thema in Ihrem Blog?

      Seidwalk: Spannende Frage! Sie zu beantworten, fehlt mir leider die Kompetenz.

      Liken

      • Ulrich Christoph schreibt:

        Dann bleibt immerhin die Vermutung, dass der Verteidiger des Individualismus, Sándor Márai, in seinem Heimatland noch einige Leser findet. Im Schlusswort zu seiner „Schule der Armen“ (A szegények iskolája) schrieb er 1947 unverdrossen: “ […] heutzutage gilt jeder für unmoralisch, der eine Privatperson bleiben will und es wagt, seine Stellungnahme zu verteidigen. Unser Zeitalter schleppt jeden auf den Scheiterhaufen, der sich weigert, sein Seelenheil in der Religion der Massen zu suchen; ohne besondere Lust und auch ohne die geringste Lust auf Märtyrertum wählen wir dennoch lieber den Flammentod, den die Inquisitoren unserer Epoche für den Individualisten bereithalten, als die Kollektive.“
        Ich habe nicht den Eindruck, dass sein Leitfaden für Menschen mit geringem Einkommen, der auf eine ganz eigene Weise dem Untertanentum einen Spiegel vorhält, veraltet ist.

        Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.