Nachtmahr

Heute Nacht hatte ich einen fürchterlichen Traum.

Manche Träume sind unerklärlich – andere kann man, mit ein bißchen Glück, auf ein Erlebnis des letzten Tages zurückführen. So einer war es diesmal.

Ich hatte, eher gelangweilt und nebenbei, irgendwo ein Video gesehen. Szenen einer Demonstration von Palästinensern und Türken in Berlin vor der amerikanischen Botschaft. Trumps Jerusalem-Beschluß erhitzte die Gemüter (warum eigentlich, was geht es diese Menschen an, wie die USA entscheiden?) Einige mutige Gegendemonstranten standen einsam am Wegrand und hielten ein Plakat „Solidarity with Israel“ oder so ähnlich. Ein junger heißblütiger Araber rannte wutentbrannt auf die Gruppe zu und entriß das Banner, zerriß es wohl auch, bevor er von drei oder vier gepanzerten Polizeibeamten gewaltsam zur Seite gerissen wurde und ihm nichts anderes mehr übrig blieb, als Israel mit Schaum vor dem Mund zu verfluchen. Ein anderer Demoteilnehmer nannte ihn dann „schwarzes Schaf“, die es überall gebe, auch bei den Israelis – wobei er abschätzig die Augen verdrehte[1].

Aber die Szene, die mich dann vermutlich in den Schlaf begleitete, war eine andere. Es waren die Worte eines weiteren Arabers, der ein Plakat bei sich trug, auf dem Israel nicht mehr zu sehen, in palästinensische Farben getaucht war. Zur Rede gestellt, sagte er animiert: „Diese Land ist Palestine, nur Palestine. In dieser Welt gibt`s nur Palestine, kein Israel!“

Im Traum sah ich dann ein eingemauertes Land, von hohen Deichen umgeben, das von immer höheren Wellen umspült wurde. Stetig stieg die Flut, ein wahrer Sturm zog herauf. Wild peitschte die Gischt über den Mauerkamm. Mehr und mehr Tropfen sickerten ein. Die Tropfen wurden Menschen, die Wellen wurden Heere, von hinten strömten immer größere Massen nach. Ein Tsunami (auch ein Tsunami-Video hatte ich mir gestern angeschaut). Der Deich mußte brechen!

Was nun geschah, war wohl einem weiteren Eindruck des Vortages geschuldet. Seit vielen Wochen stehen die Werke Imre Kertész‘ zu meinen Füßen. Ich wollte sie endlich weiter lesen. Hatte seinen weltberühmten „Roman eines Schicksallosen“ nie vergessen, auch seinen „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ nicht – so was steckt tief.

Seit Monaten schaut Kertész mich an, mit Blick nach oben, und mahnt auch dann, wenn man nicht daran denkt.

Im Traum sah ich Massaker, sah ich Transporte in Viehwagen, sah ich Lager, in denen abgemagerte, geschundene Menschen mit gelbem Stern am Revers sich dahinschleppten. An den Toren Männer mit Maschinengewehren, die höhnisch lachten. Statt Helmen trugen sie karierte Tücher auf den Köpfen. Blutige Messer baumelten an ihrer Seite.

Ich erwachte mit Herzklopfen.

Wie fühlt es sich an, in der heutigen Zeit Jude zu sein? Siebzig Jahre danach haben die meisten wohl helle Zukunftspläne. Hier und da ein Konflikt, ein Attentat, eine Bombe, aber das Leben im Ganzen ist ein friedliches. So werden sie denken.

Viele sind sich dessen wohl nicht mehr bewußt, aber die Geschichte Israels, die Geschichte des Volkes Israel, ist noch lange nicht zu Ende. Die schlimmsten Kapitel könnten noch folgen …

[1] Schwarze Schafe gibt es übrigens überall, außer bei der AfD: dort ist jeder, der in ein Fettnäpfchen tritt automatisch Symptom eines systemischen Versagens.
Advertisements

Ein Gedanke zu “Nachtmahr

  1. Ulrich Christoph schreibt:

    Am 6. April 2017 war dies hier noch unerwartet, kurios und beispiellos:
    https://www.nachrichtenxpress.com/2017/04/eilmeldung-russland-betrachtet-jerusalem-als-hauptstadt-israels/
    Man wartet geradezu auf den Plagiatsvorwurf an Trump.

    Zu den Israel drohenden Gefahren dürften in einer nicht allzu fernen Zukunft iranische Mittelstreckenraketen gehören, bestückt mit den Errungenschaften einer Technologie, deren Kritiker soeben in Stockholm geehrt wurden. Ob ein „Gleichgewicht des Schreckens“ nach dem Muster des Kalten Krieges helfen kann, darf man angesichts des im nahen und mittleren Osten bestehenden Ungleichgewichts (Bevölkerungszahlen und Größenverhältnisse) bezweifelt werden. Stoff für weitere Träume.

    Mögen Putins und Trumps Entscheidungen das Schlimmste verhindern.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.