Weise Weihnacht

Zum 2. Advent

Gunnar Gunnarsson, in Deutschland leider nur noch einigen Kennern ein Name, ein isländischer Autor, der seine besten Bücher auf Dänisch schrieb, gehört zu den großen skandinavischen Erzählern, in einer Reihe mit Hamsun, Falkberget, Duun, Laxness – und das wäre schon wahr, wenn er nichts weiter als diese kurze, aber großartige Geschichte „Advent im Hochgebirge“ geschrieben hätte. Tatsächlich zählen auch „Die Eidbrüder“, „Die Leute auf Borg“ und „Schwarzvogel“ zum Kanon der skandinavischen Literatur.

Diesen Autoren gelingt es immer wieder, das Einfache und scheinbar Banale mit Sinnschwere zu füllen, daß es einem manchmal den Atem verschlägt. Und nirgendwo ist das dichter gewebt als in dieser Erzählung, in der auf der Oberfläche nichts weiter geschieht, als daß ein Eigenbrödler (der Mensch…) zur Adventszeit in die schneeverwehten Berge (…und die Elemente) zieht um die verlorenen Schafe heim zu holen und, durch Mensch und Natur verursacht, verschiedene Abwege gehen muß, in der sich unter der Oberfläche aber ein ganzer Kosmos an meditativer Einsicht und Einfalt enthüllt.

Diese langsam und bedächtig vorgetragene Prosa ist geronnene, besser: gefrorene Philosophie, mehr noch, ist Weisheit. Kaum ein Satz, der nicht eine versteckte Wahrheit enthält, wenn man ihn nur richtig abzuwägen weiß, oder eine Weltsicht, eine feine tiefen-psychologische Einsicht, eine hintergründige Ironie, einen unverhofften Blick in eine Tier- oder Menschenseele wagt, eine animistische Beschreibung eines Naturphänomens oder eines scheinbar leblosen Dings versucht …

Ein kleines Buch von fast sakral-testamentarischer Größe, nicht nur auf der Handlungsebene (der Hirte, der die verlorenen Schafe rettet, das Weihnachtsthema, die zahlreichen biblischen Referenzen), sondern vielmehr auf einer allegorischen Ebene, in der es ums Wesen, um Sein oder Nichts und um Eigentlichkeit geht.

Man möchte fast raten: Nehmen Sie sich zwei Stunden Zeit, sorgen Sie für Ruhe und Einsamkeit, und lesen Sie dieses Buch. Warum nicht zu Weihnachten? So zumindest ist eines garantiert: Weise Weihnacht!

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Ein Gedanke zu “Weise Weihnacht

  1. Ulrich Christoph schreibt:

    Gunnar Gunnarsons „Eidbrüder“ stand in meines Vaters Bibliothek, neben Hamsuns „Pan“. Ich las es mit etwa 15 Jahren. Das Buch war einige Jahre später nicht mehr auffindbar, den Autor verlor ich aus den Augen. „Pan“ ist noch da, wunderbar gebräuntes Papier, auf dem Umschlag ein blau getuschter junger Mann, liegend unter knorrigen, ragenden Kiefern.
    Sie haben fünfzig Jahre alte Erinnerungen geweckt. Die Zeitmaschine wird gestartet.

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