Gespräch mit einem Polen

Junger Mann, vielleicht Mitte 30. Banker, angestellt bei einem großen internationalen Finanzunternehmen. Seit Jahren im Ausland unterwegs – hat in London, Prag, Mailand und Wien gearbeitet. In seinem jetzigen Team arbeiten Menschen aus 15 verschiedenen Nationen: die perfekte globalistische Karriere.

Wir wechseln vom Englischen ins Italienische ins Deutsche und wieder zurück, je nach Kontext und wie die Worte gerade kommen.

Er sagt: Der Westen habe ein vollkommen falsches Bild von Polen. Die deutschen und europäischen Medien würden nicht nur ein irriges, sondern auch ein schlechtes Bild des Landes und seiner Regierung zeichnen. Tatsächlich sei die Regierung Kaczyński – trotz vieler Schwächen – so populär wie selten eine. Kaczyński liebe sein Land, ganz im Gegenteil zu Tusk, der eine Marionette der EU sei und nach Merkels Anweisungen agiere. Kaczyńskis größter Fehler sei, das Flugzeugunglück seines Bruders in Smolensk nicht als solches anzuerkennen. Tusks größter Fehler sei, das Land zu verraten und die Identität der Polen rauben zu wollen.

Wie verkehrt die Wahrnehmung im Westen sei, das haben gerade erst die Demonstrationen zum Nationalfeiertag gezeigt. Die Presse habe das als Aufmarsch der Rechten und der Nazis dargestellt, tatsächlich aber sei das das Volk. Klar seien auch harte Rechte unter den Demonstranten gewesen. Die Botschaft des Aufmarsches sei aber eine, die von der überwältigenden Mehrheit der Polen unterstützt werde.

Als ich die Justizreform erwähne, die, wie man liest, die Gewaltenteilung gefährde, wird er lebhaft. Auch hier habe er eine andere Ansicht. Tatsächlich sollten damit alte Seilschaften, die bis in die kommunistischen Zeiten zurückreichen, ausgehoben werden. Und selbst wenn – wie ich anmerke – es totalitäre Entwicklungen in Polen geben würde, sie seien ihm, dem jungen Liberalen, lieber als der Verlust der nationalen Identität. Wenn diese eben nur durch eine starke politische Führung zu gewährleisten sei, dann sei es so!

Als wir über Deutschland sprechen, versagen ihm fast die Worte. Ungläubig schüttelt er mit dem Kopf. Er könne es einfach nicht verstehen, wie ein starkes Land, das in der Welt einzigartig dastehe, sich freiwillige Millionen Menschen fremder Kulturen ins Land hole, den eigenen ideologischen Gegner und Gegensatz.

(Es ist immer wieder beeindruckend, die schiere Fassungslosigkeit der Osteuropäer zu sehen, wenn es um die Migrationsströme geht.)

Der junge Mann hält das für höchst kriminell. In Polen undenkbar. Man bekomme dort wieder Angst vor diesem selbstherrlichen Deutschland, das offenbar seinen Verstand verloren habe und anderen Nationen wieder vorschreiben wolle, was zu tun und was zu lassen sei.

Zum Schluß empfiehlt er, in Wohnraum in Warschau zu investieren. Noch seien die Preise vergleichsweise niedrig, aber alles deute auf einen baldigen Run hin. Polen boome, habe auch wirtschaftlich Zukunft und bald werde seine starke Identität ein bedeutender Standortvorteil sein.

4 Gedanken zu “Gespräch mit einem Polen

  1. Lebensprießt schreibt:

    „Als wir über Deutschland sprechen, versagen ihm fast die Worte.“ Kann ich nachvollziehen, als Antwwort bleiben mir persönlich nur das alle vier Jahre fällige Kreuz auf dem Wahlzettel und eine entsprechende geistige Immunisierung der Kinder.

    So weit, so gut.

    Dann kommt dieser Satz: „Man bekomme dort wieder Angst vor diesem selbstherrlichen Deutschland, das offenbar seinen Verstand verloren habe und anderen Nationen wieder vorschreiben wolle, was zu tun und was zu lassen sei.“ Ja, der ist leider schon typisch polnisch.

    Ich hatte in den letzten Jahren einige Gespräche mit Polen. Auffällig ist ihre Sicht der jüngeren Geschichte, wonach Deutschland 1939 das arme, wehrlose Polen ruchlos überfallen habe.

    Ein sehr merkwürdiger Standpunkt, zumal er durch die historischen Fakten in keinster Weise gestützt wird.

    In Deutschland hat man auffällig viel Verständnis für dieses „arme, wehrlose Polen“, das immer nur Opfer war. Ich habe vielmehr ein tief gefühltes Verständnis für mein armes Deutschland, dem im letzten Jahrhundert zwei Freiheitskriege gigantischen Ausmaßes aufgezwungen wurden, und bei der Auslösung des 2. war Polen das ausschlaggebende, destruktive Zünglein an der Waage.

    Etwas mehr polnische Mäßigung, etwas mehr politische Weitsicht von Seiten der überhaupt nicht „armen“ sondern kriegstreiberischen Polen hätten vieles verhütet.

    Die ganze heutige deutsche Misere der Wehrlosigkeit, sie wurzelt in der Unkenntnis der eigenen Geschichte.

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  2. lynx schreibt:

    Da wird man schon sprach- und ratlos, wenn man mit ansehen muss, was für geschichtsvergessene und letztlich unpolitische Menschen der Neoliberalismus hervorbringt, gerade dort, wo er, mangels tradierten Widerstands, besonders schnell und heftig wirken konnte. Ich hoffe nur, wir müssen dort nicht noch weiter viele Steuermilliarden versenken und damit die Brut ernähren, die uns die Haare vom Kopf fressen will. Was wäre Osteuropa ohne die EU? Aber das Kalkül Putins geht ja offensichtlich auf. Der Westen wendet sich mit Grausen ab und die Russen warten nur auf die Gelegenheit. Wie verblendet kann man eigentlich sein?
    Eine Immobilieninvestition in Warschau: ideal für Geldwäscher, nichts für nachhaltiges Investieren.

    Und seit wann ist Nationalismus wichtiger als Demokratie? Oder, stark verkürzt: Tribalismus wichtiger als Aufklärung?

    Seidwalk: Sie haben recht: Sehr stark verkürzt! Da kann ich auch Zeitung lesen …

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    • Ulrich Christoph schreibt:

      re: Eine Immobilieninvestition in Warschau: ideal für Geldwäscher, nichts für nachhaltiges Investieren.

      Sind Sie vom Fach? Haben Sie einschlägige Kontakte? – nicht zu Geldwäschern, zur Immobilienbranche natürlich.
      Über eine Investition in Polen – nicht Geldwäsche – denke ich nach. Die Situation in Polen hat in gewisser Weise Ähnlichkeit mit dem Westdeutschland der 50er und 60er Jahre. Einige private Kontakte habe ich. Das heutige Deutschland ähnelt eher – ich finde keinen passenden Vergleich … lassen wir das, es liefe auf Verkürzungen hinaus.

      Lynx: Meines Wissens haben wir in 50/60er Jahren kein autoritäres System entwickelt, im Gegenteil. Kein vernünftiger Mensch investiert an solchen Orten, sofern ihm an der Sicherheit seines Investments gelegen ist und er eben nichts zu verschieben hat.

      Ulrich Christoph: Noch ist Polen nicht verloren, vertrauen Sie einfach auf Donald II.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Sie diagnostizieren Geschichtsvergessenheit und dazu einen Mangel an tradiertem Widerstand – und das nun gerade bei den Polen. Wollen Sie sich diese Aussage nicht vielleicht nochmals überlegen? Man mag ja dieses oder jenes aus dem Geschichtsverlauf ableiten wollen, aber von vorneherein eine andere Konsequenz aus der erlebten Geschichte, als man sie selbst ziehen will, dem Dissidenten als Geschichtsvergessenheit anzukreiden, scheint mir reichlich naive Selbstgewissheit anzuzeigen.

      Ich kann ja gut verstehen, dass wer im unbezweifelbaren moralischen Zentrum der Welt steht, also in Deutschland, anderen gerne freigiebig Lehren erteilt. Von deren Richtigkeit einmal ganz abgesehen, scheint die Belehrung aber überraschenderweise auch nicht zu verfangen. Ich verstehe schon, dass das nur am Springteufel der Gegenwart mit Namen Putin liegen kann. Gedichte sollten sich schließlich reimen, sonst kann Echo sie sich nicht merken.

      Nach den letzten Zahlen, die ich gelesen habe, empfängt Polen pro Jahr netto etwa 10 Milliarden Euro von der EU. Selbst wenn künftig durch den Abgang Großbritanniens Deutschland etwa die Hälfte der Nettozahlungen leisten sollte, würden uns die Polen also 5 Milliarden pro Jahr kosten. Und jetzt raten Sie mal, welche Haare-vom-Kopf-Fresser uns derzeit mindestens das Sechsfache kosten? Zuwachs pro Jahr bei der oft genannten Obergrenze dann weitere 4 bis 5 Milliarden pro Jahr, so diese nicht zu sehr „atmet“. (Bei diesem Vorgang hebt sich übrigens erst gewaltig die Brust, aber er endet immer mit einem gewissen Seufzer …)

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