Leerstand

Ein Leser, der sich als ostdeutscher Handwerksmeister und Besitzer eines Handwerksbetriebes vorstellt, schreibt mir:

„Mir fällt auf, daß in Ungarn sehr viele und teils sehr schöne Immobilien in schöner Lage zu (nach deutschen Maßstäben) äußerst günstigen Preisen angeboten werden. Teilweise sind diese erst wenige Jahre alt oder neu erbaut. Dieses Phänomen kann ich mir als Außenstehender nur schwer erklären. Es entsteht fast der Eindruck, daß viele ungarische Bürger ihr Land ,fluchtartig‘ verlassen.

Können Sie diesen Eindruck bestätigen?

Wenn ja, was können die Ursachen für diese Abwanderung sein? Perspektivlosigkeit? Rechtsunsicherheit? Die Vorstellung, im ,goldenen Westen‘ ein besseres (konsumorientierteres) Leben zu finden? …“

Ich werfe einen Blick in „Ebay Kleinanzeigen Ungarn Haus“ und in der Tat, es blättern sich hunderte Hausangebote auf, von denen die meisten neuere Bauten zu sein scheinen. Die Preise entsprechen – über den Daumen gepeilt – einem Drittel oder einem Viertel gar der deutschen Preise.

Haus in Toplage (180 m2) am Balaton und Thermalsee

Schaut man genauer hin, dann sind die Besitzer mitunter Deutsche, Österreicher oder Schweizer. Geschichten wie diese, spielen vielleicht auch eine Rolle: „Da sich leider seit langem unsere Lebenssituation geändert hat, müssen und wollen wir uns von unserem Traum von einem freien Leben in Ungarn verabschieden.“

Selbst wenn wir diese deutschen Schicksale ausklammern, bleibt der beschriebene Tatbestand bestehen: Auffällig viele Häuser stehen zum Verkauf. Es genügt ein Spaziergang durch einen beliebigen Ort, um das zu sehen. Ich frage kompetente Ungarn, warum so viele Neubauten darunter sind, und gebe deren Antwort wieder:

Demnach gibt es verschiedene Ursachen.

Da ist zum einen das „natürliche“ Phänomen der Erblosigkeit. Geburtenrückgang und Globalisierung – also Fortzug der Nachkommen – führen zum Verwaisen der erarbeiteten Güter. Einen besonders dramatischen Fall hatte ich in „Das Weingut“ beschrieben.

Das Phänomen ist auch regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. Während Wohnraum in Budapest und näherer Umgebung rasant an Wert steigt – man empfiehlt mir sogar, in kleine Wohnungen zu investieren –, sieht es auf dem Land oft anders aus. Ungarn ist extrem auf seine Hauptstadt fokussiert – vielleicht kann man es mit der Berlinzentrierung zu DDR-Zeiten vergleichen. Das Leben in den strukturschwachen Gegenden Ungarns kann ernsthaft hart sein. Dort gibt es wirkliche Armut und Verfall. Das gesellschaftliche Leben ist auf das Private zusammengeschrumpft. Die Jugend verläßt die Orte gen Hauptstadt oder Ausland, zurück bleiben die Alten.

Es entstehen auch sogenannte „Zigeunerdörfer“ – siehe ausgewählte Anzeige –, in denen sich vornehmlich diese Familien ansiedeln. Sie leben, wenn überhaupt, oft von sehr geringer Sozialhilfe. Die Ortschaften verslumen … Wer also gedenkt, sich Eigentum in Ungarn zuzulegen, sollte sich sehr genau die soziale und demographische Entwicklung vor Ort anschauen und vorausschauend agieren.

All das erklärt noch immer nicht den Anteil neuerer und wohlgebauter Einfamilienhäuser. Dafür werden vor allem zwei Ursachen benannt und beide Male ist „der Westen“ nicht ganz unbeteiligt.

Der ungarische Staat vergab bis vor ein paar Jahren sehr lukrative Kredite oder Bausparverträge. Diese waren jedoch an eine mehrjährige Wohnverpflichtung (mein Informant weiß leider die Dauer nicht mehr: fünf oder zehn Jahre?) gebunden. Viele hätten die Gunst der Stunde genutzt, um sich günstig, wohl auch als Anlage, ein Haus zu bauen, und nun, nachdem die Jahre abgelaufen sind, die familiären Situationen sich vielleicht geändert haben, wollen sie wieder verkaufen. Ob mit Gewinn oder Verlust entzieht sich meiner Kenntnis.

Das größte Problem jedoch sei ein Bausparkredit gewesen, den verschiedene Institute angeboten hatten, der sogenannte Frankenkredit. Die Konditionen schienen derart verlockend, daß offenbar sehr viele Geringverdiener ihre Chance gesehen haben auf die property ladder zu steigen. Man geht von bis zu einer Million Verträgen aus! Allerdings waren die Abzahlungsraten an den Wechselkurs (Franken-Forint) gebunden und der drehte sich mit der Finanzkrise 2008 dramatisch. Der Forint verfiel, die Kreditraten explodierten. Schuldner mußten Schulden aufnehmen, um Zinsen bedienen zu können. Dazu waren sie mit den schmalen ungarischen Verdiensten oft nicht in der Lage. Es kam zu vielen Zwangsversteigerungen.

Andere gingen in den Westen um Geld zu verdienen. Wie an anderer Stelle schon erwähnt, hat Ungarn über eine Million, also jede fünfte oder sechste Arbeitskraft, an die EU, besonders Deutschland verloren. Oft die besten und gebildetsten.  (Schon deswegen ist die Mär, vom absahnenden Ungarn, das nur europäische Gelder nehme, sich aber politisch verschließe, Unsinn, denn die Kosten-Nutzen-Rechnung ist für dieses Land alles andere als einfach und es ist durchaus denkbar, daß es mehr verloren als gewonnen hat.) Diese haben sich oft eine Existenz in D, A, CH oder GB aufgebaut und kehren nicht mehr zurück.

Was wir nun auf dem Markt sehen, sind demnach die zurückgelassenen, nicht mehr benötigten Häuser.

Informationen über den Franken-Kredit u.a. auf „Zeit“ und „Der Standard“:

Der Aufstieg des Schweizer Franken ruiniert Familien in Ungarn

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