Segen der Erde

„Den lange, lange sti over myrene og inn i skogene hvem har trakket opp den? Mannen, mennesket, den første som var her. Det var ingen sti før ham.”

Es gibt Bücher, die entziehen sich einer Rezension – wollte man ihnen gerecht werden, müßte man selber Bücher, vielleicht sogar ganze Bibliotheken vollschreiben. Die Bibel ist so ein Buch und Hamsuns „Segen der Erde“ ist auch so eines. Es ist wie eine Bibel. Alles, was ein Mensch wissen kann, alles, was für ihn wichtig ist, ist in diesem Buch enthalten.

Doch nicht für jeden Menschen. Nur für jene, die habituell, weil sie nicht anders können, durch die Oberfläche tauchen und zu den tiefen Gründen vordringen müssen. Zugegeben, dieser Menschenschlag ist am Verschwinden und wird systematisch ersetzt von Menschen und Lesern, die, wenn sie den Namen Hamsun hören, zum Beispiel nur noch „Nazi“ assoziieren. Die linke Literaturkritik konnte mit dem Buch noch nie etwas anfangen, fand es langweilig und affektiert[1], für die Rechte ist es seit je ein Kraftborn[2].

Es ist immens. Hamsun selbst mußte sich das eingestehen, noch bevor er es zu schreiben begann.[3] Der Nobelpreis war die logische Folge. Aber es ist auch ganz einfach, denn Hamsun gelingt es – im Übrigen nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal; alle seine Bücher seit „Pan“ zeichnen sich dadurch aus – die unüberblickbare Vielschichtigkeit und Verwickeltheit menschlichen Seins auf die Grundkonstanten zusammenzudampfen, ohne die Komplexität aufzugeben. In „Segen der Erde“ tut er dies mithilfe einer archaischen, man kann sagen, einer biblischen Situation: „Der lange, lange Pfad über das Moor in den Wald hinein – wer hat ihn ausgetreten? Der Mann, der Mensch, der erste, der hier war. Für ihn war noch kein Pfad vorhanden.“

Er beschreibt das Leben des Einödbauern Isak, der sich wildes, unerschlossenes Land, weitab der Zivilisation, erschließt, sich eine Frau nimmt – Adam und Eva –, die gut und stark ist, aber eine Hasenscharte hat, sich mit ihr etwas aufbaut, Kinder zeugt … alles nach den Gesetzen der Natur, der natürlichen und der menschlichen Natur. Doch indem sie wachsen, ändern sich die Menschen. Der erste tiefe Einschnitt ist ein Mord. Inger, die Frau, tötet ihr neugeborenes Kind, weil es wie sie am Erbschaden leidet, weil es ihm ein Leben mit Behinderung und Spott nicht zumuten will. Jahre später kommt sie dafür ins Gefängnis in der Stadt. Und die Stadt verändert sie einmal mehr.

Als sie nach sechs Jahren zurück kommt, fällt es ihr schwer, sich den natürlichen Rhythmen wieder unterzuordnen. Plötzlich hat sie Vorstellungen und Träume, Unzufriedenheit schleicht sich ein, sie beginnt, ihren Mann zu betrügen, auf der Suche nach mehr.

Auch die beiden Söhne gehen ganz unterschiedliche Wege: Kain und Abel. Der eine bleibt im Land verwurzelt, hat mystische Visionen, der andere lernt in der Stadt und wird ein Schwächling voller Träume und Phantasien, die zu verwirklichen ihm die Kraft fehlt. Das ist der neue Mensch, der letzte Mensch, der nur noch einen Ausweg kennt: die Flucht nach Amerika, wo er als Namenloser in der Unendlichkeit verschwindet.

Aber auch das Land verändert sich. Je größer Isaks Hof wird, je mehr Kontakt er zur Außenwelt aufnehmen muß, umso mehr ist er den wirtschaftlichen und sozialen Gesetzen unterworfen. Er hat das unberührte Land erschlossen, er ist den ersten Weg gegangen, den nun andere auch nehmen können. Bald siedeln sich weitere Bauern an, jeder für sich eine Entität. Einmal aus der Anonymität gerissen, wird das Land, in dem auch Erze lagern, für Spekulanten interessant. Geißler, ein Entrepreneur, ist so ein faszinierender Typ. Er hilft Isak wo immer er kann, ohne seinen eigenen Vorteil zu vergessen, aber diese Hilfe ist dazu bestimmt, das einstige Paradies in eine moderne – kann man Hölle sagen? – zu verwandeln. Nein, Hölle ist zu stark, denn Hamsun beschreibt auch die Moderne in ihrer Dialektik.

Dabei findet er eine neue, alte, eigentlich unerhörte Sprache. Man könnte meinen, Hamsun mache sich über seine Leser lustig, wenn er in Zeiten, in denen Autoren wie Thomas Mann – der im Übrigen Hamsuns größter Bewunderer war – an den perfekten Sätzen feilten, in denen die Perfektionssucht, wie etwa bei Paul Heyse bis ins Kitschige abglitt und noch immer mit Nobelpreisen belohnt wurde, Sätze wie Pfähle einhämmert, Lehrsätze, die einerseits fast primitiv wirken, die andererseits aber so unauslotbar sind, daß es einem den Atem verschlägt. Und dann auch noch mit Ironie, immer wieder mit zwinkernden Augen. Was bei anderen unmöglich klänge, banal, naiv, lächerlich, wird bei Hamsun – man weiß nicht, wie – zu Quintessenzen.

Wir Deutschen haben einen großen Vorteil. Nicht nur sind die klassischen Übersetzungen aus dem Albert Langen Verlag kongenial geglückt, sondern die deutsche Sprache eignet sich wunderbar, die Hamsunsche Prosa wiederzugeben, ja sogar zu bereichern. Es ist kein Zufall, daß Hamsun, in Norwegen gefeiert – aber Norwegen ist klein –, seine größte Leserschaft schon immer in Deutschland hatte. Mancher meint, das läge an „Blut und Boden“ – Unsinn! Es liegt an der Wesensverwandtschaft und an der Sprache. (Ich werde mich später einmal einer sprachvergleichenden Lektüre widmen.) Natürlich ist es ein großartiges Erlebnis, Hamsun im Original zu lesen, aber wenn es schon nicht geht, dann bitte auf verzauberndem Deutsch.

Noch habe ich fast nichts über dieses Buch gesagt – man müßte selbst Bücher schreiben. Wenn ich persönlich werden darf, dann nur noch dieses: Es gibt zwei Autoren, zu denen ich immer wieder zurückkehre, insbesondere in schwierigen Lebenslagen, wenn Dinge ins Rollen kommen, man den Boden unter den Füßen zu verlieren droht. Zwei Autoren, die mich alles lehren, was man wissen muß, um – wie man sagt – geerdet zu werden: Seneca und Hamsun.

Heute, genau heute vor 100 Jahren, erschien „Markens Grøde“, „Segen der Erde“.

Tolle et lege!

[1] Exemplarisch: Jørgen E. Tiemroth: Illusionens Vej. Om Knut Hamsuns forfatterskab. København 1974
[2] https://sezession.de/6283/
[3] Knut Hamsun: Brev 1915-124, S. 125

4 Gedanken zu “Segen der Erde

  1. Ulrich Christoph schreibt:

    Wells scheint, ähnlich seinem Kollegen Chesterton, ein wenig schusselig gewesen zu sein; beide waren, wie auch Wodehouse und Jerome K. Jerome Mitglieder des „Allahakbarries amateur cricket team“. Wikipedia notiert: „The team was named by Barrie [dem Gründer], both after himself and in the mistaken belief that Allah akbar meant Heaven help us in Arabic (rather than God is great)“.

    https://en.wikipedia.org/wiki/Allahakbarries

    Meine Güte, welch ein illustres Team!

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  2. Ulrich Christoph schreibt:

    Ein Zitat:
    „Anno 1929
    empfahl H.G.Wells (1866-1946) einen neuen skandinavischen Dichter.
    Es war ihm unbekannt geblieben, daß der neue skandinavische Dichter
    seit neununddreißig Jahren produzierte.
    Knut Hamsun hieß er.“
    Hans Reimann, Literazzia 2, S. 134. München, 1952.

    Wenn Sie und wenige andere es nicht täten, würde in Deutschland bald kaum ein Wort über Hamsun gesprochen, bloß das eine oder andere späte Urteil.

    Seidwalk: Haben Sie sich vertippt? Oder war H.G.Wells so sehr in seine Traumwelten vertieft, daß er den Nobelpreis, den Hamsun 1920 erhalten hatte, nicht mitbekommen hat?

    Ulrich Christoph: Kein Tippfehler! Eher trifft Ihre zweite Vermutung zu: Wells dürfte sich z. B. in das Paralleluniversum von Men Like Gods vertieft haben; die Handlung des traumhaften Romans findet während des Jahres 1921 statt, das Buch erschien 1923.

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  3. Kurt Droffe schreibt:

    Es ist jetzt wohl fast dreißig Jahre her, daß ich das Buch gelesen habe, es hatte mir damals gut gefallen. Gepackt hatte mich damals vor allem die Darstellung des Lebens in der rauen Natur, der Arbeit, der Urbarmachung: Alles Dinge, die uns Heutigen notwendig völlig fremd und unbekannt sind. Das Thema „Abtreibung“ spielt eine große Rolle, auch das interessant, weil es eine Sicht widergibt, der man heute (ich sage das nicht moralisierend) in „unseren“ Milieus kaum mehr begegnet. Ja, es wäre angebracht, auch mal wieder Hamsun zu lesen (den trostlosen „Hunger“ z. B.), aber vorher gibt es noch vieles andere.

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    • Seltsamerweise konnte ich mich nie für die frühen Werke, insbesondere „Mysterien“ und „Hunger“ erwärmen, obwohl die Literaturgeschichten fast nur darüber schreiben. Der wirkliche Hamsun beginnt um die Jahrhundertwende.

      Wem das Liebes-Sujet zusagt, der wird bereits in „Pan“, „Rosa“ und „Victoria“ fündig, wer aber die großen und lebenssatten Entwicklungsromane, Hamsuns eigentliche Philosophie, kennen lernen will, der muß zu „Segen der Erde“ greifen oder zur Wanderer-Trilogie, zu den Segelfoß-Romanen und natürlich zur August-Trilogie. In letzterer hat Hamsun seine geschichtsphilosophische Aussage mit dem frühen Individualismus verknüpft.

      Ganz besonders empfehle ich aber das eigenartige „Die Weiber am Brunnen“ – einen frühen Kollektivroman (im Ansatz). Der ist auch strukturell von besonderem Interesse und Hamsuns ironischste Arbeit.

      Und dann muß man natürlich die finale Abrechnung „Auf überwachsenen Pfaden“ kennen – ein schmales Büchlein über den Widerstand. Und bevor einige aufschreien: Nicht das wogegen, sondern das wie ist hier bedeutsam. Dieses Büchlein gehört unbedingt in den konservativen Pflichtkanon.

      Übrigens tobt in Norwegen seit Jahren schon der Kampf um das Erbe. Die Linke will ihn am liebsten aus der Literaturgeschichte entfernen, für die meisten Norweger ist er schlicht und einfach der bedeutendste Autor des Landes, der die Landesseele kongenial eingefangen hat – wohingegen Ibsen etwa schon ein internationalistischer udn ein akademischer Autor war.

      Zum Schluß: es gibt eine ganze lesenswerte Hamsun-Schule, die reicht von Johan Falkberget (Tip: zu Weihnachten eine Woche einschließen und „Im Zeichen des Hammers“ lesen), Olav Gulvaag und Olav Duun (N) über Wilhelm Heinesen (Färöer), Gunnar Gunnarson und Kristmann Guðmundsson (Island) bis nach DK zu Hans Kirk, Knuth Becker u.a Sie alle geben einem das Gefühl der „Erdung“.

      siehe auch: Die alte Leidkultur

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