Roger Waters‘ (Juden?) Schweine

Das Gute am Extremismus ist: er frißt sich früher oder später selbst auf.

Wir sind gerade Zeugen, wie sich der Extremismus des radikalen Gutseins, der politischen Korrektheit immer öfter selbst zerstört, weil er in die eigenen unauflösbaren Paradoxien tappt. Aktuelles Beispiel ist das Trauerspiel um Roger Waters.

Noch heute passiert es, wenn mir Menschen aus der jugendlichen Vergangenheit begegnen, daß sie mich auf Pink Floyd ansprechen, daß sie mich damit identifizieren. Ich war Fan, fanatic, hörte alles, las, analysierte, übersetzte, interpretierte und überinterpretierte und missionierte. Ich war ahead of their time – während die Schulmädchen Limahl oder Smokie und die Jungen U2 oder Billy Idol hörten, hatte ich mich bereits in die hyperkomplexen Klanggebilde von „Ummagumma“, „Atom Heart Mother“ und „The dark side of the moon“ eingehört. Geht es um Pink Floyd, dann habe ich mitzureden.

Nun wird also der sehr gealterte Roger Waters – Gründungsmitglied und künstlerisch leitender Kopf (so die allgemeine Meinung) der Supersuperband – vom Westdeutschen Rundfunk wieder ausgeladen, nun schreiben führende Gazetten vom „Judenhasser“, weil dieser auf einer Show schweineförmige Luftballons in die Luft steigen lassen will, auf denen ein Davidstern zu sehen ist.

Waters stellt sein neues Album vor: „Is this the life we really want. Man braucht nur ein Mal hineinzulauschen um bestätigt zu finden, was ohnehin zu vermuten war: das Projekt ist eine künstlerische Totgeburt und läßt sich allein – wenn überhaupt – nur politisch rechtfertigen.

Wer die künstlerisch tragende Rolle bei Pink Floyd innehatte, liegt offen vor den Ohren, wenn man sich die Soloprojekte der Bandmitglieder vergegenwärtigt. Seit je gilt Waters als Kopf der Band, gemeinsam mit dem Gitarristen David Gilmour. Während Gilmour jedoch beeindruckende und ganz in der Tradition stehende Soloalben produzierte, hat Waters nur ein einziges Mal auf sich aufmerksam machen können, im Jahre 1992 mit der fulminanten Platte „Amused to death“ – frei nach Neil Postmans Bestseller.

Fulminant ist sie freilich nur durch das Voluminöse, das, hört man hinter die Kulissen, die musikalische Armut übertönt, die sich durch alle Soloprojekte Waters‘ zieht: „The pros and cons of hitchhiking“, „Radio K.A.O.S.“ und nicht zuletzt die Oper „Ça Ira“.

Das musikalische Herz muß schon immer Gilmour gewesen sein und nach ihm der unterschätzte Rick Wright – „Wet Dreams“! und „Broken China“ – und selbst des Drummers Nick Masons „Fictitious Sports“ zeugt von mehr musikalischer Kreativität als Roger Waters‘ Ergüsse.

Trotzdem stimmt die Zwei-Herzen-Theorie: Waters war das denkerische und Gilmour das musikalische Herz. Wir haben Roger Waters die subtilen psychedelischen Texte des Jahrhundertereignisses „The dark side of the moon“ – dessen Musik seit Jahrzehnten auch den Weltraum durchmißt und irgendwann vielleicht auch von Aliens gehört werden wird – ebenso zu verdanken wie die kraftvollen gesellschaftskritischen Ansagen von „The Wall“. Allerdings: Was Waters zu sagen hatte, war spätestens 1979 ausgeplaudert; danach gab es nur Wiederholungen.

Um es kurz zu machen: Waters war immer links, extrem links. Er litt aufgrund traumatischer kindlicher Verletzungen und Vaterentzug unter einem übersteigerten Ungerechtigkeitsbewußtsein und das schrie er über mehrere Platten lautstark in die Welt hinaus. Auch heute noch, auch wenn er auf seiner riesigen Mansion in der südenglischen country side mit eigenem Fluß fly fishing betreibt, plagt ihn das Gewissen. Sein Herz schlägt für die Unterdrückten – und im Nahen Osten sieht er die Palästinenser unterdrückt, wie so viele Linke.

© Pink Floyd Plattenvover „Animals“ – mit fliegendem Schwein

Wenn Waters heute Schweine in die Luft steigen läßt – übrigens ein schlagender Beweis seiner künstlerischen Erschöpfung: Schweine fliegen seit 1977, seit „Animals“ bei Waters durch die Luft; es gibt darauf sogar eine Trilogie namens „Pigs“; über die Bedeutung kann man bei George Orwell mehr erfahren –, dann ist das sein antiisraelischer Affekt, aber kein antijüdischer. Waters kritisiert die Politik eines Staates, nicht die Ethnizität oder Religion seiner Bewohner.

Aber damit hat die Linke seit eh und je ein Problem: Differenzierungen – Roger Waters inbegriffen. Wer einen jüdischen Politiker kritisiert, kritisiert in ihren Augen den Juden und nicht den Politiker. Wer nicht ihrer Meinung ist, muß mit Kampagnen und Verunglimpfungen verfolgt werden. Und hier frißt sich der Extremismus der goody-goody-Stupidität selber auf.

Roger Waters ist mit seiner erzlinken Denke, seinem bleading heart und seinem scheinsensiblen  Gerechtigkeitsempfinden – ähnlich wie Bob Geldoff oder Bono – ein natürlicher Verbündeter des liberalen Mainstreams. Auf seinem neuen Album setzt er sich mit brüchiger Altherrenstimme, im Sprechgesang und von eintönigen Klangketten gefesselt einmal mehr für die Unterdrückten dieser Welt ein und agitiert gegen Trump. Ein Titel lautet sogar: The last refugee!

Er ließe sich wunderbar vor den Karren spannen, die richtigen Worte zur richtigen tränentreibenden Musik zu liefern, wenn da nicht dieser Schönheitsfleck wäre und wenn es nicht den zwanghaften Reflex im Nachkriegsdeutschland gäbe, die Gefühle und „kritischen Stimmen vor allem jüdischer Bürger“ über alle Vernunft zu wiegen. Es treffen zwei linke Toleranzlosigkeiten gegen das Böse aufeinander und nullifizieren sich.

(PS: Ich schreibe das im klaren Bewußtsein, daß diese Zeilen – sollten sie je von einem Linken oder sensiblen Juden gelesen werden – selbstredend als antisemitisch gelten könnten.)

Ein Gedanke zu “Roger Waters‘ (Juden?) Schweine

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Nach meiner Erfahrung sortieren sich im Nahostkonflikt die Sympathien– kaum etwas anderes bestimmt die Haltungen dazu in irgend vergleichbarer Weise – in der Hauptsache danach, ob persönliche Bindungen zur einen oder anderen Seite bestehen. In zweiter wirken die tradierten Topoi (Julius Schnorr von Carolsfeld usw.). Bis anhin erst in dritter wirken die medialen Beeinflussungen und das von ihnen evozierte Mitleid mit vorgestellten konkreten Opfern.

    Die Parteinahme des deutschen Staates, wo es ernst wird immer proisraelisch, wenn auch oft versteckt, ist offenbar vom Topos des Nie-wieder-Denkens und der dazugehörigen Figur des Juden als geborenen Opfers bestimmt, die dank eines beliebten Kategorienfehlers auch auf den israelischen Staat übertragen wird. Da aber in der jüngeren Generation die größere Zahl an auch sichtbaren Opfern der palästinensischen Seite ihrer Sache mehr und mehr den Vorzug bei der üblichen Herzensentscheidung verschafft und da die immer größere Zahl der auch wählenden Muslime im Land ebenfalls mehr und mehr ins Gewicht fallen wird, zeichnet sich ab, dass öffentlich immer mehr Dissens zu dieser lange automatischen Parteinahme aufkommen wird. Da kann man noch so sehr die Gleichung „Antizionismus gleich Antisemitismus“ predigen, man erreicht zwar anfangs stumme Münder, aber auf Dauer verfängt das nicht. Wieder ein großes, von dankbaren Anti-Xen zu bestellendes Feld!

    Auf die Gestikulationen der Politik eines Staates, der gewöhnlich die Beschwichtigung wählt und der glaubt, sich selbst nur via der Rettung der gesamten Welt in Sicherheit bringen zu können, weshalb er ja auf eigene Wehrhaftigkeit am liebsten ganz Verzicht leistete, und der nun verwunderlicherweise die Existenz eines fremden Staates zur eigenen Staatsraison erklärt, eines Staates, welcher aparterweise anders als er selbst nuklear bewaffnet ist und eine ausnehmend funktionsfähige Armee besitzt, sollte man vielleicht gar nicht genauer eingehen. Es könnte sonst sein, dass eine größere Zahl von Lesern an einem Lachkrampf verscheidet, und dann bleiben diesem Staat nur noch die von Kindergärtnerinnen betreuten Weltretter unter seinen Bürgern erhalten, von denen nämlich keiner diesen Witz versteht.

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