Ungarndeutsche Tragödien

Die Ungarndeutschen können bis auf den heutigen Tag eine Kultur die ihrige nennen, deren Fäden tief in das Gewebe der ungarischen Kultur eingeflochten sind. Wenn wir diese Fäden herauszögen, so würde das gesamte Gewebe zerfallen. (Viktor Orbán)[1]

Wenn wir verreisen, bitten wir eine Nachbarin, eine ältere Frau, nach Haus und Katze zu schauen. Immer wieder kommen ihr im Gespräch deutsche Sätze, Wortgruppen, Vokabeln über die Lippen, über die sie selber erstaunt zu sein scheint. Seit Jahrzehnten hat sie kein Deutsch mehr gesprochen und doch war es einst ihre Muttersprache.

Sie entstammt einer ungarndeutschen, einer donauschwäbischen Familie. Ihr Deutsch ist stark dialektal eingefärbt und wenn es nicht viele Ähnlichkeiten zum Vogtländischen gäbe, dann würde es uns wohl schwer fallen, sie zu verstehen. Ihr Mann ist seit langem tot, die Kinder ahnen kaum noch etwas von ihrer Geschichte … Gerade deswegen muß sie erzählt werden.

Vor einiger Zeit besuchten wir ein kleines Städtchen in der Nähe: Hajós oder Hajosch. Zwei Dinge fielen sofort auf. Der Ort ist für ungarische Verhältnisse auffällig gut erhalten, sauber, ordentlich und wohlhabend. Und es stehen, selbst für ungarische Verhältnisse, jede Menge Denkmäler herum. Beides läßt sich nur historisch erklären.

Hajós ist eine deutsche Gründung: seit 1722 leben hier die Schwabendeutschen. Nachdem die Türken das Land entvölkert hatten, holten die Habsburger deutsche Einwanderer ins Land, um es wieder aufzubauen. Es kamen vornehmlich Katholiken aus Süddeutschland – man nannte sie „Donauschwaben“, auch wenn nicht alle tatsächliche Schwaben waren. Viele von ihnen fuhren mit einem extra dafür konstruierten Boot auf der Donau von Ulm – dem höchsten schiffbaren Ort – nach Wien. Die „Ulmer Schachtel“, ein Einweg-Boot, ist seither legendär, der Name Hajós – „hajó“ ist das Boot – könnte noch eine Erinnerung an diese Fahrt sein[2].

Die Geschichte der Hajóser Donauschwaben ist äußerst instruktiv und besonders in Zeiten der organisierten ethnographischen Verwerfungen lehrreich. Sie zeigt, daß ethnische Vermischungen ein sehr langes Trägheitsmoment besitzen, oft über Jahrhunderte und Jahrtausende, die früher oder später, dann, wenn kritische historische Situationen entstehen, zu unvorstellbarem Leid führen können.

Heute erstrahlt Hajós wieder im Glanz. Die Häuser leuchten frisch geputzt, die Infrastruktur ist in Takt und gäbe es nicht ein paar realsozialistische Bauruinen, dann könnte man die kleine Stadt für fast ein schwäbisches, bayerisches oder schweizerisches Dorf halten. Und das ist kein Zufall, denn es trifft auch auf andere ungarndeutsche Orte zu, Schomberg/Somberek etwa, auf der anderen Seite der Donau, wo man „den Schwabenfleiß nicht vergessen“[3] hat.

Auch heute leben in diesen Orten noch viele Deutsche, wenn auch weit weniger als vor dem Krieg. 1995 ging man von 70% aus[4], Tendenz sinkend – allerdings verzeichnet man in den letzten Jahren auch einen vermehrten Zuzug aus Deutschland, der Geld in die Stadt bringt, und wohl einer Tendenz zu danken ist, die deutsche Aussiedler bevorzugt Orte suchen läßt, in denen man deutsch spricht und deutsch lebt. Eines freilich teilen die Zuzügler mit den Alteingesessenen nicht: die Geschichte und das Leid.

Es genügt, nur die Lieder der Donauschwaben zu hören, um zu begreifen, daß ein tiefes Trauma dieses Völkchen beschäftigt.

Mehr als 200 Jahre lang haben sie friedlich und fleißig zum Wohlstand des Landes beigetragen. Anfängliche Steuererleichterungen sollten den Aufbau begünstigen. Das Leben der ersten Generation wurde zum Mythos – erst der dritten Generation, so geht die Rede, gelang ein menschenwürdiges Leben. Dabei waren die Ortschaften oft auf sich selber gestellt, denn selbst wenn im Nachbardorf – hier etwa Nadwar/Nemesnádudvar – ebenfalls Deutsche lebten, so gab es Dialekt- oder Religionsunterschiede, die mehrere Generationen aufrecht erhalten wurden.

1200 solcher Weinkeller finden sich im berühmten Weinkellerdorf © koronatours.hu/hajos

Der Ort und die Gegend wurden schnell berühmt für den Weinanbau. Oberhalb der Stadt entstand ein labyrinthartiges Weinkellerdorf mit 1200 Weinkellern – in jedem wurden spezielle Weine hergestellt und gelagert. Ein heute unvorstellbarer Reichtum an Weinkultur, nur an diesem einzigen Ort. Heute werden davon noch ganze zwölf bewirtschaftet, zum Teil von jugendlichen Enthusiasten. Wir kehren bei einem jungen Paar ein, die noch drei verschiedene Sorten herstellen, darunter einen seltenen Weißwein aus roten Trauben.

Sowohl die Nachkriegsereignisse – die mit dem Schicksal der Donauschwaben im Zusammenhang stehen – als auch der Zusammenbruch des Ostblocks haben den Weinanbau dramatisch zerstört. Einst belieferte Ungarn den ganzen Osten, doch der wandte sich nach der Wende gen Westen – heute sind dreiviertel des einstigen ungarischen Weinbaus verschwunden.

Auch 200 Jahre nach der Ansiedlung bekannten sich noch mehr als 80% der Bewohner zur deutschen Sprache und 62 % zur Kultur und Nationalität. Im Jahre 1941 wurde eine Volkszählung durchgeführt – die vielen bald zum Verhängnis werden sollte.

Die heraufziehende Gefahr für die Donauschwaben kam aus Deutschland, wo das „Volksdeutsch-Prinzip“ Einzug hielt. In den 30er Jahren entstanden verschiedene politische Parteien und 1938 wurde der „Volksbund“ gegründet, dessen Einfluß rapide zunahm und politische mentalitätspolitische Folgen zeitigte: er stiftete eine neue Identität, die sich stark an Hitlerdeutschland anlehnte. Trat man ihm anfangs oft aus Geselligkeitsgründen bei, nahm er doch bald dominant politische Gestalt an. Lang verdeckte unterschwellige Konflikte zwischen Ungarn und Deutschen, aber auch zwischen verschiedenen Meinungen und Haltungen zu Deutschland innerhalb der schwabendeutschen Bevölkerung brachen aus. Ein Beitritt zum Volksbund versprach auch materielle oder administrative Vergünstigungen. Teile der Bevölkerung identifizierten sich mit Hitlerdeutschland und begrüßten die militärischen Anfangserfolge.

Als die Waffen-SS 1942 Freiwillige warb, meldeten sich 52 Männer aus Hajós aus freien Stücken, andere traten in die ungarische Armee ein. Es wurde Sold gezahlt, die Familien wurden finanziell unterstützt und es wurde neues Land in der ungarischen Tiefebene versprochen. Wenig später gab es bereits Zwangsrekrutierungen in die SS und in den Volkssturm. Trotzdem war der Zuspruch weit weniger deutlich als in Deutschland. Lediglich 40% der Ungarndeutschen standen dem Volksbund und damit dem NS nahe.

Die Träume zerplatzen mit der militärischen Niederlage. Im Herbst besetzte die Rote Armee das Gebiet. Es kam auch hier zu Plünderungen und Vergewaltigungen. Am verheerendsten jedoch war der Befehl Nummer 3 der Sowjetkommandatur, der zum Jahresende alle Deutschen zur Zwangsarbeit verpflichtete. Nun rächte sich das Bekenntnis während der Volkszählung. Deutsch sein wurde strafbar, wurde zur Kollektivschuld, individuelles Verhalten spielte keine Rolle mehr. Es blühte das Denunziantentum, alte Rechnungen wurden beglichen. Zuerst wurden Angehörige von SS-Soldaten oder Volksbundmitglieder verhaftet, aber bald machte man keine Unterscheide mehr und ging nur noch nach der Volkszählungsliste oder den Nachnamen und als selbst das nicht mehr genügte, fing man wahllos Menschen von der Straße weg, um sie nach Rußland in Arbeitslager zu deportieren. Man geht davon aus, daß allein aus Hajós mehr als 600 Menschen deportiert wurden, viele davon Frauen und selbst Jugendliche.

Es gibt zahlreiche Berichte[5] – jeder ein individuelles Schicksal. Für die meisten Deportierten ging es in die Ukraine, wo man, nach zweiwöchiger Fahrt mitten im Winter im Viehwaggon, im Donbaß unter schlimmen Bedingungen im Kohlebergbau arbeiten mußte. Vor allem unter den Männern soll die Todesrate sehr hoch gewesen sein. Diese Berichte gleichen jenen, die man aus anderen GULAGs kennt: Hunger, Kälte, Schmutz, Ungeziefer, Krankheiten, Quälerei, Willkür …

Die Lage der Ungarndeutschen war nun dreigeteilt. Viele der Männer, sofern noch am Leben, waren im Krieg bzw. in der Kriegsgefangenschaft, ein anderer Teil befand sich in den GULAGs im Osten, aber auch für die Daheimgebliebenen gab es keine Erleichterung. Die meisten von ihnen wurden im Zuge der Bodenreform und innerstaatlicher Siedlungsaktionen enteignet. Keine der drei Gruppen, die fast alle Familien zerriß, wußte vom Schicksal der anderen.

Über Nacht mußten die Daheimgebliebenen ihre Häuser verlassen. Diese wurden anfangs von ungarischen Besitzlosen aus der Tiefebene bezogen, die ihrerseits massenhaft umgesiedelt wurden. Es handelte sich dabei um Ungarn, denen die deutsche Kultur und Sprache vollkommen fremd war, die weder von Weinanbau noch von Landwirtschaft etwas verstanden und die in kurzer Zeit alle Vorräte aufbrauchten und die Höfe herunterwirtschafteten. Die meisten Weinberge wurden vernichtet, die Weinstöcke als Feuerholz genutzt. In kürzester Zeit wurde eine alte Tradition zerstört. Die Donauschwaben lebten mitunter in ihren eigenen Stallungen und Scheunen oder kamen bei anderen unter, die vom Schicksal noch verschont blieben. Die unübersichtliche Lage führte zudem zu unrechtmäßigen Ansiedlungen und Plünderungen.

Es kamen auch Vertriebene aus dem Süden, aus der Vojvodina, oft selber ungarndeutscher Abstammung, die weit weniger Probleme verursachten und einen Neuaufbau versuchten.

Ende 1945 kam es noch schlimmer: alle Personen, die sich 1941 zum Deutschtum bekannt hatten, sollten nach Deutschland umgesiedelt werden. Dahinter stand, neben der Entfernung der Deutschen aus Ungarn, erneut ein großes Umsiedlungsprogramm. Man sah die Chance, sich der Ungarn in Oberungarn, die durch den Trianon-Vertrag der Slowakei zugeschlagen worden waren, zu entledigen. Sie sollten, nachdem die Besitzlosen wieder verschwunden waren – die Vorräte waren aufgebraucht und einen Bezug zur Region konnten sie nicht herstellen – die frei gewordenen Häuser und Ortschaften beziehen – natürlich gegen ihren Willen. Innerhalb kurzer Zeit müssen die Hajóser zusehen, wie ihr Hab und Gut an andere verteilt wird. Diesmal freilich sind es selber Vertriebene, die zwar einer anderen Kultur angehörten, aber doch eigenes Leid kannten und Willens waren, sich ein neues Leben aufzubauen. Viele der Slowaken blieben, auch wenn sich ihre Lage – im Vergleich zur Heimat – oft verschlechtert hatte, andere zog es später zurück in ihre Heimat.

Derweil wurden die meisten Ungarndeutschen nach Deutschland deportiert. Allerdings gelang es einigen, sich zu verbergen, andere flohen und kamen, mit jeweils individuellen Geschichten, früher oder später zurück.

Die Rückkehrer aus der Kriegsgefangenschaft und die Überlebenden der malenkij robot, der GULAG-Arbeit, standen vor vollends unerwarteten Situationen. Jahrelang hatte man von der Heimkehr geträumt und fand nun vollkommen fremde Menschen im Dorf und heruntergewirtschaftete Güter vor. Noch lange waren die Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu spüren; die Lage entspannte sich erst nach einigen interkulturellen Eheschließungen Jahrzehnte später.

Nachdem sich die Lage beruhigt hatte, kehrten viele der Zwangsumgesiedelten zurück, andere hatten sich im Ort versteckt und Knechtsarbeiten angenommen. Wer sein Haus zurück haben wollte, mußte es den neuen Besitzern abkaufen, wofür man sich in der Regel heftig verschuldete. 1949 entspannte sich die Lage deutlich, nachdem die ungarische Regierung alle verbleibenden und ausgesiedelten Ungarndeutschen als ungarische Staatsbürger mit gleichen Rechten deklarierte.

Doch die zahlreichen Wunden konnten lange nicht heilen und noch heute durchzieht die ungarndeutsche Kultur ein oft schwer zu ertragender wehmütiger Zug, der sich auch in einer ausdrücklichen Erinnerungskultur äußert, die dem geschichtsentfremdeten Deutschen übertrieben erscheint. Viele trauten sich nicht mehr, ihre deutsche Kultur und Sprache zu leben. Bei einer Volkszählung im Jahre 1949 wagten gerade 2600 Menschen in ganz Ungarn, sich zur deutschen Nationalität zu bekennen, eine Zahl, die nur durch Angst zu erklären ist.

Mit großem Aufwand wird versucht, Kultur, Tradition und Sprache am Leben zu erhalten, aber nichts kann darüber hinwegtäuschen, daß dies eine Sisyphosaufgabe ist, die sich erschöpfen wird, wenn die letzten Generationen angestammter Schwaben und deren Kinder verschwunden sein werden. Der heutige ungarische Staat unterstützt die Traditionswahrung.

Vielleicht äußert sich das Überleben der deutschen Werte zuletzt noch im aktuellen mustergültigen Zustand der altschwäbischen Siedlungen.

Quellen:
Batschkaer Spuren. Ungarndeutsche Nachrichten aus Baje. Mehrere Jahrgänge
Hajós – Ein ungarndeutsches Dorf im Umbruch. Beiträge zum Alltagsleben nach 1989. Studien zur Volkskultur in Rheinland-Pfalz. Mainz 1996
Molnár Gizella: „Die (sic!) Grundstein bleibt. Ein und Aussiedlungen in Hajos. Hajos/Mainz 1997
[1] Orbán Viktors Rede am Gedenktag der Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen. In: Batschkaer Spuren 42, 3/16,  S. 6
[2] Es könnte freilich auch von nun trocken gelegten Seen und dem alten, noch unbegradigten Donauverlauf zu tun haben.
[3] Interview mit Franz Michaelis, Vizebürgermeister von Schomberg/Somberek. In: Batschkaer Spuren 45, 12/16, S. 13
[4] Schellack, Fritz: Hajos- ein volkskundliches Forschungsprojekt in Ungarn. In: Hajós – Ein ungarndeutsches Dorf im Umbruch. Studien zur Volkskultur in Rheinland-Pfalz. Mainz 1996, S. 20
[5] Siehe „Batschkaer Spuren“ oder „Interviews und Erinnerungen aus Hajos“ in: Molnár Gizella: „Der Grundstein bleibt. S. 233 – 344

Siehe auch:

Erinnerungskultur

Denkmal und Schande

Ein Gedanke zu “Ungarndeutsche Tragödien

  1. Lebensprießt schreibt:

    „Viele trauten sich nicht mehr, ihre deutsche Kultur und Sprache zu leben. “ Das wurde auch mir so berichtet. Väterlicherseits ist meine ungarische Frau ungarndeutscher Abstammung, doch nachdem der Großvater 1948 aus sowjetischer Gefangenschaft zurückehrte, war er aus Angst vor weiteren Repressalien nicht mehr willig, Deutsch zu sprechen. So verlor sich eine der zwei Alltagssprachen. Die Tochter – meine Schwiegermutter – lernte von den Eltern nur noch Ungarisch, Deutsch nicht mehr. Das Ganze war also ein relativ unspektakulärer Vorgang, der sich so oder ähnlich wohl noch vielfach in Ungarn abgespielt haben wird. Umso glücklicher sind die Schwiegereltern, dass wenigstens die Enkel – durch mich – perfektes Deutsch sprechen.

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