Auf die Hündin gekommen

Frau Göring-Eckardt hat gelitten – „wie eine Hündin“. Das hat sie gesagt: „Ich habe an dem Morgen, an dem ich darüber nachgedacht habe, gelitten wie eine Hündin.“ Es geht um die Koalitionsverhandlungen, doch die sind nebensächlich. Die Hündin ist wichtiger! Das eine ist nur Politik, das andere Ontologie.

Das Sprichwort lautet: „Leiden wie ein Hund“. Es benutzt das allseits übliche und seit Ewigkeiten bewährte generische Maskulinum. „Hund“ bezeichnet die gesamte Gattung, aber auch den männlichen Hund, so wie das Pferd (generisches Neutrum) für alle Pferde steht und die Garnele oder Giraffe (generisches Femininum) für alle Garnelen oder Giraffen, mit Schwanz oder ohne.

Wie ein Hund leiden – das ist fast ein Internationalismus. Suffering like a dog sagen auch die Engländer. Hätte Frau Göring-Eckardt ihr kleines Genderwortspiel auf Englisch probieren wollen, dann käme die schöne Wahrheit ans Licht: „I suffered like a bitch“. Tusch!

Daß sie offensichtlich das Leid des Hunde(manne)s nicht teilen kann, bezeugt sie als Rassistin – vorausgesetzt man nutzt den Begriff der „Rasse“ als Chiffre für „Unterschied“, für alles also, wie das im rotgrünen Bereich gang und gäbe ist.

Die deutsche Volkssprache kennt hunderte Sprichwörter mit Hunden. Die allermeisten davon sind wenig schmeichelhaft. Da wir aber nun einmal bei der Befreiung der Hündinnen sind, so soll es hinfort auch heißen:

  • Die räudige Hündin.
  • Sie ist bekannt, wie eine bunte Hündin.
  • Er (oder sie?) ist auf die Hündin gekommen.
  • Die letzte beißen die Hündinnen.
  • Frau soll keine schlafenden Hündinnen wecken.
  • Hündinnen, die bellen, beißen nicht.
  • Da liegt die Hündin begraben. Usw.

Im großen Grimm stehe von nun an:

„Schlechte Eigenschaften der Hündin werden vielfach hervorgehoben, ihre gefräszigkeit, frechheit, geilheit, unverträglichkeit.“

Goethes Distichon[1] lautet daher: „Manche Töne sind mir Verdruß, doch bleibet am meisten / Hündinnengebell mir verhaßt: kläffend zerreißt es mein Ohr“ und seine aufmerksame Beobachtung[2] wird nun umgeschrieben in: „wie die Menschin, so ihre Hündin.“ Und von nun an rufen wir mit dem Klassiker: „Schlagt sie tot, die Hündin. Sie ist eine Rezensentin!“ Das Umschreiben des Faust mag jeder in Gedanken durchgehen, der Pudelin Kern … oder sogar Kernin?

Die Hundstage heißen ab jetzt Hündinnentage, Frolic hat auf Hündinnenfutter umzustellen, man ist nun hündinnenmüde, überwindet die innere Schweinehündin, wenn man den Hündinnenfraß frißt, verflucht das Hündinnenwetter und lebt, ganz LGBT, wie Hündin und Katze zusammen. Ja, und sogar Karl Marx ist kein toter Hund mehr, sondern eine tote Hündin. Unklar bleibt, was wir mit Hitlers Hündin „Blondi“ machen, die nun per Geburt weiblich war.

Und für die, die noch nicht so lange hier leben – um die ging es ja in den Koalitionsstreitigkeiten – haben wir noch das alte pakistanische Sprichwort:

„Wenn man die tote Hündin nicht aus dem Brunnen holt, wird man den Brunnen nie sauber bekommen.“

O sancta simplicitas!

[1] Römische Elegien
[2] Venezianische Epigramme

4 Gedanken zu “Auf die Hündin gekommen

  1. Ulrich Christoph schreibt:

    Ein Anlaß, mal wieder Michail Bulgakovs „Hundeherz“ vorzunehmen. Die Geschichte der Leiden der Hauptfigur, dem streunenden vierbeinigen Kyniker, der nach chirurgischem Tausch von Hirnanhangsdrüse und Testikeln gegen die passenden Organe eines menschlichen Tagediebs das Sprechen und den Gang auf den Hinterläufen erlernt, und des üblen Fortgangs der Quälerei, dürfte das Wohlgefallen der grünen Sprachverbiegerin finden. Eine neue, deutsche Übersetzung trägt den Titel „Das hündische Herz“, vielleicht ein erster Trippelschritt in Sinne der leidenden Hündin und der Tagediebin.

    Gefällt 1 Person

  2. lynx schreibt:

    Als Großkatze habe ich von Haus aus eine ausgewachsene Abneigung gegen Hunde, Hündinnen und sonstiges Wolfszeug. Rudeltiere, die sprichwörtlich im Chor herumheulen, jämmerlich. Deren Gattungsgeschlecht kann nur männlich sein, während wir Katzen der weiblichen Geschmeidigkeit verpflichtet sind. Bis auf einige stinkende alte Kater…

    Seidwalk: Na, da haben wir doch eine Gemeinsamkeit! – Übrigens hat Martin Lichtmesz auf seinem Twitter schon seit langem eine Sammlung an Bildern angelegt, die eine strukturelle Nähe zwischen konservativen und rechten Denkern und der Vorliebe für die Katze aufzuzeigen sucht. Willkommen im Klub!

    Gefällt 1 Person

    • Pérégrinateur schreibt:

      Les Chats

      Les amoureux fervents et les savants austères
      Aiment également, dans leur mûre saison,
      Les chats puissants et doux, orgueil de la maison,
      Qui comme eux sont frileux et comme eux sédentaires.

      Amis de la science et de la volupté,
      Ils cherchent le silence et l’horreur des ténèbres ;
      L’Érèbe les eût pris pour ses coursiers funèbres,
      S’ils pouvaient au servage incliner leur fierté.

      Ils prennent en songeant les nobles attitudes
      Des grands sphinx allongés au fond des solitudes,
      Qui semblent s’endormir dans un rêve sans fin ;

      Leurs reins féconds sont pleins d’étincelles magiques,
      Et des parcelles d’or, ainsi qu’un sable fin,
      Étoilent vaguement leurs prunelles mystiques.

      [Charles Baudelaire, Les Fleurs du Mal]
      ――――――――

      Prosaübersetzung:

      Die Katzen

      Die Heißverliebten wie die strengen Gelehrten
      Lieben gleichermaßen zu ihrer Reifezeit
      DIe kräftigen und sanften Katzen, den Stolz des Hauses,
      Die wie sie verfroren sind und häuslich.

      Als Freunde des Wissens und der Lust
      Streben sie nach der Stille und dem Schrecken der Düsternis;
      Erebos hätte sie als seine Totenmelder bestallt,
      Wenn sie denn ihren Stolz unter die Knechtschaft beugen könnten.

      Sinnierend nehmen sie die edlen Posen
      Der großen, in tiefen Einsamkeiten ausgestreckten Sphingen an,
      Die zu einem endlosen Traum einzuschlafen scheinen.

      Ihre fruchtbaren Lenden sind voll magischer Funken,
      Und Plättchen Goldes, so wie ein feiner Sand,
      Bestirnen verwaschen ihre unergründlichen Pupillen.

      ――――――――

      Nachdichtung hier:

      https://de.wikisource.org/wiki/Die_Katzen

      Lynx: @seidwalk, Pérégrinateur: Zu viel der Ehre?

      Liken

  3. Pérégrinateur schreibt:

    Vor einiger Zeit geriet mir ein Artikel über die Geschichte des verderblichen Patriarchats unter die Augen, welches die Welt bekanntlich immer wieder mit Kriegen überzogen hat. Deshalb brachten, so die Autorin, Soldat_innen (!) immer wieder unschuldige Menschen zu Tode  …

    Mais revenons à nos brebis dédaignées. Womöglich bekommen wir ja jetzt die erste reine Frauenregierung der Welt nach Penthesilea, da täte – anders als sonst – etwas Vorüberlegung gut, damit nicht durch ein Scheitern nur Wasser auf die Mühlen jener …

    Vermutlich geht Paula Thomasia Frau in ihrer bekannten Erzählung „Herrin und Hündin“ näher auf die Probleme speziell bei der politischen Zusammenarbeit von immer ihr freundliches Gesicht zeigender Herrin mit leidender Hündin ein. Das Werk müsste in jeder gut sortierten genderkerygmatischen Fakultätsbibliothek greifbar sein.

    κύρια ἐλέησον

    Gefällt 1 Person

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