Ballaballa

Meine dänischen Freunde versorgen mich immer wieder mit dänischen Zeitschriften. Auf Heimaturlaub greifen sie nach allem, was sie kriegen können und ich bin dankbarer Abnehmer. Gerade liegt das „Ballerup Bladet“ vom 10. Oktober vor mir, ein Provinzblatt. Ballerup ist ein vergleichsweise gemütlicher Vorort Kopenhagens, halb Eigenheimsiedlung, halb proletarisch mit Plattenbauten.

Normalerweise sollte man Artikel über Volksfeste, Laubsammelaktionen und Kuchenbasare lesen oder Bilder aus einem Kindergarten und Fußballspiele im Schlamm sehen, aber Ballerup ist nicht mehr, was es war, vor wenigen Jahren noch war. Auf Seite 4 liest man, was die Balleruper gerade am meisten beschäftigt: die große weite Welt ist in ihre kleine eingedrungen.

In Form eines Bandenkrieges.

Dieser Krieg – das ist das offizielle Wort – wird zwischen Einwandererbanden, die auch Geburtsdänen rekrutieren, ausgekämpft. Und Ballerup gehört zum erweiterten Kampfplatz. Seit Wochen sind Auseinandersetzungen und nächtliche Schießereien Alltag in Nørrebro und Umgebung. Gerade gab es das erste Todesopfer – ein kurzer medialer Aufschrei und die Sache geriet wieder in Vergessenheit. Die Medien fahren eine Gewöhnungspolitik: man informiert, sofern es nur Schießereien sind, im sachlichen Ton in 5-Sekunden-Clips und geht weiter.

Die Polizei wird der Sache längst nicht mehr Herr. Sie selbst wurde bereits mehrfach beschossen – zwei Beamte kamen nur durch Glück mit dem Leben davon. Nunmehr geht man nur noch im Konvoi in die entsprechenden Viertel und am liebsten eigentlich gar nicht mehr. Polizeikräfte wurden von der Grenzsicherung abgezogen – in Dänemark Polizeiaufgabe –, das Militär sichert derweil ab. Doch die Armee ist in beklagenswertem Zustand. seit Jahren wird gespart, hochrangige Offiziere halten sie bereits für nicht mehr einsatzfähig, die besten Nachwuchskräfte verlassen desillusioniert die Truppe

In Ballerup jedenfalls, so berichtet das „Blatt“, wurde eine „Visitationszone“ eingerichtet, die neben Herlev und Skovlunde nun auch dieses Quartier einschließt. „Die neue Visitationszone ist eine Erweiterung der bereits existierenden in der Herlev/Markhøj-Gegend, die nach den Schießereien im Juni eingerichtet wurde.“ Die Polizei ist somit berechtigt, jedermann jederzeit zu kontrollieren – bislang mußte ein konkreter Verdacht vorliegen – und das betrifft Ausweiskontrollen ebenso wie Körpervisitationen, Kleidung und Gegenstände.[1]

Man kennt das alles im Grunde genommen, aber es berührt doch ganz anders, wenn es die abstrakte Ebene verliert. Man spürt: wenn es Ballerup betrifft, dann kann es auch mich betreffen.

Die Zeit ist besonders brisant, denn die Regionalwahlen stehen vor der Tür und die „Populisten“ könnten profitieren. Also macht die Polizei mit Aufklärungsgesprächen die Runde und verspricht mehr Präsenz – siehe oben: Thema Grenze. Man zieht also verzweifelt am viel zu kurzen Hemd.

Vor diesem Hintergrund verdient ein Debattenbeitrag in der größten dänischen Zeitung („Extrabladet“, ein gehobenes „Bild“-Niveau-Produkt) besondere Aufmerksamkeit. Dort hat sich Sofie Carsten Nielsen zu Wort gemeldet, vormalige Ministerin und heute Integrationsbeauftragte der „Radikale Venstre“, einer linksliberalen Partei. Frau Nielsen plaudert aus dem Nähkästchen, denn sie wohnt im Epizentrum, in Nørrebro. Sie wohne dort, schreibt sie, weil es dort schön ist, weil es viele Kinder gibt und ihre eigenen nie lange nach Kameraden suchen müssen. Dort lebten Menschen aller sozialer Klassen und auch ethnischer Herkunft und das schätze sie besonders.

Aber so schön es auch sei, das nächtliche Herumrennen, sich Schlagen und Todschießen, das mag sie nicht so. Zum Glück aber ist gerade Waffenstillstand, denn – eine große Nummer in DK – die Väter der Bandenmitglieder hatten diesen einen Waffenstillstand verordnet. So funktioniert das: nicht die Banden selbst verhandeln, nicht die Polizei oder der Staat oder die friedlichen Anwohner setzen dem Treiben ein (vorläufiges) Ende, sondern die Väter der Verbrecher. Das nennt man Autorität!

Wirklich interessant werden Nielsens Überlegungen, die 400 m von jenem Ort entfernt wohnt, der kürzlich ein Todesopfer und zwei Schwerverletzte zu verkraften hatte, als sie persönlich wird. Es sind nämlich ihre Kinder, zwei Jungen, die jeden Tag auf dem Weg zur Schule an Gruppen von gut kenntlichen Bandenmitgliedern vorbei müssen, die jeden Tag das aufgeregte Diskutieren in der Schule mitbekommen und die abends am Abendbrottisch der dänischen Familie sagen könnten: „Es ist wie im Film. Sie schießen aus den Autos auf Leute.“ Dennoch behauptet sie, ihre Kinder seien nicht ängstlich, denn die wüßten schon, daß es sich „um Jungs handelt, die ein bißchen mit Geld und Autos pranzen“. Aufklärung ist alles.

Wir sehen: Frau Nielsen, die linke Politikerin, hat Verständnis. Sie hört den Hilfeschrei aus den Schüssen heraus. Den Namen der größten Bande – „Loyal to Familia“ – interpretiert sie als Notruf: „Mir fehlt die Familie“, obwohl die Väter gerade gerade den Bestand der Familien bewiesen haben. Und warum, fragt sie sich, ist das so? Weil „wir“, wir die „weiße dänische Gesellschaft“ über sie reden und zwar als Gruppe, weil wir sie nicht als Individuen ansprechen, weil „wir“, wenn wir sie verfluchen und mit Haß und Abneigung reagieren, ihr Vorurteil bestätigen.

Kurz: Es ist, als schössen wir selbst auf uns.

Nicht der Verbrecher ist der Verbrecher, sondern „wir“ sind die Schuldigen. Wir sollten, wie Frau Nielsen, „ihnen nicht böse sein“, wir sollten nicht mit „halbstarker Symbolpolitik“ (sprich: Polizei) reagieren, sondern sie in unsere große Familie – ohne in den Pistolenlauf zu blicken – aufnehmen.

Man möchte der jungen naiven Frau zurufen: Gør det! Do it! Open your family!

Siehe auch: Allüberall

[1] Während ich das schreibe und nach einer Onlineausgabe suche, finde ich die Fortsetzung hier, in einem Artikel, der von der Verlängerung der Visitationsgrenze berichtet und mit den Satz beginnt: „Es ist mittlerweile Alltag in Kopenhagen geworden, von Schießereien und Bandenkrieg zu hören.“ http://ballerupbladet.dk/node/43955

7 Gedanken zu “Ballaballa

  1. Pérégrinateur schreibt:

    An eine Goldene Vergangenheit der Gymnasialelite mag ich allerdings auch nicht so recht glauben. Ich bin selbst zwar erst während der großem Expansion der höheren Bildung ans Gymnasium geraten, so dass ich also keine getreue Anschauung der alten Zusammensetzung der Schülerschaft habe. Aber ich kam vom Dorf, wo sich wohl die alten Bildungswegzuweisungen länger gehalten haben als in der Stadt. Die meisten meiner örtlichen Mitgymnasiasten waren Abkömmlinge der Dorfhonoratiorenschaft, und darunter mussten sehr viele mehr, als dass sie gewollt hätten. Ich erinnere mich heute noch an eine Nachhilfestunde für einen Klassenkameraden, während der ich ihm wenigstens zehn Minuten lang zu erklären versuchte, dass 0,4 Stunden 24 Minuten sind und keine 40, worauf er nämlich stur bestand. Die alte Studentenherrlichkeit beruhte wohl früher oft mehr auf statusinduzierter Einbildung als auf wirklicher Vorbildung.

    Mein Großvater konnte von noch älteren Zeiten berichten, in denen die Großbauernkinder in der Volksschule exklusiv die guten Noten bekamen, weil ihre Eltern dem Hungerleider von Dorfschullehrer zuweilen Naturalien zusteckten. Übrigens aus purer Eitelkeit, denn die Kinder sollten dem Hof ja erhalten bleiben. Der Stammhalter sowieso, aber die anderen ebenfalls als minderbezahlte Knechte, die man in einem persönlichen Holzverschlag von allenfalls vier Quadratmetern unterm Dach unterbrachte. Also nicht Freilandhaltung wie beim Personal der mediterranen Transhumanz oder Unterbodenhaltung wie beim städtischen Subproletariat, sondern familiärere Käfighaltung.

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    • Immerhin haben wir damit herausgearbeitet und bewiesen, daß es – zumindest in Fragen der Gymnasialbegabung – keinen Fortschritt gibt. Das ist auch schon etwas.

      Jedes Zeitalter hat offenbar seine eigenen Wege, sich selbst zu betrügen. Zu DDR-Zeiten etwa ließ der schußlige Russischlehrer hin und wieder das Klassenbuch in der Pause offen liegen, nebst passendem Stift – und so haben wir alle die Norm übererfüllt, auch gänzlich ohne Sprachkenntnisse.

      Vielsagend auch das Paradox, daß uns die letzten Bildungsstudien alle mitteilen, wie das Lernniveau kontinuierlich sinkt, der Zensurendurchschnitt aber ebenso steigt und die Einskommanuller nun schon in verschiedene Kategorien eingeteilt werden müssen, damit man auch unter ihnen „die Besten“ auswählen kann.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Das Bildungswesen könnte vielleicht, um die crème de la crème vor der bloßen crème abzuheben, die politisch korrekte Verwendung von Unterstrich und Asterix als Selektionskriterium einführen. Allerdings steht zu befürchten, dass gerade in den Bundesländern mit besonders hohem Notendurchschnitt dieses Kriterium auch nicht mehr selektiv genug ist. Dann bliebe nur noch die Auswahl per unbezweifelbaren Antirassismus, d. h. die Präferenz denen zu geben, die qua Herkunft aus einer sichtbaren Minderheit völlig gegen jeden Rassismus gefeit sind:

        https://www.causeur.fr/stage-antiracisme-ateliers-non-mixite-147860

        [Titel: „Eine Lehrergewerkschaft organisiert Antirassismusseminare, an denen Weiße nicht teilnehmen dürfen“]

        Plus ça change, plus c’est la même chose. On revient toujours à ses premiers amours.

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  2. Dazu fällt mir wieder einmal der gute Klonovsky ein: „Wer sich allzusehr effeminiert, ob Mann oder Land, darf sich nicht wundern, am Ende gef***t zu werden“. Diese Apperzeptionsverweigerung der Virtual-reality-Gewöhnten („ist ja wie im Film“) trägt so lange, bis sie ganz persönlich getroffen werden, es reicht noch nicht einmal, daß es im eigenen Bullerbü passiert.

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Könnte es sein, dass eine mehr und mehr von sogenannten weiblichen Werten bestimmte Politik eine Gesellschaft auf den Hund bringt? Wer auf Überschreitungen immer nur mit Bemühen um noch mehr Verständnis, auf Aggression mit nur noch mehr Beschwichtigung reagiert, wird am Ende den Kürzeren ziehen. Notabene, ich rede nicht über die Werte aller Frauen, aber doch über die einer erklecklichen Zahl.

    Ein Beispiel. Die Mutter eines Heranwachsenden stellte fest, dass vom Konto unerklärliche Abhebungen stattfanden. Nach Mitternacht bemerkte sie dann einmal zufällig, dass Sohnemann aufstand und aus dem Hause ging, und zwar, wie sie gleich feststellte, mit der Bankkarte der Eltern, die er aus dem Wohnzimmerschrank mitgenommen hatte. Bei der Rückkehr zur Rede gestellt, gab er die Sache bald zu. Er hatte seiner Mutter beim Anheben über die Schulter geschaut, um die PIN zu erfahren, und sich nun schon mehrfach des Nachts bedient.

    Mutter und Vater schritten zur heute anscheinend nächstliegenden Reaktion: Man vereinbarte sogleich einen Termin beim Kinderpsychologen, um die tiefere Krankheitsursache für das Fehlverhalten zu finden. Die Suche erwies sich zunächst als zäh, bis der Psychologe nach einigen Sitzungen erfuhr, dass der Vater nicht der „richtige“ Vater war, welchen der Junge nämlich im Alter von zwei Jahren verloren hatte. Das verschaffte dem Spezialisten offenbar die gesuchte Inspiration: Es könne ja sein, dass der Junge etwas von seiner Mutter besitzen wolle, was sein Vater nicht hat. (Es geht eben nichts über eine gute Spurung, auch im Berufsleben – Ödipuskomplex, ich hör dir trapsen!)

    Meine Berichterstatterin, sonst gewöhnlich sehr beeindruckt von der Zauberbergisch-Krokowskischen Profession, und nach aller Erfahrung der kalten Logik nicht gerade zugeneigt, kommentierte dagegen sogleich, sie könne an diese Erklärung nicht glauben: „Wenn X wirklich etwas exklusiv von seiner Mutter hätte besitzen wollen, hätte er das Geld ja schließlich nicht jedesmal sofort wieder ausgegeben.“ (Dies nur als Gegenbeweis für die mir einen „Generalverdacht“ gegen Frauen unterstellen wollten. Hinsichtlich der Psychologen nehme ich diesen dagegen gerne inkauf, indem ich postuliere: Psychologen sind sozusagen typischere Frauen als die Frauen selbst.)

    Der Knabe hat sich übrigens zum Glück inzwischen gefangen und übt jetzt mit viel Freude einen handwerklichen Beruf aus, nachdem er zuvor auf dem Gymnasium unnütz geschunden wurde.

    Aber kommen wir zurück auf den eigentlich politischen Bereich. Ich habe schon oft bei Diskussionen mit Frauen bemerkt, dass sie sich gerade ethische Dilemmata nicht eingestehen wollen, offenbar um den Folgerungszwang auch zu harter Konsequenz zu umgehen. Womit sie den größeren Teil der Schar jener stellen, über die der Volksmund in meiner Heimatregion so treffend sagt: „Die Gutmütigkeit [sc. der einen] ist die halbe Liederlichkeit [sc. der anderen].“ Außerdem geben sie anscheinend dem situativen Appell leichter nach und denken weniger ans Ende. Viele entscheiden sich auch stets emotional, und wer es anders hält und vielleicht vor seiner Entscheidung sogar noch einen Kalkül anstellt, der gilt ihnen geradezu als Rohling. Auch das Ausdrücken des eigenen Mitgefühl ist bei ihnen verbreiteter, so als ob das den Leidenden mehr nützte als wirkliche Hilfe.

    In einer Diskussionssendung im Fernsehen, bei der sich alle vor Verständnis und Bemühtheit geradezu wanden, platzte eine französische Politikerin einmal ungehalten heraus mit einem: « On ne gouverne pas innocemment. » [Man kann nicht unschuldig regieren.] Ach, gäbe es doch mehr solcher Frauen und Männer!

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    • Könnte es sein, dass eine mehr und mehr von sogenannten weiblichen Werten bestimmte Politik eine Gesellschaft auf den Hund bringt?

      Ja, ich vermute, Sie sind da an etwas dran. Allerdings fürchte ich, daß die sogenannten männlichen Werte ebenfalls in den Abgrund führen. Die weiblichen Werte, wenn sie nicht verabsolutiert werden, haben ja auch was für sich, wenn sie denn gelebt werden dürften. Jeder kennt Karrierefrauen, die hinter einem Webstuhl, einer Töpferscheibe oder – ja – dem Kochtopf glücklicher wären, als in ihrem ach so erfolgreichen Beruf. Dieses gegen-die-Natur-handeln-MÜSSEN scheint mir ein Problem zu sein.

      Ganz entscheidend und in dieser Richtung auch der Hinweis auf die Gymnasiumsquälerei. Wer ein wenig Einblick in die Schulwelt hat, der weiß, daß mindestens 50% der Gymnasiasten keinerlei Begabung oder auch nur einen inneren Willen zum Akademischen haben. Ich meine, irgendwo gelesen zu haben, daß nach dem Krieg vier oder fünf Prozent der Jugendlichen studierten – das dürfte eine realistische Zahl sein. Da man heute jedoch jeden besseren Handwerksberuf oder Berufung (Chirurg, IT, Management, Journalistik, Hilfsberufe etc.) aufgrund der Komplexität und der staatsbürgerkundlichen Eignung studieren muß, mögen es ein paar Prozent mehr sein. Der Rest ist mutmaßlich Opfer.

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