Das dritte Geschlecht

Das dritte Geschlecht. — „Ein kleiner Mann ist eine Paradoxie, aber doch ein Mann, — aber die kleinen Weibchen scheinen mir, im Vergleich mit hochwüchsigen Frauen, von einem anderen Geschlechte zu sein“ — sagte ein alter Tanzmeister. Ein kleines Weib ist niemals schön — sagte der alte Aristoteles. (Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft)

Wir lesen in den Gazetten: „Das Bundesverfassungsgericht fordert, daß künftig ein drittes Geschlecht im Geburtenregister eingetragen werden kann. Intersexuellen Menschen, die weder männlich noch weiblich sind, solle damit ermöglicht werden ihre geschlechtliche Identität „positiv“ eintragen zu lassen, entschieden die Karlsruher Richter in einem am Mittwoch veröffentlichten Beschluß.“

Was auf den ersten Blick wie ein zu begrüßender Akt der Gerechtigkeit klingt, enthält eine ganze Reihe an inneren Problemen.

Das wird man bereits begreifen, wenn man die entsprechenden Artikel liest, die sich winden und ringen um das passende Vokabular: Intersexualität, Transsexualität, Androgynie, Geschlechtsdetermination, Zwitter, Hermaphroditen, divers oder inter … und vieles mehr. Die Materie ist komplex und verunsichert offenbar auch jene, die jetzt sogleich in den Jubelchor einstimmen, daß wieder eine Grenze gefallen ist. Sie wollen den freien Fall, das Ende aller Distinktion -: Wollt ihr die totale Freiheit? Ja, Ja, Ja! Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns überhaupt erst vorstellen können? Ja, Ja, Ja!

Die Schwierigkeiten, mit denen auch die Apologeten zu kämpfen haben, ergeben sich sowohl aus der Sprache als auch aus der Biologie. „Geschlecht“ gehört zu jenen Vokabeln, über die Mark Twain einst in seinem göttlichen Text gestöhnt hat und von denen Foucault behauptete, sie machten die Sprache schöpferisch, jene Wörter also, die dem gleichen Begriff mehrere Bedeutungen zumessen. So kann „Geschlecht“ von der individuellen Binarität Mann/Frau handeln, aber auch von der gruppenbezogenen, vom konkreten Geschlechtsorgan bis zu einer historischen Sippe, einer Abstammungsgemeinschaft oder einer Generation, ja der gesamten Menschheit als solche oder von einer grammatischen Kategorie. Zumindest drei davon werden in der Diskussion in der Regel vermengt.

Und auch biologisch ist die Vielfalt groß. Unter den 80 000 Menschen in Deutschland, die von dem Problem betroffen sind (0,1%) gibt es die unterschiedlichsten Varianten. Man kann von genetischen oder anatomischen oder hormonellen Determinationen sprechen, die einen waren Frau und fühlen sich (mehr) als Mann, bei den anderen ist es umgekehrt, dritte finden gar keine Identität in einem der beiden traditionellen Geschlechter usw. Ich selbst habe da auch keine Ahnung …

„Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib.“ (1. Mose 27) – so oder ähnlich dürften alle Schöpfungsmythen lauten. In dieser Konstellation gibt es bereits ein Drittes neben Mann und Frau: Gott. Das kann funktionieren, weil es eine Differenzierung nach oben ist, weil Gott also als eine höhere, abstraktere Instanz eingeführt wird. Er hat ohnehin eine binäre Welt geschaffen: Tag und Nacht, Wasser und Land, Leben und Tod, Tugend und Sünde … Sein simpler Auftrag lautete: daran nichts zu ändern – wir wissen, wie die Geschichte weiterging.

Eins und Zwei trägt immer schon die Versuchung der Drei in sich. Man braucht sie nur zusammenzuzählen oder aber die Idee des Anderen auf ein anderes zu projizieren. Aber die Drei ist problematisch: in ihr liegen seit je Anfang und Ende, an ihr hatte die katholische Kirche sich aufgerichtet (Trinität) und an ihr, an ihrer theologischen Nichtbewältigung, wird sie auch zugrunde gehen, in ihr hatte Hegel das Geheimnis der Dialektik bestimmt und die Welt durch Fortschritt in Unruhe gebracht, die Drei liegt auch am Grunde der Demokratie, sie läßt die erste Mehrheitsentscheidung zu …

Wir sehen: Wer mit dem Dritten leichtsinnig spielt, der kann eine Lawine losbrechen, deren Folgen niemand absehen kann. Das Dritte ist das Eintrittsbillett in das Vierte, Fünfte, Sechste … Xte, es ist der Beginn der Verflüssigung, der Beliebigkeit, es ist potentiell der Eintritt in den Kampf mit der Unendlichkeit.

Einen vollkommenen Menschen gibt es nicht. Bei jedem ist etwas zu sehr oder zu wenig, zu groß oder zu klein, zu tief oder zu flach, zu dick oder zu dünn, zu hoch oder zu gering … Es gibt normale Menschen nur, wenn man unter Norm den Durchschnitt und eine gewisse Spielbreite davon begreift, nicht aber ein Ideal. Menschen haben gewöhnlich gelernt, mit diesen individuellen Unterschieden umzugehen, mehr oder weniger gut. Friedrich Nietzsche nannte das Bejahung, Affirmation. Einst konnten Menschen ihr Dasein bejahen, so, wie es ist:

Gesetzt, wir sagen Ja zu einem einzigen Augenblick, so haben wir damit nicht nur zu uns selbst, sondern zu allem Dasein Ja gesagt. Denn es steht Nichts für sich, weder in uns selbst noch in den Dingen: und wenn nur ein einziges Mal unsre Seele wie eine Saite vor Glück gezittert und getönt hat, so waren alle Ewigkeiten nöthig, um dies Eine Geschehen zu bedingen – und alle Ewigkeit war in diesem einzigen Augenblick unseres Jasagens gutgeheißen, erlöst, gerechtfertigt und bejaht.“(KSA 13, 307f.)

Jetzt will man uns just das „dritte Geschlecht“ als Affirmation verkaufen, als das selbstbewußte „Ich bin“. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Ein Ausrutscher der Natur – von denen es Myriaden gibt – wird in die Norm aufgenommen und der Träger dieses genetischen oder biologischen Defekts per Gesetz gleichgemacht, seine Affirmationsaufgabe, die das Leben ihm stellte, wird ihm abgenommen.

„Den Menschen wurde ihre Identität verweigert“, philosophiert das Feuilleton mit gefährlichen und kontaminierten Begriffen, dabei wurde ihnen gerade erst das Ringen um eine Identität verunmöglicht. Was „Geschlecht“ von nun an überhaupt bedeuten soll, bleibt unklar. Und auch was eine Frau und was ein Mann ist, ist seit heute weniger deutlich – der Verlust ist viel größer als der Gewinn. Schon darf man sagen: „Die Abschaffung von ,Mann‘ und ,Frau‘ würde vieles vereinfachen“ oder man beginnt, über die Abschaffung der Begrüßungsformel „meine sehr geehrten Damen und Herren“ zu sinnieren.

Das Bundesverfassungsgericht kann das „dritte Geschlecht“ fordern wie es will, es wird sich weder materialisieren noch einklagen lassen. Es gibt, was es gibt. Mach was draus!

Nietzsche: Das grösste Schwergewicht. – Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: „Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge – und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!“ – Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: „du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!“ Wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem „willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?“ würde als das grösste Schwergewicht auf deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben gut werden, um nach Nichts mehr zu verlangen, als nach dieser letzten ewigen Bestätigung und Besiegelung? – (Die fröhliche Wissenschaft. KSA 3, 570)

siehe auch:

Die Ehe als historischer Begriff

Die alten Zeiten

Affirmation – Nietzsche und Deleuze (Grundlegung dieses Artikels)

3 Gedanken zu “Das dritte Geschlecht

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Hadmut Danisch

    siehe: http://www.danisch.de/blog/2017/11/09/das-bundesverfassungsgericht-und-die-dritte-option/

    stellt ebenfalls einige Überlegungen zum Thema an, wie gewöhnlich bei ihm sprachlich eher schludrig, aber hier wie in manch anderem Fall argumentativ durchaus reich. (Manchmal ist er allzu obsessiv und zu schnell dabei, böse Absicht zu unterstellen, wo nur schiere Dummheit und der Zufall regieren.)

    Seine Kritikpunkte, knapp und etwas verkürzt zusammengefasst:
    • Man hat seitens des BVerfG noch nicht einmal eine klare Vorstellung vom Begriff, den man dem „Dritten Geschlecht“ geben sollte.
    • Was ist der Vorteil, einen anderen Namen für „Kein Geschlecht“ im Personenstand eingetragen zu haben, statt keinen Eintrag in der Rubrik fürs Geschlecht eingetragen zu haben?
    • Kein bestehendes Gesetz regelt etwas anders in Bezug auf das neue Geschlecht, also ist das neue Etikett (grund-)rechtlich völlig irrelevant.
    • Schafft ein neues Anspruchsrecht, obgleich die Grundrechte i.W. nur Abwehrrechte gegen den Staat sind, und dazu noch ein Anspruchsrecht auf bloße Befindlichkeitsstreicheleien.
    • Die Begründung eröffnet die Möglichkeit beliebig vieler Geschlechter. Es muss ja nur jemand nicht unter die gerade bestehenden fallen wollen.
    • BVerfG-Übergriffigkeit in Richtung nicht demokratisch beschlossener Gesetze
    ――――――――

    Ich erlaube mir noch zwei eigene Scherze über das wissenschaftliche „Personal“ der Genderstudien und über den Sprachschonungs-Progressismus.

    ――――――――
    Die sich mit Genderstudien befassen, wissen meist nicht recht, ob sie Männlein oder Weiblein sind, was ihnen zum Problem wurde. Am Ende ihrer langjährigen Studien haben sie dann die Befähigung erworben, allen anderen zu erklären, dass sie gestört sind, weil sie ihr Problem nicht haben.

    ――――――――
    1 Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Geschlechtsungerechten noch tritt auf den Weg der Sprachsünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen,
    2 sondern hat Lust am Gesetz des Sterns und sinnt über den Unterstrich Tag und Nacht!
    3 Der ist wie eine gleichmäßig hohe Hecke, gepflanzt an den Wortflüssen, / der sein Sprüchlein raschelt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er in den Diskurs einbringt, das gerät wohl.
    4 Aber so sind die Geschlechtsungerechten nicht, sondern wie Spreu, die der Wind der Neuerung verstreut.
    5 Darum bestehen die Geschlechtsungerechten nicht im Gericht noch die Sprachsünder in der Gemeinde der Gerechten.
    6 Denn der FORTSCHRITT kennt den Weg der Gerechten, aber der Sprachsünder Weg vergeht.

    ————————–
    [Nachtrag zu meinem vorigen Kommentar.]

    Ich habe den falschen Link eingebettet, der produktive Danisch hatte inzwischen einen weiteren Text zum Thema in sein Blog geschrieben und dieser ist mir hineingeraten. Der richtige Link ist dieser:

    http://www.danisch.de/blog/2017/11/08/verfassungsgericht-strohdoof/

    Pardon fürs Versehen!

    Seidwalk: Wie viele Leute hat der denn angestellt? Als Werktätiger, der er zu sein scheint, ist diese Produktivität doch fast gespenstisch. Oder gehört er zu denen hier: http://www.focus.de/gesundheit/gesundleben/stress/stress-durch-zu-wenig-stress-gelangweilt-im-job-die-folgen-des-boreout-syndroms-sind-nicht-zu-unterschaetzen_id_7813632.html

    Pérégrinateur: Nach dem, was ich bisher en passant mitbekommen habe: Alleinstehend, was schon mal reichlich freie Zeit verschafft, und von manchen einschlägigen Themen besessen, seitdem man ihm auf seinem universitären Weg ziemlich schmerzhaft auf die Füße getreten war. Man könnte das amor fati nennen. Er ist wohl inzwischen auch ziemlich bekannt und es dürften ihm deshalb viele Leser etwas zuspielen, nachdem man ja weiß, worauf er anbeißt. (Er hat nach eigenem Bekunden die Kommentierbarkeit auf seinem Blog erst abgeschaltet, nachdem man ihm faule Eier ins Nest gelegt hat; früher ging es dort sehr lebhaft zu, wie man feststellen kann.) Im Ergebnis eine fleißige Trüffelsau.

    Nach eigenem Bekunden liest er kaum je Korrektur, sondern schreibt lieber mehr. Nicht recht erklärt sich für mich, wie es kommt, dass jemand mit so obsessiver Arbeitsweise bei längeren Stücken tendenziell immer besser argumentiert, denn diesen Eindruck habe ich gewonnen; meist ist das doch anders herum.

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    • Kurt Droffe schreibt:

      Das ist eine kluge Beobachtung im letzten Absatz; tatsächlich zielt Danisch am ehesten bei den schnellen Schüssen aus der Hüfte daneben, während die längeren Texte, oft in einer Art Interlinearversion des besprochenen Textes oder Ereignisses, klüger argumentieren. Finde ich aber auch nicht so verwunderlich: Längere Texte zwingen doch mehr zur Stringenz als kürzere. Im übrigen sind bei ihm Spreu und Weizen gemischt, bei manchen Themen goldrichtig, bei manchen keine Ahnung. Muß bei ihm manchmal an Pynchon und seine Verschwörungstheorienromane denken: man weiß nie, ist das jetzt Wahnsinn oder Durchblick?

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Um es etwas spöttisch zu sagen: Bei seinen kleineren Stücken betreibt er oft, was beim Sturmgeschütz der Mediokratie selbstsicher „völlig legitime Verdachtsberichterstattung“ genannt würde. Er hat gewisse Lieblingsfeinde, und wenn er über diese etwas Abträgliches erfährt, hat er eine zu große Neigung, das erst einmal zu glauben.

        Bermerkenswert kritisch und gut ist er beim Erkennen statistischer und anderer Fehlschlüsse der Argumentation, hier deklassiert er 95 % aller Journalisten. Die mögen, je länger sie im Beruf sind, je weniger rechnen und wägen. Sie entscheiden lieber anhand anekdotischer Evidenz und selbstredend mit ihrer über die Jahre angehäuften Weisheit. Es scheint so eine Art Höhenkrankheit von Journalisten zu geben. Dürfen sie erst mal auf der Titelseite kommentieren, müssen sie nichts mehr detailliert begründen, sondern meinen qua Status schon das Richtige. Es gibt natürlich auch hier einige weiße Raben.

        Die noch schlimmeren Fälle sind moralische aufgepumpte Überzeugungsmeiner, und in die Klasse fällt ohnehin ein Großteil aller Zeitgenossen. Erst wird – emotional, extern getriggert und milieukonform – definitiv entschieden, ob etwas gut wäre, also noch ehe man erwogen hat, ob es rechnerisch stimmt und machbar ist und welchen Preis es anderswo vielleicht kostet. Danach muss es dann einfach funktionieren, und die einzige Ratio, die man noch aufbringt, dient der Rationalisierung. Beispiele erübrigen sich wohl. „Und wenn die Welt voll Teufel wär – es muss uns doch gelingen!“ Nur dass die Welt eben aus tausend Details besteht, und in vielen davon steckt ein mehr oder weniger kleiner Teufel.

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