Die verlorene Unschuld

Es gibt keine Macht und es gibt keine Majestät außer bei Allah dem Erhabenen und Allmächtigen! Wir sind Gottes Geschöpfe, und zu ihm kehren wir zurück. Niemand entgeht dem, was geschrieben steht. Und was einem Manne im Verborgenen bestimmt ist, das muß an ihm erfüllt werden.“ (Ali Baba und die 40 Räuber)

Wie sehr Deutschland sich in den letzten Jahren verändert hat, merkt man auch an den hysterischen Reaktionen in Sachen Islam. Hat man einmal den Fokus auf Islamisierung eingestellt, dann erscheint plötzlich jedes arabische Wort, jede „Alis Dönerbude“, jeder Koran im Schaufenster oder der Halbmond am nächtlichen Firmament als weiterer Schritt einer Invasion. Selbst die alten und klassischen Texte, die jahrhundertelang als unverfänglich galten, werden mit einemmal suspekt.

In Berlin Neukölln, dem bekannten Multikulti- oder Migrationsviertel – je nach Gusto – gibt es also nun einen Kinderspielplatz, der das Märchenthema „Ali Baba und die 40 Räuber“ spielerisch umsetzt und u.a. eine kleine blaue Holzmoschee mit Halbmond und angedeuteten Minaretten aufweist.

Daran erhitzen sich die Gemüter. Verkappte Islamisierung und Instrumentalisierung, schreien die einen, pure bunte Kinderphantasie, beruhigen die anderen. Franziska Giffey, die medienbekannte Bürgermeisterin und Nachfolgerin des aufrüttelnden Integrationsskeptikers Buschkowsky, benennt die Zusammenhänge: Es gebe im Kiez mehrere märchenhafte Themenspielplätze, „und nun eben einer zu Ali Baba und die 40 Räuber, dem klassischen orientalischen Kindermärchen.“

Das kann man nun so oder so sehen. Von einem Kindermärchen zu sprechen, zeugt jedenfalls von Unkenntnis, denn die „Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht“ sind – im Gegensatz zu Grimms oder Andersens Märchen – ganz und gar nicht für Kinder geschrieben. Sie stehen in der langen orientalischen oralen Erzähltradition, deren Sinn und Ziel einerseits die moralische Belehrung, andererseits aber auch die religiöse Einübung ist, wobei die stark erotische Komponente die Zielgruppe ebenso vorgibt wie die exzessive Gewalt.

„Ali Baba“ z.B., die Geschichte des jungen Mannes, der zufällig hinter das Geheimnis einer Räuberbande kommt und das Zauberwort – „Sesam öffne dich!“ – erlauscht, sich dann Eintritt in die Schatzhöhle verschafft und sich bedient, der dann schwer beladen zu seiner Frau nach Hause kommt, deren Gier sie dazu verleitet, das Gold nach Scheffeln zu messen, was wiederum den Neid der Schwägerin erweckt, bei der sie sich das Scheffelmaß borgt und die es, listig, mit Wachs auskleidet, wonach eine Goldmünze hängen bleibt und das ganze Unglück seinen Lauf nimmt, ist nun besonders blutrünstig.

Ali Babas Bruder nämlich, ebenfalls von der Gier zerfressen, verschafft sich desgleichen Zugang zum Schatz, wird jedoch von den Räubern überrascht und in vier Teile zerstückelt als Abschreckung aufgehängt. So findet ihn Ali Baba und bringt den Leichnam nach Hause. Das wiederum zeigt den Bösewichten, daß eine zweite Person das Geheimnis kennt – sie machen sich auf die Suche. Inzwischen ließ die schlaue und schöne und reizvolle Sklavin Mardschâna – die eigentliche Heldin des Stücks – den Leichnam von einem Schuster zusammennähen und beerdigen. Dieser einfältige Schuster verrät Ali Baba unwissentlich an die Räuber, die Rache nehmen wollen. Dank der List der Sklavin scheitern die ersten beiden Versuche, was jeweils einen Räuber den Kopf kostete, und so setzt der Räuberhauptmann alles auf eine Karte und nimmt die Sache selbst in die Hand. Aber Mardschâna kommt ihm erneut zuvor, übergießt 38 potentielle Attentäter, die sich in Schläuchen versteckt hielten, mit siedendem Öl und als der letzte Ganove es ein weiteres Mal versucht, ersticht sie diesen. Als Lohn für ihre Tat darf sie den Sohn des Ali Baba ehelichen und gemeinsam genießen sie die Früchte ihrer Taten, den unermeßlichen Schatz.

Im Gegensatz zu den Grimmschen Märchen ist diese Gewalt durchaus nicht symbolisch, sondern ganz real. Eugen Drewermann oder Marie-Louise von Franz, um nur die beiden bekanntesten, der Jungschen Psychoanalyse verpflichteten Märcheninterpretatoren zu nennen, hätten vermutlich große Probleme, darin die symbolische „Wahrheit der Formen“ ausfindig zu machen, denn zumindest die Brutalität ist ganz real und sie wird mit dem Islam legitimiert.

Das meinte ich vorhin: bis vor wenigen Jahren hätte man diese Szenen unbefangen gelesen, jetzt hingegen schwirren einem Koranverse durch den Kopf und Hadithstellen, die die reale Wahrheit der Szenen beweisen könnten. Wir haben unsere Unschuld verloren. Selbst die Märchenwelt können wir nicht mehr unvoreingenommen wahrnehmen – überall stellen sich Beweise und Indizien ein für die Inferiorität, aber auch den Missionierungs- und Eroberungsgestus einer archaischen Religion.

So werden die furchtbarsten Grausamkeiten (auf beiden Seiten) im Namen Allahs begangen,  gelangen die Räuberseelen nach der Entseelung direkt ins Höllenfeuer, „eine Stätte, an der es nicht geheuer“, so sind Frauen nur Dienerinnen, die widerstandslos allen Wünschen des Mannes folgen, so finden wir eine Welt des unhinterfragten Glaubens an Geister, Dämonen und Dschinns vor und so wird, obwohl die „Verdienste“ der bezaubernden klugen Sklavin evident sind, alles auf Gott projiziert: „Meine Befreiung aus dieser Not und meine Rettung aus der Gefahr, die mich bedroht, kam durch die Allmacht des Schöpfers, der gütig ist, und der uns seine Gnaden und Wohltaten schenkt zu jeglicher Frist …“, ganz im Sinne der Sure 4.79: „Was immer dir Gutes widerfährt, ist von Allah, und was immer Böses dir widerfährt, ist von dir selber.“ Man möchte gern die 40 Seelen in der Hölle befragen, wie sie diese Gnadenrechnung, nachdem ihre Körper gesotten wurden, betrachten. Sie schmoren jetzt, in diesem Moment noch immer dort und werden es auf ewig tun.

Sind die Märchen aus 1001 Nacht auch kaum mit den Grimmschen Märchen vergleichbar[1], so gibt es doch einen verwandten europäischen Referenztext. Er macht uns darauf aufmerksam, daß auch die orientalischen Märchen im europäischen Denken in der Regel vollkommen mißverstanden werden, denn auch das „Decamerone“ (1353) des Boccaccio – um nichts anderes handelt es sich hier – wird weitestgehend fehlinterpretiert. Nicht um erotische Geschichten handelt es sich dabei – sie sind nur das Gefäß der Botschaft –, sondern um eine großangelegte Ode an das Leben. Um das zu sehen, muß man die Rahmenhandlung kennen. Die ist in aller Kürze:

Während einer schlimmen Pestepidemie treffen sich „inmitten von Elend und von Leichen bedeckten Straßen und Feldern“ sieben junge Damen – „keine von ihnen zählte mehr als achtundzwanzig Jahre, keine weniger als achtzehn“ –, finden sich drei ebenso saftvolle Jünglinge – übrigens aus einer quasi-islamischen Überzeugung heraus, da Frauen „ohne männlichen Rat nun einmal nicht auskommen können“ und da „Männer geradezu der Kopf der Frauen seien, ohne den kein Frauenwerk rühmlich zu Ende gebracht werde“ – und ziehen sich aufs Land zurück, um dem Tod zu trotzen, um das Leid zu vergessen, um das Leben und die Jugend zu feiern. Sie finden dabei das einzige Zaubermittel gegen den Tod – das ist nicht der Sex, wie man heute meint, das ist das Erzählen. „Denn wenn man auch nicht lernt, was zu lassen ist, so läßt man es doch, solange man erzählt oder einer Erzäh­lung lauscht. Nur wo noch Geschichten erzählt werden, ist man noch Wer.“ Und ganz „islamisch“, also unterwerfend, beginnt man mit: „Meine verehrten Damen, es ist schicklich alles im Namen Gottes zu beginnen, des Schöpfers und Erhalters aller Dinge, in welchem allein wir bei der Vergänglichkeit alles Zeitlichen unsere ganze Sicherheit und Hoffnung begründet finden.“

Die Parallelen zum orientalischen Märchenopus sind überwältigend. Beides sind in ihrer Grundidee „Menschheitstexte“, wie Hugo von Hofmannsthal feststellte: „… und  es ist eine Menschlichkeit, die uns umgibt.“

Und dennoch darf man bei aller strukturellen Vergleichbarkeit die inhaltlichen Differenzen nicht übersehen. Rekapitulieren wir also in einem dritten Durchgang die Rahmenhandlung der „Scheherazade“.

Alles, das enorme Gesamtgebilde steht unter Allahs Gnade: „Preis sei Allah, dem Herrn der Welten …“ Und es ist, wie alle Weisheitsliteratur der Welt ein erzkonservatives Werk! – es steht unter dem Signum: „Nun siehe, das Leben der Alten ward zur Richtschnur für die Späteren, auf daß der Mensch die Geschicke sehe, die anderen zuteil geworden sind, und sie sich zur Warnung dienen lasse, auf daß er die Geschichte der vergangenen Völker und was ihnen widerfahren ist, betrachte und sich im Zaume halte. Lob ihm, der die Geschichte der Alten zum warnenden Beispiel für die späteren Geschlechter gemacht hat.“

Es war einmal ein König – könnte man beginnen. Der ließ zur Jagd blasen, kehrte jedoch unerwartet zurück und fand seine Gemahlin in den Armen eines schwarzen (sic!) Sklaven – beide enthauptet er noch am Ort. Vor lauter Gram über das Erlebte – gemeint ist der Betrug, nicht das Blutbad – reist er zu seinem Bruder. Dieser geht ebenfalls auf die Jagd und in dieser Nacht wird der Trauernde Zeuge einer Orgie: die Gemahlin seines Bruder geht inmitten von zwanzig Sklaven und zwanzig Sklavinnen, die „legten sich zu ihr“ und „es war kein Ende des Küssens und des Kosens, des Buhlens und Liebelns, bis der Tag zur Neige ging“.

Dieses Erlebnis erleichtert den Gehörnten einerseits, denn es relativiert seine Scham, aber es beschwert natürlich seinen Bruder: sie fliehen in die Einöde. Ein seltsames Naturschauspiel läßt sie erschauern, sie steigen auf einen Baum, unter den sich just ein Dämon setzte. Der holt aus einer Schachtel eine bildhübsche Frau, die er seine „Herrin der Keuschheit“ nennt. Diese sieht die beiden Jünglinge im Baum und kaum ist ihr Dämon entschlummert, ruft sie den beiden zu: „Stechet einen starken Stich, sonst wecke ich den Dämon“. Nachdem sie ihr Begehren befriedigten, fordert sie deren Siegelringe, die sie an ein Band hängt, an dem bereits 570 Ringe klimpern: „Die Besitzer dieser Ringe sind mir zu Willen gewesen und haben diesem Dämon Hörner aufgesetzt.“

Die Frau als dauerhafte Gefahr, als Lüstling und Versuchung – ein urislamisches Bild wird hier entworfen. Dem König freilich hilft es, denn gemessen am Leid des Dämons ist seines geringfügig. Er kehrte zurück, schlug seiner Gemahlin und allen 40 – die Zahl 40 ist ist im Islam mythisch zu verstehen und bedeutet: „sehr viel“ – Sklaven den Kopf ab, „und von nun an nahm König Scherijâr jede Nacht eine Jungfrau zu sich; der nahm er die Mädchenschaft, und dann tötete er sie“ – Freud und Jung hätten freilich an dieser Angewohnheit ihre Freude gehabt – „um seiner Ehre gewiß zu sein, und so trieb er es drei Jahre lang.“

Der Nachschub an Jungfrauen begann zu versiegen, als sich die kluge Schehrezâd dazu entschloß, ihr Leben und ihre Mädchenschaft aufs Spiel zu setzen und den König „zu heilen“. Statt sich vergewaltigen zu lassen, erzählt sie – um ihr Leben! – jede Nacht eine Geschichte und hört gemeinhin an der spannendsten Stelle auf, so daß der König am nächsten Tag um die Fortsetzung bat. Darüber gebar sie ihm drei Kinder und wurde schließlich  seine Frau und das Morden hatte ein Ende.

Zurück nach Berlin.

Es ist kaum anzunehmen, daß die Verantwortlichen des „Kinderladens Ali Baba und seine Räuber“ in Neukölln von diesen Zusammenhängen wissen. Sie unterhalten – mit viel Engagement und Liebe, sofern man der Webseite vertrauen darf – einen multikulturellen Kindergarten, auf dessen Gelände nun die kleine blaue Spielmoschee steht. Eine Moschee freilich spielt im Märchen nur eine nebensächliche und auch keine rühmliche Rolle, denn in ihr treffen sich die Räuber um perfide Pläne auszuarbeiten. Wäre es nicht passender gewesen, wenn man denn die Phantasie der Kinder ganz ohne Hintergedanken anregen möchte, eine Art Höhle statt einer halbmondgekrönten Moschee zu bauen? Mußte das nicht als Provokation empfunden werden?

Wie dem auch sei: ich mag der geifernden Interpretation von PI-News nicht folgen wollen. Im Grunde genommen sollte der Spielplatz in den Augen Strenggläubiger Blasphemie sein – man hat offensichtlich in beide Richtungen nicht zu Ende gedacht.

Es gab eine Zeit, da galt der Orient als Traumland, als Phantasieland und, ja, auch als Märchenland. Wir haben diese Unschuld verloren, so wie Schehrezâd ihre verlor. Das ist schade. Man muß kein Leugner der Idee der Islamisierung sein, um zu sehen, daß ein kleiner bunter Spielplatz inmitten eines grauen Viertels mit Graffiti an den Wänden, die es in großen Lettern als „Hell“ beschreibt, nichts mit Islamisierung zu tun haben muß. Wer sich an den unschuldigen Emanationen der kulturellen Vielfalt erhitzt, dem geht der Blick für das Große und Ganze verloren.

Um es mit Cat Stephens alias Yussuf Islam zu sagen: Where do the children play?

Siehe auch: Cat Stevens und das Ende der Kunst

Quellen:
Die Erzählungen aus Tausendundein Nächten. Vollständige deutsche Ausgabe in sechs Bänden. Frankfurt 1976. Band 1 und 2.
Giovanni Boccaccio: Das Dekameron. Hundert Geschichten. Rudolstadt 1954
Ahmad Abdurrahman Reidegeld: Handbuch des Islam. Die Glaubens- und Rechtslehre der Muslime. 2005
Der Koran (Henning-Übersetzung)
[1] Es gibt freilich augenfällige Ähnlichkeiten zu „Simeliberg“, einem wenig bekannten Märchen der Brüder Grimm, das eine Kenntnis der Geschichte annehmen läßt.

3 Gedanken zu “Die verlorene Unschuld

  1. Thomas Lehmann schreibt:

    Die Aufregung über den Kinderspielplatz mag übertrieben erscheinen, aber anstatt eine Abhandlung über die Funktion und Bedeutung von Märchen abzuliefern wäre es besser gewesen, die Frage zu beantworten, warum eine immer breiter werdende Schicht von Bürgern so empfindlich reagiert.
    Der Grund dafür ist sicher keine Hysterie, die von finsteren Kräften angeheizt wurde. Dergleichen ist unmöglich in einem Land, in dem sich ein Schweigekartell aus Politik und Medien größte Mühe gibt, Probleme bezüglich Islam, Islamisierung und Integration herunterzuspielen oder komplett zu vertuschen. Eine ernsthafte Analyse der demografischen Entwicklung, der zugewanderten Gewaltkriminalität, des Bildungsverfalls und der Erosion des Sozialstaats aufgrund von Masseneinwanderung findet jedenfalls nicht statt.

    Stattdessen wird abgeblockt, wobei es grundsätzlich sieben Techniken des Abblockens gibt:

    1) Der Islamkritiker wird persönlich diffamiert. (Das ist am einfachsten und geht am schnellsten.)

    2) Man weicht von den Kernproblemen auf Nebensächliches aus. (Wie hier im Artikel.)

    3) Es werden positive Einzelbeispiele (Mustermigranten) vorgestellt, um die eklatanten Defizite der großen Masse der ´Flüchtlinge´ zu kaschieren.

    4) Positiv besetzte Begriffe werden missbraucht, um die bittere Realität hinter einem künstlichen Nebel aus Wohlgefühl zu verbergen. (Es wird auf Affekte gesetzt anstatt auf Analyse.)

    5) Statistische Daten werden mittels exzessiver Ausdifferenzierung derart verbogen, daß am Ende keine greifbare Größe mehr vorhanden ist. (Dekonstruktion.) Besonders häufig geschieht das bei der Interpretation von Kriminalitäts- und Bildungsstatistiken.

    6) Es wird auf Basis einer höheren (aber sehr zweifelhaften) Moral argumentiert. Die Moral des Zuflucht-Gewährens wird verabsolutiert, während die sukzessive Zerstörung des eigenen Kulturraums freudestrahlend begrüsst wird.

    7) Über die wahren Verhältnisse wird, wider besseres Wissen, schlicht gelogen.

    Fazit:
    Der hier vorliegende Artikel bedient sich einer ganzen Reihe der oben angeführten Techniken, um den Islam zu verniedlichen. Regelrecht widerwärtig wird es am Schluss, wo ein Liedchen von Cat Stevens verlinkt wird. Vielleicht hat es der Autor ja noch nicht mitgekriegt, aber der Mann nennt sich inzwischen Yusuf Islam.
    Ich zitiere im Folgenden eine Passage aus Douglas Murrays ´Der Selbstmord Europas´:
    „Britanniens berühmtester Konvertit, Yusuf Islam (früher bekannt als Cat Stevens), wurde in einem Fernsehprogramm gefragt, ob er [Salman] Rushdie Unterschlupf gewähren würde, wenn der vor seiner Tür stünde. Er antwortete: „Ich würde versuchen, Ayatollah Khomeini anzurufen, und ihm sagen, wo sich dieser Mann befindet.“
    Auf die Frage, ob er zu einer Demonstration gehen würde, wo das Ebenbild von Rushdie verbrannt werde, antwortete er: „Ich würde hoffen, es wäre der echte.“

    Seidwalk: Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Schreiben Sie in Zukunft meine Artikel, wenn Sie so gut wissen, was hinein gehört. Aber zuvor müssen Sie die 694 anderen lesen, die Ihnen offensichtlich entgangen sind – andernfalls hätten Sie nicht so einen Unsinn schreiben können.

    Dort wo sie recht haben, rennen Sie offene Türen ein udn dort wo sie unrecht haben, haben sie unrecht.

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  2. Ulrich Christoph schreibt:

    Tausendundeine Nacht, in der sechsbändigen Übersetzung von Enno Littmann, stand in den Regalen meines Vaters und steht heute in den meinen, ich las sie heimlich im Alter von 15 bis 16 Jahren, womit ich für ähnlich umfangreiche Entdeckungen in die Zeitreisen von Musil, Joyce, Proust, Homer, Wells, Gadda und Herzmanovsky-Orlando (in dieser Reihenfolge) – bestens trainiert war. Proust erwähnt die „Nächte“ übrigens häufig in seiner Recherche.

    Die im Buch beschriebenen Orte der mindestens 1001 Erzähler aus fernen Regionen fallen für meine okzidentale Phantasie in einem gemeinsamen, imaginären Ort, „Ultra Auroram et Gangem“ (Juvenal) zusammen.
    Aus einem Essay von Borges ein längeres Zitat, wenn’s verstattet ist, das wiederum einen Anklang an Proust hat:
    „[…] ich möchte beim Titel [Buch von Tausendundeiner Nacht] verweilen. Es ist einer der schönsten der Welt; ich glaube, so schön wie jener andere […]: Ein Experiment mit der Zeit.
    In diesem hier steckt eine andere Schönheit. Ich glaube, sie liegt darin, daß für uns das Wort «tausend» nahezu gleichbedeutend ist mit «unzählig». Tausend Nächte sagen heißt, unzählige Nächte sagen, die unzählbaren Nächte, die vielen Nächte. «Tausendundeins Nächte» sagen heißt dem Unendlichen Eins hinzufügen. Erinnern wir uns an einen merkwürdigen englischen Ausdruck. Manchmal sagt man, statt «für immer», «for ever» zu sagen, «forever and a day». Man addiert einen Tag zur Ewigkeit. Was an Heines Epigramm an eine Frau erinnert: «Ich werde dich immer lieben und noch länger.»
    Die Idee des Unendlichen ist aus dem gleichen Stoff wie Tausendundeine Nacht.“
    (Essays 1980-1982, Hanser.)

    Faszinierend fand ich damals die Nervenstärke und Durchtriebenheit der Scheherezade, die, nach einer gefühlten Unendlichkeit, dem Tod von der Hand eines Ehrenmannes endlos erzählend ein Schnippchen schlug. Den stärksten Eindruck hinterließ die Geschichte von der Messingstadt, die auch Ernst Jünger bewunderte, und die nicht, nach einem Wort Sertürners wie die „Nächte“ „im Haschischrausch“ erfunden wurde:

    http://www.collasius.org/WINKLE/04-HTML/trypanosomiasen.htm

    NB: Auch Ihren Beitrag über Cat Stevens Yusuf Islam und das Ende der Kunst als Folge seiner Konversion finde ich sehr beachtlich. Wie ich höre, legt er seine früheren Erfolgsstücke (die ich kitschig finde) wieder auf. Non olet. Sie merken schon, dass ich ihn nicht schätze. Seine Haltung zu Salman Rushdie ist konsequent, inhuman und verachtungswürdig. Er hätte schweigen können.

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    Wenn diese von mir gefundene Version:
    http://www.hekaya.de/maerchen/geschichte-des-ali-baba-und-der-vierzig-raeuber-die-durch-eine-sklavin-ums-leben-kamen–tausendeinenacht_95.html
    eine getreue Wiedergabe ist, dann ist die Ali-Baba-Geschichte eine Anhäufung von Unglaubwürdigkeiten und Unwahrscheinlichkeiten und dazu noch grottenschlecht komponiert.

    Ali Baba lässt seine Esel zurück, als er auf den Baum steigt, und den zur Höhle kommenden Räubern fällt dann kein einziger Esel auf. Die neidische Schwägerin klebt den Teigbrocken unten an den Scheffel statt innen. Wollte sie nicht vor allem wissen, was im Scheffel gemessen wird? Morgiane tötet die in schon geschlitztem Schlauch sitzenden Räuber mit kochendem Öl, ohne dass diese in ihrer Todesnot wenigstens aus ihren Schläuchen ausbrächen oder schrien. So schnell stirbt man wohl nicht. Später warnt sie ihren Herrn wegen der Nachbarn, seiner Verwunderung zu sehr Ausdruck zu geben, was dieser sicher weniger laut täte als ein vom eigenen Tode Bedrohter. Eine Frau tötet fast 40 wehrhafte Räuber; Judith brauchte für nur einen Betrunkenen noch ihre Magd. Mehrfach werden Erklärungen nachgeliefert, wieso jemand etwas wusste oder nicht wissen konnte, die für das vorher Geschehene wesentlich sind. Die Geschichte wird ohne Cliffhanger aufgelöst, was heißt das für Scheherazades Schicksal? Usw. usf.

    Da lese ich lieber die Schilderung der Pest in Florenz von Boccaccio, die nur von der Einleitung von La Fontaines Les Animaux malades de la peste durch ihre Kürze und Prägnanz übertroffen wird. Feiner in der Rahmenhandlung als das Decamerone ist das Heptaméron von Margarète de Navarre. Parlamente mag eine etwas arg gestrenge und frömmelnde Dame sein, hinterließ bei mir allerdings mehr Eindruck als Boccaccios Gesellschaft oder gar der Betthase Schahriyârs.

    Ich weiß nicht, ob man aus der Ali-Baba-Geschichte überhaupt irgendwelche Schlüsse für den Kulturvergleich ziehen kann. (Wenn die oben genannte Version einer originalen „islamischen Einbettung“ beraubt sein sollte, sieht es freilich womöglich anders aus.) Sie wendet sich offenbar an ein ziemlich rohes Publikum, das wohl hauptsächlich von der Vorstellung des plötzlichen Reichtums entzückt ist. Ein solches Publikum gibt es überall.

    Eine ausgefeiltere und dabei für alle anderen schadlosere Idee hatte ich als kleines Kind, ich wünschte mir nämlich zu Weihnachten schlichtweg nur einen Zauberstab und argumentierte meinen nahen Verwandten gegenüber, dass sie damit praktischerweise jeder künftigen lästigen Geschenksuche zu den Feiertagen enthoben wären. Einfältigerweise hat man meine aus Rücksichtsnahme geborene Idee und mein ausnehmend rationales Argument dafür nur belächelt.

    Seidwalk: In der Werkausgabe, die angibt vollständig zu sein, umfaßt das Märchen 70 Seiten und auch dabei wurden evtl. orienttypische Redundanzen gestrichen.

    Besagte Szenen sind so wahrscheinlich, wie Rotkäppchens Verwechslung von Oma und Wolf oder des tapferen Schneiderleins Täuschung, statt aus einem Stein aus einem Käse Wasser zu pressen … Glaubwürdigkeit scheint mir beim Märchen nicht das optimale Kriterium zu sein. Und für eine mittelalterliche Schrift ist der Ali Baba, wie ich finde, mit seinen verschiedenen Verschachtelungen schon recht originell komponiert.

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