Luther der Deutsche

Diesmal habe ich lange überlegt, welches der dutzenden Bücher über Luther, die anläßlich des 500. Jahrestages des Thesenanschlages die Buchläden fluteten, ich – in langer persönlicher Tradition, denn der Reformationstag ist seit eh und je Lutherlektüretag – lesen sollte. Die Wahl fiel schließlich auf Heimo Schwilks Erzählbiographie und sie hat sich als Glücksgriff sondergleichen herausgestellt.

Schwilk deswegen, weil er in den konservativen Kanon gehört. Dort hat er sich als Herausgeber und Beiträger eines Klassikers – „Die selbstbewußte Nation“ – frühzeitig einen Namen gemacht und auch seine voluminöse biographische Arbeit zu Ernst Jünger setzt noch immer Maßstäbe. Außerdem schweigt das Feuilleton, das doch noch jede wieder aufgewärmte Neuerscheinung ausgiebig besprach, auffällig über dieses Buch. Kann das ideologische Gründe haben? Was so ein Mann wohl zu Luther zu sagen hat, in den er sich sicher auch erst einarbeiten mußte?

Als Student verbrachte ich ein sattes Jahr mit Luther und seinen Zeitgenossen, insbesondere Münzer und Karlstadt, las alles, was mir in die Finger kam, denn, so erschien es mir, keine Zeit hat solche Kraftmenschen hervorgebracht wie die Reformation, vor allem solch durch und durch komplexe und widersprüchliche Menschen, die zu ergründen und in ihrer Entwicklung, in ihren Wandlungen nachzuleben, eine Lust war. Die Luther-Biographien füllen ganze Regalmeter und ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß mir ein Autor noch einen neuen Luther präsentieren könnte – aber Schwilk hat es geschafft. Das Neue an diesem, dem Luther Schwilks, ist die Fülle, ist der „Kampf und die Einheit der Gegensätze“, ist die Kunst, aus dieser schillernden, einerseits zerrissenen, andererseits monumentalen Gestalt, die die deutsche Geschichte wie keine andere beeinflußt hat – zum Guten wie zum Schlechten – eine überzeugende Summe zu ziehen, einen Weg zu beschreiben, der nachvollziehbar ist, der Luther in den jeweiligen Phasen seines Lebens verstehen läßt. Mir fällt kein vergleichbares biographisches Werk ein.

Um das zu erreichen, ist, wie ich glaube, Schwilk bei Dilthey in die Schule gegangen. Das heißt, er hat seinen persönlichen Blick beiseite gelassen und ernsthaft versucht, sich in Luther einzudenken und einzufühlen – und zwar primär aus den Werken Luthers heraus -, seine seelischen Kämpfe ganz präsentisch mitzukämpfen. Entstanden ist eine „innere Biographie“ aus der Theologie. Zugegeben, manchmal mag man sich, wenn Schwilk innere Monologe oder äußere Abläufe beschreibt, fragen: woher will er das denn wissen, war er dabei? Hat er Luther gesprochen? … aber alles ist so überzeugend und glaubhaft geschildert, daß man die gewohnte Quellenforderung nonchalant übersieht, weil der Effekt es wert ist.

Nun schreckt gerade die komplexe und sehr nuancierte Theologie viele Leser ab, doch Schwilk macht einen Schlußstein aus – die Gnadenlehre oder die Rechtfertigungslehre – auf dem sich, von den frühen Irrungen, Wirrungen abgesehen, alles andere seit Luthers Paulus-Erlebnis konsequent begründet. Zudem verfügt Schwilk über die seltene Gabe, die komplizierten theologischen Dispute und Herleitungen auf eine allgemeinverständliche Sprache herunterzubrechen, die Fachvokabular nur dort verwendet, wo es unabdinglich ist. Es ist faszinierend und spannend, Luthers Argumenten zu folgen, wenn etwa die Glaubensgerechtigkeit gegen die Werkgerechtigkeit ausgespielt wird, wenn er gegen Erasmus die Unmöglichkeit des freien Willens verteidigt, wenn er die Frage der Sakramente revolutioniert, wie er sich in der Gewaltfrage windet, wohl wissend, daß seine Lehre ein intrinsisches Aufstandselement enthält, er allen Widerstand gegen weltliche Obrigkeit aber ablehnt, oder wie er gegen Zwingli im Abendmahlsstreit in die Mühle zwischen Denken, Überzeugung und Charakter gerät.

Im Grunde genommen war Luther – so paradox das klingen mag – ein Konservativer, einer, der erhalten wollte, und deshalb alles einriß: Indem er die Bibel dem Volk zugänglich machte und die lateinische Messe abschaffte, setzte er die innere Sprengkraft der Schrift frei und ließ die großen Rätsel auf ein kaum vorbereitetes Volk los. Die katholische Scholastik wirkte wie der Deckel der Büchse der Pandora – sobald einer begann, sie zu dekonstruieren, mußte das alles mit Mühe und Not zusammenhaltende Band reißen, wurde die Bibel quasi über Nacht vom Sinnstiftungszentrum in die Peripherie geworfen – nun war man in der Lage, sie zu lesen, aber auch lesend konnte man sie nicht verstehen, wohl aber mißverstehen und mißbrauchen.

Luther war sich dessen durchaus bewußt – er stellte sich die Frage, ob man jahrhundertealte Traditionen brechen darf und er tat es in der Überzeugung, einer noch älteren Tradition (Christus, Bibel) das angestammte Recht zu verschaffen, und beides begründete er – und das ist das Bahnbrechende, das uns bis heute im Gesellschaftskörper steckt – kraft seines Intellektes, also der Vernunft und seines Gewissens! Schwilk arbeitet ganz wunderbar die progressiv-destruktive Dialektik des freigelassenen Gewissens heraus, diese Befreiung, die weltgeschichtlich in die Katastrophe führen muß.

Und Luther muß die Konsequenzen noch selber erfahren. Er sieht, wie alles ins Stürzen gerät. Alles, was die Kirche im Inneren zusammenhält, hatte er in Frage gestellt und mit wachsender Popularität, auch mit steigender Autorität. Luther, der „kleine Mönch“ wird zur historischen Größe und er weiß das. Schnell wird die Religion zum politischen Machtfaktor, der Konflikt mit dem Katholizismus spitzt sich rasant zu und auch innerhalb der evangelischen Bewegung tun sich schon nach wenigen Monaten erste Schismen auf. Luther reagiert einerseits mit einer eigenen Scholastik und Orthodoxie und Sendungsbewußtsein, andererseits aber auch mit unzeitgemäßer Liberalität und Menschlichkeit. Karlstadt, seinen einstigen Verbündeten und späteren Erzfeind, nimmt er, als dieser reuig zurückkehrt, gnädig auf und versteckt ihn; „man dürfe aus der Freiheit kein Müssen machen, mahnt er“, und welche seelsorgerische Form der jeweilige Geistliche wähle, das stellt er – der die Willensfreiheit prinzipiell in Frage stellt – dem Individuum frei.

Wenn die Rede vom „aus-der-Geschichte-lernen“ einen Sinn haben soll, dann kann man ihn am besten in der Analyse dieser Epoche finden und Schwilk hat dazu das ideale „Lehrbuch“ geschrieben, das in den Schulkanon aufgenommen werden sollte.

1537 schaut Luther, schwer erkrankt, in Schmalkalden den Tod. Wie würde man heute über ihn urteilen, wenn er damals, also neun Jahre eher, tatsächlich gestorben wäre? Theologisch wäre sein Werk nahezu komplett gewesen, aber die Schriften gegen die Türken und gegen die Juden wären ungeschrieben geblieben. Vor allem letztere dominieren heute die Diskussion – dabei werden sie aus dem Kontext gerissen und unsäglich verabsolutiert. Schwilk weiß zu überzeugen, wenn er sie aus der Lehre und einer zunehmenden Verbitterung, auch einem körperlichem Leidensdruck heraus erläutert und nicht aus einem unterstellten habituellen Antisemitismus – das macht sie, so Schwilk, nicht weniger abstoßend, aber erklärt sie doch. Sie sind unrühmlicher Teil des Lutherischen Erbes, aber sie sind nur ein kleiner Teil, der zudem schon zu Luthers Zeiten auf wenig Verständnis stieß. Wer sie heute überproportional aufbläst, um sein #Luther fuck off oder „Luther, du mieses Stück Scheiße“ loszuwerden, handelt bewußt oder aus historischer Unkenntnis mit ideologischen Zielen, die da heißen: Enthistorisierung und Auslöschung durch Geschichtsvergessenheit.

Etwas anders liegt der Fall bei Luthers späten Islam-Auseinandersetzungen. Trotzdem seine Kenntnis beschränkt gewesen sein muß – auch wenn er den Koran in einer damaligen Übersetzung gelesen hatte – so wirken seine Urteile teilweise sehr modern und an die gegenwärtige Diskussion anschlußfähig. Hier ist evtl. auch heute noch was zu holen; vor allem scheint Luther den Zusammenhang zwischen der „Islamisierung“ – den türkischen Eroberungen – und der inneren geistig-religiösen Aushöhlung des Christentums gemacht zu haben. Andererseits solle man den Kampf gegen die Türken nicht als „Heiligen Krieg“ führen, weil man gegen einen „falschen Glauben“ anzukämpfen meint, sondern einzig und allein, „seines Mordens und Zerstörens halber.“

In diesen und ähnlichen Passagen präsentiert uns Schwilk einen Luther, der noch immer relevant ist. Nie belehrt er (vom überflüssigen, etwas paternalistischen Nachwort abgesehen), aber wer mit geübten Augen liest, der sieht den Bezug zur Jetztzeit allenthalben durchscheinen. In diesen Passagen tritt uns Luther auch als genuin Deutscher entgegen, als Produkt einer langen deutschen Tradition und als Kreator einer solchen. Das reicht weit über die bekannte sprachvereinheitlichende und sprachschöpferische Bibelübersetzung hinaus. Es ist sein konsequenter Charakter – in der Ernsthaftigkeit ebenso wie in der Übertreibung –, der „typisch deutsch“ ist, dieses „jederzeit und an jedem Ort ernst zu machen, ob im Beruf oder in der Familie, gegenüber der Obrigkeit, der Kirche oder welcher Gewalt auch immer“, es ist auch sein Versuch, das Deutsche Reich gegen Rom zu mobilisieren und damit geistig neu zu gründen – Luther ist und bleibt ein Praeceptor Germaniae.

An manchen Stellen fragt man sich: Wie würde Luther etwa über die Migrationskrise denken? Wie sähe er heute auf die Deutschen? Immer wieder jedenfalls wird deutlich, daß der ganze linke Protestantismus der heutigen Zeit ein Verrat an Luthers Lehre ist, sofern man dessen Grundgedanken des menschlichen Irrtums, „wir brächten selbständig gute Absichten zuwege“, ernst nähme.

Schwilk stellt diese Fragen natürlich nicht, aber sie sind immer wieder subtil im Text versteckt. Er hat mit diesem Buch das erreicht, was Wilhelm Dilthey als Ideal der Geschichtsschreibung entwarf:

„Freudige Erzählkunst, bohrende Erklärung, Anwendung des systematischen Wissens auf sie, Zerlegung in einzelne Wirkungszusammenhänge und Prinzip der Entwicklung, diese Momente summieren sich und verstärken sich untereinander.“

Schwilk entdeckt den Luther, den wir heute brauchen.

Pflichtlektüre! Auch jenseits von Luther.

Heimo Schwilk: Luther. Der Zorn Gottes. München 2017. 464 Seiten

siehe auch:

Luther als Prinzip (Stefan Zweig)

Zum Reformationstag (Friedrich Engels)

Nachtrag: Heimo Schwilk in der „Jungen Freiheit“ bestätigt diese Lesart

2 Gedanken zu “Luther der Deutsche

  1. Ulrich Christoph schreibt:

    Sie schreiben zu Schwilks Lutherbiografie: Pflichtlektüre! Auch jenseits von Luther.

    Auf der Website des Deutschen Bundestages findet sich diese denkwürdige Pflichtlektüre, „auch jenseits von Luther“:

    Rede von Bundeskanzlerin Merkel im Rahmen des 500. Jahrestages der Reformation am 31. Oktober 2017 in der Lutherstadt Wittenberg

    https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2017/11/2017-11-01-rede-merkel-reformationsjubilaum.html

    Wolfgang Herles hat Merkels Rede an anderer Stelle kommentiert.

    Liken

  2. Ulrich Christoph schreibt:

    Das schweigende Feuilleton scheint mir ein recht verläßlicher Kontraindikator zu sein. Dies und Ihr differenziertes Resumé der Lebenserschreibung einer inkommensurablen Persönlichkeit läßt mir keine Wahl. Der Bücherstapel wird anwachsen.

    Seidwalk: Beeilen Sie sich – es wird nicht weniger; für Nachschub wird bald gesorgt werden.

    Ich möchte noch einmal auf die Koinzidenz der Ereignisse und das bestätigende Interview Schwilks in der JF hinweisen: https://jungefreiheit.de/debatte/interview/2017/er-war-ein-konservativer-denker/

    Gefällt 1 Person

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