Ihre und unsere Wirklichkeit

Es gibt einen seltenen Schlag Mensch, vor dem alle anderen verstummen, wenn er zu reden beginnt. Man nennt das Charisma. Karen Blixen war so ein Mensch. Diese Frau war mehr als eine bedeutende Schriftstellerin und eine begnadete Beobachterin: sie war weise. Lauschen wir ihr!

Blixens weltweiter literarischer Durchbruch war das Buch „Den afrikanske Farm“ (dt. Jenseits von Afrika). Darin beschreibt sie ihre Erfahrungen in Schwarzafrika, in Kenia vor allem, wo sie auf einem Hochplateau eine Kaffeeplantage betreiben wollte. Sie tat das mit allergrößtem Respekt vor der vorgefundenen Kultur und Religion. Man muß ihre Briefe kennen, um das zu begreifen. „Natives (wozu die Somalis eigentlich nicht gehören; sie sind Einwanderer aus Somalieland, Mohammedaner und eine Art Araber und sehen von oben auf die Neger herab) haben mein größtes Interesse hier; aber ich glaube, daß ich hier draußen die einzige bin, die wirklich dieses Interesse besitzt“[1], schreibt sie gleich in einem ihrer ersten Briefe.

Die Menschen erscheinen ihr frei von den identitätsspaltenden Problemen des Westens, sie sind einfach, gläubig, schicksalsergeben, sie leben noch in einem „Goldalter“. Sie sieht klipp und klar, daß der Fortschritt und der fremde Glaube, den sie selbst vertritt, daß der englische Wille nach Reichtum diese noch heile Welt zerstören muß. Fasziniert studiert sie Islam, Koran und Muslime: „Ich glaube, es gibt keine Menschen, die mehr Selbstempfinden, Ruhe und Mut und Würde in sich vereinen, als die Mohammedaner.[2] Ja sie spielt sogar mit dem Gedanken, sich den Islam anzueignen: „Ich bin bestimmt schon ein wenig Mohammedaner geworden durch meinen Umgang mit den Somalis … wie viel Stärke ist doch in ihrem einfachen, unerschütterlichen Schicksalsglaube“.[3]

Liest man nun, unter diesen Vorzeichen, ihren Roman, so tun sich seltsame Widersprüche auf. Während sie im Privatleben mit Identitäten spielen kann, ist sie als Geschäftsfrau gezwungen, Europäerin zu bleiben. Dadurch ändert sich die ganze Perspektive und das Buch erlangt vor dem Hintergrund der Einwanderungswellen neue, überraschende Aktualität.

Denn in dem Moment, wo Blixen Interessen vertreten muß, nämlich ihre eigenen wirtschaftlichen, wo sie garantieren muß, daß ihr kleines Geschäft – das durchaus als Symbol für die westliche Demokratie herhalten kann – läuft und funktioniert, in diesem Moment werden die Unterschiede überdeutlich. Es ist ein permanenter Kampf zweier sich fremder und unversöhnlicher Welten. Diese Unversöhnlichkeit ruht in ewigen Traditionen und Mentalitätsgeschichten: „Europäern, die lange Zeit oder über mehrere Generationen an ein und derselben Stelle leben, fällt es schwer, sich an die vollkommene Gleichgültigkeit zu gewöhnen, die die nomadischen Völker für ihre Heimat oder ihre Umgebung zeigen.“ (17)

Immer wieder stößt sie auf diese (ja eigentlich bewunderte) Indifferenz. Es dauerte lange, und man mußte ihn gut kennen, bevor ein Eingeborener auf konkrete Fragen antwortete (22), sie – „die Neger“ – hätten „in ihrer Natur einen tiefen, unbezwingbaren Zug von Schadenfreude“ und empfänden eine „wirkliche Freude, wenn etwas schief ginge und einem Europäer zum Schaden gereichte“ (35) und immer wieder werden ganz verschiedene Rhythmen und Werte sichtbar.

Welche Weltsicht nun die bessere sei, läßt Blixen oft offen, sie konstatiert die Unterschiede: die Eingeborenen „sind auf das Unvorhergesehene vorbereitet und haben sich an das Unerwartete gewöhnt. Darin unterscheiden sie sich von den Europäern, die sich am liebsten gegen das Schicksal versichern“ und ein deutscher Arzt erzählt ihr beeindruckt von der unglaublichen Fähigkeit der Afrikaner, Schmerz mit großer Seelenruhe zu ertragen, und vom Mut dieser Menschen, scheiterte in seiner Arbeit aber an dem „Mutwillen gegen Regelmäßigkeit“, den er als eine Art Geisteskrankheit empfand. Deutsche Gründlichkeit würde afrikanische Patienten sogar sterben lassen. (26f.)

Sie beherrschten die Kunst der Pause und nutzten jede Gelegenheit, laufende Arbeiten zu unterbrechen und Ruhephasen einzulegen (47). Andererseits waren ihnen die ökonomischen Prinzipien fremd. Schuld und Verdienst waren keine Begriffe für Blixens Angestellte, die sie übrigens nicht ausbeutete, sondern für die damalige Zeit ernsthaft gleichrangig beschäftigte. „Afrikaner können sich nur eine einzige Art und Weise denken, Balance in die Wechselfälle des Daseins zu bringen: Es muß Erstattung geleistet werden.“ Stunden- und tagelang konnten sie sitzen und grübeln, durch welchen materiellen Einsatz ein Unrecht, ein Verbrechen, ein Unglück ausgeglichen werden konnte: Geld, Hühner, Ziegen, Pferde, Kamele … (90)

Auch den Begriff der Dankbarkeit kennen die Eingeborenen nicht. Sie sind nicht undankbar, betont Blixen, sie kennen das Konzept des Dankes in der europäischen Form schlicht und einfach nicht. (112) Ganz anders die Somalier, die ein ausgesprochenes Sensorium für Dankbarkeit haben und es darin nach westlichem Empfinden oft übertreiben. Die Massai unterscheiden sich von allen: „sie erinnern sich, sie können Dankbarkeit fühlen“ doch tendieren sie viel mehr zum Groll. „Aber die vorurteilsfreien Kikuyu, Kamba und Kavirondo haben keine Codes.“

Aber sie haben Mythen und die Fähigkeit, diese immer wieder selbst zu schaffen – eine Eigenschaft, die den europäischen Menschen abhanden gekommen ist (94), und wenn man „begann ihnen zu erzählen: ‚Es war einmal ein Mann, der einen Weg entlang ging und dort traf er einen anderen Mann‘, dann hatte man sofort ihre ganze Aufmerksamkeit und ihre Gedanken liefen mit dem Manne mit“ und sie drängten zu erfahren, was weiter geschah. (193)

Karen Blixen, oder Isak Dinesen, wie sie sich eine zeitlang pseudonymisch nannte, war fasziniert von der Technik. Auto und Flugzeug hatten es ihr angetan. Gerade in diesem Bereich wurden die existentiellen Unterschiede seinerzeit unübersehbar. „Schwarze Menschen“, schreibt sie, „haben einen Widerwillen gegen schnelle Fortbewegung, so wie wir einen gegen lauten Krawall haben.“ (209)

„Wir können Automobile herstellen und Flugzeuge und die Eingeborenen lehren, zu fahren und zu fliegen. Aber die wirklich tiefe Liebe zum Automobil kann man nicht im Handumdrehen in den menschlichen Herzen schaffen. Es dauert Jahrhunderte, um sie hervorzubriungen und es ist glaubhaft genug, daß Sokrates, die Kreuzzüge und die Französische Revolution notwendige Bestandteile der Herstellung waren.“ (250)

Und so zieht sich dieses Thema dauerhaft durch das Buch. Bei aller Liebe und Aufgeschlossenheit für ihre afrikanische Umgebung, bei allen Versuchen, sich dieser selbst anzupassen, bleibt doch stets die Differenz bis in die Wesensfragen hinein: „Ich weiß nicht, woher es kommt, daß die Kikuyu, die selbst sehr wenig Todesangst besaßen, so große Angst davor hatten, einen Toten zu berühren, während die Weißen, die den Tod fürchten, sich kaum Gedanken machen, einen Toten zu berühren. Einmal mehr hat man hier eine Sache, wo man fühlt, daß deren Wirklichkeit eine andere als unsere Wirklichkeit ist.“ (54)

Siehe auch: Einer, der es wissen muß

Starke Bilder – Schwarz und Weiß

Wandern mit Fatiha und Fallersleben

Was ist deutsche Kultur?

Dank sei Allah!

Quelle:
Karen Blixen: Den afrikanske Farm. København 1937 (1965)
Karen Blixen: Breve fra Afrika 1914-1924. Viborg 1978
Übertragungen: Seidwalk
[1] Karen Blixen: Breve fra Afrika 1914-1924
[2] Ebda. 87
[3] Ebda. 111

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