Die Wahrheit ist Nazi?

Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, d. h. die Wirklichkeit und Macht, die Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. (Marx: Zweite Feuerbachthese)

Es geht um die Wahrheit. Und darum, wie diese in unseren Medien repräsentiert wird. Die Ereignisse der Frankfurter Buchmesse bieten sich an, wie selten etwas, denn sie sind so gut dokumentiert, daß auch der Außenstehende, der nicht vor Ort war, die Begebenheiten fast vollständig rekapitulieren kann.

Es geht um die sogenannten „rechten Verlage“ – das Adjektiv „rechts“ würde von den vier – von 7000 – wohl nur der „Antaios“-Verlag für sich gelten lassen (und positiv verstehen); die „Junge Freiheit“, „Manuscriptum“ und „Tumult“ verorten sich konservativ bis liberal.

Bereits vor Eröffnung der Messe gab es Erregungspotential. So stellte die Messeleitung – die nicht müde wurde, ihre Toleranz zu betonen und ihr Eintreten für den offenen Meinungsaustausch – in einer späten Aktion ausgerechnet die „Amadeu-Antonio-Stiftung“ dem „Antaios“-Verlag direkt gegenüber, wohl als „Gegengewicht“. Die gleiche Messeleitung entblödete sich nicht, am ersten Tage vor dem Stand und stets den Blick der Kamera heischend zu „demonstrieren“ – die Gesichter scheinen immerhin die eigene Peinlichkeit einzugestehen.

Die Antonio-Stiftung, die kein Verlag ist und – im Gegensatz zu den Verlagen – nichts selbst erwirtschaftet, sondern aus Steuergeldern lebt (selbst in der CDU gibt es Stimmen, sie vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen), die von einer ehemaligen Stasi-Agentin (die später oppositionell wurde) gegründet und geleitet wird, sollte als Korrektiv, als Ausgleich dienen, konnte de facto aber nur als Provokation aufgefaßt werden.

Als man bei „Antaios“ davon erfuhr, verfaßte Ellen Kositza auf „Sezession“ einen offenen Brief (lesenswert!), der zum öffentlichen Dialog mit der Stiftung aufrief. „Eine faire Diskussion auf Augenhöhe!” Das Angebot wurde ignoriert. Auch während der Messe gingen Frau Kositza sowie andere Autoren wiederholt auf die Stiftung zu und versuchten ins Gespräch zu kommen, wurden jedoch mit der Begründung abgewiesen: „Eine öffentliche Diskussion auf Augenhöhe mit den Neuen Rechten hieße, ihre Argumente diskutabel zu machen.“ Damit ist jeder Dialog apriori ausgeschlossen worden – von links. Es ist auch paradox und selbstimmunisierend, weil man die Argumente, die man so vehement ablehnt, gar nicht kennen kann, wenn man weder den Dialog noch die Lektüre zuläßt.

Dann folgte vom Börsenverein ein an Zweideutigkeit kaum noch zu übertreffendes Statement mit dem Titel: „Umgang mit rechten Verlagen auf der Frankfurter Buchmesse.“ Man sollte meinen, der Umgang müßte in Lesen und Diskutieren bestehen, aber die Leitung hatte anderes im Kopf: „Wir sehen uns daher in der Pflicht, uns aktiv mit der Präsenz dieser Verlage auseinanderzusetzen und für unsere Werte einzutreten.“ „Aktiv“ steht da! Das war die Saat, die folgerichtig aufging.

Die Linke schlingert hin und her: Einerseits der Ruf, sich mit den Rechten auseinanderzusetzen, sie „zu stellen“ und zu „entlarven“, andererseits eine scheinbar panische Angst davor, den Argumenten nichts entgegenhalten zu können.

Weniger Probleme schien man mit diversen Verwüstungen der Stände zu haben, die jeweils nachts, in geschlossenem Gelände! stattfanden. „Antaios“ mußte drei Dutzend Bücher durch Beschmutzung mit Zahnpasta abschreiben, „Tumult“ wurde sogar der gesamte Buchbestand nebst Broschüren gestohlen und der Stand mit obszönen Zeichnungen bedacht. Man wird sich fragen müssen, wie die Täter jeweils auf das Gelände kamen?

Der Fall Bergmann

Zu einer ersten körperlichen Auseinandersetzung kam es am Stand der „Jungen Freiheit“. Dort stellte Karlheinz Weißmann sein neues Buch über die 68er vor. Wie man bald lesen konnte, wurde ein Zuhörer von einem anderen Zuhörer mit der Faust niedergestreckt. Der Schläger wurde natürlich sofort als „Rechter“ kenntlich gemacht, auch wenn bis zum jetzigen Zeitpunkt noch immer niemand etwas über seine Identität sagen kann. Offensichtlich saß er unter den Zuhörern. Das „Opfer“ war Achim Bergmann, Verleger eines kleinen linken Musikverlages. Er sei „herumgeschlendert“ und „zufällig“ bei Weißmanns Buchvorstellung gelandet und habe dort spontan „Du hältst jetzt die Klappe“ gerufen. Quelle der Information war offenbar ein Facebook-Eintrag einer seiner Mitarbeiterinnen, Eva Mair-Holmes.

Die Dankbarkeit und Schnelligkeit, in der die Medien diese Story aufnahmen, ohne zu recherchieren, spricht Bände. Dabei genügt ein bißchen googeln, um die Geschichte halbwegs wahrheitsgemäß nacherzählen zu können – es ist alles dokumentiert. Sie schreibt: „so also diskutiert die neue rechte. auf der buchmesse. eine lesung beim verlag junge freiheit. ein 74jähriger labelchef und verleger läuft zufällig vorbei und hört plötzlich übelste rechte rethorik. natürlich hat er dazu was zu sagen. er hat was zu rufen und das tut er. und plötzlich trifft ihn von rechts ein heftigster haken.“

Die „Junge Freiheit“ hatte die Buchvorstellung aufgenommen und ins Netz gestellt:

Dort kann man das Gespräch in Gänze nachvollziehen. Bergmanns Einsatz ist ab 13:50 zu sehen. Demnach rief er laut vernehmlich „Du redest Scheiße, Scheiße redest du!“. Von „übelster rechter Rhetorik“ war bei Weißmann nichts zu hören, im Gegenteil, sein etwas professoraler Duktus kann mitunter ermüdend wirken. Anstatt zuzuhören hat Bergmann aber „etwas zu sagen“ und bekommt dafür einen verwinkt. Daß der Störer einer einvernehmlichen Versammlung Gegenwehr erhält, kann nicht überraschen, daß einem Zuhörer die Glühbirne durchgebrannt ist, ist zu verurteilen und kann auf juristischem Wege geahndet werden, daß man den Unbekannten aber als „Rechten“ bezeichnet, ist böses Spiel. Gern zitiert man da Frau Holmes: „,Das Schlimme ist, dass wir mittlerweile in einem solchen politischen Klima leben, dass es wieder möglich ist, dass Rechte so brutal und arrogant auftreten‘, sagte Eva Mair-Holmes von Trikont.“

Der Fall Wehnemann

Es gab während einer Buchvorstellung des „Antaios-Verlages“ lautstarke Proteste linker Demonstranten, die die Veranstaltung durch Krawall offenbar unmöglich machen wollten. Das Photo, welches durch die Medien ging, zeigt diesen sympathischen jungen Mann – allen Klischees nach ein Rechter, der zusammen mit Kubitschek steht und wohl zu dessen Entourage gehört.

„Bild“ raunt

Die Überschriften ließ man zweideutig genug, um diese Insinuation aufrecht zu erhalten. Erst wenn man sich das Shirt des Menschen anschaut, erfährt man mehr: „Black Bambel Block“ – das ist eine linksradikale, „antifaschistische“ Gruppierung, deren Logo eine Handgranate ist.

Schaut man sich die Tattoos des Mannes auf verschiedenen Photos genau an, dann liegt der Verdacht nahe, daß er das Lebendvorbild für einen der Flyer oder Aufkleber der Gruppe war. Man ahnt, wo der Kerl am 7. Juli weilte. Das ist härtestes linksextremes Milieu. Selbst die selbsternannte Rechtswacht Liane Bednarz mußte den „Spiegel“ kritisieren: „Eskalation ging klar von Links aus„.

Dieser Kerl war offenbar der Rädelsführer des Protestes. Deshalb versuchte Kubitschek mit ihm zu reden. Das kann man hier sehen (ab 0:44) – die Reaktion: „Verpiß dich!“. Auf dem Video ist auch Wehnemann – ein Stadtverordneter der Satire-Partei „Die Partei“ zu erkennen (1:08).

Dieser Linksextreme wurde wenig später von der Polizei abgeführt. Wehnemann und einige andere folgen ihnen. Polizei und Ordnungskräfte, die die Festnahme offenbar absichern wollen, fordern die Menschen auf, stehen zu bleiben. Wehnemann jedoch versucht den gewaltsamen Durchbruch und wird von einem Sicherheitsbeamten niedergerungen:

Wenig später behauptet er auf Facebook von einem Nazi zu Boden gebracht worden zu sein. Seither geriert er sich als „Opfer“, tut also genau das, was den „Rechten“ 24/7 vorgeworfen wird.

Kurz darauf wird er von dem Journalisten Jonas Fedders, wahrlich kein Sympathisant des Antaios-Verlages, von dem die Aufnahme stammt und mit dem er befreundet zu sein scheint, auf den bewußten Irrtum aufmerksam gemacht:

Die Presse nimmt trotzdem die Mär dankbar an und selbst Jan Böhmermann verbreitet die Geschichte auf den sozialen Medien weiter. Und auch Jutta Ditfurth wird nach dem Bosbach-Eklat mit ihrem kernigen Mantra „Wer Nazis einlädt, hat Nazis auf der Messe – und, oh Wunder, die verhalten sich dann wie Nazis“ rehabilitiert.

Auch nachdem alles längst ersichtlich war, zitiert „Bento“ (vom „Spiegel“) noch immer: „Mit anderen Demonstranten hätte der dann beschlossen zu gehen: ,Die Stimmung wurde uns zu aggressiv.‘ Im Gehen habe ihn jemand von hinten attackiert und zu Boden geworfen.“

„Focus“ bietet Wehnemann auch noch nach zwei Tagen Interviewraum, eine Darstellung voller offensichtlicher Lügen, wo er immerhin einen interessanten Zusammenhang zwischen der Aufforderung der Messeleitung, sich „aktiv mit der Präsenz auseinanderzusetzen“ und seinem Verhalten zieht.

Sieg-Heil-Rufe

Von Wehnemann wurde auch die Geschichte von den „Sieg-Heil-Rufen“ in die Welt gesetzt, obwohl weder auf dem Video davon etwas zu hören ist, noch irgendein anderer Teilnehmer davon etwas mitbekommen hat. Es wäre im Übrigen auch vollkommen atypisch für die Identitäre Bewegung und müßte schon einer konkreten Person zugeordnet werden. Kaum der Rede wert, daß auch das von unseren Medien lautstark kolportiert wurde.

Der Fall Buchlesung

Tumultartige Szenen auch bei den Buchvorstellungen von Sommerfeld/Lichtmesz („Mit Linken leben“), auf der Björn Höcke erschienen war, und von Sellner/Müller, die das identitäre Projekt vorstellen wollten. Letztere Veranstaltung mußte aufgrund des Protestes abgebrochen werden, Kubitschek soll gegenüber Boos handgreiflich geworden sein etc.

Ich erspare mir die detaillierte Darstellung dieser Ereignisse – aus gesundheitlichen Gründen. Unterm Strich steht das gleiche Ergebnis: alle Evidenz widerlegt die Geschichten, die weitläufig in den Hauptmedien verbreitet worden.

Fazit

Man kann sich ausführlich, wenn auch verhältnismäßig wahrheitsfern bei „Spiegel“, „SZ“, „FAZ“, „FR“, „Welt“, „Focus“, Huff“, „Zeit“ etc. informieren. Ich empfehle hingegen Kubitscheks Fazit auf „Sezession“. Warum? Weil diese Stimme nirgendwo Gehör findet. Boos, Skipis, ja sogar Wehnemann dürfen ihre Sicht der Dinge darstellen – bisher hat, soweit zu sehen ist, noch niemand den Weg zu den eigentlich Betroffenen gefunden.

Dort merkt ein Kommentator an: „da haben Sie endlich mal friedliche, gebildete, zum Diskurs bereite Rechte und dann ziehen die mehr Feuer auf sich als der stumpfeste Glatzennazi.“

Das ist der springende Punkt! Es wird diesen Diskurs nicht geben, solange die Linke und der Mainstream ihre Angst nicht ablegen. Um das zu tun, müßte man lesen und zuhören. Dann würde man feststellen, daß die Werke von Lichtmesz, Kleine-Hartlage, Weißmann, Kubitschek, Sellner, Gerlich, Hinz, Scheil, Lehnert, Lisson, Scholdt, Sieferle, Vonderach, Waldstein, Zehm …, um nur einige aktuelle Autoren zu nennen, nichts von alldem enthalten, was das Vorurteil hineinprojiziert. Es gibt m.E. nur eine Ausnahme, den türkischstämmigen Autoren Akif Pirinçci, dessen vulgärer Stil – der als Satire und Ironie daherkommt – (auf mich) abschreckend wirkt (aber es ist sein Warenzeichen).

Es ist die Angst, den Argumenten und der Wahrheit zu unterliegen, es ist vielleicht sogar die Angst, die eigenen Argumentationsmuster und damit Sicherheiten, Glaubenssätze und innere Haltungsstangen aufgeben zu müssen.

Aber das ist eine Arbeit, die die Linke als solche und in den Medien selber leisten muß. Man kann ihr nur immer wieder die Hand reichen … und hoffen. Sie muß begreifen: Die Wahrheit ist nicht Nazi – und selbst wenn sie es wäre, dann muß man sich noch immer auf die Seite der Wahrheit schlagen.

13 Gedanken zu “Die Wahrheit ist Nazi?

  1. Emil Kriemler schreibt:

    Da ich (gute) Bücher liebe und nichts von Denk- und Meinungsverboten sowie Scheuklappen halte, habe ich bereits unterzeichnet und hoffe dass es auch den beschränkten Verantwortlichen der Buchmesse zu denken geben wird.

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  2. Kopfrechner schreibt:

    „Ich erspare mir die detaillierte Darstellung dieser Ereignisse – aus gesundheitlichen Gründen.“ Oh, wie gut kann ich das verstehen! Jeder Tag, an dem man mit Blick auf die Entwicklungen – sowohl bei uns als auch weiter entfernt – nicht verrückt wird, ist ein guter Tag. Dieser Blog und seine ausgewählt klugen Kommentare helfen bestimmt vielen beim Überstehen des grassierenden Wahnsinns.

    Zur Entspannung möchte ich zu einem bescheidenen Exkurs einladen.

    Die Adenauerschen drei Stufen der Wahrheit, unter Berufung auf seinen Freund Pferdmenges, wird allgemein bekannt sein („die einfache, die reine und die lautere Wahrheit“), und selbst Menschen, die glücklicherweise wenig mit Juristen zu tun haben, wird klar, dass es sich bei Wahrheiten normalerweise um Übereinkünfte handelt, die man aus pragmatischen Gründen oder aus Vertrauen in die größere Kompetenz anderer teilt. Oft mag der Pragmatismis nicht weit entfernt von unmündiger Unterwerfung sein.
    [Beispiel: Wir alle nehmen als wahr hin, dass die Sonne das Zentralgestirn ist und die Erde um die Nord-Süd-Achse rotiert – aber spüren wir die Kreiselkräfte? Wir glauben es dem Physiklehrer, der das ja oft auch nur gelesen (und eine Demonstration am Foucault-Pendel noch nie selbst durchgeführt) hat.]

    Aber selbst in der Physik werden Tricks angewandt, damit die Rechnung aufgeht: denken wir an die Korrekturrechnungen zur Aufrechterhaltung des Ptolemäischen Systems, den Äther vor den Experimenten von Michelson und Morley oder die Renormalisierung in der Quantenfeldtheorie oder aktuell an Schwarze Materie / Schwarze Energie usw. (Muss man jetzt nicht im Detail verstehen, glauben Sie einfach, dass ich(!) die Wahrheit (!) schreibe.)

    Wahrheit, könnte ein Mathematiker, beglückt von der Tiefe seiner Wissenschaft, nun sagen, gibt es überhaupt nur in der Mathematik.
    Achtung, werte Mitforisten, jetzt kommt die Belohnung für Ihre Geduld:
    1+2+3+4+5+6+7+8+…(immer weiter rechnen) = -1/12
    Ja: minus ein Zwölftel. Das glauben Sie nicht? Sie haben selbst angefangen, die Summe zu berechnen, und erhalten immer nur positive Ergebnisse? Sie starten Excel, summieren bis zu 10 hoch 308, und es wird nicht negativ? Die Gebildeten rufen, „beim Kehlmann, der Knabe Gauß wusste es doch schon besser!“

    Nun, der Fehler liegt ganz offenbar darin, zu früh aufzuhören. Man muss wirklich bis zum Ende summieren! Begründet wird das z.B. bei den cleveren und unterhaltsamen Numberphiles:
    The astounding result in less than 8 minutes: http://www.youtube.com/watch?v=w-I6XTVZXww
    Langfassung: http://www.youtube.com/watch?v=E-d9mgo8FGk

    Hoffentlich erfreut es manche hier; alle anderen mögen vielleicht nur die wahre Warnung von Richard Feynman beherzigen: „Do not exalt yourself.“ Es lindert die Gram, sich nicht alleine zu wissen.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Man sollte nicht naiv rechnen. Umsortierung von Reihen mit alternierendem Vorzeichen können andere Grenzwerte als die ursprüngliche Reihe haben, und bei Reihen, deren Glieder keine Nullsummen sind, sondern wie hier im Absolutbetrag sogar positiv nach unten beschränkt sind und also ohnehin gar nicht konvergieren, ist das damit erst recht der Fall.

      Nehmen wir einen noch vergleichsweise harmlosen Fall, nämlich die alternierende harmonische Reihe, die ohne Umstellung sogar noch konvergiert:

      1/1 – 1/2 + 1/3 – 1/4 ± usw.

      Die Teilreihen mit nur den Gliedern an den ungeraden Positionen

      1/1 + 1/3 + 1/5 + 1/7 + usw.

      bzw. nur den geraden Positionen

      – 1/2 – 1/4 – 1/6 – 1/8 – usw,

      sind beide nicht konvergent, sondern überschreiten (positiv bzw. negativ) jede Grenze. (Den Beweis lasse ich aus, Tipp: alle Glieder durch das nächste Reziproke einer Zweierpotenz nach oben bzw. unten abschätzen und zusammenfassen.)

      Nun wählen wir willkürlich eine Zahl z, die wir per Umordnung der Reihe als ihren Grenzwert erhalten wollen. Sei z ≥ 0; für z ≤ 0 geht der Beweis ganz analog.

      Wir „teilen“ nun die Gesamtreihe in die zwei obigen Teilreihen aus Gliedern gleichen Vorzeichens und „verschieben“ diese dann sukzessive jeweils von links nach rechts in eine dritte, neue Reihe.

      • Erst Glieder der Reihe mit nur positiven Gliedern nehmen, bis die erreichte Summe der dritten Reihe z übertrifft. (Dass dies zu erzielen ist, folgt aus der obigen Aussage über die zwei Teilreihen.)
      • Dann Glieder der Reihe mit nur negativen Gliedern dazunehmen, bis die bisherige Summe der dritten Reihe wieder unter z liegt
      • Dann wieder Glieder der mit nur positiven Gliedern dazunehmen, bis die letzte Summe wieder z übertrifft
      • usw. usf.

      Dieses Verfahren bricht nie ab, weil jedes unendliche Reststück einer der beiden nach und nach verbrauchten Reihen selbst auch jede Grenze überschreitet. Also werden, wegen unendlich vieler Wechsel, nach und nach auch alle Glieder beider Reihen verbraucht. Aber die Differenz des jeweils vor jedem „Umschalten“ erreichten Summenwertes zu z ist im Betrag kleiner, als das letzte hinzugefügte Glied – sonst hätten wir ja schon vorher umgeschaltet. Und da nach und nach alle Glieder verbraucht werden, wird dieser Betrag tendenziell immer kleiner, er geht gegen 0. Damit konvergiert die Folge der Teilsummen gegen z, was genau die Definition dafür ist, dass z die Reihensumme ist,

      Bsp. für z = 0,8. DIe konstruierte Reihe ist
      +1 – 1/2 + 1/3 – 1/4 + 1/5 + 1/7 – 1/6 ± usw.
      mit Zwischensummen 1, dann 1/2, dann 5/6, dann 7/12, dann 47/60, dann 389/420, dann 329/420 usw.

      D. h., man kann aus der alternierenden harmonischen Reihe durch bloße Umstellung eine andere Reihe konstruieren, die gegen jeden beliebigen Wert z konvergiert. Und daneben auch Umstellungen vornehmen, die dann gar nicht konvergieren. (In dem man in jeder Richtung vor dem Richtungswechsel soviel auffüllt, dass die „Übersprünge“ zur anderen Seite von z von Richtungswechsel zu Richtungswechsel immer mehr wachsen.)

      Die Denkfehler der Demonstration im Filmchen sind:
      1. Wenn man eine Reihe hinschreibt und dahinter ein Gleichheitszeichen, dann meint das „Ergebnis“ dahinter nicht das einer gewöhnlichen (und deshalb harmlosen) Addition mit endlich vielen Gliedern, sondern den Grenzwert der Teilsummen, d.h. einen Wert, dem die Teilsummen sich immer mehr nähern.
      2. Nicht jede Reihe hat aber einen Grenzwert, und insbesondere nicht die zwei dort benutzten. Bei einer konvergenten Reihe müssen notwendig die Reihenglieder gegen 0 streben, sonst würde in der Folge der Teilsummen immer wieder eine vom Grenzwert, dem sie schon nahe gekommen sind, weit wegspringen.
      3. Mit einer Zahl , die es gar nicht gibt ― wie S in S = 1 – 1 + 1– 1 + 1 ± usw., da diese Folge wie gesagt keinen Grenzwert hat ― kann man auch nicht gültig rechnen.
      4. Selbst wenn es diese gäbe, so wie etwa im Falle
      S = 1/1 – 1/2 + 1/3 – 1/4 ± usw.,
      dann darf man in der „verdoppelten“ Reihe
      S + S = (1/1 – 1/2 + 1/3 – 1/4 ± usw.) + (1/1 – 1/2 + 1/3 – 1/4 ± usw.)
      nicht einfach Umklammern und Glieder umstellen, ohne dass das Ergebnis sich änderte. Merke: Für die Summe von Reihen gilt im Allgemeinen (!) weder das Kommutativgesetz (benachbarte Glieder dürfen also nicht vertauscht werden) noch das Assoziativgesetz (Umklammerung kann ebenfalls den Wert verändern).

      Das Ganze ist ein Taschenspielertrick, der darauf setzt, dass die meisten Zuschauer vom Begriff der Konvergenz (Grenzwert, Reihensumme usw.) keine klare Vorstellung haben und dann naiv aus der „endlichen“ Arithmetik vertraute Rechenregeln (Kommutativgesetz, Assoziativgesetz) übertragen und für gültig halten, obwohl sie es gar nicht sind.

      Kleiner Trost für die Reingefallenen: Selbst der große Leonard Euler hat sich mindestens einmal in ähnlicher Naivität verrechnet, indem er aus dem Reellen vertraute Rechenregeln im Zusammenhang mit Radizierung im Komplexen anwandte, wo sie eben nicht gelten. Bei Reihen gar hat er sich vermutlich noch öfter verrechnet, denn sauber fundiert wurden die Grenzprozesse erst von der französischen Schule im 19. Jahrhundert.

      Mit einem hat der Zauberkünstler im Film allerdings recht: Die Renormierung ( die „passend gepaarte“ Glieder einer Reihe nutzt, die sich dann annullieren), ist eine Schweinerei. Ich bin nicht auf dem Laufenden, ob es inzwischen für das Prozedere eine saubere Begründung gibt, so wie es etwa bei der Deltafunktionsrechnung der Fall war, die lange als theoretisch völlig unfundiertes, haarsträubend „pragmatisches“ Rechenverfahren benutzt wurde, ehe die begründende Theorie dann nachgeliefert wurde.

      Die Welt muss übrigens nicht zur Mathematik passen, sondern die angewandten Teile der Mathematik zur Welt. Hier ist bekanntlich Kant hereingefallen, Stichwort: Euklidische Geometrie und Allgemeine Relativitätstheorie. Der Grundsatz rechtfertigt dann selbstredend nicht, einfach Fünfe gerade sein zu lassen, sondern erfordert eine passende, widerspruchsfreie mathematische Theorie dazu.

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      • Ulrich Christoph schreibt:

        Schon der kleine Gauß – beim Taschner, schon der kleine Gauß …! – ließ ungern Fünfe gerade sein. Auf seine Frage, an welchem Tag und in welchem Jahr er geboren sei, antwortete seine Mutter: „1777, am Mittwoch vor Rogate.“ Letzteres im evangelischen Kirchenjahr die Bezeichnung für den fünften Sonntag nach Ostern. Da der Knirps aber den Tag und Monat seines Geburtstages wissen wollte, erfand er eine komplizierte Formel, um für Jahrhunderte den korrekten Termin der Ostertage zu bestimmen. Darüber hinaus zerlegte er die Osterformel in Einzelschritte, für die nur die vier Grundrechenarten benötigt werden. – Damit erwies er sich bereits im Kindesalter als bewundernswertes Mitglied der Gemeinschaft numerischer Pedanten.
        Auf diese Weise erfuhr er sein kalendarisches Geburtsdatum, den 30. April 1777.

        http://www.nabkal.de/gauss.html
        Aber ich trage gerade Eulen nach Athen, werter Pérégrinateur.

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        • Kopfrechner schreibt:

          Werte Kommentatoren: Ihre Antworten ehren mich.

          Die schlichte Absicht war es, vom realen Irrsin durch ein paar flatterhafte Gedanken abzulenken und den Sinn von „Wahrheit“ etwas zu relativieren, was aber selbsverständlich gar nicht als Kritik am Hausherrn gemeint war oder irgend philosophische Tiefe erreichen könnte.

          Selbst Grundgewissheiten der Königin Mathematik, so mein Zwischenruf, können unsicher werden, wenn man konsequent weiterdenkt (sich dabei aber eventuell verirrt). Die Videos dienen zunächst der gehobenen Unterhaltung, und eine Unterhaltung im zweiten Sinne hat sich hier eingestellt. Die Argumentation der „Zahlenliebhaber“ steht im Widerspruch zur allgemein akzeptierten Auffassung der bei nicht-absolut konvergenten Reihen erlaubten Operationen, und Pérégrinateur hat sich die Mühe gemacht, den Fehler klar herauszuarbeiten.

          Wenn die Welt nun aber nicht so kontinuierlich ist wie die reellen Zahlen, nicht so determiniert wie die makroskopischen Erfahrungen uns nahelegen? Eventuell ist in den „Nicht-Standard“- Gedanken der Videos noch mehr als nur der subtile Mißbrauch von Regeln zu entdecken?

          Stichwort Intuition: Falls ich es recht verstehe, hat Euler (trotz der Behinderung seiner Sehfähigkeit) so unermesslich vieles berechnet, ohne dass ja damals die Grundlagen schon geklärt waren, und er lag intuitiv wohl fast immer richtig.

          Damit diese Thematik nicht überhand nimmt (ich werfe jetzt also nicht die Frage nach der Wahrscheinlichkeit auf, dass drei zufällig in der Ebene gewählte Punkte ein stumpfes Dreieck bilden) und so die Thematik des Blog zu weit gedehnt wird, schalten wir jetzt das Radio an und erfahren im DLF die Wahrheit vom Tage. Eigentlich reicht aber auch Leonhard Cohens: „Everybody knows …“

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    • Kopfrechner:
      Impressive! Als Laie möchte man wie im Zirkus rufen: Noch mal, aber langsam, ich will den Trick sehen! Wirkt wie Zauberei oder besser: Illusionskunst.

      Aber wie kann das sein? Müßte der „mathematische Raum“ dann nicht auch „gekrümmt“ sein, müßte es dann nicht auch im Reich der Zahlen eine Art Mehrdimensionalität geben, Tunnel, Wurmlöcher, schwarze Löcher oder was auch immer? – sorry, wenn ich hier Unsinn erzähle. Der eigentliche Beweis, nämlich die Zahlen tatsächlich durchzuaddieren, kann ja nicht erbracht werden.

      Es ist wie mit dem klassischen Syllogismus: „Alle Menschen sind sterblich, Sokrates ist ein Mensch, Sokrates ist sterblich“ – die Prämisse freilich kann noch immer falsch sein, es sei denn, man definiert den Menschen a priori als Sterblichen (wie die Griechen), was den Syllogismus aber auch redundant macht.

      Könnte man nicht einen Supercomputer das mal machen lassen um zu sehen, ob und wo es einen Punkt des Umschlags gibt, ein Moment, wo die Linearität aufgehoben wird? Oder ist das zu irdisch gedacht, daß es so etwas geben könnte?

      PS: Habe das vor Pérégrinateur (den ich jetzt erst sehe) geschrieben aber danach technikbedingt eingestellt – leider ist das Internet seit Tagen unzuverlässig … sollte es erneut zu Verzögerungen oder Überlappungen kommen, dann entschuldigen usw.

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  3. lynx schreibt:

    Seidwalk, 18.10.17
    Ihrer Kritik am Auftritt der Linken gegen ein paar Bücherstände auf der Buchmesse folge ich vollumfänglich: die Linke hat ihrer Sache wieder einmal einen Bärendienst erwiesen, um so lauter erschallt jetzt das Wolfsgeheul – wird sie es jemals lernen?

    Aber das ist nicht mein Metier. Mich beschäftigen eher die Schlüsse, die Sie aus dem Geschehen ziehen und wie Sie dieses einordnen. Sie beklagen, dass die Linke erneut eine gute Gelegenheit ausgelassen hat, mit den Rechten ins Gespräch zu kommen. Korrekt.

    Mich stört nur, wie sorglos oder fahrlässig Sie mit dem Begriff „Wahrheit“ herumhantieren. Wenn ich es recht verstehe, dann dient er am Anfang des Textes dazu, dass nicht „die Wahrheit“ über das Frankfurter Geschehen berichtet wird, sprich: das nirgends in den „Mainstream-Medien“ so berichtet wird, dass ein möglichst umfassendes, mithin wahrheitsgetreues Bild der Geschehnisse sich ergibt. So weit, so gut.

    Ganz am Schluss kommt es mir doch so vor, als würde ihre „Wahrheit“ dann aber etwas ganz anderes, viel umfassenderes meinen: als müsse die Wahrheit nicht berichtet werden sondern sei eigentlich schon da und natürlich bei Ihnen, wo denn sonst, als hätten Sie oder Gleichgesinnte sie gepachtet. Und zwar nicht nur die Wahrheit über die Buchmesse sondern die Wahrheit insgesamt.

    Sie gehen mit dem Wahrheitsbegriff um, als gäbe es ein „Naturrecht“ der Wahrheit: das, was Sie als Natur bzw. Realität wahrnehmen, ist die Wahrheit. Sie kann auf keinen Fall etwas sein, was sich aus theoretischen Überlegungen ergibt sondern ist einfach da, für denjenigen, der die Gnade hat, sie zu erkennen.

    Nun liegt aber die Wahrheit i.d.R. doch im Auge des Betrachters: der Christ kennt eine andere Wahrheit als der Atheist, der Muslim, der Buddhist, der Nihilist. Auf der einsamen Insel mag eine einzige Wahrheitsvorstellung ausreichen (i.d.R. nicht), in einer Gesellschaft der Vielen müssen wir die Wahrheit, insbesondere wenn es um gesellschaftliche Realitäten geht, immer neu aushandeln. Die Setzung einer Wahrheit wäre ja doch wohl autoritär, ihre Durchsetzung u.U. gewalttätig, oder nicht?

    Also, wenn Sie mit Linken (oder einfach nur Liberalen, Nicht-Reaktionären) ins Gespräch kommen wollen, müssen Sie sich zunächst von Ihrer Setzung der Wahrheit verabschieden und sie als eine mögliche Sicht der Dinge anbieten.
    Es ist Ihr Satz, „Es ist die Angst, den Argumenten und der Wahrheit zu unterliegen“, der genau an der Stelle, wo Sie das Gespräch anbieten, das Gespräch auch gleich wieder unmöglich machen, und zwar nicht wegen der Argumente sondern wegen „der Wahrheit“ (wollen Sie es überhaupt?).

    Einen Anfang haben Sie gemacht, in dem Sie Marx zitieren: hätte Marx an ein „Naturrecht“ der Wahrheit geglaubt, hätte er sich seine ganze Mühe sparen können, sein ganzes Eintreten für gesellschaftlichen Wandel, der sich neue Wahrheiten erarbeitet und ihre Relevanz dann in der täglichen Praxis prüft und beweist. Falsche Wahrheiten gehen unter, richtige Wahrheiten bleiben bestehen, zumindest so lange, wie sie sich als förderlich für die gesellschaftliche Entwicklung erweisen. Das ist Dialektik. „Die“ Wahrheit gibt es nicht. Dies muss man natürlich auch vielen Linken hinter die Ohren schreiben.

    Noch ein kurzer Nachtrag: man könnte fast meinen, Marx hätte ein Lehrbuch für Fußballtrainer geschrieben. Die gängige Zusammenfassung seiner These in fußballdeutsch heißt: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Damit ist eigentlich alles gesagt.
    Oder vielleicht noch eine Fußballweisheit: Nicht jedes Spiel ist ein Endspiel.

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    • Na geht doch! Mit solchen Beiträgen sind Sie hier gern willkommen! Widerspruch ist erwünscht! Ich bin nicht unfehlbar und wenn mir jemand Fehler nachweist, dann kann ich nur davon profitieren, lernen, die Aufmerksamkeit schärfen, Horizonte öffnen – im günstigsten Fall. Und wenn die Kritik in einer aufmerksamen Lektüre wurzelt, dann umso mehr.

      Diesmal haben Sie wirklich aufmerksam gelesen und den leichten Bedeutungswandel des Begriffes Wahrheit aufgespürt. Dessen war ich mir durchaus bewußt, da es sich aber nicht um einen philosophischen, sondern einen offen polemischen Beitrag handelt, schien mir der kleine Trick statthaft.

      Unabhängig davon bin ich tatsächlich der Meinung, daß die Wahrheit (an sich) in diesem historischen Moment stark rechtslastig ist. Nur deswegen bin ich dort zu verorten, nur deswegen habe ich meine alten Positionen – den Marxismus, das Spiel mit den Poststrukturlisten, den Öko-Fundamentalismus u.a. – nach und nach aufgeben oder besser: erweitern müssen, weil die Einsicht dämmerte, daß dort keine Wahrheit mehr zu vernehmen ist und daß das bißchen Restwahrheit zum Dogma versteinert war. Es ist kein Zufall, daß die intellektuelle Rechte gerade jetzt ihre schönsten Blüten treibt und zu einem denkerischen Niveau sich auswächst, wie man es seit der Weimarer Republik nicht mehr gesehen hat. Warum? Weil es, mit Marx, gesellschaftliche Notwendigkeit, meinetwegen auch „gegenständliche Wahrheit“ geworden ist – denn im Grunde laufen die Dinge noch immer nach den von Marx erkannten Ordnungen ab (er würde heute wahrscheinlich die Rechte lesen und über Habermas sich schief lachen).

      Woher die Selbstgewißheit? Nun, alles was vorhersagbar war – aus der rechten (und übrigens auch der marxschen) Theorie heraus – hat sich bisher bestätigt und die Ereignisse in Frankfurt waren nur ein weiterer Beweis. Als dieser Blog vor 2 Jahren eröffnete, da ging es mir darum, den Lesern – die oft nicht die Zeit haben, die gesellschaftlichen Vorgänge zu durchdenken oder auch nur wahrzunehmen – zu zeigen, daß insbesondere mit der Grenzöffnung – die wiederum nur ein Extremfall einer umfassenden ges. Entw. war – die westliche Gesellschaft – deren Kritiker ich nach wie vor bleibe, die ich aber für besser und aussichtsreicher halte, als alle zeitgenössischen Alternativen, die vor allem der erhaltenswerte Grund ist, auf dem wir alle leben, weben und sind – irreversibel und zu unser aller Schaden verändert wird. Das können Sie nachlesen, wenn Sie sich die alten Texte antun. Es war, aus der rechten Theorie heraus (während die Linke jubelte) absehbar, daß der soziale Frieden massiv gestört werden wird und heute, zwei Jahre später, sehen wir es an allen Ecken und Enden: alles noch recht überschaulich, aber die Tendenz ist klar: Deutsche gegen Deutsche, Deutsche gegen Fremde, Fremde gegen Fremde. Szenen wie in Frankfurt wären vor 2 Jahren noch schwer vorstellbar gewesen. Tendenz steigend. Gesamtgesellschaftsgefährdend.

      Es geht hier nicht um Glaubenswahrheiten (Ihr Buddhist, Christ …), sondern um quasi naturgesetzliche Wahrheiten. Ob der Christ das Prophetentum Mohammeds anzweifelt ist eine andere Kategorie, als ob jemand die Evolution anzweifelt oder das zweite Newtonsche Gesetz. Und bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen sind (mit hoher Wahrscheinlichkeit – das menschliche Element, der „freie Wille“ ist stets ein Unsicherheitsfaktor) hochgradig gesetzmäßig.

      Wie gesagt, die linke Wut ist nachvollziehbar, weil die Linke begreift, daß sie historisch überholt – wahrheitsfern – ist und weil sie sieht, daß das rechte Denken nicht nur Raum greift sondern vor allem Substanz hat und gewinnt. Es kann nicht ausbleiben, daß die besten Köpfe, die wirklich um die Wahrheit ringen, sich in diese Richtung orientieren werden. Nachvollziehbar ist es andererseits nur, wenn man parteilich und nicht wahrheitsorientiert denkt, wenn man seine intellektuelle Position aus Zugehörigkeiten und nicht aus mutmaßlicher Wahrheitsnähe ableitet.

      So gesehen: Ja, ich leiste mir diese Arroganz und behaupte: Ich weiß die Wahrheit – mehr als Sie zumindest. Das zeigt sich schon dadurch, weil ich Ihren (als Chiffre für Linke) Kanon schon gelesen und bewertet habe, Sie aber meinen (als Chiffre für Rechte) noch nicht mal zu berühren gewagt haben. Keiner von den Schreihälsen hat auch nur einen der besagten Autoren – die alle ebenfalls fehlbar sind – auch nur angefaßt. Und umfassendere Bildung berechtigt auch zur umfassenderer Einschätzung, was wahr und was nicht wahr ist, oder der Wahrheit doch zumindest näher kommt.

      Selbstverliebt bin ich nicht. Es ist nicht auszuschließen, daß die Linke recht hat – theoretisch. Es ist nicht auszuschließen, daß der Islam (nur als Bsp.) recht hat – würde sich das herausstellen, würde ich nicht zögern zu konvertieren … ich kann es nur nicht sehen. Seit Jahrzehnten ist kein maßgeblicher linker Denker mehr aufgetaucht – heutzutage wird ja schon der Lacanmarxist Žižek als Klassiker gefeiert und der Islam ist in einem bedauernswerten geistigen Niedergang begriffen … Wissen Sie mehr? Dann her damit!

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Sie benutzen den Begriff der Wahrheit auf eine Weise, die sehr weit ab ist von seinem traditionellen Verständnis, welches allein ihm sein Ansehen verschafft hat. Da bedeutet er nämlich die Übereinstimmung zwischen einer Aussage und der Wirklichkeit, also etwas Objektives. Dieser Begriff ist angesehen, weil er scharf und nicht verwaschen ist, wozu man ihn mit jeder nur subjektiven Auffassung („Jeder hat seine eigene Wahrheit“ usw.) unvermeidlich macht. Wozu das denn überhaupt, gibt es denn nicht schon den Begriff der Meinung? Wieso also den anderen der Wahrheit stumpf machen? Und wenn sie sagen „was Sie als Natur bzw. Realität wahrnehmen, ist die Wahrheit“, dann frage ich SIe, wieso sie nicht einfach zur so beschriebenen Sache „Sicht“ oder „Sichtweise“ sagen, das träfe sie doch wohl genauer und ohne Missverständnisse zu eröffnen. Anders gesagt, es kann nicht einmal zwei Wahrheiten geben, sonst gäbe es nämlich gar keine, sondern nur Meinung.

        Die Wendung, die Sie gegen Ende benutzen, macht die von nachlässigem Sprachgebrauch ausgehende Gefahr deutlich genug: „falsche Wahrheit“ – das ist nämlich eine contradictio in adiecto. Lässt man einen logischen WIderspruch in einem System oder einer Darlegung bestehen, dann kann man alles ableiten und beweisen, und dann kann man gleich jeglichen Gültigkeitsanspruch fahren lassen.

        Fast jeder geht in eine Diskussion mit dem Glauben hinein, dass er die Wahrheit besitzt und sein Opponent nicht, das ist einfach nur banal. Von einer Seite zu verlangen, sie solle im Vorhinein auf ihren Wahrheitsanspruch verzichten, ist im Vergleich zu dieser Alltäglichkeit viel anmaßender. Was man von Diskutanten dagegen erhoffen wird, ist Aufgeschlossenheit, also etwa die Gründe des Opponenten gelten zu lassen, wenn sie denn gut sind. Man sollte erwarten können, dass der Wahrheitsanspruch des Diskussionsgegners ertragen wird – schließlich muss er umgekehrt den eigenen auch ertragen. So wie die Katze um den heißen Brei herumstreicht mit der eigenen These zurückzuhalten, um die Gefühle des anderen zu schonen, das mag gegenüber bangen Kindern angebracht sein, ist aber gerade deswegen eine versteckte Herabsetzung des andern, weil man ihn damit wie ein Kind behandelt. Erwachsene dagegen sollten fremde Ansichten ertragen, ganz gleich, ob diese nun wahr oder falsch erscheinen oder vielleicht sogar sind. Man diskutiert doch nicht, damit jeder seine Streicheleinheiten bekommt, sondern um zu sehen, welche Ansichten gut fundiert sind und welche nicht. Das andere ist Eiapopeia.

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        • Ulrich Christoph schreibt:

          Zu Ihrer gegen den Subjektivismus gerichteten, schlüssigen Argumentation denke ich an eine Äußerung aus einem Gespräch von Karl Popper mit Franz Kreuzer – dokumentiert in dem Interviewband „Offene Gesellschaft, offenes Universum“ – , der mir gerade nicht greifbar ist:

          Sinngemäß sagte Popper: Man kann die Sprache außer acht lassen und daran glauben, die Welt selbst bestehe aus Tatsachen, während es doch die menschliche Sprache ist, die diese Tatsachen hervorbringt, entdeckt und aus der Wirklichkeit heraushebt, ohne dabei auf die Wirklichkeit einzuwirken. Die Wirklichkeit bleibt unverändert und die Tatsachen können durch die Sprache nicht verändert werden, auch nicht durch eine falsche Darstellung, da diese Sachverhalte heraushebt, die in der Wirklichkeit nicht existieren. Das Wahrheitsproblem wäre uninteressant, bezöge es sich nicht auf die Realität.

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      • lynx schreibt:

        Ich muss gestehen, dass ich mit beiden Denkschulen, der linken wie der rechten, enorme Schwierigkeiten habe. Das liegt daran, dass beide letztlich einem teleologischen Prinzip huldigen. Und nach der Schilderung Ihres weltanschaulichen Werdegangs habe ich den Verdacht, dass Ihnen Teleologie „liegt“?

        Die Linken glauben mehr oder weniger daran, dass die Menschheit letztlich doch in der Lage ist, die Welt zum Paradies zu machen, wenn alle gleich und glücklich sind, rundum versorgt. Die Rechten glauben ebenfalls an ein irdisches Paradies: der Reinheit, der Stärke, der irgendwie durch Stahlbäder Geläuterten, eine von Unrat gesäuberte Welt, wo hübsche Mädchen und starke Burschen für immer um den dörflichen Maibaum tanzen. (Der aniturbane Impetus der Rechten!)

        Meine Sozialisation verlief sehr protestantisch und Martin Luther hat ein gehöriges Wörtlein mitgeredet. Später hat sich die Stoa und eine Prise Buddhismus dazugesellt. Sie können sich denken, was dabei herausgekommen ist: große Skepsis, was eine „abschließende“ Regelung unserer irdischen Angelegenheiten angeht. Die Welt ist ein Jammertal, so geht das Lied der Protestanten. Sie wird es immer und ewig sein. Was hilft? Wer sich dessen bewusst ist, der sorgt für sich für einigermaßen auskömmliche Lebensumstände, möchte das auch in seinem näheren und weiteren Lebensumfeld haben, arbeitet daran mit, macht viele Kompromisse, manchmal auch um des lieben Friedens willen.

        Georg Christoph Lichtenberg hat dazu einmal gesagt: „Der erste Schluss der Weisheit: Alles anzweifeln. Der letzte Schluss der Weisheit: Sich mit allem versöhnen.“ – eine Maxime, an die ich mich gerne halte.

        Revolution? Reaktion? Fehlanzeige. Reform um Reförmchen, die mühselige Tour. Nicht tabula rasa, nicht Auschließeritis, alles Radikale ist per se verdächtig.

        Insofern kann ich Ihre Sicht auch nicht teilen, dass die Rechte in letzter Zeit große Denker hervorgebracht hätte. Alles ist Schaum (vor dem Mund), auch der Salonlinke Žižek ist in meinen Augen Schaum, ein selbstverliebter, wenn auch intelligenter Wirrkopf. Nirgends etwas Kommunikatives, nur Elitäres, Solitäres, so kommt es mir vor. Und Kommunikation ist das, was eine Gesellschaft braucht. Die Fixierung der Rechten ist und bleibt die Dominanz, die Herrschaft – und die Folklore. Oder ganz aktuell eben die Provokation, der Tabubruch, der Unflat. Eine merkwürdige Melange, die nicht gut riecht.

        Ob das mehr „Wahrheitsgehalt“ hat? Ich weiß nicht.

        Seidwalk: Noch ziemlich kalt! Das liegt wohl daran, weil ich nur die linke Seite meines „weltanschaulichen Werdegangs“ erwähnt hatte. Wären Sie länger dabei, dann wüßten sie, daß Kynismus, Stoa und Skeptizismus zum Handwerkszeug – also zum Mittelteil – zählen und Nietzsche, Husserl, Heidegger, Blumenberg und Sloterdijk für das rechte Gegengewicht sorgen. Dazu Darwin udn Dawkins im naturwissenschaftlichen Bereich, Wilber, Bahro, Sheldrake und Osho im Spirituellen, Buddha und Drewermann im Religiösen … das alles nach hinten offen. Ist aber eigentlich alles egal und spielt keine Rolle. Es geht um die Sache.

        Das zeitgenössische Denken ist im historischen Kontext auf niedrigem Niveau – darunter ragt das konservative Denken heraus.

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  4. Pérégrinateur schreibt:

    Am verwunderlichsten ist der heute weitverbreitete Topos, durch Eingehen auf eine Diskussion mit Menschen, die argumentativ an der Krücke gehen, würden diese zu Weltklasseläufern, hier: „Eine öffentliche Diskussion auf Augenhöhe mit den Neuen Rechten hieße, ihre Argumente diskutabel zu machen.“

    Wenn ich starke Einwände gegen eine Meinung anderer habe, dann bin ich in aller Regel glücklich, diese auch anbringen zu können. Und wenn ich glaube, die Andersmeinenden seien völlig auf dem Holzweg, dann käme ich nie auf den Gedanken, der Ausgang der Diskussion könnte nun gerade den Vernagelten Anhänger zutreiben.

    Die nächste Stufe im wortlosen, aber höchst edlen Kampf gegen die Falschmeinenden ist denn wohl in Friedrich Tiecks Abraham Tonelli beschrieben: „aber es waren noch mehr […] zugegen, die plötzlich zu den Prügeln griffen, da sie keinen Verstand bei der Hand hatten.“

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