Die Lemminge

oder: Der Einzige und sein Eigentum

Ein Märchen

Lange bevor es Menschen auf der Erde gab, herrschte ein Zwergenvolk über alle Kreatur. Sie besiedelten den Norden, den Süden, den Osten und den Westen.

Zahllose Generationen waren sie selig, schafften sich Nahrung, erzogen ihre Kinder, tanzten und lachten, doch am liebsten schliefen sie. Sie schliefen vor lauter Glück und Freude, denn nichts konnte ihnen geschehen. So ging es bis an ihrer Tage Ende.

Ein Zufall der Natur wollte es, daß einem Zwergenpaar eines Tages ein Kind geboren wurde, das größer war als alle anderen, ganz und gar kein Zwerg. Schon in seinen Kindertagen überragte er Mutter und Vater und wollte schier nicht aufhören zu wachsen. Überall stach er hervor. Zwar wußte das Zwergenvolk gar nicht was groß und klein bedeuteten, denn sie hatten keine Worte dafür, und doch fiel der Sonderling allerorten auf. Wo er hinkam, schauten ihn neugierige Augenpaare an, ein Flüstern und Raunen ging durch die Menge, kurz: er war schlicht und einfach anders als die anderen.

Da er auch stärker war, gab man ihm die schwierigsten Aufgaben. Einen Stamm, den gewöhnlich zwei oder drei Zwerge ächzend schleppen mußten, griff er mit Leichtigkeit und trug ihn trällernd herum. Die anderen strahlten und lachten, wenn sie ihn so sahen. So sehr gewöhnte er sich an die Aufmerksamkeit, so sehr erwartete er sie schon, daß er eines Tages einen der Zwerge schlug, weil dieser, in selige Träumerei versunken, einmal nicht zu ihm bewundernd aufschaute.

Das war unerhört! Man schlug sich unter den Zwergen nie!

Die Kunde verbreitete sich rasch im ganzen Land. Wenn es im Zwergenvolk doch einmal einen Streit gab, dann mißachtete man gewöhnlich die Kampfhähne, nun aber schauten die Zwerge noch schwärmerischer zu ihm auf, denn er hatte etwas Neues gewagt.

Eines Tages gab der Sonderling sich einen Namen. Bisher hatten die Zwerge nämlich keine Namen; man erkannte sich an der Stimme und sprach man über einen anderen, dann machte man einfach dessen Stimme nach, sprach in seiner Stimmhöhe und alle wußten Bescheid. Er jedoch nannte sich nun: der Große.

Auch die anderen nannten ihn von nun an den Großen. Bisher hatten die Zwerge immer alles gemeinsam beschlossen, ohne zu überlegen, sie ahnten einfach, was zu tun sei. Jetzt aber begann der Große zu bestimmen. Da sie nichts von Respekt und Autorität wußten, stellten sie diese auch nicht in Frage.

So begannen sie die Welt zu erobern. Sie sammelten Reichtümer und Nahrung für viele Monate im Voraus, sie bauten prachtvolle Bauten, sie machten sich die Tiere zu Untertanen. Arglistig wachte der Große über seine Besitztümer und duldete keine Widerrede. Widerrede bekam er auch nicht, denn die Zwerge kannten die Widerrede nicht. Nur er.

Nichts fürchtete er mehr als Widerstand. Die anderen Zwerge verstanden ihn nicht, denn sie kannten auch die Furcht noch nicht. Je mehr der Große besaß, umso ängstlicher wachte er über seine Reichtümer, aber unter den Zwergen kam gar niemand auf die Idee, sie ihm zu nehmen.

So wurde der Große alt. Nun dachte er viel darüber nach, was ihn so besonders machte, so anders, so einmalig. Bei der Größe blieb er nicht stehen, er sah sich auch als der Schönste, der Stärkste, der Klügste, in einem Wort: der Bessere. Er war, schloß er aus seinen Grübeleien, einzigartig. Ja, das war das treffende Wort!

So nannte er sich in hohem Alter: der Einzige. Wer ihn den Großen nannte, wurde streng bestraft, denn Größe, das war nur eine seiner Eigenschaften und die war ihm ins Nest gelegt. Was er daraus gemacht hatte, das war seine Einzigartigkeit.

Dann ging ihm der schrecklichste aller Gedanken auf – mit einem Male wußte er, daß er eines Tages sterben würde. Furchtbare Angst überfiel ihn. Sollte alles umsonst gewesen sein? Was würde von seiner Einzigartigkeit bleiben, wenn er nicht mehr ist?

Vielleicht wären die Zwerge weiterhin glücklich und zufrieden geblieben, wenn der Einzige einfach gestorben und in Vergessenheit geraten wäre. Vielleicht hätte es dann auch die Menschen gar nicht gegeben, denn für zwei solche Völker ist auf der Erde nicht Platz genug.

Der Einzige aber konnte seine Angst vor dem Tode und dem Sterben nicht besiegen; Tag und Nacht jammerte er, dann hielt er lange Ansprachen vor versammelter Menge und befahl ihren Inhalt in alle vier Himmelsrichtungen zu verbreiten. Er lehrte die Angst vor dem Tod und was man nicht alles verlieren würde und schließlich hatte er alle Zwerge seines Reiches und des ganzen Erdballes mit seiner Angst angesteckt. Einen kurzen Moment tröstete es ihn, wenn er all das Jammern und Klagen Land auf, Land ab hörte, aber dann merkte er, daß auch das ihn nicht vor dem Sterben retten würde und jammerte selbst aufs Neue.

Die Zwerge aber zitterten noch stärker als er, denn Angst hatten sie bisher noch gar nicht gekannt. Alle Welt jammerte nun und klagte und starb einer, so trauerte man und wimmerte umso stärker. Die Angst vor dem Sterben beherrschte nun alle Gedanken aller. Plötzlich sah jeder Zwerg in sich selbst etwas Einzigartiges, einen, den es nur einmal gibt und dessen Verlust durch den Tod ein ewiger Verlust wäre. Alle Gespräche drehten sich nur noch um ein Ding: Wie konnte man der Angst vor dem Sterben Herr werden? Man versuchte tausend Mittel und doch half nichts. Am besten war noch das Schlafen; man schlief nun aus Furcht vor der Angst vor dem Sterben, man schlief verzweifelt, um zu vergessen.

Bis der Große, der Einzige  die rettende Idee hatte. „Freunde!“, rief er vor versammeltem Volk. „Freunde, nur ein Mittel kann die Angst vor dem Sterben besiegen“, rief er. „Morgen ziehen wir auf den Marsch. Hinter dem Horizont zeige ich euch, wie man die Angst vor dem Sterben bezwingen kann.“

Am nächsten Tag sah man einen endlosen Zug Zwerge durchs Land ziehen, wie ein riesiges Heer, nur die Kranken und Lahmen blieben zurück. Sie zogen ans Meer und hielten an der höchsten Klippe. Sie sahen hinab. Dann schauten sie mit erwartungsvollen Augen auf den Einzigen, der wie ein Turm aus der Menge ragte.

„Das ist die Lösung“, rief er mit bebender Stimme. Die Zwerge starrten ihn verständnislos an. Dann sagte er: „Gegen die Angst vor dem Sterben hilft nur eines: der Tod“ – und sprang.

Endlich begriffen die ersten und taten es ihm nach und bald waren alle wie vom wilden Fieber ergriffen und stürzten sich begeistert in den Tod, in die stürmende Flut, wo sie jämmerlich ersoffen.

Alle sprangen sie, nur einer nicht. Der lief zurück zu den Kranken und Lahmen und pflegte sie gesund. Aus ihnen erwuchs ein neues Zwergenvolk, doch hatte es mit dem alten nichts mehr gemein. Nie wieder konnten sie die Angst verwinden. Sie verkrochen sich in dunkle Erdhöhlen und zogen immer weiter nach Norden, dort, wo kein anderes Wesen ihnen zu nahe kommen konnte, wo der Winter zehn Monate währt. Immer kleiner wurden die Zwerge von der geduckten Haltung, sie verlernten bald die Sprache und unterhielten sich nur noch mit hohen ängstlichen Pfiffen, dickes braunes Fell wuchs ihnen am ganzen Körper. Wenn sie ans Tageslicht kriechen, dann schauen sie sich mißtrauisch um und huschen beim geringsten Geräusch oder beim kleinsten Schatten in Panik in ihre Löcher zurück. Geblieben ist ihnen nur die Angst vorm Sterben, und statt zu leben, haben sie noch heute kein besseres Mittel gegen die Angst vor dem Tod gefunden als den Tod selbst. Alle Jahre wieder sieht man sie in großen Scharen ans Meer wandern, wo sie sich selbst in die tödlichen Fluten stürzen.

Unter den Menschen nennt man die Zwerge Lemminge.

 

weitere Märchen

Ein Gedanke zu “Die Lemminge

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.