Die AfD-Welle

Schaut man sich diese Graphik an, kann man schon ins Grübeln kommen. Es lohnt, darüber ein wenig zu sinnieren.

Sie beschreibt den Stimmenanteil der AfD nach Landkreisen. Unschwer ist das Ost-West-Gefälle zu erkennen. Wie eine Welle, fast kann man es als Tsunami beschreiben, steigt der Stimmenanteil aus Westnordwest nach Ostsüdost und hinter Dresden – einst das „Tal der Ahnungslosen“ – trifft die Welle auf Land und überschlägt sich förmlich. Ganz weit im tiefen Südosten der einstigen DDR konnte die AfD sogar die Mehrheit gewinnen und in drei Landkreisen einen Direktkanditaten stellen – von denen eine, wie wir nun wissen, die AfD gar nicht mehr vertreten wollte.

(Im Nachhinein erscheint Frauke Petry als Meisterin der Intrige und die Sicherung des Wahlkreises Sächsische Schweiz-Osterzgebirge könnte der erste Schritt einer lang angedachten Strategie gewesen sein – doch ist FP heute nicht Thema.)

Ist es ein Zufall, daß just Bautzen, Görlitz und das Hinterland uns auch seit Jahr und Tag als Nazihochburgen präsentiert werden? Das anzunehmen ist so wahrscheinlich wie an einem Tag drei Mal im Lotto zu gewinnen. Allerdings dürften Ursachen-Folgen-Relationen, wie sie uns in der Presse präsentiert werden, weit verschlungener sein. Man müßte tief in die Historie abtauchen – selbst August der Starke, Herzog von Sachsen und König von Polen (eine fast Heilige Allianz! – man fasse diesen Gedanken als zukunftsträchtig!) käme darin vor –, ebenso wie die berühmten 12 Jahre, müßte zudem die Mentalitätsgeschichte beachten, aber auch die Sonderrolle in der DDR bis hin zu den einfach zu verstehenden Aversionen gegen aktuelle massenmediale Verunglimpfungen, denn was die linke Presse im Stakkato beschreibt, hat sie selbst auch erzeugt.

Sie, die Presse, kann das selber nicht sehen. Davon zeugen die „Wir-müssen-verstehen“-Artikel, die den Sachsen noch immer wie ein von einem Bazillus befallenes Objekt betrachten und ihn quasi mit Vollschutz und Desinfektion sezieren, um den Krankheitserreger zu finden, von dessen Präexistenz man überzeugt ist. Eine der beliebtesten Fragen der Obduzenten – die die vollkommene Ahnungslosigkeit, das Fortleben im ptolemäischen Weltbild, nur bestätigt – ist: Wie kann es sein, daß ausgerechnet dort, wo es fast keine „Ausländer“, sprich „Flüchtlinge“ gibt, man sich dagegen wehrt? Oder umgekehrt: Warum scheinen die Westdeutschen, die nun seit Jahrzehnten Seit an Seit und manchmal auch untereinander mit diesen leben, gegen den „Rassismus“ – das ist es ja, was sie dahinter vermuten – immun zu sein?

Bereits die Fragestellung impliziert: Es ist doch gar nicht so schlimm, es funktioniert doch. Die Kanzlerin, die Flüchtlinge wohl vornehmlich nur von Selfies und Talkrunden kennt, brachte es in gewohnter Eloquenz auf den Punkt: „Lernt einfach mal einen Flüchtling persönlich kennen“. Sie war auch der Meinung, das Christliche sei durch Blasen der Blockflöte und das Absingen einiger Weihnachtslieder zu retten. Das ist die Frau, die Europas Schicksal noch immer in den Händen hält.

Unsere Presseprofis können alle gut schreiben, bewegen sich im Grunde aber auf dem gleichen intellektuellen Niveau. Weil sie gelernt haben, an verschleierten Frauen und bärtigen Männern oder an fremdsprachigen, dunkelhäutigen Menschen vorbeizugehen, ohne jedes Mal bedroht, erstochen oder vergewaltigt zu werden, meinen sie, es sei doch alles gar nicht so schlimm und die Ostdeutschen sollten sich nicht so haben und einfach selber nur mal ein, zwei Jahre an Verschleierten etc. vorbeilaufen, um zu erfahren: da passiert nix!

Die Idee, daß man gerade durch den intensiven Kontakt – und wie oft gibt es den eigentlich? – auf die kulturellen Differenzen, selbst bei freundschaftlichen und sehr engen Beziehungen, aufmerksam werden könnte, können sie nicht fassen. Solche zu beschreiben, ist Teil der Arbeit dieses Blogs.

Es gibt allerdings auch Statistiken, die das Mediennarrativ in Frage stellen. Wie lassen sich etwa die hohen AfD-Werte im Südosten Bayerns erklären? Könnte es mit der unmittelbaren Grenz-Erfahrung, also der Erfahrung mit Flüchtlingen zu tun haben? Und schauen wir uns die AfD-Inseln im Westen an: Gelsenkirchen, Heilbronn, Duisburg, Freiburg, Heidelberg u.a.

Heidelberg und Heilbronn sind hier besonders interessant. Sie haben in den letzten Tagen auf dem Blog eine Rolle gespielt. Ein eifriger Leser und Kommentator verstieg sich sogar zu der Behauptung, Heilbronn sei „tatsächlich eine der dynamischsten Städte in Deutschland“. Alle genannten Orte zeichnen sich durch die gleiche Dynamik aus: sie sind ethnographisch äußerst divers und haben einen überproportionalen und stetig steigenden Ausländeranteil. Die realen und tagtäglichen Erfahrungen mit diesen Parallelwelten, haben offensichtlich einen Teil der Wähler bewogen, die „Rechtspopulisten“ zu wählen.

Aber selbst wenn wir das Narrativ ernst nähmen: Warum sollte jemand, der etwas als schlecht ansieht – berechtigt oder nicht, aus Vorurteilen oder nicht –, dieses wollen sollen und befürworten? Warum sollten Menschen, die sich untereinander wohl fühlen, sich kennen und verstehen, den Zuzug von anderen, fremden Menschen wollen, zu denen ihnen vorerst der Zugang fehlt?

Nun werden die Journalisten aus dem Westen sagen: Aber es ist nicht schlecht! Ihr müßt es nur erst probieren! Sie gleichen damit der besorgten Mutter, die ihrem Kind – dabei immer lauter und fordernder werdend – einreden will: aber der Spinat schmeckt gut, du mußt ihn nur erst probieren usw. … und mit jeder neuen Belehrung wird das „Vorurteil“ des Kindes nur bestätigt. Sie begreifen nicht, daß das Kind recht hat: Der Spinat schmeckt ihm nicht! Basta!

Man will die Ostdeutschen zu ihrem Glück zwingen, wohl wissend, daß eine Region, hat sie erst mal 20 oder 30 Prozent Ausländeranteil, sich irreversibel verändert haben wird. Was bliebe dann noch außer Anerkennung des Status Quo, als Resignation und Rationalisierung oder eben auch Sich-Schönreden oder gar Affirmation?

Muß ich, weil ich einen syrischen Freund habe, den Zuzug von Syrern befürworten? Viele Grüne haben ein Auto, lieben es vielleicht sogar und sind doch dagegen, gegen das Auto an sich. Viele Sachsen lieben Döner und wollen trotzdem keine türkischen Stadtviertel. Was ist daran so schwer zu verstehen?

Sachsen! Genießt weiterhin eure Döner!

Fortsetzung folgt: Warum der Osten?

12 Gedanken zu “Die AfD-Welle

  1. Nun, es ist doch alles recht simpel.

    Allerdings keinesfalls für Linke. Ein zentrales linkes Dogma besteht darin, daß sich die Realität, besser gesagt, die Fakten!, sollte(n) sie nicht zur ideologischen Wunschvorstellung passen, eben diesem Ideal unterzuordnen hat.

    Soll heißen, Linke nehmen die Fakten nicht einmal dann wahr, wenn sie ihnen direkt vor die Augen gelegt werden.

    Konservatives Denken heißt zuerst, von der Realität, den Fakten – dem, was wahr ist, auszugehen. Bsp: es gibt eben NUR zwei Geschlechter. Oder: der Markt setzt sich immer durch, gegen jedes Diktat.

    Ok, nun Schwenk: das konservative Element wurzelt zuerst und zutiefst und fast notwendigerweise im christlichen Glauben. Dieser Glaube (nicht diese Religion!) ist seit 2000 Jahren in der Lage, Werte zu konservieren. Fromme, also zutiefst gläubige Menschen, werden sich immer dagegen sträuben und sperren, ihre Werte und Normen aufzugeben.

    Liberalismus und im weiteren Sinne Beliebigkeit gedeihen unter Atheisten.

    So. Und wo haben wir deutschlandweit hohe prozentuale Anteile an Evangelikalen ODER frommen Katholen? In Sachsen und Bayern. Sachsen verfügt über einen bemerkenswert hohen „christlichen Grundwasserstand“, Bayern über dasselbe in katholisch.

    Man wird sich hier nicht so leicht anderen Ideologien beugen, und man wird zäh an dem, was „vor Augen liegende Fakten“ sind, festhalten.

    Ein hiesiger Pfarrer (nur als Beispiel!) warnte bereits 1988(!) im Gottesdienst vor der Herausforderung des Islam, die immer stärker auf uns eindringen werde. Dies sind Grundlagen, aus denen heraus islamische Zuwanderung, die noch dazu mittels Lüge verkauft wird, resolut abgelehnt wird.

    Sachsen war Keimzelle der Wende, eben WEIL auch damals die Christen sich beharrlich dem Sozialismus verweigerten. Widerstand wurde im Erzgebirge und Vogtland bereits in der Schule geleistet. Konnte man auch, denn man befand sich teils in der Mehrheit.

    Widerstand wird auch jetzt wieder in Sachsen geleistet, denn wir sind weiterhin evangelikal-fundamentalistisch, und wer es als Erwachsener nicht ist, hat es wenigstens in der Kindheit kennengelernt. Frauke Petry entstammt evangelikal-frommem Kirchenmilieu in Sachsen. Diese Prägung bleibt.

    Und da Sachsen es ja 1989 erlebt hat, das Wioderstand sich lohnt, wird das Prinzip auch jetzt konsequent angewendet.

    (P.S.: Über Linke und deren Denk- und Erklärungsansätze braucht man nicht einmal nachdenken, man gerät sofort ins Absurde. Sie leben in einer gänzlich anderen Welt, siehe Jakob Augstein, Meli Kiyak, der ganze SPIEGEL, die ZEIT, die FAZ mittlerweile, etc. pp.)

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    • Dies bedarf einer Ergänzung.

      Die stärksten Feinde der verinnerlichten, bibelgläubigen Frömmigkeit sind
      a) akademische Bildung und
      b) extremer Wohlstand.

      Daraus erklärt sich ohne weiteres, daß uns all die Journalisten, Geisteswissenschaftler, Autoren, Künstler, Sozialfuzzis etc. ihre EIGENEN Heilslehren verkaufen wollen (Klimaglaube, Vergottung des edlen Wilden…), während von ihnen der altväterische christliche Glaube abgelehnt, verächtlich gemacht und zerstört wird. Linke Heilslehren (Ökologismus, Kommunismus) treten an dessen Stelle.

      Theoretisch sollte auch Ba-Wü zu diesen „frommen“ Landstrichen gehören, gab es doch genug Erweckungen, Pietisten und Freikirchler dort. Doch der schiere, mit Fleiß erarbeitete Wohlstand und akademische Weihen für die Volksmassen haben diesen Grundwasserstand des Konservativen ausgetrocknet. Das Ländle ist „ergrünt“ und stürzt sich mit Lust von der linksideologischen Klippe.

      Deshalb besteht aus Richtung Norden, Westen und Südwesten der Republik keine Hoffnung auf Erhalt des konservativen Einflusses.

      P.S.: Es versteht sich von selbst, daß diese Entwicklung, die nichts anderes ist als SPALTUNG, zu einer massiven Segregation führen wird: konservative Menschen werden in den Osten kommen, mach Sachsen und Thüringen, weil dort (auf dem Lande) das traditionelle „Deutschsein“ bestehen bleibt und verteidigt wird.

      Der Westen wird in einer Multikulti-Katastrophe enden. Siehe H. Danisch:

      „Bestellt – Geliefert“.

      Sie tun uns sicher nicht leid.

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      • lynx schreibt:

        Das ist das „Schöne“ an den Rechten (und dabei würde ich mich keinesfalls als Linken bezeichnen) und auch Religiösen: argumentativ ist es dünn, weil alles Glaubenssache ist. Also spricht man den anderen einfach die Denkfähigkeit ab, weil die ja nicht „glauben“ sondern ihr Blick verstellt ist, wahrscheinlich luziferisch geleitet. So kommen wir natürlich keinesfalls weiter. Andersherum wird ein Schuh draus: die Welt einfach einmal unvoreingenommen wahrnehmen und nicht durch die Brille der Vorurteile und der eigenen Religion. Und keine Sorge, ich weiß wovon ich rede. Diese Denke habe ich mit der Muttermilch eingesogen und es war ein weiter Weg, das zu überwinden.
        Jeder kann es ja im Grunde halten, wie er will. Aber mit Totschlagargumenten wird das nix. Und mit Verschwörungstheorien auch nicht, ist meine ganz bescheidene Meinung.

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        • Vielen Dank für die interessante Diskussion – man kann sie mit einem magischen Satz aus Helge Schneiders Frühwerk, einem Hörspiel namens „Diskuss“ (leider nicht auf Youtube abrufbar) zusammenfassen: „Eine Diskussion kann ja gar nicht zustande kommen, die Intelligenzen der Teilnehmer sind einfach zu verschieden“. Allerdings würde ich statt von „Intelligenzen“ von Standpunkten sprechen. Die Karawane sollte spätestens dann weiterziehen, wenn die eigene Voreingenommenheit beim anderen nur noch Voreingenommenheit wahrnehmen kann und man sich selber als unvoreingenommen wahrnimmt. Da hilft nur noch Gesprächstherapie – dazu fehlt die Zeit und die Aussicht auf Annäherungserfolge ist auch eher gering. Verallgemeinerungen auf beiden Seiten helfen da nicht weiter. Überzeugung wird nicht stattfinden und sollte gar nicht erst versucht werden.

          Sie ist immerhin ein gutes Beispiel der Sprachlosigkeit, die das Land spaltet – die Lager sprechen inkompatible Sprachen, die zur Selbstimmunisierung neigen. Daher noch einmal die Bitte: Lassen Sie, lassen wir, Argumente sprechen, nicht Überzeugungen. In diesem Sinne auf ein Neues! Es ist ein langwieriges Ringen …

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  2. ,@lynx: …“dass uns das „Verstehen“ der ostdeutschen Befindlichkeit nicht weiter bringt“.
    Nichts anderes versucht doch der Artikel. Nur daß „Verstehen“, wenn paternalistisch gemeint, nichts erklären kann, sondern nur darauf aus ist, sich der armen Irren anzunehmen, um sie flugs wieder auf den richtigen Pfad zu lenken. Solches Verstehen kann man in der Pfeife rauchen und greift dann trotzig zu seinem Döner.
    Soziologisches und historisches Nachvollziehen, und auch ein paar psychologische Elemente, das bringt’s eher. Das scheinbare Paradox, weshalb in Gebieten mit wenig Migranten die Leute auch keine haben wollen, ist doch leicht auflösbar: sie können über den Tellerrand des „Tals der Ahnungslosen“ gucken und sehen, wie es andernorts zugeht, ihnen sind Medien zugänglich, das ist alles. Und noch etwas kommt hinzu: der Abstumpfungseffekt. Wenn man in Großstadtvierteln mit hoher Ausländerdichte lebt, kommen sie einem irgendwann normal vor. Wenn man in einer ostdeutschen Kleinstadt lebt, fallen einem einzelne „Gruppen“ in der Fußgängerzone unangenehm auf, man bleibt irritierbarer. Ein gewisses Maß an „Weltverlorenheit“ (Frank Lisson) macht wahrnehmungsscharf.

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    • lynx schreibt:

      Und ist das jetzt schlimm, wenn man „abstumpft“? Und ist das besser, „irritierbar“ zu bleiben. Irritierbar heißt doch: das kleine Mädchen vom Land kommt in die große Stadt und findet alles wahnsinnig groß, aufregend, vielleicht auch überwältigend, ein wenig beängstigend. So weit so gut. Aber die große Stadt wäre nicht groß, lebten dort nicht seit langer Zeit sehr viele Menschen. Und irgendwie funktioniert das auch, nur halt ganz anders, als das kleine Mädchen es kennt und es sich bislang vorstellen konnte. Und so werden im Normalfall aus den kleinen Mädchen toughe Frauen, die sich flugs orientieren. Ob man das dann „Abstumpfen“ nennen kann? – Ich glaube nicht. Ich würde es Weiterentwicklung nennen.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Was würden SIe sagen, wenn man in gleicher Weise Abstumpfung gegen das Leid in der mitleidheischenden Ferne empföhle? Abstumpfung heißt nämlich, man findet sich damit ab, aber lieber hätte man’s doch nicht gehabt, wenn man’s denn noch ändern könnte. Ihre Haltung scheint mir die Merkelsche zu sein, „mir doch egal, nun ist es halt so!“, gestützt mit dem naiven Fortschrittsglauben, dass alles was neu ist, deshalb auch gleich besser sein müsste. Die Orientierung der tough gewordenen Mädchen kann irgendwann darin bestehen, bestimmte Viertel gänzlich zu meiden.

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  3. lynx schreibt:

    Nachdem ich ja quasi zu einem Kommentar aufgefordert werde, kann ich mir den auch nicht verkneifen.
    Sie haben sich ja bestimmt auch die Grafiken zu den anderen Parteien angeschaut, wobei in diesem Kontext v.a. die zu FDP und Grünen aufschlussreich sind. Deren Hochburgen liegen in den Großstädten und Ballungszentren der Boomregionen und in Universitätsstädten – gewissermaßen auch eine Binsenweisheit wie die AfD-Verteilung. Noch etwas präziser hat das die NZZ ausgewertet, wo sich zeigt, dass die Ergebnisse von AfD, Grünen und FDP tatsächlich eine sehr enge Korelation zum Anteil ausländischer Mitbürger aufweisen: Je weniger Ausländeranteil desto mehr AfD, desto weniger FDP/Grüne und umgekehrt. (Als Lektüre dazu heute sehr empfehlenswert: Süddeutsche Seite 3.)
    Diverse Bewertungen des Wahlergebnisses und auch Ihre Sichtweise, wenn ich sie recht verstehe, kommen ja zu dem Schluss, dass uns das „Verstehen“ der ostdeutschen Befindlichkeit nicht weiter bringt. Ihre Antwort darauf: lasst uns unseren Döner essen und ansonsten in Ruhe. Kann es das sein?

    Es gibt ja den schönen Spruch: Wasch mir den Pelz aber mach‘ mich nicht nass. Besser kann man diese ostdeutsche (osteuropäische) Haltung eigentlich nicht zusammenfassen. Gilt natürlich auch für entsprechende westdeutsche Milieus.
    Unser ganzes Wirtschaften ist daraus ausgerichtet, dass wir ins Ausland, in die Welt verkaufen. Wenn das nicht mehr funktioniert, gibt es zwei Möglichkeiten: a) es gehen die Lichter aus, b) wir müssen das durch Binnenkonsum ersetzen, was in dem Umfang nie möglich sein wird.

    Jeder Kaufmann und Unternehmer weiß, dass er nicht nur verkaufen kann, sondern dass die Gegengeschäfte genaus so wichtig sind, um die Sache am Laufen zu halten. Sprich: wenn wir ins Ausland wollen, müssen wir auch zulassen, dass das Ausland zu uns kommt. Als Investor, als Mensch. Das System beruht auf Gegenseitigkeit, nicht auf Verteilung von oben nach unten oder von West nach Ost (auch wenn das viele im Osten gerne so hätten). Im Idealfall machen alle mit.

    Kann sich natürlich trotzdem jeder hinsetzen und sagen: ich mache nicht mit, lass mich in Ruhe. Wir sind ein freies Land. Konsequenz könnte sein: man lässt ihn in Ruhe. Er ist raus aus dem Spiel. Für eine Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse wird das langfristig nicht sorgen.

    Jeder Mensch hat es selber in der Hand: will er mitspielen, will er sich zurückziehen, alles kein Problem. Er sollte sich aber über die Folgen im Klaren sein. Jemand der nicht mitspielt, kann nicht erwarten, dass er im Spiel gewinnt. Jemand der mitspielen will, kann nicht erwarten, dass man ihn unbehelligt lässt, er muss agieren, sonst ist er ein Spielverderber.

    Das alles soll nicht wegdiskutieren, dass es Probleme und „kulturelle Differenzen“ gibt, natürlich gibt es die. Aber vor ein/zwei Generation lagen diese Differenzen abgrundtief zwischen benachbarten Regionen, Schwaben und Badener haben sich vor 40 Jahren noch geprügelt, ungelogen. Das kann man alles überwinden, nicht im Schlaf, nicht automatisch, nicht ohne Blessuren. Aber wo gibt es das: ein Leben ohne Blessuren? Sicher nicht einmal im ausländerfreien Erzgebirge.

    Wie gesagt, die schlaueren Analysen zum Wahlergebnis kommen zu dem Schluss, dass eine „kulturelle Differenz“ der Ostdeutschen und ähnlicher Milieus im Westen die AfD beflügelt hat, dass man diese Befindlichkeiten nur sehr begrenzt ernst nehmen darf, weil man sonst die ganze Gesellschaft nach rückwärts abwickelt und wir uns ganz schnell aus der Weltspitze verabschieden. Fände ich nicht nur schade sondern noch weit gefährlicher, weil uns dann soziale Verwerfungen drohen, die ich mir lieber nicht ausmalen möchte.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      @lynx, 28. September 2017 um 9:13

      Ich empfehle die zweite Tabelle ab hier

      https://de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaft_Deutschlands#Zahlen

      etwa nach der Spalte Export zu sortieren. Als erstes der Länder, deren Menschenexport nach Deutschland meinereins etwas kritisch sieht, kommt da die Türkei auf Platz 15 mit etwa 22 Mrd, danach die VAR auf Platz 20 mit etwa 15 Mrd., danach Rumänien auf 21 mit etwa 14 Mrd., danach die RSA auf 28 mit etwa 9 Mrd., danach das KSA auf 33 mit etwa 7 Mrd., usw.

      Sie sehen, wenn wir Immigrationsquellländer mit nach meinem Geschmack allzu gläubigen oder allzu ungebildeten Einwohnern auslassen, dazu solche europäische, die Populationsanteile, deren Integration ihnen selbst in Jahrhunderten nicht gelungen ist, in jüngster Zeit nach Westeuropa wandern lassen, und diese Länder dadurch so schrecklich vergrämten, dass sie von uns keine Solinger Messer, keine Rheinmetall-Kanonen und keine Kärcher-Druckreiniger mehr kaufen wollten, dann verlören wir gar nicht so viel an Export. In ganz Schwarzafrika zusammen praktisch schon gar nichts. Gegen die Immigration im gegenwärtigen Ausmaß aus den übrigen in der Liste hätte ich nämlich nur geringe Einwände, wenn überhaupt. Und auch wenn merklich mehr an japanischen, chhinesischen oder südkoreanischen Bildungskanonen einträfen, würde mir das keinerlei Sorgen machen. Es sind anpassungsfähige Menschen aus Hochkulturen, die weder gegen Rind noch Schwein noch Hund noch Katze noch Wal noch Schlangenblut irgendwelche religiöse Speiseverbote achten müssen, siehe weiter unten, also wunderbar integrierbar.

      Sie scheren leider wieder alles über einen Kamm.

      Japan nimmt praktisch keinerlei unerwünschte Migration auf – die jährliche Zahl von Asylanten ist höchstens zweistellig. Ich bin mir zudem recht sicher, das sind im Gegensatz zu Deutschland Personen mit wirklichem Asylgrund. Dennoch habe ich nie gelesen, dass Japan wegen seiner migratorischen Abgeschlossenheit etwa außenwirtschaftliche Nachteile erführe.

      Mit dem Begriff Offenheit wird heute leider gerne Schindluder getrieben: Offenheit für Handel erfordert keineswegs Offenheit gegenüber Immigration, sonst wären schon im Mittelalter viele Italiener auf der Seidenstraße dauerhaft nach China ausgewandert und nicht nur wie Marco Polo auf Visite gewesen. Und wenn die Protagonisten der Menschheitsvereinigung in Deutschland sogar die Poppersche Offene Gesellschaft für ihre Zwecke missinterpretieren, dann wird es geradezu absurd. Dabei handelt es sich um eine Bürgergesellschaft, die imstande ist, politische Fehler schnell zu korrigieren. Wenn wir dagegen hier eine multikulturelle Stammesgesellschaft bekommen mit explosiven Achtungsansprüchen jeder zurückgebliebenen Religion und Ethnie der Welt, dann muss man sich eben dieses zuerst abschminken, weil dann göttliche Gesetze göttlicher Spinner fraglos respektiert werden müssen. Und selbst wenn sie diese Zumutungen nicht schon mitbrächten, die hiesigen Antidiskriminierungshysteriker würden den Zugezogenen diese Achtungsansprüche ziemlich schnell beibringen, auch sie sind nämlich Spinner mit säkularem Allmenschheitsgötzen.

      Unlängst gab es in einem bekannten französischen Fernsehsender einen Skandalbericht über das traditionelle Fête du cochon in Hendaye. Die aus Paris ins Baskenland angereiste Reporterin mit nordafrikanischen Migrationshintergrund nahm sich Besucher und Austeller zur Brust, weil diese empörenderweise ein nichtinklusives Fest betrieben – Muslime dürfen ja kein Schweinefleisch essen und anscheinend haben sie schon Probleme mit Süßigkeiten in Schweinegestalt – was dann eben empörend diskriminierend sei. Oh wärst du doch in Paris geblieben, oder besser noch du oder deine Ahnen in Marokko oder Algerien! Auch der Appetit aufs Vorschriftenmachen für die Einheimischen kommt mit dem Essen.

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      • lynx schreibt:

        Ich teile diese alttestamentarische Sichtweise in keiner Weise, will mich aber kurz fassen. Ein Handeln nach dem Motto „Wie du mir, so ich dir“ eignet sich vielleicht für überschaubare, sagen wir dörfliche Gesellschaften, nicht jedoch für komplexe Staatengebilde und Volkswirtschaften. Und schon gar nicht für „Mächte“, die einen gewissen Einfluss haben wollen. So kurzsichtig und kleingeistig handeln nur Menschen oder Strukturen, die nicht über ihren Tellerrand hinausschauen wollen oder können. Eine Zukunft kann man damit nicht gewinnen, sondern man verhakt sich in der Gegenwart. Das kann kein Leitmotiv für die Entwicklungs unserer Gesellschaft sein. Das gilt auch für die von Ihnen angeführten Einzelfallbeispiele und Hinweise auf „primitive Strukturen“ bei der Abstammung der Migranten. Mag alles punktuell oder in einer gewissen Bandbreite zutreffen. Macht uns auch das Leben schwer, ich bekomme das tagtäglich in meinem persönlichen Lebensumfeld wahrleich ausreichend mit. Und auch ich wundere mich, wie sich mein Stadtteil in kurzer Zeit massiv verändert hat. Aber man könnte es kurz so zusammenfassen: wenn wir uns nicht verändern, dann werden wir verändert, ob wir wollen oder nicht. Abschotten, einigeln ist keine Alternative – schon gar keine Alternative für Deutschland. Japan ist eine Insel, hat insofern etwas „Glück“ (aber nordkoreanische Raketen über den Köpfen und jede Menge hausgemachte demographische Probleme), England wäre gerne wieder eine: Tagträumereien.

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        • Pérégrinateur schreibt:

          Zu sagen, dass etwas komplex sei, enthebt aber den, der das zuerst sagt, argumentationslogisch nicht der Pflicht, sauber zu begründen. Das „Wie du mir, so ich dir“ ist die Sozialisierungsmethode schlechterdings, die den zunächst sehr wilden Kindern überhaupt erst einmal Rücksichtnahme beibringt. Was glauben Sie, wieso die hiesige Jugend heutzutage oft so egozentrisch ist? Weil die Eltern sie vor den Sanktionen bewahrt haben, denen die Großeltern sie selbst noch unterzogen. Es gibt heute 14-jährige, die ihr Zimmer noch nie geputzt haben, weil ihnen Mama das nie zumuten wollte.

          Schauen wir uns die höhere soziale Ebene an. Wieso zeihen denn die selbsternannten Volkserziehungsberechtigten AfD-Mitglieder und -Anhänger des Nazismus? Weil sie sie durch soziale Ächtung auf den Weg ihrer eigenen Einfalt zwingen wollen, also durch Sanktion. Die AfD ist die neueste der im Bundestag vertretenen Parteien, sie müsste in Ihrem fortschrittsbefürwortetem Sinne dann doch gut sein und ihre weitere Entwicklung wünschenswert und ohnehin nicht aufzuhalten, oder nicht? Das wäre dann doch nur der Versuch, sich in der Vergangenheit zu verhaken. oder nicht?

          Sie sehen, man kann ihr Argument auch gegen Sie selbst kehren, und zwar deshalb, weil es gar nicht zur Sache geht, sondern nur schlankweg postuliert, das Neue sei auch das Bessere. Zudem führen SIe in keiner Weise aus, welche wesentlichen Dinge wir denn verlören, wenn wir weniger oder keine Zuwanderung unqualifizierter und kulturell unverträglicher Personen zuließen. Wenn wir aber so eine restriktive Politik verfolgten, wäre die ja auch wieder neu und also auf dem mit Gewissheit heilbringenden Fortschrittspfad …

          Man sollte schon genauer bilanzieren, was man mit dieser und jener Politik gewinnt oder verliert. DIe Beschwörung des Heiligen Fortschritts und seines Segens kann das nicht ersetzen.

          Nun zum angeblichen Nichtkönnen. Sie würden sich wundern, wie sehr die Einwanderungszahlen zurückgingen, wenn man etwa den Sozialunterstützungsanspruch für Neuankömmlingen für die ersten fünf oder zehn Jahre aussetzte. Oder wie wenig Pässe plötzlich verlorengingen, sobald die Vorlage eines gültigen Passes gefordert würde, um unsere Grenze überhaupt übertreten zu dürfen. Jeden einzulassen, auch wenn er keinen Pass hat, und umgekehrt keinen auszuweisen ohne ihn wenigstens zu internieren, wenn er keinen Pass hat, ist die beste Einladung, dem Aifnahmestaat auch künftig auf der Nase herumzutanzen. Es ist die Politik eines Staates, der sich seiner wesentlichen Staatsmerkmale begeben hat. Ohne Souveränität aber gibt es bald auch keine Demokratie und keinen Rechtsstaat mehr. Noch vorher aber bricht der Sozialstaat an Überlastung zusammen, und dann viel Vergnügen in ihrem bunten Großstadtviertel!

          Mit dem Nichtkönnen ist es eben so wie bei den Päpsten, die auch gerne „Non possumus“ sagten, um ihrem eigentlich zugrundeliegendem Unwillen die Aura der Unvermeidlichkeit zu geben. Heute sagt man stattdessen alternativlos, das ist ebenfalls lateinisch und klingt in den Ohren der Narren deshalb überzeugend.

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  4. Pérégrinateur schreibt:

    In Bayern hält sich die Grenze zwischen hellster und zweithellster Flächenfarbe ziemlich genau an die Scheidelinie bairisch/schwäbisch versus fränkisch, ausgenommen den Münchner Speckgürtel. Offenbar das Anzeichen eines schon älteren Integrationsversuchs, der noch immer nicht recht gelungen ist; der bayerische Freistaat sollte also dafür endlich mehr Anstrengungen unternehmen, Integrationsbeauftragte ernennen und zu deren Ausbildung entsprechende Lehrstühle für Soziologen mit Haltung schaffen. Ich glaube, man fände heute in diesen Kreisen genügend Bewerber, die sich auch durch zureichend häufigen Gebrauch des A…..och-Wortes (neben dem unvermeidlichen „Diskurs“ natürlich, schaut her, wie klug ich bin!) volkstümlich genug ausdrücken könnten.

    Altwürttemberg ohne den Stuttgarter Speckgürtel wählt ebenfalls merklich stärker AfD als der badische Landesteil. Auffällig sind hier die – umgekehrt zu Bayern – AfD-starken fränkischen Kolonialgebiete, die nur ganz im Nordosten stark katholisch sind, und das dagegen AfD-schwache katholische Oberschwaben (mit wenigstens bis vor 20 Jahren notorischen CDU-Besenstiel-Wahlen). In Mittelbaden liegt dagegen um Pforzheim eine AfD-Hochburg, vermutlich dank starker russlanddeutscher Einwanderung.

    Auch die kurpfälzischen Waldgebiete westlich des Rheins sind AfD-stark. Da die politischen Analytiker in den Medien beklagenswerterweise die düsteren Hintergründe hierfür noch nicht dargestellt haben, will ich hier meinen Teil zum Erhalt eines Deutschlands beitragen, in dem wir gerne belehrt und erzogen werden. Dort herrscht wohl ein ewiggestriges Verständnis der Rolle des Staatbürgers, man glaubt offenbar, die Kurwürde sei auf einen selbst übergegangen und nimmt sich dann dreist das Recht heraus, die legitime Kaiserin trotzig nicht zu wählen. Die so zum Ausdruck kommende Reichsbürgergesinnung – um nichts anderes handelt es sich schließlich! – sollte endlich vom Verfassungsschutz genauer beobachtet werden.

    Die übrige rheinisch-fächelnde und nordseebarbarische Ödnis mögen andere analysieren, denn das ist nicht mehr mein Land.

    Starke russlanddeutsche Einwanderung dürfte auch in meinem Wohnort eine Rolle gespielt haben, wo man den palatalen Klang häufig auf der Straße hört und wo im Präsenzwahllokal über 22 % AfD-Anteil bei den Zweitstimmen erreicht wurden. Die absolut korrekt auszählenden, altansässigen Wahlhelfer dort, vorwiegend oder zur Gänze Gemeinderäte und Rathausangestellte, beklagten großen Andrang bei der Abstimmung, so dass man an der Urne waltend nicht einmal recht Zeit gehabt habe, gewissen natürlichen Obliegenheiten nachzukommen. Gegenüber dem Ergebnis zeigten sie sich mit amtsbewusster Zurückhaltung doch etwas verstört. In intimerem Gespräch auf dem Nachhauseweg mit einem Wahlhelfer zeigte dieser dann deutlich mehr kausales Verständnis für den Erdrutsch, aber genausowenig Billigung wie zuvor coram publico. Es gibt viele Deutsche, die dem Establishment kindlich treu sind; der Groschen klebt noch sehr am Patschehändchen und wird wohl erst nach weiteren Güssen fallen, wenn diese die süße Marmelade abgewaschen haben.

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