Frühe Anzeichen

In Italien kippt die Stimmung, schreibt die „Junge Freiheit“.

Dort, in Italien war es, wo wir im Sommer 2015, einige Wochen vor der Geschichtszäsur, zum ersten Mal eine Ahnung davon bekamen, was auf Europa zukommt.

Wir machten Urlaub in Frankreich und wollten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, einen befreundeten Franzosen in Antibes besuchen und das Flair der Stadt Vence genießen, in der Witold Gombrowicz seine letzten Jahre verlebte. Dort findet man auch sein Grab, wenn man lange genug sucht.

Eine Woche verbrachten wir auf einem unglaublich ruhigen und weitläufigen Zeltplatz unter Pinien. Man hörte viele verschiedene europäische Sprachen, ich las entspannt eine mittelmäßige Hitler-Biographie und am Nachmittag gingen wir in die Stadt, die sich seit Gombrowicz‘ Zeiten leider ganz und gar nicht zum Vorteil entwickelt hat. Vor seiner Villa, in der man ihn auf Bildern die Ruhe genießen sehen kann, türmte sich der Abfall, eine seltsame Straßenführung garantierte ununterbrochenen Verkehr und auf dem weiten Platz wurden die lautstarken Vorbereitungen für ein Konzert getroffen.

Gombrowicz schien kaum noch jemandem ein Begriff zu sein. Im Tourismusbüro gab man uns ein vorgedrucktes Blatt, auf dem ein paar Selbstverständlichkeiten standen. Immerhin stand hinter uns ein polnischer Student, der die Begeisterung teilte und ebenfalls wegen Gombrowicz nach Vence gekommen war.

Auch die Gespräche mit dem befreundeten französischen Lehrer waren zäher als erhofft. Noch heute leugnet er alle Zusammenhänge, selbst nachdem ein paar Kilometer weiter, in Nizza, 86 Menschen von einem Truck niedergemäht worden waren.

Wir fuhren also weiter, nach Italien, das mir seit je näher ist. Wir trauten dem alten Auto den Abenteurerweg zu und wählten den Paß über den Col de la Lombarde. Schließlich landeten wir in Entraque, einem kleinen Bergstädtchen. Direkt neben dem Campingplatz, der besonders bei Holländern beliebt war, befand sich eine Erstaufnahme, darin Schwarzafrikaner.

Auf dem Weg ins Zentrum wurden wir immer wieder von jungen schwarzen Männern auf Fahrrädern überholt. Der malerische Zentralplatz war von ihnen besetzt. Überall saßen sie, vielleicht drei Dutzend und alle, wirklich alle, schauten auf ihr Smartphone. Kaum daß sie einmal aufblickten oder ein Wort wechselten.

Ich fragte ein italienisches Rentnerehepaar, was sie davon hielten und ob es Probleme gebe. Aber nein, es schien alles in Ordnung (Google hat dazu eine differenziertere Meinung). Die jungen Männer störten niemanden, sie kommen nur in die Stadt, um das WLAN zu nutzen. Allein, sie wirkten wie Fremdkörper in dieser 800-Seelen-Gemeinde inmitten der lombardischen Alpen, von hohen grünen Bergen umgeben.

Es kamen Erinnerungen vom Vorjahr auf. Da weilten wir in Dänemark, diesmal auf den Spuren Hans Kirks. Wir blieben ein paar Tage in Hadsund am Mariager-Fjord, erkundeten die Landschaft des Doppelromans, die alten Halden und die Ruinen des Kreidewerks in Assens, von dort ging es nach Skagen ganz im Norden, wo Nord- und Ostsee sich in grandiosem Schauspiel mischen und wo ein besonderes Licht eine Künstlerkolonie entstehen ließ, deren Glanz noch heute die dänische Kultur überstrahlt. Unvergeßlich das Drachmann-Haus

Von dort wollten wir weiter nach Roskilde, um die Tochter Carl Madsens zu besuchen. Madsen war ein Freund Kirks und Hans Scherfigs, ein kommunistischer Anwalt und eine schillernde Figur – gerade ist seine Biographie erschienen. Wir wurden liebevoll empfangen und liebevoll verabschiedet. Die gute, gebildete Frau, die mit einem Marokkaner liiert ist und viele Monate des Jahres in Nordafrika verlebt. Sie vermachte mir einige der wertvollsten Stücke ihrer Bibliothek, darunter einige Jahrgänge des Scherfig-Jahrbuchs, mit persönlichen Widmungen Scherfigs an Madsen, an deren Ton man den Untergang einer langen Freundschaft nachvollziehen kann …

Zuvor jedoch machten wir auf Langeland Station. Seit ich Johannes Møllehave gelesen hatte, besaß der Name dieses Eilandes magischen Klang. Als wir Rudkøbing erreichten, losten wir: Süd oder Nord?  Süd!

Endlose Felder und Weiten. Ein Himmel, der einen fast erschlägt. Hin und wieder an den Straßen alte Dreiseitengehöfte und eine himmlische Ruhe. Auf kleinen Tischen wurden frische Eier oder Honig angeboten: Kasse des Vertrauens. Hier und da ein Schild: Loppemarked – Trödelmarkt. Wir bogen ein. Einmal ein altes Herrschaftsanwesen, in dessen gigantischer Scheune Möbel, alte Landwirtschaftsgeräte und allerlei Klimbim standen. Jedes Buch eine Krone. Die Leute haben einen schweren rollenden Dialekt, kaum zu verstehen. Zu meiner freudigen Überraschung sehe ich die lang ersehnten Werke Johann Skjoldborgs, eines Bauernschriftstellers, der Kirk stark beeinflußt hatte.

In Bagenkop ist die Straße zu Ende, dahinter nur noch Landschaftsschutzgebiete und Meer. Der richtige Platz, das Zelt aufzuschlagen und sich den Wind um die Ohren wehen zu lassen.

Wir wandern. Und mitten auf der Landstraße, auf der kaum ein Auto fährt, kommt uns eine Gruppe Afrikaner entgegen. Das war ein Schock. Als ob man im ewigen Eis eine blühende Sonnenblume oder in der Hitze Afrikas einen Eisbären sieht. Man steht versteinert da und empfindet das Absurde. In diesem erzdänischen Land, wo fast alle Menschen blond sind und Sommersprossen haben wie Pelle der Eroberer, war Afrika angekommen. Sie marschierten wortlos an uns vorüber. Tiefschwarze, dürre Männer mit schiefen Zähnen vor goldgelben Weizenfeldern und strahlend blauem Himmel. Unsichtbare Lerchen zwitschern über uns. Und dann kamen immer mehr, entweder zu Fuß oder auf dem Rad. Manchmal lachten sie oder sprachen miteinander. Ihre Physiognomien wechselten – halb Afrika war vertreten.

Was machen die hier?, fragten wir uns. Was tun die den ganzen Tag in dieser Einöde, die von einem Menschenschlag bewohnt wird, der als wortkarg gilt und jeden Fremden – auch uns – mit sichtbarer Skepsis begrüßt? Irgendwo hatte man eine Erstaufnahme eingerichtet und diese Menschen ins Nirgendwo geschickt.  …

Zu diesem Zeitpunkt war mir das Problem, waren die Zusammenhänge noch gar nicht bewußt, man empfand nur ganz primär das Verkehrte daran.

Erst die Kanzlerin hat mich wach geküßt.

3 Gedanken zu “Frühe Anzeichen

  1. lynx schreibt:

    Danke für diesen Beitrag, der wie selten ein anderer zu diesem Thema erhellt, wo das Problem liegt: wir wollen in der Vergangenheit leben, sehen sie gülden beglänzt, und sind nicht willens oder in der Lage, die Gegenwart zu sehen und die Zukunft anzupacken. Jahrhundertelang hat die westliche Welt gut davon gelebt, andere Kontinente auszuplündern, so ist ein großer Teil unseres Wohlstands entstanden. Jetzt wundern wir uns, dass die Nachfahren der Beraubten kommen, mit Smartphone „bewaffnet“, und sich etwas davon zurückholen wollen. Vielleicht sollten wir: teilen lernen, mit Schwarzafrikanern reden? BTW: wir im Westen haben das ja schließlich auch mit Ostdeutschen geschafft, obwohl es, zugegeben, nicht immer einfach war. Da war so viel Unverständnis für unsere Lebensart und immer dieses Anspruchsdenken… Hoffentlich vorbei.

    Gefällt mir

    • Pérégrinateur schreibt:

      Ich gestehe Ihnen freimütig, dass ich mich nicht wie offenbar Sie an pauschal überhaupt Allem in der Welt schuldig fühle, da ich zum Beispiel in meiner kleinbäuerlich-handwerkerischen Ahnenlinie überhaupt niemanden kenne, der etwa Afrika ausgesogen hätte. Also nichts mit guineisch-gülden bekränzt. Und das peruanische Silber hat im 17. Jahrhundert sogar Ahnen von mir erwürgt, also fiel auch hierbei kein ungerechter Profit für unsereinen an.

      Sie dagegen fühlen sich offenbar durchaus schuldig, ob nun zu Recht oder nicht. Böte es sich da nicht an, ganz individuell Kompensation zu leisten für was auch immer? Das wäre doch viel verdienstvoller, als dafür via den Staat auf fremde Taschen Zugriff zu nehmen. Sie werden doch wohl großzügig nicht nur aus fremdem Beutel sein wollen?

      Wenn aber denn, was gut möglich ist, andere Deutsche profitiert hätten, sollte man diesen auch Gerechtigkeit widerfahren lassen. Man muss schließlich wirklich alle Ungerechtigkeiten in der Geschichte wieder ausgleichen, wenn man schon einmal dabei ist, sonst bleibt immer irgendwo ein Groll. Fiat justitia et pereat mundi. Also bitte erst eine präzise Bilanz aller aufgelaufenen Schuld und umgekehrt aller erfahrenen Ungerechtigkeit aufstellen. Wieviele ihrer Ahnen wurden etwa von römischen Soldaten afrikanischer Herkunft geplündert, von den Wikingern verschleppt, wieviele von den Ungarn erschlagen, wieviele von den Mongolen versklavt? Was schuldet Richelieu und Gustav Adolf für den 30-jährigen Krieg, wieviel Napoleon bzw. dann natürlich auch die heutigen Franzosen für die Zwanggezogenen des Russlandfeldzugs? Wie teilt man die persisch-medischen Anssprüche gegen die makedonischen Invasoren einerseits auf FYRM und Griechenland, andererseits auf Perser und Meder auf? Haben sich nicht vielleicht hie und da schuldbilanzielle Ausgleichsanspruchsberechtigte bzw. Schuldpflichtige eingekreuzt, was dann natürlich entsprechende Bilanzkorrekturen nötig machte?

      Ich vermute nämlich, die Betroffenen wollten dann auch nur die anfallende Clearingbeträge austauschen und nicht etwa mit eigenen Ausgleichszahlungen an gegen sie Anspruchsberechtigte in Vorleistung treten, um dann am Ende von ihren eigenen Ansprüchen gar nichts zu sehen. Sie sind doch so sehr für Gerechtigkeit, das müssten gerade Sie doch gut verstehen! Für Ihre eigenen Ansprüche steht Ihnen natürlich ein Diskontierungsfaktor bis hinunter zu 0 frei. Und Ihren Grundschuldbetrag dürfen Sie meinetwegen auch beliebig aufblähen und dabei sachlich nur mit billigen Worten begründete Ansätze vornehmen. („Jahrhundertelang hat die westliche Welt gut davon gelebt, andere Kontinente auszuplündern, so ist ein großer Teil unseres Wohlstands entstanden.“)

      Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn die Geschichte insgesamt endlich einmal mit deutscher Gründlichkeit abgewickelt ist und darauf dann sicher das weltweite Glück ausbricht.

      Gefällt 1 Person

      • lynx schreibt:

        Danke für den wortreichen Beitrag zur Kleingeistigkeit. Je mehr Worte, desto weniger Gehalt. Immer nur auf die eigene Befindlichkeit und die kleinen persönlichen Lebensverhältnisse zu schauen, mag zwar poetisch klingen, ist aber politisch ohne Relevanz. Auf dieser Grundlage wird man weltpolitische Geschehnisse leider nie verstehen. Ein Schuldproblem habe ich nun wirklich nicht. Ich zähle nur eins und eins zusammen, wertfrei.

        Seidwalk: Vorschlag: Lassen wir es dabei bewenden. Gegen wertfrei gibt es keinen Stich mehr …

        Lynx: Schade, passt aber in das inzwischen gewohnte Schema: lieber ausweichen, bevor die Mythologie ins Wanken gerät. Was ist nur geworden aus der aufgeklärt-diskursiven Streitkultur.

        Seidwalk: Nein, das ist nicht der Grund! Sie kontern eine differenzierte Argumentation eines Kommentators, der seit langem durch intellektuellen Reichtum und sprachliche Verve hier auffällt, mit ad-hominem-Argumenten, Selbstinklusion („Wertfrei“) und Simplifizierungen (1+1), ohne ein valides Argument zu bringen (außer: Vorwärts!) und das wird dem Anspruch dieses Blogs nicht gerecht und hat zudem wenig Aussicht auf Erkenntnisgewinn. Ihr Vorwurf fällt auf Sie selbst zurück! Daher ziehe ich jetzt zum ersten Mal (widerstrebend) den Stecker.

        Ansonsten kann hier jeder seine „aufgeklärt-diskursive Streitkultur“ ausleben, ganz gleich welcher Richtung.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.