Der AfD schwerste Stunde

Rein hypothetisch. Was würde eigentlich passieren, wenn die AfD die Fünfprozenthürde nicht schaffte? Gäbe es dann Straßenkämpfe, würde man die Wahl anerkennen, müßte man von Manipulation ausgehen? Immerhin träumen einige maßgebende Politiker noch immer von dieser Variante, während sich noch kaum jemand mit dem – nimmt man die Umfragen ernst – weitaus wahrscheinlicheren Untergang der Grünen beschäftigt hat.

Die letzten Umfragen plazieren die Alternative für Deutschland zwischen acht und zwölf Prozent, zuletzt mit leichtem Aufwärtstrend. Niemand unter uns kann sagen, was nicht noch an „Enthüllungen“ in den Schließfächern der Redaktionsstuben lagert und erst recht nicht, welchen Effekt derartige Meldungen haben werden. Sie können in beide Richtungen ausschlagen oder auch nicht.

Die AfD hat es nicht leicht gehabt: weder ging ihr Wachstumsprozeß schmerzfrei vonstatten noch war es ihr vergönnt, in äußerer Ruhe zu gedeihen …, aber ihre schwerste Stunde steht ihr noch bevor. Sie läßt sich genau bestimmen:

24. September 2017, 18 Uhr. Entweder sie scheitert, dann ist der Schmerz evident, oder sie gewinnt, dann wird sie vor einer Existenzprobe stehen.

Zum einen, ganz klar, wird sie weiterhin und verstärkt gegen alles ankämpfen müssen, was Rang und Namen und Pfründe und Positionen zu verteidigen hat. Für dieses Konglomerat hat sich der Begriff „Establishment“ eingebürgert. Die geballte Wut der Medienmacht wird ihr entgegenschlagen, man wird alle Register ziehen und Wahrheit und Täuschung werden nicht mehr zu unterscheiden sein. Hinzu wird die neue Nationale im Hohen Haus, die sich unter dem Slogan „Parlamentarier aller Fraktionen, vereinigt euch“ bereits jetzt versammelt, an allen Strippen ziehen, um den AfD-Politikern die Hölle heiß zu machen. Ja selbst der Geheimdienst wird einen Teil seiner Energie darin verschwenden, Verfassungsfeindschaft nachzuweisen und er wird – darauf schon jetzt eine Wette – hier und da fündig werden, denn wie so oft findet man, wenn man will, die Nadel im Heuhaufen, sieht den Heuhaufen aber nicht.

Aber die erste Konsequenz daraus muß sein, daß die Abgeordneten der AfD moralisch integer sind, integrer, als es ihre Kollegen aus anderen Parteien sein müssen.

Doch das sind lediglich verstärkende Faktoren. Die größten Gefahren liegen in der Partei selbst.

Sie leidet – erstens – unter Akromegalie, unter Schnellwachstum des Gesamtkörpers und  einzelner Extremitäten. Das ist der historischen Situation geschuldet. Als Eurokritische Partei gegründet, hätte sie sich organisch entwickeln können, wenn nicht 2015 eine historische Zäsur unbekannten Ausmaßes und in nie gekannter Form demokratiegefährdend geschaffen worden wäre. Da sich keine andere Partei innerhalb des politischen Komplexes gegen die selbstherrliche Regierungspolitik stemmte, fiel ihr als einziger die Oppositionsrolle zu und überfrachtete sie in kürzester Zeit mit Mitgliedern, Sympathisanten, Forderungen, Vorstellungen und Aufgaben.

Egal, wie man zu ihr steht, die AfD ist eine historische Notwendigkeit, so wie die SPD eine zu Bebels Zeiten war.

Dies ist – zweitens – ein Grund dafür, daß es der Partei nicht gelang und gelingen konnte, sich bis in die Tiefenschichten hinein mit erstklassigem Personal aufzustellen. Vor allem in den unteren Ebenen – Erststimme – dürften oft recht zweifelhafte Personen das Sagen haben. (In meinem Wahlkreis jedenfalls ist es so.) Damit ist nicht notwendigerweise die ideologische Ausrichtung gemeint, obwohl es sicher hier und da Grenzfälle geben mag, sondern eher eine Frage der sachlichen Kompetenz, der Intelligenz, der Eloquenz – denn machen wir uns nichts vor: ein Parlament – das kommt von parlare (reden) – braucht rhetorisch versierte, gebildete, kultivierte Menschen.

Ein Großteil dieser Leute – drittens – steht ohne politische Arbeitserfahrung da und muß sich mühsam in die Organisation und Bürokratie einarbeiten; das alles, erstens bis fünftens, immer unter dem Gegenwind und Boykott aller anderen.

Man sieht das immer wieder in den Talkshows, wo es den Politprofis, die seit Jahren und Jahrzehnten sich im Getriebe mitdrehen, in Ausschüssen, Unterausschüssen, Kommissionen, Tagungen und in der Kantine sitzen, Unmengen an Beziehungen und Verbindungen haben, kaum noch nachdenken müssen, um zu jedem, wirklich zu jedem Thema ein paar scheinbar beeindruckende Sätze zu sagen, immer wieder gelingt, naive Neulinge vorzuführen. Sie konnten sich meist lange Jahre im Hintergrund halten, von den Alphatieren lernen, sich nach und nach an die Oberfläche dienen und evolutiv anpassen und schließlich selbst zu abgeklärten Profis werden. Den meisten AfD-Abgeordneten wird diese Schonfrist nicht gewährt werden: sie werden unmittelbar ins Feuer gestoßen werden und man kann nur hoffen, daß wenigstens einige unter ihnen Energie, Intelligenz und Lernwillen genug haben, die objektiven Defizite so schnell als möglich auszugleichen.

Unabhängig davon – viertens – ist die Partei natürlich inhaltlich höchst divergent. Es wird zwangsläufig interne Richtungskämpfe geben – das alles, ich wiederhole es noch ein Mal, unter den Augen einer nicht wohlwollenden Presse –, die im schlimmsten Falle, wie in Baden-Württemberg vorgemacht, zur Spaltung der Fraktion führen können.

Neben der politischen gibt es auch – fünftens – eine regionale Spaltung. Die Partei ist deutlich vom Osten geprägt, hat dort ihren stärksten Zulauf und die meiste Unterstützung. Politiker aus den Ostländern bestimmen wesenhaft das äußere Bild und die innere Ausrichtung. Auch wenn die AfD in den neuen Bundesländern um die 20% liegen mag und im Westen noch nicht mal die Hälfte erreicht, wird der Anteil der westlichen Parlamentarier aufgrund der Bevölkerungsmenge numerisch überwiegen. Viele von diesen sind den meisten Wählern noch nicht einmal dem Namen nach bekannt. Unter ihnen dürfte der liberale, gemäßigte Block dominieren. Es dürfte eine deutliche Ost-West-Spannung geben und es ist kein Geheimnis, daß die Menschen in Ost und West noch immer sehr unterschiedliche Sprachen sprechen. Mediale Erscheinung und Basis, Macht und Menge können hier differieren und zu weiteren Spannungen führen.

All dies bedacht: Es ist nicht unmöglich, daß sich die AfD nach der Wahl selbst zerstört. Man kann nur hoffen, daß Sachinteressen Personeninteressen überwiegen, daß es genug Idealismus und Einsicht in die historische Aufgabe gibt, um persönlichen Stolz zu schlucken, wo es notwendig ist. Dazu bedarf es auch einer einheitlichen und starken Führung, die alle Interessen und Standpunkte zu vereinen weiß.

Es muß der AfD in kürzester Zeit das schier Unmögliche gelingen: konzentrierte, sachgebundene und sachgerechte qualitativ hochwertige politische Arbeit ohne die eigenen Alleinstellungsmerkmale, die Idiosynkrasien auch in Stil und Inhalt, zu verraten, ohne allzubald – letztendlich wird es sich nicht verhindern lassen, es wäre ein historisches Unikum – nur eine weitere „Systempartei“ zu werden, so lange als möglich wirklich Alternative zu bleiben.

Deshalb wird der 24. September ihre schwerste Stunde – je erfolgreicher, desto schwerer: Sie ist eine historische Notwendigkeit, aber sie wird den historischen Gesetzmäßigkeiten, auf Gedeih und Verderb, kaum entfliehen können. Vor ihrer historischen Notwendigkeit müssen alle Defizite, die die Partei zahlreich aufweist – personell, programmatisch, publik – zurücktreten.

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2 Gedanken zu “Der AfD schwerste Stunde

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Eines würde ich noch ergänzen: Die Gefahr nämlich, sich zu schnell den Behaglichkeiten des „Systems“ (ich benutze das Wort nur ungern) zu ergeben. Man kann es ja bei den Grünen beobachten, wie es aussieht, wenn eine Protestpartei sich etabliert und wohlig einrichtet in Pöstchen, Pfründen, Finanzierung, Stiftungen, Medien. Es ist schwierig: Einerseits bedarf die AfD sicher parlamentarischer Versiertheit, um mitzuspielen und die Anliegen zu (re)präsentieren; andererseits darf es nicht zu schnell dahin kommen, daß die Abgeordneten aus lauter Selbstzufriedenheit, es soweit geschafft zu haben, vergessen, welche die Anliegen waren, die sie dorthin gebracht haben.
    Denn man darf es nicht unterschätzen: Diäten, Versorgung, Bundestagskita, „VIP-Status“, Büropauschalen, Mitarbeiterstäbe – das alles, sachlich durchaus mal gut begründet, sind die Sandstrahler, die Neulinge schon rundschleifen und handzahm machen, oder weiche Kissen, die schnell vergessen lassen, wie der Alltag der eigenen Wählerschaft so aussehen mag.
    Man darf gespannt sein.

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  2. Ulrich Christoph schreibt:

    „… – denn machen wir uns nichts vor: ein Parlament – das kommt von parlare (reden) – braucht rhetorisch versierte, gebildete, kultivierte Menschen.“
    –––
    Diesen Satz lesend assoziiere ich spontan das britische Unterhaus, nicht aber das deutsche Parlament, das weder zum ESM noch zur Migration eine Debatte geführt hat. Nicht führen durfte?

    Den Bedeutungsverlust des deutschen Parlaments verantwortet die Dauerkanzlerin, die – sporadisch – den Parlamentariern und dem Publikum harmonische Fernsehabende gemeinsam mit Anne Will bescherte.

    Für eine rhetorische Reanimierung des Parlaments werden die Schmerzen sorgen, welche die Wähler am 24. September den Abgeordneten durch die ihnen aufgezwungene Alternative zur eingeübten alternativlosen Verfahrensweise zufügen dürften.

    Der Stuhl an der Peripherie des Hohen Hauses, auf dem die Abgeordnete Steinbach den strafenden Worten des rhetorisch versierten Bundestagspräsidenten Lammert lauschte, um dann – beredt schweigend – dem Plenum den Rücken zu kehren, wird einem breiteren Möbelstück (grell ausgeleuchtete Armesünderbank?) weichen müssen. Die Neuen sind nicht zu beneiden.

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