Kindergarten Deutschland

Wer sich lange an der Macht halten will, darf kein Programm haben – das hat Frau Merkel verstanden. (Norbert Bolz)

Es gibt Menschen, die haben die göttliche Gabe, sich jedes Problem wegzurationalisieren – im psychoanalytischen, nicht ökonomischen Sinne. Wenn sie eine gute Seele haben, nennt man sie naiv, sind sie dagegen berechnend, dann darf man sie zynisch nennen. Sie sind besonders für „soziale Berufe“ geeignet. Meist sind sie weiblich und verdingen sich als Kindergärtnerin oder Altenpflegerin.

Dort nämlich können sie ihr Talent, die Welt mit schönen Farben zu überpinseln, voll ausleben, sehen sie es doch als ihre Aufgabe, die Schutzbefohlenen zu behüten, und zwar vor der Wahrheit.

Kommt ein Kind schreiend zur Pflegerin, weil sich vor der Einrichtung zwei kloppen, dann wird sie sagen: „Nein, die spielen nur.“ Ist das Kleine Zeuge einer natürlichen Grausamkeit, etwa dem Todesspiel einer Katze mit der Maus, dann wird sie erklären: „Die sind beste Freunde und haben Spaß zusammen – komm jetzt rein!“ Und wenn dann doch das dünne Köpfchen der Maus knackt, dann erfindet sie mit Sicherheit einen herrlichen Mäusehimmel, in welchen die gute Katze dem Tierchen hineingeholfen hat.

So werden die Kinder, hofft das gute Menschlein, vor den Grausamkeiten und Problemen des Lebens beschützt – und im Übrigen imprägniert sich dieser Typus damit immer wieder selbst. Nicht nur der Mensch ist von Natur aus gut, wie Rousseau meinte, sondern die Welt ist es auch. Eine win-win-Situation, wie man so sagt.

Deutschland ist auch so ein Kindergarten. Die Deutschen sind verängstigte Bambini und werden wie solche behandelt. Sie haben vor langer Zeit was „ganz Böses“ getan und wurden mächtig ausgeschimpft. Der Schock sitzt noch immer tief. Ein Tabu.

Trotzdem leben sie erstaunlich gut und sicher – man kann eigentlich gar nicht verstehen, wie sie das verdient haben – während jene, die damals leiden mußten, heute z.T. noch immer leiden.

Die deutschen Knirpse lieben die Ordnung und Sicherheit, denn sie bewahrt sie davor, wieder böse zu werden. Daß „sowas“ noch einmal passieren könnte, ist ihr schlimmster Alptraum. Und daß es noch immer in ihnen stecke, davon sind die meisten überzeugt. Aber solange sie fett, träge und ein wenig schläfrig vor sich hingähnen, wie ein auferstandener Oblomow, ist das Böse gut unter Kontrolle, und solange ihnen jemand sagt, daß alles in Ordnung sei, daß die Maus ins Paradies kommt und die Katze der Paradieshelfer ist, daß die komischen Leute, die plötzlich immer öfter neben ihnen auftauchen, auch nur arme Seelen sind, die uns helfen wollen, wenn wir ihnen helfen, und dergleichen, gehen sie beruhigt schlafen.

Deshalb lieben sie auch ihre Kindergärtnerin. Die Jüngsten unter ihnen haben nie eine andere kennengelernt. Ihnen erschien immer nur diese Glucke, die so nett lächeln kann, sanft die Hände faltet – welche Sicherheit doch diese beruhigende Geste verleiht – und lächelnd betont: „Alles wird gut“ oder „Ich habe einen Plan“ oder „Wir schaffen das“ und dergleichen Segensprüche.

Diese Kindergärtnerin scheut die krassen Entscheidungen, sie tritt nach außen stets sanft auf, sie poltert nicht, vermeidet offene Revierkämpfe … hat aber so viel Vertrauen und Macht gesammelt, auch auf Pump, daß sie die gewagtesten Revolutionen und Umbrüche durchführen kann,  ohne daß es jemand bemerkte, ändern wollte oder könnte. Gerade ihre Einfallslosigkeit, Dummheit und Naivität – oder ist es Zynismus? – wird als wohltuende Garantie des Weiterso empfunden.

Die Zeichen im Kindergarten Deutschland stehen gut – auch wenn es noch viele Unentschiedene geben soll: aber warum sollten die sich statistisch anders zusammensetzen als die „Entschiedenen“ –, daß die alte Kindergärtnerin trotz und gerade wegen der vielen krachenden Mäuseschädel von den eigenen Kindern ein weiteres Mal gewählt werden wird, denn sie wollen in Sicherheit gewiegt, sie wollen weiter fett, träge und ein bißchen schläfrig bleiben, sie wollen an das Paradies glauben.

Ein Gedanke zu “Kindergarten Deutschland

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Wer Stroh im Kopf hat, den wird man eben behandeln wie einen Strohhund. – “As flies to wanton boys are we to the gods. / They kill us for their sport. ”

    Der Zweck staatlicher Organisation besteht eigentlich darin, die schlimmsten Bedrohungen stellvertretend abzuwehren, gegen zugegebenermaßen manches Opfer des Einzelnen. Doch wenn der Kapitän des Staatsschiffs auch nur Stroh im Kopf und die Mannschaft dennoch ein paradoxes Vertrauen in ihn hat, weil sie sonst nämlich selbst den wirklichen Bedrohungen ins Auge sehen müsste, dann geht es eben in unbeschwertem Glück geradewegs auf die Sandbank oder auf die Klippen oder gar hinter der durchquerten schwarzweißen Zone in den Maelström am Ende der Welt, jenseits dessen ganz bestimmt das Paradies unser harrt.

    Salzwasser soll’n sie saufen, mit wachsendem Durst!

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