Wie es weitergeht

Bevor es zurück nach Ungarn geht, noch ein letzter Besuch bei Hussain. Auf dem Weg dorthin fahre ich mit dem Fahrrad an zwei dunkel gekleideten Muskelprotzen vorbei. Das sind also die „schwarzen Sheriffs“, Männer eines privaten Sicherheitsdienstes, die die Stadt beauftragt hat, die seit zwei Jahren überforderte Polizei im Stadtzentrum zu unterstützen. Zu bunt gehört offenbar auch schwarz.

Hussain ist allein zu Hause. Ich hatte gehofft, seine Verlobte kennenzulernen. Er berichtet von seiner Arbeit am Obststand. Die Leute seien mehr oder weniger freundlich. Seine Chefin hatte ihn heute mit einem strammen „Ab!“ in die Freizeit geschickt. Hussain will wissen, ob das freundlich oder unfreundlich zu verstehen sei. Nachdem er die Wahrheit gehört hat, zuckt er mit den Schultern: „Das muß man ignorieren“. Korrekt. Die Ablehnung, die er gelegentlich zu spüren bekommt, muß er abschütteln lernen und – das erkläre ich ihm – sie durch gutes Beispiel widerlegen.

Ob er denn nun wisse, was er verdiene? Noch nichts Genaues, aber er habe gehört, daß es 958 Euro brutto seien. Netto weiß er nicht. Immerhin, damit dürfte er zum Steuerzahler, wenn auch bescheiden, aufgestiegen sein.

Es klingelt. Khaled steht in der Tür. Er deutet Herzklopfen an. In einer Mail hatte er geschrieben, daß er mich vermisse – ich nahm’s nicht ernst, jetzt tue ich es. Er ist tatsächlich aufgegangen wie ein Kloß. Ehe soll mitunter diesen Effekt haben. Er bringt es selbst zur Sprache und lacht darüber.

Während Hussain Tee für uns bereitet, stehen wir auf dem Balkon und tauschen Neuigkeiten aus. Das kleine Mädchen, Khaleds Tochter, ist gerade sechs Wochen alt und heißt Mira. Ich frage nach der Bedeutung und Khaled sagt, das bedeute Kaaba, aber Hussain widerspricht: das bedeutet gar nichts und ist auch ganz unarabisch. Als ich „Kaaba“ sage, lachen sie: „das heißt ,ka’ba‘“, in der Mitte ist ein ﻎ[1] ´, ein „Chain“. Indem ich übe, das Unaussprechliche auszusprechen, ist die Spannung schnell gelöst.

Was sind nun Khaleds Pläne? Sein Deutsch ist hörbar besser geworden, aber meilenweit von Hussains entfernt. Khaled spricht in Wortgruppen oder Einzelbegriffen, Hussain versucht immer perfekte Sätze zu bilden. Immerhin scheint er gut zu verstehen und muß selten nachfragen.

Mit seiner Frau ist er sehr zufrieden. Sie wohnt noch immer in Heilbronn. Beide sind permanent unterwegs. Nächste Woche, sagt Khaled, werde er seinen B2-Kurs beginnen – den hatte Hussain gerade abgeschlossen –, 400 Stunden, fügt aber sogleich hinzu, daß er in vier Wochen nach Heilbronn umziehen wolle. Sofort fragt Hussain, wie das mit dem Sprachkurs zusammenginge, aber Khaled scheint darüber noch nicht nachgedacht zu haben. Es wird schon irgendwie werden.

In Heilbronn hätte er auch eine Arbeit in Aussicht. Auf dem Bau. Er will mir eine Visitenkarte zeigen, bemerkt aber, daß er seine Brieftasche zu Hause gelassen hat. So unterschiedlich sind die beiden.

Draußen läuft eine Gruppe Araber vorüber, ein Mann, dahinter zwei Frauen in langen Kaftanen und mit Kopftüchern und fünf oder sechs Kindern. Ich frage, ob sie die kennen. Ja, aber nur vom Sehen. Sind das auch Syrer? Ja. Woran sieht man das? Das sieht man eben, an den Gesichtern, der Kleidung, den Frisuren … irgendwie.

Ich frage, ob es so eine Art syrischer Kommune gebe und wie viele Syrer in der Stadt sind? Zwar grüße man sich, aber die Kontakte sind doch sehr individuell. Khaled sagt, daß es bestimmt 500 seien und korrigiert dann nach oben: 800. Das könnte stimmen. Er will gelesen haben, daß es in Plauen vier Prozent Migranten gibt, demnach wären 1,3 Prozent der Plauener Bewohner Syrer.

Anhand der Familie – sofern die beiden Damen Ehefrauen waren – rechne ich ihnen vor, was der Staat jeden Monat ausgibt. Grob überschlagen 6×200 + 3×400 = 2400×12 = 28800 Euro pro Jahr nur Kindergeld und Hartz4. Auf  alle Syrer in der Stadt bezogen, kommen fast drei Millionen Euro zusammen. Daß das nicht gutgehen kann, sehen sie beide sofort ein. Immerhin, Hussain muß man vorerst anders berechnen. Auch daß es zu Animositäten kommen kann, verstehen sie. Aber dann sagt Khaled: „In Heilbronn keine Probleme. Nur hier.“

Und warum keine Probleme? „Viele Ausländer. Türken. Auch Araber.“ – Nun, dann ist es kein Wunder, daß es keine oder ganz andere Probleme gibt. Warum sollten Türken in türkischen Vierteln mit Türken Schwierigkeiten haben? Wir googeln gleich in Hussains neuem Handy und in der Tat: Heilbronn hat nahezu 50 Prozent Ausländeranteil. Viele davon aus Jugoslawien – vermutlich von Audi angezogen, aber auch Türken, Araber und die halbe Welt. Schon vor 40 Jahren waren 12 Prozent der Heilbronner Muslime und zwei Jahre vor der großen Krise schrieb das örtliche Blatt: „Kaum eine Stadt ist bunter“.

Was sind seine Pläne? Deutschland oder Syrien? Hussain will zurück, möglichst als Arzt aber Khaled sagt: „Deutschland alles besser als Syrien“, er will bleiben. „Das wird nicht einfach, mit Kind“, sage ich. „Sie wird irgendwann etwas wollen, was du nicht geben kannst.“ Aber er meint, sie sei frei und könne tun, was sie wolle. „Auch den Islam ablegen?“ Der Gedanke erschreckt ihn, aber er nickt.

Dann kommt Khaled auf die Idee, auf dem Balkon zu grillen. Die deutsche Grillkultur scheint ihm zu gefallen, aber in Syrien werde noch viel mehr gegrillt. Ich kenne die Rechtslage nicht und lasse sie zumindest wissen, daß man in Deutschland so gut wie alles beantragen muß: alles hat seine Ordnung.

Als die zwei Stunden vorüber sind, bekommen wir noch Besuch von einer Wespe. Besonders Hussains Haar scheint es ihr angetan zu haben. Der reagiert mit wildem Fuchteln und Schlagen, wobei er hohe Angstschreie ausstößt. Dann ist Khaled dran, der sofort in Deckung geht. Ich muß die beiden beruhigen. Woran erkennt man eine Wespe und woran eine Biene? Er weiß zwar alles über Mohammeds Fliege im Glas, kennt aber diesen Unterschied nicht. Sie scheinen auch nicht zu wissen, daß man Wespen am besten mit kompletter Ruhe begegnet und erst nachdem sie mich ein paar Mal umrundet – noch immer durch das Getue aggressiv – um danach gelangweilt davon zu fliegen, scheinen sie überzeugt. Vielleicht nicht ganz, denn noch einmal schaut sie vorbei und summt um Hussains Ohr. Der zittert am ganzen Leib, versucht sich aber zu beherrschen.

So können wir lachend voneinander scheiden. Wer weiß, ob ich sie je wiedersehe?

[1] Wird es mit anderen Buchstaben verbunden, sieht es so aus: ﻐ, Kaaba ist, mit Artikel „al“: ٱلْكَعْبَة‎‎

3 Gedanken zu “Wie es weitergeht

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Die Vorhersage der Zukunft ist zugegebenermaßen immer unsicher. Wenn man jedoch, was ich versucht habe, die im Einzelfall kennzeichnenden Merkmale mit aufnimmt, hat man doch wohl bessere Aussichten, es zu treffen, als wenn man sich auf Allgemeinheiten zurückzieht. Halbwahrheiten sind immerhin schon mal besser als Vollillusionen.

    Ihnen eignet eine Nonchalance in der Zuteilung von Pflichten – „Machen wir es besser.“ – die mich doch sehr an die Merkelsche Nonchalance des Weiterschiebens der Verantwortung erinnert – „Wir schaffen das“, denn das heißt doch wohl: Ihr schafft das, und nun macht mal gefälligst! Ich vermute, Sie sind nicht vom naturwissenschaftlichen Fach. Dort lernt man nämlich schnell, dass es neben erreichbaren auch unerreichbare Ziele gibt. Das Perpetuum mobile zum Beispiel – bis heute nicht gefunden, obwohl es doch so wünschenswert wäre! Vielleicht sollte man mal die Physiker etwas unter Druck setzen, damit die endlich damit zu Potte kommen? Genügend Visionäre fürs Druckmachen hätten wir sicher …

    Lesen Sie einmal, was Emmanuel Todd, ein zwar sicher linker, aber empirisch orientierter Soziologe und Historiker zum Thema Integration schreibt: Deutschland habe schon immer im Vergleich zu Frankreich Einwanderer deutlich schlechter integriert. Man kann sich nun, wie vielleicht Sie, auf den Standpunkt stellen, dann brauchen die Deutschen eben nur genügend Moralpredigten, „Erhebet eure Herzen und lasst ab von …“, damit das künftig besser klappt. Also zu Sylvester Predigten gegen das Rauchen, an Neujahr nehmen sich alle Raucher dann vor, mit ihrem Laster aufzuhören, und nach einer Woche haben sie das dann auch geschafft.

    Gesellschaften und Kulturen haben wie Einzelmenschen kennzeichnende Eigenschaften, die sich nur im Kriechgang verändern. Sonst wäre die Menschheit nämlich nicht in so viele Staaten geschieden, sondern es hätte sich schon eine allumfassende Menschheit staatlich konstituiert. Hat sie aber nicht, und wie die Beglückungsversuche in dieser Richtung in aller Regel ausgehen, lehrt jedes seriöse Geschichtsbuch.

    Sie sollten aber nicht nur die ihrem Ideal hinderlichen Faktoren auf deutscher Seite sehen. Zur anderen wäre hier auch einiges zu nennen. Wissen Sie, welche sozialevolutionäre Rolle religiöse Speiseverbote spielen? Oder Endogamieregeln? Oder Apostasieverbote? Sie sichern ein Exogamieverbot, das für Einwanderer die sicherste Methode ist, in einer Parallelgesellschaft anzukommen. Und wenn dann noch kulturell tradierte Bildungsaversion und Intoleranz gegenüber Kritik dazukommt, wird man glücklich im Bewusstsein leben, eine nur wegen der unerklärlichen Bösartigkeit der umgebenden Gesellschaft diskriminierte Gemeinschaft zu sein.

    Zu Trump: Er sieht die mexikanische Einwanderung als schädlich für die USA an, die ostasiatische wohl weniger. Ich kann den ersten Punkt nicht gut beurteilen, bezweifle aber, dass Ihre Lieblingsmethode, sich aus störenden Einzelfallbetrachtungen auf noch dazu nur durch Festigkeit im Vortrag beglaubigte Allgemeinheiten zurückzuziehen – „Einwanderungen […] haben sich in aller Regel positiv ausgewirkt.“ – besonders gute prognostische Resultate hervorbringt. Denn haben die Sumerer profitiert von der semitischen Einwanderung? Die Bewohner des römischen Reichs von der gotischen? Die romanisierten Gallier von der germanischen? Die Inselkelten von der angelsächsischen? Die amerikanischen Indianer von der hispanischen und englischen?

    Ich akzeptiere ungern nonchalant ausgegebene Gewissheiten über die baldige Allharmonie zwischen fremden Zuwanderern und Einheimischen vonseiten solcher, die gewöhnlich aus allen Wolken gefallen sind, nachdem sie plötzlich und überraschend bemerkten, dass die nahen Sachsen wohl doch empörenderweise in manchem ganz anders denken als sie. Wer nicht von seinen womöglich noch auf moralischem Grund gewachsenen Gewissheiten absehen kann, ist gewöhnlich ein schlechter Empiriker und ein lausiger Prognostiker.

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  2. lynx schreibt:

    Eigentlich eine schöne Geschichte, wäre da nicht dieser leicht schäbige (oder hinterhältige) Unterton. Was mich besonders ärgert, ist diese kleinkrämerische Rechnerei. Ich hoffe nur, im Westen kommt niemand auf die Idee, nachzurechnen, was uns die Ossis gekostet haben und bis heute noch kosten.
    Wir rechnen anders: die Kosten werden aufgewogen durch die wirtschaftliche Dynamik, die freigesetzt wird, unterm Strich ein Gewinn. Also: lassen wir die Migranten arbeiten (nicht alle wollen, ich weiß), zeigen wir ihnen, wo’s lang geht in dieser Gesellschaft, dann bleibt unterm Strich ein Plus. Es ist ganz einfach: Einwanderungsländer gewinnen (USA), Auswanderungsländer verlieren (Bulgarien). Länder, die sich abschotten, verlieren irgendwann auch, weil die wirtschaftliche Dynamik stagniert (wird Ungarn vermutlich bald merken).
    Insofern ist Heilbronn wirklich ein gutes Beispiel, das ist inzwischen tatsächlich eine der dynamischsten Städte in Deutschland. Was man von Plauen nicht sagen kann.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Ich empfehle Chaplins The Kid. Beschäftigung im Glasergewerbe fördert das Wirtschaftswachstum und tut uns allen deshalb gut.

      Schon als ich vor zwanzig Jahren noch öfter mal nach Paris kam, fiel mir die im Vergleich zu Deutschland gute Konjunktur im Sicherheitsgewerbe auf. Im Eingangsbereich aller größeren Läden standen bullige Privatsheriffs. Ungefähr wie in den Gangsterfilmen der Fünfziger: Die eine Hälfte der zugezogenen Korsen war anscheinend in der Unterwelt tätig, die andere anscheinend bei Gendarmerie und Polizei. Das hat gewiss auch den gesellschaftlichen Umsatz erhöht. Was für ein Glück, dass wir uns jetzt da auch dranhängen!

      Außerdem gibt es auch noch neue Beschäftigung im Antidiskriminierungstheoriegewerbe, selbstredend nur für Leute mit Abitur und also leider fast exklusiv für biodeutsche Roth-Sirenen. Ich frage mich nur manchmal, ob da nicht inzwischen industrielle Fertigung Vorteile böte gegenüber dem bisher eher kleingewerblichen Treiben? Bei nur einem Fertigungslos gibt es sicher höhe Skalenerträge. Aber wohin nur mit den dann arbeitslosen Spezialisten?

      Und nun mal im Ernst: Haben Sie auch die Struktur der Einwanderung in die USA und nach Deutschland betrachtet? DIe USA wählen aus und ziehen eine Ausbildungselite aus Ostasien und der übrigen Welt an, die mit zureichenden Englischkenntnissen eintreffen. Selbst die afrikanischen Einwanderer in Frankreich können in aller Regel schon Französisch. Deutschland muss dagegen Analphabeten meist jenseits des Alters, in dem das Hirn noch willig ist, erst mal die schwierige Sprache Deutsch beibringen. Sie können jetzt natürlich einwenden, das böte ja Chancen für die Beschäftigung von Deutschlehrern in dann allerdings völlig „zukunftsicheren“ Arbeitsplätzen … O sancta simplicitas!

      Erfolg oder Misserfolg liest man unter dem Bilanzstrich ab, nicht indem man nur auf die eine Seite der Rechnung darüber schaut.
      ———————————————————————–

      Lynx: Wieder jede Menge Halbwahrheiten. Das Frankreich ein Problem hat: zugegeben und geschenkt. Machen wir es besser. Mit Ausgrenzung machen wir es sicher eben so schlecht. USA: warum will Trump eine Mauer bauen? Wegen der Ausbildungselite? Die Hispanics sind inzwischen die zweitstärkste Bevölkerungsgruppe und ein enormer Wirtschaftsfaktor, auch wegen der Illegalen.
      Den Bilanzstrich können wir noch nicht ziehen, aber wir können Schlüsse ziehen aus historischen Einwanderungen. Die haben sich in aller Regel positiv ausgewirkt.

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