Orbán von hinten

In der deutschen Presse und Politik wird das Urteil des EuGH, Ungarn und die Slowakei zu in Brüssel festgelegten Migrantenkontingenten zu zwingen, bejubelt. Von vorn, sozusagen, aus dem konfrontativen Blickwinkel.

Nimmt man eine andere Position ein, dann freilich entstehen gänzlich diverse Ansichten.

Mit diesem Urteil hat der Europäische Gerichtshof gerade die kommende Parlamentswahl in Ungarn entschieden. Wenn Orbán der erklärte Feind der EU ist, dann hat man ihn gerade als Ministerpräsident bestätigt. Auch wenn es sich bei den aufgezwungenen Migranten um marginale Zahlen handelt, werden die Ungarn den Symbolwert der Entscheidung und den Versuch, einen ersten schmalen Riß in die Staumauer zu zwingen, durch die es momentan nur tröpfelt, der aber die gesamte Einrichtung zum Einsturz bringen soll, begreifen.

Was bleibt ihnen also anderes übrig, als Orbán (oder Jobbik) zu wählen? Mit übergroßer Mehrheit demonstrieren sie in dieser Frage eine nationale Einheit, wie man sie sonst nur als Konstrukt stalinistischer Regime kennt. Aber diese Einheit ist echt! Die Ungarn wollen die Zuwanderung nicht – das bestätigen alle statistischen Umfragen und das beweist sich im tagtäglichen Gespräch auf der Straße.

Und Orbán steht in dieser Frage unerschütterlich, wie ein Monument. Sie werden es anbeten – es ist ihre einzige Chance.

Dabei leidet Ungarn unter der Monumentalisierung Orbáns. So sehr man seine Außenpolitik befürwortet, so schnell bröckelt sein Standbild im innenpolitischen Diskurs. In dieser Frage liegt die deutsche Presse richtig, die seit Wochen – es sind im Übrigen immer wieder dieselben Autoren – eine Verunglimpfung nach der anderen produziert: Allein die Ungarnberichterstattung ist ein Beweis für die Abhängigkeit der freien Presse; nach Nordkorea dürfte kein anderes Land so schlecht wegkommen; man übersieht geflissentlich die vielen positiven Seiten und die innere Dialektik der selbstgewählten Abschottung, für die Europa und vor allem Deutschland, wesenhaft mitverantwortlich ist.

Dort, wo die Presse die Korruption anspricht, trifft sie aber Wesentliches. Besonders instruktiv ist ein Beitrag in der „Zeit“, den zu lesen man sich die Zeit – ich meine nur die physikalische Größe – nehmen sollte:

König Viktor und die elf Türme von Tyukod

Was hier beschrieben wird, dürfte der Wahrheit – auch wenn man sie durch ein paar Sprachspiele natürlich verschieden präsentieren kann (das mache ich auch) – entsprechen: derartige Vorfälle werden mir immer wieder präsentiert (bei uns im Ort steht auch so ein Turm). Besonders Orbáns Vorliebe für Stadien erregt die Gemüter der Ungarn, so als würde das Land durch Stadienbauten zugrunde gerichtet. Aber auch diese haben Symbolcharakter: sie symbolisieren die Korruption, den Autokratismus, aber auch den bürokratischen Wahnsinn der EU. Und hier kommt die zweite Perspektive wieder ins Spiel, denn man kann sich derartige Auswüchse auch von hinten ansehen.

Dann stehen plötzlich nicht mehr Orbáns Handlanger im Mittelpunkt, sondern der europäische Bürokratieapparat. Wieso und mit welcher Befugnis, wird man fragen dürfen, entscheidet die EU, daß Türme ausgerechnet über 11 Meter Höhe besonders förderfähig sind? Warum nicht zehn oder 24,3 Meter? Ist es dann ein Wunder, daß semi-kriminelle Energie – die ist wie Wasser, findet immer ein Loch – derartige Verordnungen ausnutzt? Das wird im Übrigen nicht nur in Ungarn, sondern überall in Europa so geschehen. Verantwortlich sollte man dafür nicht die findigen Entrepreneure machen, die sich ja im Rahmen der Gesetze bewegen, sondern den Verursacher, der diese Möglichkeiten erst schafft.

In gewisser Weise müßte man die Orbán- und Fidesz-Clique sogar loben, denn sie legen mit eiskaltem Utilitarismus und cleverem Zynismus die Finger in die zehntausend Wunden der EU. Wäre es nicht auch und vor allem die Aufgabe unserer investigativen Presse, derartige Bürokratieverbrechen aufzudecken, denjenigen ausfindig zu machen, der die Feile in die Gefängniszelle verbaut hat, anstatt nur den sich selbst befreienden Flüchtling anzuzeigen?

Sie manipuliert auch in anderer Hinsicht: Ich kann die Leser insofern beruhigen, daß trotz aller Korruption und trotz quasi-sozialistischer Fehlplanung viel Geld in wirklich sinnvolle infrastrukturelle und Renovierungsarbeiten gesteckt wird.  Ungarn hat sich in den letzten zehn Jahren an vielen Orten sichtbar schöner und besser gemacht und hat ein Recht darauf, dies auch in der deutschen Presse gespiegelt zu sehen.

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