Das wahre Leben

Eigentlich wollte ich heute in aller Ruhe mein Buch zu Ende lesen. Doch gerade hat uns eine Besucherin verlassen … und ich muß erzählen.

Ein halbes Berufsleben hat sie als Lehrerin im Auslandsschuldienst gearbeitet, viel gearbeitet, engagiert, eine eigene deutsche Sektion wesentlich mit aufgebaut. Letztes Jahr nun mußte sie zurück nach Deutschland, ging an ein Gymnasium in Baden-Württemberg in einer Stadt mit sehr hohem Migrantenanteil.

Als wir sie damals, vor einem Jahr, mitten in den Umzugsvorbereitungen besuchten, da mußte man jedes Wort abwägen. Dicke Stapel der „Süddeutschen“ lagen auf dem Tisch, so als seien es Bekenntnisflaggen. Im Buchregal stand allerdings auch schon der Buschkowsky.

Das Politische, das Migrationsthema wurde abgeschmettert. In den Prüfungen, so hatte man uns erzählt, hatte sie einen Schüler runderneuert, weil der wagte, die bundesdeutsche Flüchtlingspolitik und die Kanzlerin nicht gut zu finden. Das an einer deutschen Sektion im Ausland, an einer von Europa mitfinanzierten Schule – ein Unding.

Diesmal braucht man keine Vorsicht mehr zu haben: wir kommen schnell zur Sache. Die Rückkehr war ein Kulturschock – das war sie für uns, als wir aus England zurück kamen, übrigens auch. Noch nie habe sie so viel gearbeitet wie in diesem letzten Jahr … und noch nie so wenig Ergebnis erzielt. Sie arbeitet an einem Gymnasium mit 98% Migrantenanteil – in den letzten beiden Jahren ist kein einziger deutscher Schüler hinzugekommen. Zwar seien die meisten in Deutschland geboren, aber es sind nun mal Türken, Italiener, Polen, Afrikaner, Inder …, die halbe Welt findet sich an dieser Schule, die freilich türkisch dominiert sei. Die Moschee befinde sich gleich um die Ecke und in Laufdistanz gebe es ein ganzes Viertel, in dem ausschließlich Türkisch gesprochen wird.

Es sind zwei Punkte, auf die sie immer wieder zurück kommt. Zum einen klagte sie über die Lehrerschaft, die nicht an einem Strang ziehe. Es gebe für die vielen Probleme keine gemeinsame Strategie. Wie z.B. verhält man sich gegenüber Schülern, die Frauen nicht respektieren, oder Schülerinnen, die selbst bei Preisverleihungen dem Direktor nicht die Hand geben? Und da es keine verbindlichen Verhaltensregeln gibt, kann man das Problem natürlich nicht lösen. In der Konsequenz sind die meisten Kollegen demotiviert und erschöpft, es fehle ihnen die Kraft, sich überhaupt noch aufzubäumen, geschweige denn, sich zu engagieren.

Der zweite Punkt sind die (meist türkischen) Muslime. Die ersten Mädchen beginnen mit 12 Jahren Kopftücher zu tragen. Fast alle bringen ärztliche Atteste, wenn es um den Schwimm- oder den gemeinsamen Sportunterricht geht. Es sei vor allem traurig anzusehen, wie diese Mädchen, die gerade noch fröhlich und unbeschwert waren, in kurzer Zeit versteinern, das Lachen verlieren und Masken aufsetzen. Gerade die Mädchen litten fürchterlich unter der Zwei-Welten-Lehre. Zu Hause das reine Patriarchat, das Mannesgesetz und die Zucht und draußen in der Welt Spaß und Offenheit. Sie würden gern und dürfen nicht und viele zerbrechen daran, brechen entweder die Schule ab oder verkümmern charakterlich.

Unter den Jungen hingegen sind die Machotypen ein großes Problem. Einigen, so sagt sie, wolle sie außerhalb der Schulsituation nicht begegnen. Hier an der Schule ginge es gerade noch, aber Worte und Blicke zeigen ihr eindeutig, welchen Wert sie als Frau in deren Augen hat. Auch hier ist die Abbrecherrate ungewöhnlich hoch – obwohl es natürlich auch viele gute Schüler gibt, die ihr Abitur ordentlich machen. Wie alle guten Lehrer sorgt sie sich um die Jugendlichen, fühlt mit ihnen – aber was kann sie denn machen? Nichts!

Schließlich wird sie sogar animiert und ruft in leicht schwäbelndem Akzent fast verzweifelt: „Eins ist klar, Integration funktioniert net, es funktioooonieert net! Es sind ja net nur die Türken und Araber. Wenn dann noch die Afrikaner kommen … des funktiooooniert net!

Und so ging es noch eine Weile weiter …

Zum Schluß kommen wir auf die Wahl zu sprechen. Letztes Jahr hätte ich sie mir rot wählend vorgestellt. Heute sagt sie: „Ich weiß wirklich net, was ich wählen soll.“

Wer weiß, vielleicht tut sie sogar das Unvorstellbare?  Nächste Woche geht die Schule in BW wieder los – noch zwei Wochen Empirie als Entscheidungshilfe.

3 Gedanken zu “Das wahre Leben

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Wissen Sie, ich habe so gar kein Mitleid mit solchen Personen, zumal, wenn sie abweichenden Meinungen von Schülern (!) dann auch noch mit „Runderneuerung“ begegnen. Ich muß da wirklich inzwischen meinen inneren Schweinehund im Zaum halten, denn immer, wenn ich von irgendwelchen üblen Geschichten höre, dann gehe ich angesichts der Wahlergebnisse hierzulande davon aus, daß es mit 80%-iger Wahrscheinlicheit jemanden getroffen haben dürfte, der genau solche Probleme gewählt hat und auch weiterhin wählt – und mein Mitleiden erlahmt. Über das Wahlverhalten Ihrer Bekannten machen Sie sich mal keine Illusionen, ich denke, ihr wird eher die Hand abfaulen, als daß sie „rechts“ wählt.
    Man müßte Lenins Wort vom Kapitalisten, der noch den Strick verkauft, an dem er aufgehängt wird, umformulieren auf den Typus des wohlstandsblinden Linksliberalen, mir fällt da aber gerade nichts Passendes ein.

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    • Wir kommen doch alle ex ovo. Ich freue mich, wenn jemand seine Schale ein wenig aufpickt oder – wie hier – von außen aufgepickt bekommt. Da kann man dann auch Fehler, die innerhalb der alten kleinen Welt begangen wurden – auch wenn es Kardinalfehler sind (wie alternative Schülermeinungen zu bestrafen) – vielleicht ein bißchen verzeihen. Ich gestehe: ich neige zu dieser Schwäche.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Die einmal eingegangene Bindung an eine Einstellung ist für sehr viele schlechterdings nicht mehr auflösbar. Sie nehmen nur so lange wahr, bis ihnen davon eine Emotion erwachsen ist, eine von nur zweien selbstredend: Sympathie oder Antipathie. Und diese Emotion lässt danach, wann immer eine Entscheidung ansteht, ganz selbstverständlich jede weitere Wahrnehmung unnötig erscheinen oder blockiert jede erneute Überlegung, wenn denn doch einmal Wahrnehmung stattfände.

      Aparterweise empören sich dann meist genau dieselben, wenn man einmal fallen lässt, dass man nicht an die Willensfreiheit glaubt. Denn so zu denken ginge ja schließlich gegen die Würde des Menschen, die anscheinend vor allem dadurch verletzt wird, dass man die hehren Möglichkeiten der Menschheit anzweifelt. Dass ihre eigene Würde aber vielleicht gerade dadurch und von ihnen selbst verletzt werden könnte, dass sie sich nur wie emotional bestimmte Affen verhalten, das kommt ihnen dagegen nicht in den Sinn.

      Letztlich ist das wohl von der Herdenmentalität bestimmtes Verhalten. Man schließt sich durch emotionale Einstimmung willig an eine Herde an und ist dann selig nur noch, wenn man den vertrauten Stallgeruch wahrnimmt und in Panik, wenn man sich in Gefahr sieht, diesen etwa zu verlieren. Es ist erstaunlich, wie leicht es Menschen gelingt, sich nach diesem Muster nicht nur in Kleingruppen einzugliedern, in denen alle einander kennen, sondern das auch auf riesige Großgruppen zu übertragen, die dazu auch noch oft nur eine reichlich phantastische Realität besitzen. Vielleicht hat ja diese Plastizität beim Bindungsverhalten den Versprengten in unserer Ahnenreihe evolutionäre Vorteile verschafft.

      Ein starker Grund für die Apperzeptionsverweigerung dürfte auch schlicht sein, dass die älteren Primaten nicht mehr dazulernen mögen. Ich kannte in meiner Jugend eine Gymnasiallehramtsstudentin mit der eigentümlichen Fachkombination Sport und Mathematik, die sich heftig über die Schwierigkeiten beklagte, die sie mit dem zweiten Fach habe. Auf die Frage, wieso sie dann dieses gewählt habe, meinte sie, eigentlich interessiere sie sich ohnehin nur für den Sport, aber sie habe sich überlegt, dass sie allein mit zweitem Fach Mathematik sicher sein könne, nach dem Studium nie mehr in ihm etwas dazulernen zu müssen; da müsse sie jetzt halt durch. Mir kam sie damals nicht besonders klug vor, aber vielleicht war sie ja in der Psychologie späterer Lebensalter äußerst einsichtsvoll.

      Ecce homo: https://fr.wikisource.org/wiki/Essais/Livre_III/Chapitre_10

      Ansonsten: Staub soll’n sie fressen, und mit Lust!

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