Im Szeneviertel

Die Dresdner sind doch ein gemütliches Völkchen. Man kann gar nicht verstehen, wie sie jeden Montagabend zu Wehr-Wölfen werden.

Wir haben, mal wieder, ein paar schöne Stunden in der „Elbmetropole“ verbracht. Das muß man in Anführungszeichen setzen, denn das Provinzielle der Stadt ist doch nicht zu übersehen. Sobald man auf einem etwas erhöhten Punkt steht, kann man in der Ferne ins Grüne sehen. Das ist seit je das Kriterium, ob eine Stadt liebens –und lebenswert ist.

In der Neustadt dürfen wir eine klitzekleine Wohnung nutzen, hoch über dem berühmt-berüchtigten Assi-Eck.

das Assi-Eck

Dort treffen sich im Sommer jeden Abend hunderte Menschen, sitzen in den Kneipen – meist jedoch davor – oder auf der Straße und trinken und feiern und chillen, wie man so sagt. Eine Wohlfühlatmosphäre, ist man zwischendrin. Wohnt man aber 20 Meter darüber und ist man aufgrund der Sommerhitze gezwungen, die Fenster offen zu lassen, dann ist an Schlaf nicht zu denken. Von abends um sieben bis früh um sieben wabert ein gleichbleibender Geräuschpegel aus Lachen, Singen, Quatschen nach oben, von dem man sich durchaus einlullen lassen könnte, wenn es nicht alle halbe Stunde ein Schreien oder Hauen gäbe oder wenn nicht ein begeisterter Harley-Davidson-Fan seine Technik vorführen zu müssen glaubte.

Das Viertel ist hoffnungslos linkslastig. Noch ist es studentisch dominiert und mancher ewige Student ist darunter, auch sieht man die gebrochenen Karrieren, die Alkohol- und Crackgesichter, über und über tätowiert mit Ohren- und Nasengehängen, ja sogar den klassischen Punk mit festgespraytem Iro, aber die Gentrifizierung macht auch hier nicht halt: Yuppie-Existenzen, Rechtsanwalttypen und Akademiker sind trotz alternativer legerer Verkleidung unübersehbar. An den Häuserwänden, die natürlich alle verschönert sind, liest man: „Yuppie verpiss dich“ oder „Mir bleim drecksch – keine Gentrifizierung“. Aber auch den ganzen linken Sloganmüll: „Kein Mensch ist illegal“, „Deutschland? Buäh! Is ja peinlich!“, „Destroy Fascism“, „Refugees Welcome“, „Ich will aus der Menschheit aussteigen“ und dergleichen.

Das Viertel lebt nicht nur durch seine Buntheit, die unzähligen Kneipen aller Art und aus aller Welt – Shishabars und Dönerbuden freilich dominant –, sondern auch durch die vielen Kinder. Selten noch sieht man in Deutschland eine so junge Bevölkerung und also Frauen mit dicken Bäuchen, Kinderwagen, Tragetüchern oder Kindern an der Hand. Oft laufen sie barfuß, selten haben die kleinen Jungen kurze Haare.

Multikulti ist Pflicht! Am häufigsten hört man Spanisch und Arabisch, aber Russisch ist allgegenwärtig und unter Studenten scheint man das Englische, mit schönem deutschen Akzent, bewußt zu pflegen.

Am Tag, an dem mir die Besitzerin unserer Ferienwohnung sagt, in der Neustadt gebe es keine Probleme mit Asylanten, erscheint in der Presse die Nachricht von einer Schlägerei zwischen 70 Personen, die „augenscheinlich mehrheitlich aus dem nordafrikanischen/arabischen Raum stammen“ und die mindestens zwei Verletzte gekostet hatte. Alaunpark – das sind 200 Meter Luftlinie.

Aber es gibt auch positive Überraschungen. In einem Geschäft – das ich aus Sicherheitsgründen nicht näher beschreibe – deuten diverse Auslagen auf die Auseinandersetzung mit ebenjener Weltsicht hin, die man in der Neustadt besser nicht öffentlich vertritt. Vorsichtig frage ich mich heran und bald wird deutlich: Auch hier, fast inmitten der Höhle des Löwen, gibt es kritisch denkende Menschen. Drei Mal wurde sein Laden bereits von linken Vandalen geschändet. „Die werden mich eines Tages noch verbrennen“, sagt er. Wir diskutieren eine Stunde lang die Flüchtlingskrise, die inneren Probleme der AfD (und sind uns einig, daß die AfD die bereits klinisch tote FDP wiederbelebt hat), verschiedene Personalfragen, die Rolle Schnellrodas, Pegida und die Lage in Dresden. Man tauscht Adressen.

Danach zum großen Trödelmarkt auf den Elbwiesen. Es ist so kinderleicht, mit den Dresdnern ins Gespräch zu kommen. Sie lächeln dabei, immer eine Portion Selbstironie. Am besten nähert man sich ihnen mit einem kleinen Witz, dann sind die Herzen schnell geöffnet und die Preise verhandelbar. Wir kaufen ein Komplett-Set Mitropa-Geschirr und fachsimpeln. Der Mann hat anderthalb Tonnen Mitropa-Geschirr im Werte eines Mittelklassewagens – so drückte er sich aus – aufgekauft und muß es nun abschlagen. Sein süffisantes Lächeln zeigt, daß er ein Schnäppchen gemacht hat.

Während ich in einem Buch blättere, höre ich zwei ältere Herren, die auf Rollatoren sitzen und über messerstechende, unhöfliche und arbeitsscheue Migranten herziehen. Das reine Klischee.

In der Nachmittagshitze wirkt das Viertel wie ausgestorben. Seit am Morgen die Kehrmaschine routiniert die Überreste der Nacht beseitigt hat, ist nicht viel passiert. Höchstens ein paar Touristen wagen sich nun her, knipsen ein wenig und schauen sich die überteuerten Alternativboutiquen an oder schlecken ein veganes Eis.

Aus einem offenen Fenster dröhnen laute Rap-Musik und spitze Schreie. „Da klopfen sich zwei Schwarze“, sage ich noch zu meiner Frau. Man erkennt das an den Stimmen. Irrtum! Da feiern zwei Schwarze. Nun stehen sie am Fenster, Oberkörper frei, aber goldenes Basecap, wiegen sich in den Hüften, reißen die Hände samt Bierbüchse nach oben und grölen obszöne Parolen lachend auf die Straße.

Life is so easy in der Neustadt.

2 Gedanken zu “Im Szeneviertel

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