Zauberwort Ungarn

Ein seltsames Phänomen, hier in den vogtländischen Tälern. Kaum erfahren die Leute, daß wir in Ungarn leben, öffnen sich die Herzen und Münder.

Kaum jemand fragt nach den Hintergründen, sofort wird angenommen, daß es eine politische Wohnortwahl sei. Man ist emigriert. Man gehört zu den Mutigen, die alle Brücken hinter sich abgebrochen, die den beherzten Schritt der Umsiedlung gewagt haben.

Dann folgt entweder die hoffnungsvolle Frage: „Und, wie ist es?“ oder aber sie erleichtern sofort ihr Herz.

So war es gerade beim Automechaniker. „Was hier abläuft, ist nicht mehr normal“, schießt es aus ihm heraus, nachdem er das Zauberwort Ungarn – hier im Dorf weiß es ohnehin schon jeder Zweite – gehört hat. Man muß gar nichts mehr sagen, sie reden sich die Sorgen von der Seele, als sei die Ungarnwohnstatt ein Beichttalar. Entweder wird über die Ausländer gesprochen, die Flüchtlingskrise oder Merkel oder die AfD oder die Kriminalität …

Diesmal sind die Wessis dran. Man fragt sich hier oft: Was reitet diese Menschen? Warum sieht die Masse jenseits der Werra die Katastrophe nicht, auf die wir zusteuern? Warum wählen sie Merkel? …

Es folgen die Gesammelten Vorurteile der Ossis: Die Wessis sind arrogant, sie schauen auf uns herunter, sie sind träge und satt, sie haben die Diktaturerfahrung nicht, sie denken nur an ihren Vorteil, an ihr Häuschen und ihr Auto …

„Mein Nachbar“, sagt der Automechaniker, „ist nach über 20 Jahren im Westen jetzt zurückgekommen. Der sagt, die denken nur an ihr Geld und die wollen nur, daß es so weiter geht wie bisher. Du kannst mit denen nicht über Politik reden. Die reden bloß über ihre Wohlstandsprobleme. Nur Gerede alles.“

Wir müssen uns beeilen – der Tierarzt wartet. Kaum drin, geht`s los: „Und ihr seid jetzt in Ungarn? Ja, das ist das einzig Richtige, was man machen kann. Wir haben auch einen Freund in der Nähe von Pécs, dort hat er sich ein Haus gekauft …“

4 Gedanken zu “Zauberwort Ungarn

  1. # Indessen bereits zwei Mal passiert: Man bestellt sich über die Buchhandelsplattform ‚booklooker‘ ein antiquarisches Buch und dieses wird dann überraschenderweise aus Ungarn geliefert. Allein dieser Umstand läßt darauf schließen, daß es in Ungarn mittlerweile eine beträchtliche, deutsche Community geben muß.

    # Aus der Ferne läßt sich weder einschätzen, inwieweit dieses, Anfang des laufenden Jahres während seiner alljährlichen Rede an die (ungarische) Nation gemachte Angebot des Victor Orbán ersnt gemeint ist, noch wie dieses Versprechen einst von etwaigen Nachfolgern Orbáns bewertet werden wird:

    Viktor Orbán bietet Opfern des Merkel-Regimes politisches Asyl in Ungarn an – anonymousnews.ru
    http://www.anonymousnews.ru/2017/02/13/viktor-orban-bietet-menschen-westlicher-laender-asyl-an-den-opfern-des-liberalismus/

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    # Ohne Möglichkeit dazu, dieses nachprüfen zu können: Ungarisch stelle ebenso, wie das sprachlich verwandte Litauisch eine der am schwersten zu erlernenden Sprachen dar, heißt es.

    „Und nicht zu unterschätzen: man sollte sich der Frage der Sprache stellen, die unendlich viel schwerer zu erlernen ist, als alle anderen europäischen Sprachen. Daran wird es am Ende in Ungarn immer scheitern, egal, ob die Migranten aus Afrika oder aus Europa kommen. Einen besseren Zaun kann man nicht haben.“

    # Solange sich die Zahl der Einwanderer im einstelligen Prozentbereich bewegt, ist dieser linguistische Zaun sicherlich effektiv wirksam. Sind die Zusammenballungen von Einwanderern – etwas unfeiner formuliert, die ausländischen Parallelgesellschaften – erst über einen gewissen Punkt hinaus angewachsen, wird das Beherrschen der Sprache des Landes in das man eingewandert ist, sukzessive entbehrlich.

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    „Zudem blutet Ungarn massiv aus: junge Leute und Fachkräfte gehen nach Österreich oder Deutschland. Hier kann man sehr gut studieren, was es für ein Land bedeutet, wenn ein anderes Land die besten Leute abzieht, was Europa perspektivisch ruiniert, indem es sich selber saniert. Dabei gibt es natürlich ebenfalls einen pull- und einen push-Faktor. Wer also als Fachkraft hierher kommt, dürfte mit offenen Armen empfangen werden.

    Sollte aber auch wissen, daß er (bei ungarischen Arbeitgebern) durchschnittlich ein Viertel des Geldes verdient und auf gewisse gewohnte Luxusgüter verzichten muß (dafür andere bekommt).“

    # Wenn im Rahmen einer in Ungarn ausgeübten Vollzeiterwerbstätigkeit nur 25% des branchenüblichen BRD-Arbeitslohnes erzielt werden, liegt die Vermutung nahe, daß das ungarische Preisniveau es nicht hergeben wird, die fehlenden 75% zu kompensieren.

    # Eine andere, keineswegs unbedeutende Frage wäre die nach der Krankenversicherung?

    # Und damit soll’s an dieser Stelle genug sein mit der Fragerei: Welche Berufe werden in Ungarn als rare ‚Fachkräfte‘ gesucht?

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  2. Womöglich haben der Automechaniker und der Tierarzt Recht mit: „Und ihr seid jetzt in Ungarn? Ja, das ist das einzig Richtige, was man machen kann. Wir haben auch einen Freund in der Nähe von Pécs, dort hat er sich ein Haus gekauft …“

    Abgesehen davon, daß das kleine Ungarn schnell am Ende seiner Möglichkeiten anlangte, wenn jetzt alle denen es reicht nach Ungarn gingen. Ab einem gewissen Quantum an Deutschen wäre es nicht mehr Ungarn sondern eine BRD en miniature mal ganz abgesehen davon, daß es dann wohl auch mit der ungarischen Gastfreundschaft ganz fix Essig sein würde.

    Auch die Frage: „Wovon leben, im sonnenverwöhnten Ungarn?“ wäre zuvor zufriedenstellend zu beantworten.

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    • So ist es. Nun sind die Ungarn historisch betrachtet seit vielen Jahrhunderten an die Deutschen gewöhnt – diese haben das Land nach orientalischen Verwüstungen mehrfach aufgebaut und sind mittlerweile wesentlicher Bestandteil des ungarischen Volkes.

      Zudem blutet Ungarn massiv aus: junge Leute und Fachkräfte gehen nach Österreich oder Deutschland. Hier kann man sehr gut studieren, was es für ein Land bedeutet, wenn ein anderes Land die besten Leute abzieht, was Europa perspektivisch ruiniert, indem es sich selber saniert. Dabei gibt es natürlich ebenfalls einen pull- und einen push-Faktor. Wer also als Fachkraft hierher kommt, dürfte mit offenen Armen empfangen werden.

      Sollte aber auch wissen, daß er (bei ungarischen Arbeitgebern) durchschnittlich ein Viertel des Geldes verdient udn auf gewisse gewohnte Luxusgüter verzichten muß (dafür andere bekommt).

      Und nicht zu unterschätzen: man sollte sich der Frage der Sprache stellen, die unendlich viel schwerer zu erlernen ist, als alle anderen europäischen Sprachen. Daran wird es am Ende in Ungarn immer scheitern, egal, ob die Migranten aus Afrika oder aus Europa kommen. Einen besseren Zaun kann man nicht haben.

      Trotzdem gibt es natürlich erste kleine deutsche, selbstzufriedene Kommunen am Balaton. Ich meine irgendwo gelesen zu haben, daß dort 40000 Deutsche leben. Im Moment alles noch kein Problem, die Hauspreise noch bezahlbar etc., aber sollte dieser Zuzug zum wirtschaftlichen Faktor werden und Geburtsungarn das Leben erschweren, dann weiß man nicht.

      Um das zu klären: Wir sind weder Flüchtlinge noch Ausreißer, sondern deutsche Europäer und Weltbürger (im Sinne Diogenes von Sinopes und Goethes).

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