Granatapfeltraum

Hussain hat es wahr gemacht: gleich nach seiner Prüfung (B2) hat er einen Job angenommen. Im zentralen Einkaufstempel mitten im Zentrum der Stadt arbeitet er an einem Obststand. Ich gehe ihn besuchen.

Tatsächlich steht er mit dem Rücken zum Verkaufsstand und puhlt Granatapfelkerne aus.

Ich rufe ihn und im Nu wandelt sich sein konzentriertes Gesicht zu einem Lachen. Ich winke ihn zu mir, aber er sagt, daß er erst in zehn Minuten Pause habe. Nach zehn Minuten kommt er kurz zu mir herüber. Ein bißchen ängstlich schaut er sich um. Eine junge Frau kommt gerade mit einem Wagen voller leerer Obstkisten vorbei. Hussain fragt sie, ob er jetzt Pause machen könne.

Sie verzieht sofort ihr hübsches Gesicht zu einer strengen Fratze und sagt in scharfem Ton: „Solange ich arbeite, kannst du keine Pause machen. Es gibt gerade viel zu tun. Wenn das fertig ist, dann gibt es auch eine Pause“ – das alles natürlich auf Vogtländisch.

Tatsächlich sieht der Laden wie geleckt aus und an einem Obststand kann man immer irgendwas zurechtrücken und besser platzieren – so gesehen, dürfte es nie Pause geben. Ich wende mich der jungen Frau zu und sage: „Der hier ist wirklich besonders. Ich habe mit vielen Asylanten zu tun, aber der hier ist anders. Es wäre schön, wenn Sie ihn nicht zu streng …“ – „War ich denn streng?“, faucht sie mich an. Widerspruch – soweit kenne ich diese Leute – wäre Eskalation. Also sage ich: „Nein, nur ein bißchen harsch.“ Dann wechselt sie die Strategie: „Uns liegt er ja auch am Herzen“, sie greift sich ans Herz. „Schließlich suchen wir händeringend Leute und sind froh, daß er hier ist.“ – „Na dann ist ja gut. Machen Sie weiter so.“ Sie ist beruhigt, ich kann mich endlich Hussain zuwenden.

Der fragt, was war, hatte natürlich nichts von alledem verstanden. „Nichts, alles in Ordnung. Und wie geht es dir?“

Ja, die Arbeit mache ihm Spaß, auch wenn sie schwer sei. Von morgens acht Uhr bis 14 Uhr stehen. Ich frage, was er verdiene. Er weiß es nicht und es sei auch egal, Hauptsache Arbeit. Hoffentlich haben sie ihm nicht einen 1-Euro-Job vermittelt.

Ich schärfe ihm noch einmal ein: Die Leute sind hier so. Nimm es nicht persönlich. Sie erwarten von dir mehr als von deutschen Lehrlingen. Das sieht er ein.

Dann muß er wieder an die Arbeit. Ich gehe zum Stand und kaufe eine kleine Schale Granatapfelkerne. Hussain bedient mich. Die 300 Gramm kosten sieben Euro! Vollkommen überteuert – in Idlib bezahlte man vor dem Krieg so viel wie für Bananen, sagt Hussain. Ein Kilo kostete 60 syrische Pfund, etwa einen Euro.

Heute das Zehnfache.

Spuren der Integration – verewigt auf dem Kassenzettel

Ein Gedanke zu “Granatapfeltraum

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Einen Granatapfel zu zerlegen, ohne eine fürchterliche süßklebrige Sudelei anzurichten und dabei einen Teil des so angenehm sauren Saftes zu verlieren, muss wirklich eine Kunst sein. Mir ist das noch nie gelungen, weshalb mir die Frucht, die mich geschmacklich sehr lockt, inzwischen verleidet ist. Noch bei der nach meiner Erfahrung gelindeste Methode, nämlich die Frucht durch möglichst bloß äußeren Zug im Effekt wenigstens grob entlang der dabei präferiert zu Bruchflächen werdenden inneren Häute in grobe Schnitze zwischen ungefähr zwei Meridianen zu zerteilen, erzeugte immer auch Matsch, wohl durch Querquetschung oder wegen der Unregelmäßigkeit der Flächen im Kleinen. Dazu dann noch der ansatzverschaffende Kappen-Anschnitt, bei dem man oft zu flach schneidet und danach dann eben doch zu tief.

    Wie bekommt man diese verlockenden Kerne nur heil aus den verschlungenen bitteren Trennmembranen heraus? Tipps vom Experten würden gewiss auch andere gerne lesen.

    Seidwalk:

    Die spannendste Frage seit langer Zeit! Gänzlich ohne Blut geht es wohl nicht: auch Hussains Hemd trug ein paar Spritzer. Ganz so rot wie zum Opferfest wird es allerdings nicht, wenn man ein paar Hinweise beachtet. Trotzdem: am besten mit Schürze und in einer Schüssel o.ä.

    Hier die umgehende Antwort des Meisters selbst, dem ich die Ihre brühwarm weitergereicht habe.

    „Mit dem Granatapfel geht es einfach so:
    Zuerst schneidet man nur die Schale durch d.h. nicht so tief. Dann trennt man den mit der Hand. Dann beugt man die Schale und langsam kommen die Kerne mit leichtem Druck der Hand heraus.“

    Pérégrinateur:

    Aha, Schale einritzen, damit man die Frucht zerbrechen kann, und dann von den Teilen das jeweils Innere sozusagen ausstülpen. Das habe ich zwar auch schon versucht, aber offenbar mit zu wenig motorischem Geschick.

    Liken

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