Das Ende des Universalismus

Gerade werden einige Artikel geschrieben, die ein Entsetzen über unsere, der Deutschen, Gefühllosigkeit artikulieren.

Houston steht unter Wasser und halb Indien und Bangladesch auch. Die einen haben zwei Dutzend Tote zu beklagen die anderen Tausende, dort werden dicken Amis die Häuser weggeschwemmt und hier ersaufen ausgemergelte Menschen und verlieren ihr bißchen Hab und Gut.

Aber unser Mitleid gälte nur den Amerikanern, die doch vergleichsweise glimpflich davonkamen, die Medien sind voll, während die indische Katastrophe kaum Aufmerksamkeit erzeugt. Warum haben wir kein schlechtes Gewissen? Darüber sind die Schreiberlinge entsetzt. Hier, in der „Süddeutschen“, als Paradebeispiel, ein Korrespondent aus Singapur:

Es ist verstörend, wie unterschiedlich der Westen Leid wahrnimmt

Das kann er nicht verstehen, daß wirkliche Größe sich nicht eins zu eins in Aufmerksamkeitsgröße umsetzt. Sogleich sieht er die EU verrecken – an kaltem Herzen. Und entsprechend seiner Vorbildung können nur Rassismus, Ressentiment und postkoloniale Überheblichkeit die Ursachen sein.[1]

Er sollte besser, wie wir gleich sehen werden, für ein indisches Blatt schreiben, weil er seine und unsere Nähe verwechselt.

Tatsächlich beschreibt der Universalimusideologe gerade den Untergang seiner eigenen Ideologie. Neben den zahlreichen philosophischen und politischen Argumenten gegen den politischen Universalismus, zeigt sich seine stärkste Widerlegung: die Psyche und die conditio humana, beschrieben von Psychologie und Anthropologie.

Sie wollen es nicht wahrhaben, aber es ist nun mal so: Natur, Hirn, Herz, Hormone, Gene …, aber auch Geschichte und Soziologie bestimmen es und es ist unabänderlich, solange wir fühlende Menschen sind. Nähe und Ferne sind konstitutive Größen. Das Nahe ist uns nah und das Ferne ist uns fern. Was die beiden Überschwemmungen beweisen, ist allein, daß Nähe nicht nur in Kilometern gemessen werden kann. Man kann es auch mit Heidegger sagen:

„Im Dasein liegt eine wesenhafte Tendenz auf Nähe.“[2]

Das Phänomen ist alt und transzendiert politideologische, ja sogar historische und kulturelle Grenzen – Heidegger sagte nicht: „Im modernen Dasein“ oder im „abendländischen Dasein“, sondern klipp und klar – ein Satz zum Memorieren: „Im Dasein liegt eine wesenhafte Tendenz auf Nähe.“

Noch gut erinnere ich mich, welche Welle des Mitleids durch die DDR-Bevölkerung ging, als 1988 in Armenien die Erde bebte und 25 000 Menschen auf einen Schlag tötete, Millionen obdachlos machte. Armenien? Wo ist da die Nähe? Die Nähe bestand in der „Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“. Die war nicht nur so dahergeredet, die gab es tatsächlich. Es wurde gesammelt und gespendet, wie wohl nie zuvor – es war den Ostdeutschen ein Herzensbedürfnis. Ein vergleichbares Ereignis in Peru oder China oder dem Iran hätte dagegen wohl kaum Aufmerksamkeit erregt.

Wer gegen dieses Naturgesetz verstößt, wird irgendwann den höchsten Preis zu zahlen haben. Wer sich das Leid der ganzen Welt ins Haus holt, dieses sogar höher stellt als das Leid im Eigenen, wird untergehen. Keine Angst, ich bringe jetzt nicht den Kalkutta-Spruch … Im Übrigen wird den Mann aus Kalkutta oder Bangladesch – von seiner Frau ganz zu schweigen – auch mit Fernsehen das Unwetter in Houston oder jede sonstige Katastrophe weit weniger interessieren, als uns sein Schicksal.

Armenien zeigt aber auch, daß Nähe wandelbar ist. Heute berührt uns Amerika mehr und eine Katastrophe im Kaukasus würde vermutlich weit weniger erregen. Umgekehrt gibt es auch eine interessante Dialektik: Das Unglück meines unmittelbaren Nachbarn, meines Nächsten, kann, statt Mitleid, auch zum Gegenteil, zur Schadenfreude werden – denn der Nächste kann auch mein ärgster und relevantester Feind sein.

Eines aber bleibt beständig: Man kann nicht universal leiden oder lieben. Wer das sich antrainiert hat, ist entweder ein Fall für die Pathologie oder die Heiligenlegende.

[1] „Vielleicht sind die Europäer noch immer nicht frei von postkolonialer Überheblichkeit, vielleicht haben sie noch rassistische Vorstellungen, ohne sich das einzugestehen.“
[2] Martin Heidegger: Sein und Zeit. § 23. Die Räumlichkeit des In-der-Welt-Seins

3 Gedanken zu “Das Ende des Universalismus

  1. Kurt Droffe schreibt:

    Nietzsche befand, daß Mitleid nur die unnötige Verdoppelung des Leidens sei, und deshalb besser zu unterbleiben habe.
    Natürlich empfinden wir unterschiedliche Grade von Mitleid, abhängig vor allem einmal von der räumlichen Nähe, sodann aber auch von der kulturellen und zivilisatorischen. Die USA sind uns eben viel ähnlicher, die Frage, „Wie wäre das, wenn es dir passierte?“, stellt sich wegen der Vergleichbarkeit viel selbstverständlicher. Und da ist auch nichts gegen zu sagen. Am Rande bemerkt, es geht ja hier auch meistens mehr um Berichterstattung, nicht aber gleich um Empathie, das versteht der Schreiber von der SZ nicht ganz.
    Eine ähnliche Überlegung stellt sich bei mir übrigens oft im Bereich der „Israelkritik“ ein, wo es dann gern von vehementen Freunden Israels heißt, das Land werde unfairerweise an anderen Standards gemessen als die benachbarten arabischen Staaten. Ich halte das aber für unvermeidlich und eigentlich für ein Indiz der West-Nähe dieses Landes; es steht eben im Vergleich mit Europa, nicht mit Arabien.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Aparterweise sind diejenigen, die aus der Agenturen-Erbswurst ausländischer Polizei- und Katastrophenberichte deutsche Presseberichte zusammenkochen, selber ja auch wieder Journalisten. Ich hatte und habe zum Beispiel überhaupt kein Begehren danach zu erfahren, dass ein gewesener Sportler in einer nur in Amerika beliebten Sportart und daneben noch minderer Schauspieler seine andersfarbige Frau umgebracht hat oder auch nicht umgebracht hat, was weiß ich! Trotzdem war die Affäre, wann immer sie in Amerika wieder einmal hochkochte, zuverlässig auch in der deutschen Presse. Hätte das hierzulande ohne die das Ehe- und Gerichtsfeuilleton ins Bild rückende Berichterstattung überhaupt irgend jemanden interessiert außer den paar Tausend Amateur-Baseballspielern? Aber wahrscheinlich war ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, eben doch daran brennend interessiert, während die zuvorkommend meine eigentlichen Interessen bedienenden deutsche Presse das genau wusste. Und der tiefere Grund meines leider von mir immer noch nicht eingestandenen Interesses ist dann ganz bestimmt die verderbte rassistische Phantasie „das dunkelhäutige Untier King Kong vergewaltigt das unschuldige weiße Mädel“. Und wenn der Protagonist denn wie mancher andere schwarze Amerikaner zum Islam konvertiert sein sollte, dann war ich auf die Berichte eigentlich sogar nur spitz, um meine islamophoben Klischees zu bedienen.

      Der eine Teil der Journalistik drückt uns die Okulare des Mikroskops oder des Fernrohrs auf die Augen, der andere jammert dann, „wir“ hätten eine allzu partikuläre Sicht auf die Welt, was unsere charakterliche Unzulänglichkeit beweise, die Grund zur Nacherziehung durch moralisierende Journalisten gibt. Der Branche scheint es vielleicht etwas an der Reflexion auf die eigene Rolle im Spiel zu fehlen. Ähnlich in der Politik, wo man sich an performativen Widersprüchen auch nicht stört und es manchmal noch eine Ecke weitertreibt.

      Als es in den USA allmählich noch den Letzten klar wurde, dass man im besetzten Irak keinen Blumentopf mehr gewinnen würde, setzte man eine parlamentarische Kommission ein, von den Demokraten dominiert, die sich Gedanken über das weitere Vorgehen machen sollte. In der Empfehlung stand dann im Wesentlichen, man müsse unbedingt militärisch abziehen, aber nur so, dass es nicht nach einer Niederlage aussehe. Darauf protestierten republikanische Senatoren oder Abgeordnete öffentlich, man müsse zwar abziehen, aber man dürfe das nie offen sagen, weil der Feind doch schließlich mithört.

      Man kann und muss sich im Leben an einfältige Dummheit gewöhnen und an verschlagenen Betrug, aber lehrmeisterliche Dummdreistheit geht denn doch zu weit.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Vorkommnis in einer Beschützenden Werkstätte.

    In der Fabrik­halle bricht ein Mädchen plötzlich und ohne erkennbaren Anlass in jämmer­lichstes, durch Schluchzen unter­brochenes Weinen aus. Gleich eilt ein Betreuer zu ihr hin und fragt sie, was denn los sei, ob ihr denn jemand ein Leid getan habe, erntet aber nur verstärktes Schluchzen. Ein zweiter versucht sich ebenso erfolglos. Der Werk­statt­leiter in seiner Glas­abtrennung bekommt es mit und holt eine Mit­arbeiterin aus dem Neben­gebäude, erklärt ihr die Situation, und meint, sie könne von Frau zu Frau doch sicher besser damit umgehen. Die Betreuerin verzieht sich mit dem Mädchen auf die Frauen­toilette, nach einer Viertelstunde kommen die beiden Frauen wieder in die Halle, die junge ist nun leidlich beruhigt, die ältere kommt in die Kabine des Chefs, wo inzwischen die übrige Betreuer­mann­schaft zur Be­sprechung gänz­lich ver­sammelt ist. Alle sind selbst­verständ­lich gespannt, was denn nun wohl war. Mit in der Zucht gehalt­enem Gesicht erklärt die Be­treuerin den Ablauf. Das Mädchen lebt bei ihren sehr christlich orien­tierten Eltern, die am Nach­mittag zuvor einen Stunden­kreis Mit­gläubiger empfangen hatten, und dort wurde offenbar vor der sehr empfind­samen Tochter aus­giebig über die „armen ver­hungern­den Kinder in Afrika“ gesprochen, die dann just eben einen Flash­back erlebt und aus Mitleid in Jammer ausgebrochen war. Nun hatten auch die anderen Be­treuer in Zucht gehaltene Blicke, die ein­ander mieden. Schließlich er­barmte sich einer und sagte – man war schließ­lich an einer christ­lichen Ein­richtung – was offenbar unbedingt gesagt werden musste: „Eigent­lich ist das be­schämend, wieviel Mit­empfin­dung ein geistig be­hindertes Mäd­chen zeigt, und wie wenig davon wir ‚Normalen‘.“

    ————————

    Zitat aus: Portrait de La Rochefoucauld par lui-même
    Quelle etwa hier: http://agora.qc.ca/documents/rochefoucauld–portrait_de_la_rochefoucauld_par_lui-meme_par_francois_de_la_rochefoucauld

    […] Je suis peu sensible à la pitié, et je voudrais ne l’y être point du tout. Cependant il n’est rien que je ne fisse pour le soulagement d’une personne affligée, et je crois effectivement que l’on doit tout faire, jusques à lui témoigner même beaucoup de compassion de son mal, car les misérables sont si sots que cela leur fait le plus grand bien du monde; mais je tiens aussi qu’il faut se contenter d’en témoigner, et se garder soigneusement d’en avoir. C’est une passion qui n’est bonne à rien au-dedans d’une âme bien faite, qui ne sert qu’à affaiblir le coeur et qu’on doit laisser au peuple qui, n’exécutant jamais rien par raison, a besoin de passions pour le porter à faire les choses. […]

    Übersetzung (mit der Bitte um Gnade für sie):

    […] Ich empfinde wenig Mitleid, und am liebsten empfände ich gar keines. Doch gibt es nichts, was ich nicht täte, um das Leid einer bedrückten Person zu lindern, und ich glaube in der Tat, dass man alles tun muss, bis dahin sogar, ihr viel Mitgefühl für ihr Leid zu bekunden, denn die Elenden sind so dumm, dass ihnen das im höchsten Maße wohltut; aber ich halte auch dafür, dass man sich mit der Bekundung begnügen und sich tunlichst davor hüten sollte, welches zu empfinden. In einer wohlgeratenen Seele taugt diese Leidenschaft zu nichts, sie schwächt nur die Entschlossenheit [affaiblir le cœur], und man soll sie dem Volk überlassen, das, weil es nie etwas aus Vernunftgründen tut, der Leidenschaften bedarf, um zum Handeln bewegt zu werden. […]

    ————————

    Es muss wohl eine große Genugtuung sein, als polynesisches Opfer eines Tsunamis, als bengalisches Opfer einer Überschwemmung oder als afrikanisches Opfer einer Hungersnot zu erfahren, dass es da irgendwo in der Welt sogenannte Deutsche gibt, an deren Mitleid man einen aliquoten Anteil hat. Und selbst wenn die Opfer nie davon erführen, die Welt wird einfach besser davon.

    ————————

    Unsere Kultur ist trotz Säkularisierung immer noch wesentlich von christlichen Anschauungen geprägt. Dazu gehört der Anspruch auf Orthodoxie anderen gegenüber mit dem selbst­ver­ständ­lichen Pendant, dass die Hetero­doxen ver­ketzert werden müssen, wie auch der Anspruch auf Orth­ästhesie anderen gegenüber mit dem Korollar, sie als Roh­linge anzusehen, wenn sie nicht die ge­forderte Weiner­lich­keit zeigen – sondern viel­leicht nur banaler­weise und ohne jedes damit einher­gehende Verdienst ver­nünftig oder hilf­reich handeln. Es kann sein, dass unsere Gesell­schaft künftig stärker von anderen Re­ligionen geprägt sein wird, die dem­gegen­über mehr Ortho­praxie fordern. Vielleicht ist es deshalb klug, sich schon einmal mit aus­reichenden Vor­räten an Wund­salbe auszu­statten, damit sich die Schrammen nicht infizieren, die man sich durch die stünd­liche Pros­kynesis vor dem Herrn der Regel­scharen zuzieht.

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