Starke Bilder – Schwarz und Weiß

Mir kommen zwei starke, angelesene Bilder zu Bewußtsein, als ich die dunkelschwarzen Männer im Park an der Lutherkirche und die Gruppen nordafrikanischer junger Männer an der Straßenbahnhaltestelle beobachte.

Das eine stammt von der Dänin Karen Blixen, die von ihrer „Afrikanischen Farm“ berichtet, das andere vom italienischen Reiseschriftsteller und späterem Mystiker Tiziano Terzani.

Blixen führte in den 30er Jahren eine Farm und eine Kaffeeplantage in Kenia. Immer wieder beschreibt sie das Verhalten ihrer schwarzen Belegschaft, der „Neger“ – dieser Klassiker der Weltliteratur müßte längst getilgt sein, allein schon wegen der vielen „Neger“ darin. Eine Szene hatte sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt:

Einer ihrer afrikanischen Mitarbeiter, der ihr am nächsten war, sank immer wieder, sobald er sich unbeobachtet wähnte, in sich zusammen, saß dann auf dem Boden und stierte mit glasigen Augen vor sich hin – oft stundenlang. Wie in einer Trance. Alle Arbeit schien er vergessen zu haben; er weilte in einer anderen Welt. Erst als die „Herrin“ oder einer ihrer Bevollmächtigten erschien, erwachte der Mann und ging an seine Arbeit.

Am liebsten, so schreibt sie, mochten die Schwarzen Arbeiten, die keine waren. Gab man ihnen einen Hengst in die Hand und bat sie, diesen zu halten, bis man wiederkomme, so waren sie glücklich, denn nun standen sie einfach da und konnten mit verklärtem Blick in sich gehen, ja man sah ihnen sogar den Wunsch an, „daß man lange Zeit im Haus verbleiben möge“.

Diesen Blick sehe ich bei den jungen, vermutlich somalischen Männern im Park.

Terzani hingegen bereiste kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die asiatischen Republiken. Seine Reise beginnt auf dem Amur, den er stromaufwärts fährt. Rechts Rußland, links China. Der Fluß strahlt eine „friedliche Gleichgültigkeit“ aus, aber was man an den Ufern sieht, über hunderte Kilometer, könnte unterschiedlich nicht sein. „Erneut der gleiche Eindruck der ersten Stunden. Am chinesischen Ufer ist Bewegung, Aktivität, Arbeit. Am sowjetischen stehen die Leute herum und schauen.“ Dort sieht man eingefallene Hütten, hier und da einen Angler mit Wodkaflasche an der Seite, am linken Ufer aber einen endlosen Ameisenhaufen geschäftiger, bauender, handelnder Menschen.

So sitzen auch die jungen Marokkaner und schauen …

Quellen:
Karen Blixen: Den afrikanske farm. København 1956 (1937), hier Seite 208ff.
Tiziano Terzani: Buonanotte signor Lenin. Milano 1994, hier Seite 46 f.
Übertragungen: Seidwalk

Ein Gedanke zu “Starke Bilder – Schwarz und Weiß

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Gegen schlichte Lebensweise ist nichts zu sagen. Gegen die Erwartung, man könne an den Erträgen der anderen Lebensweise teilhaben, ohne sich ihr zu unterziehen, spräche dagegen einiges. Leider haben Wir mit der Vermittlung dessen noch ein Problem, weil Wir lieber zu glauben, das alles schaffen lassen zu können. Wir haben nämlich notorisch Schwierigkeiten beim Aussprechen der Wahrheit. Offenbar hat man uns zu oft “A Midsummer Night’s Dream” gezeigt und noch nie oder schon lange nicht mehr “The Tragedy of the Commons”.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.