Hussains Ring

Muß mich erst mal sammeln. Komme gerade von Hussain. Jede Menge Neuigkeiten.

Die erste trägt er sichtbar am Finger. Einen Ring, einen silbernen Ring. Es ist den Männern im Islam untersagt, Gold zu tragen, also muß es Silber sein. Er hatte mir per Mail bereits eine große Neuigkeit angekündigt und so liegt es nahe: „Du bist verlobt“.

Ja nun, die Konventionen sagen: man muß sich freuen! Tue ich ja auch, im double think

Das Mädel kommt aus Aleppo, ist noch keine 18 und über ein paar Ecken mit Salim verwandt. Dort haben sich die beiden getroffen, gemocht, lieb gewonnen und sich einander versprochen. Immerhin, es hat was mit Liebe zu tun, was bekanntlich nicht immer der Fall ist.

Khadidja heißt sie, wie des Propheten erste Frau – allerdings mit Nachnamen. Ihr Vorname bedeutet „die Reine“, die „Unberührte“. Wie sie so mit ihren großen hübschen Augen und dem unschuldigen Lächeln unter dem Kopftuch hervorschaut, mag man ihr das gerne abnehmen. Die statistische Wahrscheinlichkeit unter deutschen Mädchen dürfte dem Namen eher Hohn sprechen.

Hussain wollte sie mir eigentlich vorstellen, aber sie hatte gerade Wichtigeres zu tun, also mußten vorerst ein paar Photos auf dem Handy genügen. Sie war nämlich gerade im Krankenhaus, Salims Frau zu unterstützen, die vor wenigen Stunden von ihrem dritten Kind entbunden wurde. Innerhalb von wenigen Monaten haben die paar Syrer mich mit mehr Neugeborenen konfrontiert als die tausend Bekannten, die man so hat. Und wenn Hussain, wie er sagt, Ende des Jahres vielleicht heiratet – das Mädel ist dann 18 Jahre alt –, dann, so darf man vermuten, wird es bald ein Erdenkind mehr geben.

Gleich erzähle ich ihm von der Begegnung mit Khaled, Kinderwagen schiebend, und seiner Frau. Hussain weiß sofort, was ich meine: das Händegeben. Er ist empört darüber und versteht nicht, wie Khaled es zulassen könne (sic!). Lebt man in einem anderen Land, dann müsse man sich den Gepflogenheiten – das Wort lernt er in diesem Zusammenhang – anpassen. Auch seiner Verlobten hat er bereits gesagt, daß er das Kopftuch nicht mag. Man dürfe seine religiöse Überzeugung nicht offen zur Schau tragen. Sie versteht ihn auch, hat aber noch nicht die Position, um das wirklich umzusetzen. Später, wenn sie Mann und Frau sind und weg vom Vater, dann wird sie es vielleicht abnehmen.

Das Leben des Mädchens schien nicht immer leicht. In Syrien wurde ihre Mutter durch eine Bombe getötet. Der Vater heiratete erneut. Dann sind sie in die Türkei, wo sie fast 2 Jahre lebten. Vor anderthalb Jahren zog es sie dann nach Deutschland. Gelandet sind sie in Neunkirchen-Seelscheid, östlich von Bonn.

Sie will Krankenschwester werden, hat auch schon einen Einsatz in der Altenpflege hinter sich – eine kurze Mail und zwei Minuten später hat sie bereits alle Unterlagen gepostet. Demnach hat sie auch eine Förderklasse bestanden, alles Zweien, nur in Mathe eine Drei. Dazu ein paar Floskeln wie „lernwillig“, „fleißig“, „aufmerksam“. Ihr Deutsch, sagt Hussain, sei aber noch nicht so gut.

Er selbst legt in diesen Tagen seine B2-Prüfung ab. Danach will er so lange arbeiten, bis er in Leipzig einen C1-Kurs bekommt, der ihn dann – in der Theorie – zum Studium befähigen würde. Er habe schon eine Stelle in einem Obstgeschäft, wo er Granatäpfel auspuhlen solle. Granatäpfel? „Ja, das kann ich besonders gut.“

Und sie? Sie wird ihm folgen. Sie vertraue ihm voll. Auch wenn er zurück nach Syrien geht … „Du willst zurück nach Syrien? Davon höre ich zum ersten Mal.“

Ja, das könne er sich gut vorstellen. Wenn er Arzt sein wird, dann will er zurück nach Syrien. Er könne nicht ewig von seiner Familie getrennt sein – jetzt sind es schon zwei Jahre.

„Wie alt bist du noch mal? Zweiundzwanzig? Ich fürchte, Hussain, selbst wenn alle deine Träume wahr werden sollten, aber vor deinem dreißigsten Lebensjahr wirst du hier nicht fertig sein. Und kein Mensch weiß, was die nächsten Jahre bringen …“

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