Wie der Zufall es will

Zufällig stehe ich im Stadtzentrum und studiere die Karte des „McChina“, eines von mehreren vietnamesischen „China-Restaurants“, an der Ecke, wo bis vor Kurzem noch die „Apotheke am Hradschin“ war und heute „Ali’s Feinkost“ (sic!) logiert. Die Inhaberin, eine Einmeterfünfzig große Frau fächelt sich im Schatten ihres Sonnenschirms ein wenig frische Luft zu. Ein Straßenbahnangestellter spricht sie an. Er zeigt auf eine kleine Wartehalle. Sie geht hin und kommt lächelnd mit zwei ihrer Terrassenstühle zurück.

Eine gute Tat. Stolz schaut sich der Schaffner um, ob es jemand gesehen hat. Ich stelle mich zur Verfügung und sage: „Stühle geklaut?“ Mehr war nicht nötig, um den Redefluß auszulösen.

„Eigentlich dürfen die sich da gar nicht aufhalten. Aber wo soll’n sie denn hin? Da klauen die regelmäßig die Stühle“, sagt er. Ich frage ihn: „Wer sind denn die?“ – „Na, die hier immer rumhängen“. Er meint die Punker der Stadt. Die haben zwar ein „Kulturhaus“, die „Volxwirtschaft“, tagsüber versammeln sie sich aber schon seit vielen Jahren unter den letzten Bäumen vor dem alten Kaufhaus, trinken Bier, hören Musik, machen Lärm und lassen ihre Hunde sich langweilen.

„Die sind aber nicht das Problem“, fährt er fort. „Aha?“ – „Gestern halb fünf haben sie sich hier wieder gekloppt, so daß die Passagiere wegrennen mußten …“ – „Wer?“ – „Na die Ausländer!“ – „Welche Ausländer?“ – „Na, die Syrer oder Afrikaner … was weiß ich denn, wo die herkommen.“ – „Die haben sich gekloppt?“ – „Das passiert hier ständig. Gestern ging das zehn Minuten, bis die Polizei kam …“

„Und wie kommt das?“, stelle ich mich naiv. „Wie das kommt!“, er schaut mich etwas zweifelnd an. „Es sind einfach zu viele! Die alten Leute haben ja nicht mal mehr Platz auf den Bänken. Überall sitzen die herum“, sprudelt es jetzt aus ihm heraus. „Plauen ist ja jetzt die Stadt mit der höchsten Kriminalität, nach Leipzig …“ – „In Sachsen?“, frage ich, aber er hat die Frage nicht gehört. „Hier in den Seitenstraßen wird den Leuten das Handy geklaut und oben im Park kann man Drogen kaufen, Crack und all das Zeug. Wir sind zu nahe an Tschechien, da kommt das her …“

„Und wie wird das enden?“, bohre ich noch ein wenig. „Ja, das würde ich auch gern wissen. Die Volksseele kocht jedenfalls.“ – „Die Volksseele kocht? Merkel steht bei 40 Prozent!“ Zum ersten Mal gebe ich meine Deckung auf. „Ich glaube denen sowieso nichts mehr. Hier kannst du mit jedem reden, alle denken das gleiche“, sagt er. „Nun ja“, denke ich, „sprich mal mit meinem Nachbarn, dem Professor oder der Ärztin …“, aber er fährt fort. „Was gibt es denn für eine Alternative? Den Schulz kann man doch auch nicht wählen. Wir können sowieso nichts ändern. Ich kenn‘ Leute, die sind deswegen richtig krank, die fressen das so sehr in sich rein, daß die fast durchdrehen. Ich war ja auch zu jeder Demo hier vorne auf dem Markt. Klar, da fällt mal ein derbes Wort, aber deswegen muß man nicht gleich jeden in die rechte Ecke stecken. Wenn du was sagst, bist du gleich ein Rechter …“

Da kommt meine Frau und wir müssen weiter. „Ja, das ging uns auch so“, sage ich und stelle sie mit einer Handbewegung vor. „Wir reden auch jeden Tag darüber. Aber man darf sich nicht kaputt machen lassen.“ Wir verabschieden uns, haben noch was zu erledigen.

Zwanzig Minuten später kommen wir wieder dort vorbei. An der Haltestelle versammelt eine Menschentraube. Ein Polizeiwagen mit Blaulicht steht da, daneben ein Rettungswagen.

Siehe auch:

Es hat sich was getan

Die Connexus-Inseln

Mehr Heimatsplitter

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