Erbärmlichkeit der Journalisten

„Oh Mann, wie doof kann man denn sein?“ – hätten vielleicht meine Fußballkumpel gesagt, wenn sie denn Jaques Schusters „Meinung“ in der „Welt“ gelesen hätten. Zum Glück sitzen sie stattdessen gerade in ihren Gärten, trinken Bier und lassen sich die Sonne auf den Bauch scheinen.

Der Sache nach müßte ich ihnen recht geben – an Schusters Artikel, der auf Seite 1 steht und typisch für die mediale Verarbeitung des wievielten (?) Terroranschlages in Zentraleuropa in kurzer Zeit ist, stimmt wirklich gar nichts! Wenn das unsere Elite sein soll – dann Gute Nacht Deutschland!

Schon die Überschrift ist eine Komplettverdrehung. Warum sollte jemand, der sein Leben für eine Überzeugung oder einen Glauben gibt, erbärmlich oder, wie es gemeinhin heißt, feige sein? Da stellt sich Herr Gabriel, der erst ein Magenband benötigte, um seine Freßsucht in den Griff zu bekommen, mit einem Blumenstrauß hin und faselt von den „feigen Mördern“. Man wünschte sich, diese feigen Mörder würden Herrn Gabriel ihre Feigheit mal ins Gesicht brüllen – die physischen Folgen eines derartigen imaginierten Zusammentreffens zu beschreiben, verstößt gegen die Netiquette dieser Seite.

Schuster hängt sich selber die Tapferkeitsmedaille um, indem er schreibt: „Unter dem Eindruck des Terrors, unter der Macht der Bilder von Tränen und Tod fällt es schwer, mit kühlem Kopf auf die Geschehnisse zu schauen und nüchtern den Tatsachen ins Auge zu blicken. Schnell gerät derjenige, der es versucht, in den Verdacht, kalt und zynisch zu sein.“ Derjenige ist natürlich Schuster selbst, der die schwersten Vorwürfe zu riskieren vorgibt, wenn er nun die Dinge, ganz emotionslos und natürlich vernünftig, anspricht.

Und dann kommt er tatsächlich, allerdings unbeabsichtigt an den Kern der Sache: „Trotz allen Leids und einer ersten breiten Verunsicherung nach Anschlägen wie dem nun in Barcelona ist die Mehrheit der Europäer genau das: Sie ist ruhig und macht weiter.“ Ja, so ist es. Und daran wird Europa zugrunde gehen: am Weitermachen. Aber anstatt das zur Stärke Europas zu verklären, kann es doch nicht schwer sein zu sehen – „wer vernünftig ist“ –, daß die Sedierung der Menschen, das Weiterschlafen, das Sich-Selbst-Betrügen und Betrügen-Lassen, in die Katastrophe führen muß. Das kann man schon von Homer lernen und die gesamte Geschichte kennt Myriaden an Präzedenzfällen.

Schuster nennt das „die schärfste Waffe gegen den islamistischen Terror – by the way, ist jemandem aufgefallen, daß immer mehr Seiten nun offen von islamischem Terror sprechen?  Die Mehrheit der Europäer bleibe „friedlich und zivil“ – man kann auch sagen: tröge und gelangweilt. Wobei ein zivilisierter Umgang tatsächlich wichtig wäre, ein entschiedener, konzentrierter ziviler Umgang, nicht aber diese diffuse Ohnmacht.

Der Querdenker meint nun daraus schließen zu können, daß der IS mit dieser Methode am Ende sei, denn er wolle die Gesellschaft spalten und da ihm das nicht gelänge – die Europäer ertragen friedlich ihre Demütigung und die Muslime, zumindest die „bei Vernunft“, durchschauen das Spiel natürlich und lassen sich nicht ködern. Woher weiß er das? Hat er je einen Blick in die Videos, die Zeitschriften und Pamphlete des IS getan? Hätte er es, dann wüßte er, daß es den IS nicht die Bohne schert, ob wir uns wehren oder friedlich und zivilisiert abschlachten lassen. Der IS will nicht Zwietracht säen, er will einen Gottesstaat errichten – und ist sich in dieser Frage mit deutlich mehr Muslimen einig, als er Sympathisanten oder Mitglieder hat.

Dann wagt er einen Blick in die Geschichte und stellt die wahnwitzige These auf, daß Terror noch nie gewonnen hätte: „Wenn man den Terrorismus der vergangenen 150 Jahre betrachtet, kann es keinen Zweifel daran geben, dass seine politischen Auswirkungen im Gegensatz zur Publizität, die ihm zuteilwurde, gering waren. … Je erfolgreicher der Terrorismus eine Gesellschaft destabilisierte, desto wirksamer organisierten sich die antiterroristischen Gegenströme, die schließlich den Untergang der radikalen Gewalttäter herbeiführten“. Als Beispiele bringt er uns die Bojewaja Organisazija, die Tupamaros in Uruguay und die RAF. „Keine Terrorgruppe erreichte jemals ihr Ziel“, schreibt er in großen Lettern.

Geschichtsstunde: Siegreiche oder doch erfolgreiche Terrorgruppen gab es, solange es Geschichte gibt, Herr Schuster: die Herrschaft der Dreißig Tyrannen im alten Griechenland (403/403) wurde durch Terror gehalten, im „Jüdischen Krieg“ berichtet Flavius Josephus von den Dolchmännern, die angsteinflößende Dezimierung war lange Zeit ein erfolgreiches Kriegsmittel der Römer … die gesamte Islamische Expansion wurde mithilfe des Terrors durchgesetzt oder glaubt Schuster, damals hätte das bessere Argument gezählt? Im Mittelalter wurde die schiitische Terrorgruppe der Assassinen ob ihrer Grausamkeit und Entschlossenheit gefürchtet …

Aber warum in die Ferne schweifen? Nehmen wir die 150 Jahre wörtlich. Statt uruguayische sollte er europäische und Weltgeschichte studieren. Kennt Herr Schuster, der den verpflichtenden Namen Jaques trägt, nicht die Geschichte der Französischen Revolution, hat er noch nichts vom grande terreur gehört, mit dem Robespierre seine Macht sicherte? Hat er noch nichts vom Roten Terror der Bolschewiki gehört, ohne dessen Erfolg die Weltgeschichte ganz anders verlaufen wäre, oder von der chinesischen Kulturrevolution oder Pol Pot?

Kann er mit der SA nichts anfangen, deren Terror sich Hitler zunutze machte? So viel historische Ignoranz ist für einen Leitartikler mehr als beschämend – man sollte ihn arbeiten schicken.

Vor allem aber will uns Schuster weismachen, daß das Problem mit dem Islam in der westlichen Gesellschaft ein Terror-Problem sei. Nichts ist unwahrer. Der Terror ist nur ein Nebenprodukt der Islamisierung der Welt, das vernachlässigenswert wäre, läge es in einer totalitären Bilderwelt nicht in seiner Natur, explizite Bilder zu produzieren.

Viel wichtiger ist es zu sehen, wie sich unser Leben und unsere Geisteswelt in sehr kurzer Zeit dramatisch verändern. Noch vor zehn Jahren hatten die meisten Menschen in Deutschland noch gar keinen Begriff vom Islam, allenfalls einen sehr unscharfen, diffusen, verklärenden, und heute bestimmt er unser Leben in Theorie und Praxis. Die Buchläden überschütten uns mit Islamthemen, die Zeitungen sind voll davon und auf den Straßen läuft er uns permanent entgegen – mit etwas Pech auch mit Messer, Kalaschnikow oder Sprengstoffweste.

Die Gesellschaft verändert sich in unbekanntem Tempo, Herr Schuster, und diese Veränderung wird sich beschleunigen, je mehr Muslime der Westen aufnimmt. Das darf man den jeweiligen Individuen nicht zum Vorwurf machen, aber es ist blind, dumm und fahrlässig, davor die Augen zu verschließen, ganz gleich, ob mit oder ohne Terror.

Solange Schreiberlinge wie Schuster, als Ausdruck der gesellschaftlichen Stimmung, in den Redaktionsstuben etwas zu sagen haben, so lange wird der Terror siegen.

2 Gedanken zu “Erbärmlichkeit der Journalisten

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Einige Assoziationen zu Passagen des Welt-Artikels.

    • „Unter dem Eindruck des Terrors, unter der Macht der Bilder von Tränen und Tod fällt es schwer, mit kühlem Kopf auf die Geschehnisse zu schauen und nüchtern den Tatsachen ins Auge zu blicken.“ — Welcher Berufsstand verdient denn sein Geld mit Skandal und Spektakel? Manche dann wohl auch noch mit der Aufforderung, sich von diesen ja nicht beeindrucken zu lassen …

    • „Schnell gerät derjenige, der es versucht, in den Verdacht, kalt und zynisch zu sein.“ — Die Tatsachen verdienen immer genannt zu werden. Vielleicht aber dominiert bei manchen, denen dies berufliche Obliegenheit sein sollte, die Vorsicht, sich ja nicht zu weit vom Hauptstrom der öffentlichen Rede zu entfernen.

    • „[…] Diese Reden kommen von Herzen und sind richtig.“ — Ich zöge allemal Reden vor, die aus einem analytischen Kopf kommen. Vielleicht sind die sogar „richtiger“.

    • „Wer nicht schnell handeln kann, dem bleibt nichts anderes übrig, als die Entschlossenheit allein in Worte zu fassen.“ — Man könnte auch das Maul halten.

    • „Doch die Europäer […] mussten […] so viele Tragödien hinnehmen, dass sie über die Jahre eine Nervenstärke entwickelt haben, die sie gelassener macht.“ — Waren das wirklich Tragödien, also Schicksalhaftigkeiten ohne menschliche Urheber? Ist der Ausdruck Nervenstärke nicht vielleicht nur ein verklärendes Wort für Abstumpfung?

    • „Ohne es gezielt geplant zu haben, setzt sie damit die schärfste Waffe gegen den islamistischen Terrorismus ein, den es gibt: Sie bleibt friedlich und zivil.“ — Kann man ungezielt planen? Heißt es eine Waffe „einsetzen“, also doch ein Werkzeug zu einem bestimmten Zweck, indem man schlichtweg nichts tut? Und was ist eigentlich das erwartbare Schicksal des bedingungslos und unbeirrbar Friedfertigen? Offenbar schätzen weite Teile unserer Landleute die Friedfertigkeit im Jesusmärchen (ob sie berechtigt zugesprochen wird, ist eine hier nebensächliche Frage) über die Maßen. Ob der persönliche Lebenserfolg dieses Herrn aber eine Stütze dafür gibt, dass solches Verhalten dem Friedfertigen selbst letztlich förderlich ist? “Always think at the bright side of life …”

    • „Wer in den islamischen Gemeinden vernünftig ist, der sieht: Nichts stimmt an dem Weltbild der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS).“ — Wenn es für diese Einsicht in den islamischen Gemeinden erst des Verhaltens der europäischen Lämmlein bedarf …

    • „Sie [Bezug?] baut darauf, dass ihre Gewalt die westlichen Gesellschaften zunächst in Angst und Schrecken versetzt und schließlich zu einer Unterjochung der Muslime verführt, die in ihrer Verzweiflung wiederum dem IS zuströmen und ihn so stark machen, dass er sein Kalifat bis al-Andalus, also bis nach Spanien errichten kann.“ — Am besten wäre es dann wohl, wir ließen uns willig von Muslimen des Kalibers Özoğuz und Chebli regieren, dann würden selbige und alle ihre Glaubensgenossen durch ihren politischen Erfolg bestimmt genauso werden wie wir. Aber nun im Ernst: Offenbar können sich manche Journalisten Herrschaftausübung und -erringung nur mittels ideologischer Mittel vorstellen – die ihnen ja vielleicht persönlich ausnehmend gut vertraut sind – und nicht mit schierer Gewalt. Weltgeschichtlich ist die Ausübung und Androhung von Gewalt nämlich der gewöhnliche Weg zur Macht. Das mag vielleicht übersehen, wer im europäischen Wolkenkuckucksheim nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen ist. Eine auch nur oberflächliche Lektüre etwa der IS-Publikation Dabiq könnte lehren, dass der Heilige Krieg dort als eine unbedingte Pflicht des Muslims angesehen wird, ganz gleich, wie die Aussichten auf Erfolg sein mögen. Mit dem Erfolg wachsen aber selbstredend mehr Anhänger nach. Dem Vogel Strauß namens Schuster hat wohl der heiße Sand das Hirn verbrannt. New York war der „Proof of concept“ einer Methode, die nur wenigen zu Gebote steht, Nizza der einer anderen, die nun wirklich von jedem Gescheiterten, der den tieferen Grund für sein Scheitern entdeckt zu haben glaubt, nachgeahmt werden kann. Welche anderen wohl noch kommen mögen? Aber unsere Regierung will nun mal die Grenzen für die messerschwingenden offenbaren Mexikaner, die man in der Presse nicht so gern benennt, weil man den kongenitalen rassistisch-antiaztekischen Affekt der ansässigen Bevölkerung fürchtet, unbedingt offenhalten.

    • „Wenn man den Terrorismus der vergangenen 150 Jahre betrachtet, kann es keinen Zweifel daran geben, dass seine politischen Auswirkungen im Gegensatz zur Publizität, die ihm zuteil[ ]wurde, gering waren.“ — Er hat Indonesien und Algerien die Unabhängigkeit gebracht (die ich den Ländern sicher nicht missgönne) und die Furcht vor ihm (Mau-Mau-Aufstand usw.) hat vermutlich die Dekolonialisierung Afrikas durch die Europäer ziemlich in Schwung gebracht. Vielleicht hat auch die Aussicht auf einen terroristische Methoden einsetzenden zweiten Bose die Bereitwilligkeit Großbritanniens, Indien die Unabhängigkeit zu geben, mehr gefördert als die allen Friedfertigen so beeindruckend scheinende Wirksamkeit des Jesusfakirs Gandhis im Vordergrund.

    • „[…] es ist dennoch schwer vorstellbar, dass sie die erste Bande der Weltgeschichte sein sollte, die ihre Ziele durch Mord und Totschlag durchsetzen kann.“ — Für gewöhnlich nennt man die erfolgreichen solchen Banden nachher Staaten. Wenn nun ein bestehender Staat ernste Anwandlungen zeigt, seine äußere und innere Souveränität mehr und mehr freiwillig aufzugeben (anarchistisches Grenzregime / jedem Lizenzen gegenüber dem Recht geben und – einmal ganz derb gesagt – Zucker in den Arsch blasen, der nur laut genug im Kollektiv „Diskriminierung“ zu schreien vermag), dann dürfte mancher vielleicht meinen, gerade so ein Staat sei im besonderen Maße “up for grabs”. Ganz gleich ob die Übernahme am Ende gelingt oder nicht, es wird jedenfalls blutig und teuer für seine Bürger.

    • „Hätte die Terrorgruppe die Möglichkeit, eine Megabombe einzusetzen oder durch Cyberattacken das Leben einer Großstadt wie Barcelona oder Berlin, Madrid oder Mailand lahmzulegen, verfügte sie über Anthrax, Pocken oder Ebolaviren, sie würde ohne Bedenken zur Tat schreiten. Sie tut es nicht, weil sie zum Glück über keine dieser Waffen verfügt. Stattdessen greift sie neandertalerartig gleichsam zur Keule, um die moderne Welt zu bedrohen.“ — An der derzeitigen (!) technischen und organisatorischen Dürftigkeit der Glaubenskämpfer kann es keine großen Zweifel geben. Doch man hat zum Beispiel auch mit bloßen Macheten schon einen Völkermord ausführen können. Aber vielleicht unterliegen wir hier auch nur einem Wahrnehmungsfehler, und das war nur eine große Anzahl von bloß einzelfallartigen Nachbarschaftsstreitigkeiten. Und eine Sickerblutung ist ja auch nur dann gefährlich, wenn man sie sich eingesteht und deshalb Angst bekommt.

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    • Kurt Droffe schreibt:

      Schön gesagt, Herr Pérégrinateur.
      Mir wird immer ganz blümerant, wenn Journalisten vollmundig von „der Weltgeschichte“ schwafeln, die zu kennen auch ich als studierter Historiker nie behaupten würde. Gerne verwandt werden auch die Wörter „noch nie“ (war Deutschland so sicher, der Himmel so blau etc.), man kann dann regelmäßig von einem Zeithorizont von höchstens fünfzig Jahren beim Schreiber ausgehen..

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