Heimat Melancholie

Fast ein halbes Jahr ist es nun her, seit ich das letzte Mal durch meine Heimatstadt schlenderte. Es macht mich traurig, sonst nichts.

Vielleicht ist es Gefühlsduselei, vielleicht sehe ich Gespenster, vielleicht ist mit mir etwas nicht in Ordnung? …

Eigentlich sieht doch alles aus wie immer. Die Straßen hell und sauber, die vollen Auslagen, die Cafés am Straßenrand. Eine ostdeutsche Stadt nach dem Aufbau Ost.

Es sind die Menschen, die mich traurig stimmen. Die Plauener sind alt und griesgrämig. Manchmal stehen sie in kleinen Gruppen und reden belangloses Zeug, als gäbe es den großen Wandel gar nicht. An der zentralen Straßenbahnstelle liegen ein paar Punks provokativ auf der Straße und trinken Bier. Zwei Frauen sind dabei: eine rot gefärbte in schwarz-rotem Minirock und Netzstrümpfen steht breitbeinig zwischen den Männern, eine andere tätowierte raucht und schaukelt einen Kinderwagen.

Die Zahl der Kinderwagen hat deutlich zugenommen. Die meisten werden von Frauen unter Kopftüchern geschoben. Hinten am Kopf wölbt sich eine große Beule, wo sie ihr volles Haar zusammengeknotet haben.

Überall sitzen Gruppen junger Männer zusammen, meist nach Herkunft getrennt. Hier die Syrer oder Pakistanis, dort die Nordafrikaner und auf der Bank die Eritreer. Im Park sitzen Schwarzafrikaner. Einige trinken Bier, andere Cola, aber fast alle schauen auf ihr Mobilphon.

Ich gehe durch die Einkaufspassage. Das gleiche Bild. Fast alle Bänke sind von jungen Migrantenmännern besetzt. Neben fünf Nordafrikanern mit gegelten Haaren sitzt auf dem letzten Zipfel Bank tapfer ein aufgeschwemmter, dickbusiger junger deutscher Mann und scheint auf jemanden zu warten.

Offiziell hat Plauen weniger als zwei Prozent Ausländeranteil. Allein hundert davon scheinen sich im Zentrum aufzuhalten.

Sie sprechen alle eine andere Sprache. Kann es sein, daß sie nur auf mich wie Fremdkörper wirken? Jede ihrer Regungen scheint eine Differenz zur Umgebung auszudrücken. Die Plauener senken die Köpfe, wenn sie an ihnen vorbeigehen. Sie selbst starren zurück, wenn man sie anschaut.

Ein kleiner Schwarzer springt plötzlich auf und begrüßt per Handschlag einen hünenhaften deutschen Mann, Typ Politikstudent. Der eilt schnell weiter und ruft noch was von „drei Wochen Praktikum“ – dann ist er wohl wieder weg.

An der McDonalds-Filiale plötzlich laute, panische Frauenschreie: „Hör auf! Hör auf!“ Ehe ich die Situation erfasse, ist sie schon vorbei. Ein deutscher Teenager in weißer Jacke liegt auf dem Boden, zwei dunkelhäutige Minderjährige stehen über ihm und ballen die Fäuste, wissen nicht, ob sie noch einmal zuschlagen sollen oder nicht. Wer hat diesen kleinen Streit entfacht? Was ging ihm voraus? Wie viele gibt es davon? Es läßt sich nicht erschließen. Von der McDonalds-Terrasse ruft ein Araber, vielleicht Mitte Zwanzig, laut: Khaled! Khaled! Und meint wohl einen der beiden Jungen. Die schauen rüber, der ältere bedeutet ihnen mit einer Handbewegung, daß sie verschwinden sollen. Sofort treten sie zwei Schritte zurück und gehen davon, ohne sich noch einmal umzuschauen. Das nennt man Autorität! Der junge Deutsche steht auf, zuckt mit den Schultern und sagt: „Ich habe doch gar nichts gemacht!“ Wer weiß?

Am Biomarkt setze ich mich auf eine Mauer und schaue eine halbe Stunde vor mich hin. Ein langer rabenschwarzer Somalier, den ich vom Sehen her kenne, läuft in durchsichtigen Damenplastikschuhen und Anzughose drei Mal an mir vorbei. Dann sitzt er auf einem Fahrrad. Ein arabisch aussehender Mann im Blaumann – hat er Arbeit? – hält seine Tochter an der Hand, während die dicken Wagen der Deutschen ein- und ausfahren, um bei Denn’s teuer Bioware einzukaufen.

Schließlich gehe ich zur Straßenbahn. Gerade als sie einfährt, läuft ein Paar mit Kinderwagen an mir vorbei. Erst beim zweiten Blick erkenne ich Khaled, meinen alten Schüler. Er ist dick geworden. Seine Augen strahlen, als er mich sieht. Küßchen rechts, Küßchen links. Er riecht stark nach Deodorant. Ich versuche Augenkontakt mit seiner Frau aufzunehmen, von der ich viel weiß, die ich aber noch nie zu Gesicht bekam. Soll ich ihr die Hand geben? Das Kopftuch ermutigt nicht. Die Reaktion, die ich einst durch Mohammeds Frau erfuhr, hat mich schon konditioniert. Ich bin unsicher. Sie macht es mir leicht: sie schaut weg. Auch Khaled macht keine Anstalten, sie mir vorzustellen oder etwa das Kind zu zeigen. Männer unter sich.

Er fragt, wann wir uns sehen. Die Bahn klingelt schon. Ich springe hinein und rufe: ich melde mich. Drinnen wieder zwei Muslima mit Kinderwagen.

Warum nur kann ich mich nicht mit ihnen freuen?

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4 Gedanken zu “Heimat Melancholie

  1. Der double bind ist unüberwindbar, deshalb. Gestern eine Krippengruppe auf Ausflug in der Wiener U-Bahn, etwa zwanzig höchstens Dreijährige, drei Kopftuchbetreuerinnen, zwei Österreicherinnen, in der Gruppe etwa fünf einheimische (oder osteuropäische) Kleinkinder. Alle Fahrgäste lächeln, die arabischen Männer auch. Nur ich wieder nicht – vom double bind gebeutelt vertiefe ich mich wieder in Manfred Schlapp: „Islam heißt nicht Salam“. Der double bind ist die Unvereinbarkeit zweier Wahrnehmungen: natürlich sind das „herzige kleine Butzis“, winzige Wesen, die von nichts wissen, ganz naive Pädagoginnen, freundlich sind sie auch zu den Kindern. Und dann diese entsetzliche Erkenntnis parallel: das ist Invasion, Austausch, Landnahme. Ich muß das Vexierbild aushalten, daß es liebe Feinde sind. Das Vexierbild läßt sich nicht zusammenbringen, Hasen- oder Entenkopf, Vasen oder Gesicher, junge oder alte Frau.

    Seidwalk: Es tut ja schon gut, zu wissen, daß man nicht allein ist. Entweder es gibt noch mehr Irre oder aber es ist was dran an der Wahrnehmung. Allerdings machen einen die Vexierbilder bekanntlich erst wirr im Kopf. Im Übrigen bin ich für Hase, Gesicht und junge Frau.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Nie auf herzenswarme Gefühle vertrauen, sondern immer nur auf eiskalte Syllogismen. Nicht Impressionen sollten uns Menschen bestimmen, sondern Statistiken. Leider ist unsere Hardware gerade dafür schlecht ausgelegt, denn die ist von der Evolution ja darauf optimiert, uns zu blinden Werkzeugen der Fortpflanzung und des Stammeserhalts zu machen. Also sollte die Software den Mangel ausgleichen. Maxime: Herunter vom double bind zum infinitesimal bind!

      Man halte sich, wenn sensibel, von allen Orten fern, wo die Gefühle fluten, und da das nicht immer vermeidbar ist, übe man auf das Leben zu schauen wie auf einen Hitchcock-Film: Wie hat der Hund das nur wieder hinbekommen, dass man um den Mörder bangt? – Ah, das war der Trick, den merke ich mir!

      Von Bohumil Hrabal gibt es, vermutlich in „Die Katze Autitschko“, eine kleine Geschichte, wie der katzenliebe Erzähler aus Gutherzigkeit immer mehr streunende Katzen beherbergt, die sich dann noch kräftig zu vermehren beginnen, und wie ihm die Sache schließlich völlig über den Kopf wächst. Am Ende nimmt er, la mort dans l’âme, einen alten Sack und trägt die Würfe darin zum Bach.

      Quidquid agis …

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      • Herzenswarme Gefühle leiten einen manchmal in die Irre, aber doch eher selten. Statisken sind dagegen sehr, sehr häufig manipuliert.Und vor allem: Die herzenswarmen Gefühle kommen von einem selber, die Statistiken haben andere zusammengestellt.

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      • Kopfrechner schreibt:

        Bitte erlauben Sie ein paar ungebügelte und gar nicht originelle Gedanken eines schlichten Mathematikers.
        „Nie auf herzenswarme Gefühle vertrauen, sondern immer nur auf eiskalte Syllogismen. Nicht Impressionen sollten uns Menschen bestimmen, sondern Statistiken.“
        Sie haben meine volle Zustimmung in diesem Zusammenhang. Ich denke an die Bilder der Teddybärenempfangskomitees — und dass dieselben Fräuleins jetzt als erste (aber nicht als einzige) ihren Lebenswandel einschränken müssen.
        Dann denke ich aber an die vielen Zuarbeiter in den ungezählten jeweiligen Organisationen zur Erreichung (immer positiv aufgaladener) Menschheitsziele, sagen wir das Manhattan-Projekt und den Abwurf auch der zweiten Bombe, nachdem schon die erste als Proof-of-concept mehr als hinreichend war. Oder Lloyd Blankfeins Eisekälte beim Ruinieren gewachsener Strukturen. Oder die medizinische „Forschung“ ohne Menschlichkeit in den deutschen Konzentrationslagern, die z.B. von A. Mitscherlich als Herausgeber dokumentiert wurde.
        Ja, das ist eine sehr willkürliche Liste, aber die klare Logik sehe ich in jeder dieser schändlichen Großtaten.

        Mein großer Dank an alle hier Beitragenden und natürlich ganz besonders an den Hausherren: Sie tragen dazu bei, dass gewiss viele unter uns den Mut nicht ganz verlieren und darauf hoffen, dass die Nacht einmal zuende geht.

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