Something is rotten

Ryanair machte es möglich. Im Jahre 2006 weilte ich zehn Wochen in Dänemark. Der Flug von London nach Tirstrup, nördlich von Århus, beinahe geschenkt. Fast in Laufdistanz davon entfernt die Folkehøjskole på Kalø – sie war mein Ziel, dort wollte ich Dänisch lernen und tat es auch.

Diese sogenannten Volkshochschulen sind eine Besonderheit der skandinavischen Länder. Sie gehen auf Grundtvig zurück und auf dessen Konzept der Volksbildung und Volklichkeit. Volksbildung im doppelten Sinne: das Volk sollte Zugang zu Bildung erhalten, aber das Volk sollte sich auch als solches bilden können. Grundtvig wollte eine der Ursachen der sozialen Segregation – die Bildungsunterschiede – beseitigen und er wußte natürlich auch, daß ein Bauer oder Arbeiter, daß eine Magd, die selbständig und kritisch denken kann, dem Land besser dienen wird. Die Lehranstalten dienten auch der nationalen Bildung.

Diese Schulen werden massiv vom Staat subventioniert. Zwar bezahlt man für die Teilnahme, doch sind die Preise, gemessen an der Leistung – Kurse, Materialien, Reisen, Verpflegung und Unterkunft – erstaunlich gering. Zur Zeit gibt es noch circa 70 solcher Schulen. Einige haben sich spezialisiert, andere verfolgen das alte Konzept, aber fast alle kämpfen ums Überleben und jedes Jahr müssen welche aufgeben. Wer noch mal in den Genuß kommen möchte, sollte sich beeilen.

Wir waren vielleicht 50 Teilnehmer. Die meisten waren fast noch Kinder, Abiturienten, die sich ein Jahr – so lange dauerten die vollen Kurse – Auszeit nahmen, um sich zu orientieren, um sich über ihre Zukunft klar zu werden. Dementsprechend gab es immer wieder vejledning-Kurse, „Wegleitungs“ und Orientierungskurse.

Die Schüler kamen aus aller Herren Länder. Etwa die Hälfte war dänisch, eine kleine Gruppe Grönländer war dabei, ein Russe, ein Iraner und auch junge japanische Frauen, die dicke dänische Männer mit nach Hause gebracht hatten, quälten sich und mußten sich quälen, denn ohne Sprachkenntnisnachweis gab es selbst für Verheiratete keine Aufenthaltserlaubnis.

Eine besondere Gruppe bildeten die Araber und Muslime. Für sie war alles gratis. Sie kamen aus Ägypten, Palästina und und dem Libanon, lebten zum Teil schon lange in Dänemark und sprachen die Sprache meist gut. Zubair, der Ägypter, war ein hoch intelligenter, wacher Typ, mit dem Fußball zu spielen eine Qual war, denn er besaß eine perfekte Ballbehandlung und tanzte einen Spieler nach dem anderen aus, vergaß aber zuverlässig, abzuspielen.

Jeden Morgen traf sich die Gruppe zum fælles morgensang, zum gemeinsamen Singen. Dann wurden die alten Lieder und Weisen aus dem Gesangbuch der Volkshochschulen gesungen, fast die Hälfte davon waren von Grundtvig. Alle paar Jahre kommt eine neue Edition heraus und wird im Land diskutiert und jedes Jahr fehlen ein paar Grundtvig-Lieder und sind durch Popsongs ersetzt.

Beim Essen achtete man damals schon akribisch auf die Trennung, die einerseits zwischen Vegetariern und Karnivoren verliefen, andererseits zwischen Muslimen und „Schweinefleischfaschisten“. Man hatte den Eindruck, als würden die Muslime von vorn bis hinten gepampert, ihr Glaube stellte sie aus der Masse heraus.

Auch bei den Diskussionen. Dänemark hatte gerade die schwerste Krise seit dem Weltkrieg überstanden und befand sich noch immer in Schockstarre. Die Veröffentlichung von 12 Mohammedkarikaturen in der linksliberalen „Jyllands-Posten“ führte zu einem weltweiten Aufschrei von Millionen Muslimen: es gab zahlreiche Tote, dänische und norwegische Botschaften wurden abgefackelt, Flaggen verbrannt, Waren vernichtet und viele zahlungskräftige Länder stellten den Import dänischer Agrarprodukte ein …

Damals war es noch ein Gerücht, heute wissen wir – unter anderem von Ahmed Akkari, einem der Drahtzieher –, daß alles durch ein schlimmes islamistisches Lügenkonstrukt choreographiert war und letztlich den Handelnden entglitt.

Es gab in der Schule kaum eine Diskussion, die nicht bei den Karikaturen endete. Und dann geschah das Seltsame, das ich damals noch nicht begriff, das mich aber höchst befremdete: die muslimischen Schüler – am eloquentesten Zubair – verteidigten hartnäckig die Position der Hardcore-Muslime. Sie waren allen Argumenten verschlossen. Junge Männer, die in Dänemark damals schon als Asylanten aufgenommen worden waren, die alle Vorzüge des dänischen Wohlfahrtstaates genossen, denen jeder Stein aus dem Weg geräumt wurde, die auch an dieser Schule ein ganzes Jahr lang kostenfrei rundum versorgt wurden – während ich für 10 Wochen 12 000 Kronen bezahlt hatte –, zeigten keinerlei Verbundenheit oder auch nur Verständnis für die Position ihre neuen Heimatlandes.

Kurt Westergaard – jener Zeichner, der die Bombe in den Turban Mohammeds malte – gehörte ins Gefängnis, Akkari war ihr großer Held, Flemming Rose – der Chefredakteur der „JP“ galt ihnen als Verbrecher, all die Toten rechneten sie nicht wilden Horden, sondern Dänemark an usw.

Und was taten die Dänen? Sie alle standen auf Seiten des Heimatlandes. Sie alle diskutierten in diesem Sinne, aber mit einer Bravheit und Wohlerzogenheit und mit einem dauernden Versichern, daß man die Position des anderen ja verstünde, aber … ja, sie entschuldigten sich sogar für die Karikaturen, fanden sie „etwas übertrieben“ … und erreichten nichts.  Es war in der Theorie eine ideale Habermas’sche Gesprächssituation eines „herrschaftsfreien Diskurses“, in der Praxis aber die Bestätigung Huntingtons, des „Clashs of Civilizations“.

Ich nutzte die Zeit, um wie verrückt zu lesen: dänische Klassiker. Damals entdeckte ich Hans Kirk, aber auch Sigurd Hoel las ich und den göttlichen Leif Panduro und abends schlief ich mit einem Krimi von Dan Turèll ein. Nach dem Abendessen ging ich in die Bibliothek und las die dänische Presse. Alles lag aus, die ganze Palette: „Politiken“, „JP“, „Berlingske“, „Information“, aber auch das „Kristeligt Dagblad“ und das Kommunistenblatt „Arbejderen“. Was war ich begeistert von der Qualität der dänischen Presse. Als ich zurück war, spielte ich sogar mit dem Gedanken, die „Berlingske“, die mir am besten gefiel, zu abonnieren.

Heute sind diese Blätter fast alle ungenießbar. Selbst die konservative „Berlingske“, die man vielleicht mit der „Welt“ vergleichen konnte, ist in den letzten Jahren nach links geschwenkt, auch sie verteidigte die Flüchtlingspolitik Merkels, auch sie stimmt heute ins Anti-Putin und Anti-Trump-Heulkonzert ein, auch sie knickt vor den Muslimen ein.

Mittlerweile weiß man, daß Hamlet recht hatte und heute wird deutlich, daß der alte verbissen dreinschauende Grundtvig, dem Dänemark fast alles zu danken hat – so wie Deutschland Luther – nur noch eine lustige Popikone ist. In den Folkehøjskoler lernt man dagegen, wie man Grundtvig mehr „street“ machen kann – und ich könnte wetten, daß danach ein Lehrer den Begeisterten gibt und die Kreativität der Jungs lobt.

Whassup?

Advertisements

Ein Gedanke zu “Something is rotten

  1. Heisterbach schreibt:

    „und auch junge japanische Frauen, die dicke dänische Männer mit nach Hause gebracht hatten, quälten sich und mußten sich quälen, denn ohne Sprachkenntnisnachweis gab es selbst für Verheiratete keine Aufenthaltserlaubnis.“

    Gibt es irgendwo einen Markt, auf dem dicke Maenner JAPANISCHE Frauen beziehen koennen?
    Oder gibt es in JAPAN gar westliche Sextouristen, die die dort lebenden Frauen mit einem Heiratsversprechen „nach Hause locken“?

    Wenn am Beginn des Beitrages ein derartiger Humbug steht, was soll man anschliessend noch glauben?

    Seidwalk: Warum schreiben Sie nicht meine Artikel, wenn Sie meine Erfahrungen besser kennen als ich selbst? Dort waren vier japanische Frauen und alle waren mit dicken älteren dänischen Männern verheiratet – mehr wurde nicht gesagt und wohin Ihre Phantasie Sie führt, liegt außerhalb meines Einflusses.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s